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Korrespondenz: Alfred Escher – Moritz August von Bethmann-Hollweg

AES B0209 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#271*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 40 | Jung, Aufbruch, S. 167 (auszugsweise) | Gagliardi, Juristenbriefe, S. 271–273

Moritz August von Bethmann-Hollweg an Alfred Escher, Rheineck, Freitag, 25. Oktober 1839

Schlagwörter: Krankheiten, Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Zürichputsch (1839)

Briefe

Rheineck den 25 Oktober 1839

Mein theurer Freund!

Längst hätte ich, mir selbst zur Freude, Ihren lieben Brief1 vom 23 März, den Ihre Freunde Escher und Wyß nach meiner Rückkehr aus England Ende Mai mir übergaben, beantwortet wenn nicht die durch längere Abwesenheit gehäuften Berufsgeschäfte es mir unmöglich gemacht hätten. Daher will ich die schöne Zeit der Muße nicht hingehen lassen, ohne meine Schuld abzutragen. Schon früher2 hatte ich durch unsern Pölchau von Ihrer Augenkrankheit gehört und den Verlust des Winters in Berlin für Sie beklagt. Von Ihrem spätern Befinden gaben mir Ihre Landsleute doch bessere Kunde, und hoffentlich hat der Gebrauch der (MolkenBade?)kur den letzten Rest des Übels weggeschafft. Solche Begebnisse erscheinen oft recht nutzlos, als reiner Verlust, und doch mag ein Gewinn damit verknüpft sein, dessen wir uns nur nicht sofort bewußt werden. Jeden Falls haben Sie ja noch schöne Jahre vor sich, in denen Sie mit frischer Kraft dem erwählten Ziel nachjagen können, und daß Sie es ernstlich vorhaben, davon gibt der gründlich angelegte Plan erfreuliche Kunde. Auch sind Sie glücklich genug, Leitung und Hülfe durch ausgezeichnete Lehrer in Ihrer Vaterstadt zu finden, und was sie nicht bietet, überhaupt sonst kein Land, ein großartiges öffentliches Leben, das gehen Sie dann in England zu schauen. Wie ich Ihnen diese Freude, die Förderung gönne, nachdem ich sie selbst genossen, wenn auch nur in beschränkterm Maaße, als es Ihnen bei größrer Muße zu Theil werden wird! Zwar sehen wir nach dem Zeugniß aller Kundigen nur die rudera3 von Alt-England – schon Niebuhr4 beweinte dessen Untergang – Aber welch unerschöpflichen Schatz hat es seinen späten Enkeln hinterlassen, wie groß und mächtig, wie reich an politischer Weisheit sind diese doch noch im Vergleich mit allen andern Völkern! Aber diese politische Größe (im weitesten Sinn) hängt auch aufs genauste mit dem Kirchlichen zusammen, das eben so | treu bewahrt, so sich in der Nation gewurzelt, der eigentliche Lebenskeim, die Lebenswärme für jenes zu sein scheint. Doch ich schweige besser; eben diese allgemein Dinge hat man hundert mal gehört, für das Einzelne ist kein Raum, und man muß es sehen und erleben. Ihre Bauern haben also ganz Recht, wer ihnen den alten Glauben antastet, der verletzt die Grundlage allen Rechts, und sie haben dß nur etwas tumultuarisch und bäurisch durchgeführt. In der That, (ohne urtheilen zu wollen über Ereignisse die in der Nähe betrachtet manche neue Seite zeigen), wie ich längst durch manche Anzeichen wieder Glauben gewann zu Ihrem Volk, daß noch ein gesunder Kern drin sei, der durch das Revolutions Fieber sich hindurcharbeiten werde, Anzeichen, zu deren nicht geringsten ich so manchen wackern für die Wissenschaft begeisterten Jüngling rechnete, so hat diese neuste Wendung der Dinge bei Ihnen mich in dem Glauben bestärkt. Die Revolution hat eine wahre Demokratie geschaffen. Daß eine Demokratie aber keine Auflösung aller Dinge, also nach der andern Seite wieder aristokratisch, conservativ ist, wollten Ihre liberalen Führer nicht begreifen und müssen sie nun vom gesunden Sinne des Volkes lernen, wenn sie überhaupt lernen könnten. Gott gebe, daß das Volk in die Hände weiser, besonnener Führer komme, wie denn ja Blunschli5 (die Andern kenne ich nicht) deren Einer ist. Die Aussicht, daß Ihr Vetter Keller recht viele Muße zu exegetischen6 Studien und Vorlesungen haben wird, ist dabei auch höchst erfreulich, und kommt gewiß nicht Ihnen allein zu gute. Wenn nur die Bauern mit dem Dr Strauß7 nicht alle Theologie, und mit –8 alle Jurisprudenz aus dem Lande jagen! Denn das wäre wohl so in ihrem Sinne, doch dafür wird wohl gesorgt.

Sie im nächsten Jahr am Gestade des Zürcher Sees, vielleicht gar in Belvoir | zu sehen ist mir eine gar liebliche Hoffnung. Nur wird es schwerlich schon im Frühjahr sein, da wir in Genf Posto fassen und von dort etwa in der Mitte des Sommers eine Tour durch die übrige Schweiz machen werden. Jeden Falls schreibe ich Ihnen zu vor, um Sie nicht zu verfehlen. Ihre Freunde, Escher und Wyß, haben mir durch ihren Eifer und ihre hübschen Kenntnisse viele Freude gemacht. Leider wurde Letzterer durch die Krankheit seines Vaters9 vor dem Ende des Semesters abgerufen. Grüßen Sie beide gelegentlich von mir.

Meine Frau10 ist bereits in der Stadt, sonst würde sie Ihren Gruß [erwiedern,?] sie hat sich Ihres freundlichen Andenkens sehr erfreut. Mein ältester Sohn11, der noch hier bei mir ist, grüßt bestens.

Leben Sie wohl, mein theurer Freund, und behalten ferner ein wenig lieb
Ihren
aufrichtigen Freund

Hollweg.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Längst» .

3Rudera (lat.): Reste.

4 Barthold Georg Niebuhr (1776–1831), aus Dänemark stammender deutscher Historiker und Staatsmann; wegweisend für die Entstehung der kritischen Methode in der Geschichtsforschung und der neueren klassischen Altertumswissenschaft.

5 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat und Regierungsrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

6Exegetik (gr.): Interpretation; Lehre von der Auslegung eines Rechtstextes.

7 David Friedrich Strauss (1808–1874), von der Universität Zürich vor Stellenantritt verabschiedeter Professor für Dogmatik.

8Der Strich steht wohl stellvertretend für Keller.

9 David von Wyss (1763–1839), verstorbener ehemaliger Grossrat (1803–1836), Mitglied des Kleinen Rats bzw. Regierungsrat (1803–1832) und Bürgermeister (1814–1832) (ZH). – David von Wyss starb am 18. August 1839. Alfred Escher an Jakob Escher, 1. August 1839.

10 Auguste von Bethmann-Hollweg (1794–1882), Tochter des Johann August Theodor Gebser; ab 1820 Ehefrau Bethmann-Hollwegs.

11Vermutlich Felix von Bethmann-Hollweg (1824–1900).