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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0207 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung, Aufbruch, S. 857–858 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 9. Oktober 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 9. Oct. 1839.

Mein theurer Escher!

Unendlich freute mich dein erster Brief, den du mir hierher schicktest; er war mir ein Beweis der treuesten u. zartesten Freundschaft u. ein herrlicher Empfang im Vaterlande. Daß dich der Gedanke, ich sey in Zürich gewesen, ohne dich zu besuchen, sehr beunruhigte, begreife ich wohl; die Entstehung dieses Gerüchts aber kann ich mir nur so erklären, daß mein Onkel, der wirklich glaubte, ich werde über Zürich kommen, deßwegen einen Tag länger dort blieb, ehe er von der Tag satzung nach Hause zurückkehrte. Mein letzter Brief wird mich nun hoffentlich ganz bei dir gerechtfertigt haben, u. ich danke dir herzlich für die schnelle Beantwortung desselben. Ich bin recht froh darüber, daß ich nun in Betreff der Collegien annehmen darf, meine frühern Erwartungen von diesem Winter werden in Erfüllung gehen; es hatte mich nebenbei auch beunruhigt, daß ich in einem in der Allgem. Zeitung abge druckten Catalog Kellers Colleg über Papinian, auf welches ich doch den größten Werth lege, nicht angekündigt fand. Deine Berichte haben mich indessen ganz auf meinen frühern Entschluß zurückgeführt; doch will ich dir nicht verbergen, daß ich zuerst noch eine in mir aunsteigende philisteriös-praktische Richtung zu bekämpfen hatte, die mich mehr nach Heidelberg zog. Nichts ist geeigneter, den studierenden Jüngling aus seinen eigenthümlichen wissenschaftlichen u. idealen Interessen in die Welt u. das wirkliche Leben hinauszuführen, als eine lange Reise; bei mir folgte nun darauf noch der Aufenthalt in der Heimath, wo einem immer die praktische Zukunft am leb haftesten vor die Augen tritt, u. dazwischen kam noch in München ein ernstes Ge spräch mit Joh. Tschudi, der nun bedeutend fleißiger geworden ist, über unser ein stiges Wirken im engern Vaterlande. Alles dieses brachte mich auf den Gedanken, ich hätte mich nun mit dem römischen Rechte, das doch bei uns nur eine sekundäre Bedeu tung haben kann, genug herumgeschlagen u. würde besser thun, mich noch recht in's Cri minalrecht hineinzuarbeiten, das für unsre Praxis vorzüglich wichtig ist. Hiefür zeigte mir Tschudi in Heidelberg, wohin er selbst jetzt zurückkehrt, recht erfreuliche Aussichten; zugleich hätte ich dort ein gutes Colleg über Nationalökonomie hören können. Je mehr indessen der wissenschaftliche Mensch in mir aus der philisteriösen Verpuppung wieder hervortrat, desto lebhafter mußte ich es fühlen, wie traurig es wäre, wenn ich meine | so schön angefangnen Studien auf diese Weise beschließen sollte! Mir ist der Drang nach wahrer u. gründlicher Erkenntniß in hohem Grade angeboren, u. diese kann ich keinen praktischen Rücksichten opfern. So wünsche ich denn vorzüglich das römische Recht, das für den Juristen doch immer die Hauptsache bleibt u. mit dem ich mich schon so lange beschäftigt habe, bis zu einer gewis sen Stufe der Vollendung zu durchdringen, von der ich noch ziemlich weit entfernt bin, u. hiezu könnte mir kein Colleg erwünschter kommen, als Keller's Papinian. Ebenso muß mir sein Colleg über Cicero für die tiefre historische Kenntniß des R. R., wie sein zürchr. Partikular recht für die Vermittlung von Wissenschaft u. Praxis sehr angenehm seyn. Setze ich so meine civilistischen Studien rüstig fort, so kann ich einst als Mann mit mir u. meinem Wissen zufrieden seyn, während ich schon in Bezug auf andre Fächer aus Erfahrung weiß, daß es nichts jämmerlicheres giebt, als das Bewußtseyn, irgend etwas nur halb zu wissen; u. wenn ich dann auch mehr weiß, als für meine Praxis grade nothwendig ist, so hoffe ich doch für diese immer noch tauglich zu seyn u. grade durch meine gründlichen Kenntnisse an man chen Orten nachhelfen zu können. Das Criminalrecht werde ich dabei nicht vernachläßigen, sondern im Gegentheil mich auch damit recht vertraut zu machen suchen, u. bleibt mir auch auf der Hochschule weniger Zeit dazu, so läßt sich doch, wenn man sich nur einmal mit den allgemeinsten Prinzipien bekannt gemacht hat, das Uebrige durch Selbststudium leicht ergänzen. Das deutsche Recht freilich, das mir, wie du weißst, auch sehr wichtig ist, wird durch Bluntschli's neue Würde bedeutend leiden müssen; in Heidelberg hätte ich aber dafür auch nichts beßres gehabt. Und so werde ich denn freudig u. froh nach 3–4 Wochen in Eure, durch frühern Aufenthalt mir so lieb gewordne Musenstadt zurück kehren, wo ich so viele treffliche Freunde wieder finden werde, deren Umgang mich ebenso sehr hinzieht, als alle bisherige Betrachtungen. Wenn es also noch nöthig ist, so wirst du die Güte haben, das Logis bei Zureich definitiv für mich zu bestellen, das ich mit Anfang Novembers beziehen werde. Vorzüglich freut mich natürlich, daß ich mit Aepli zusammenwohnen kann; ebenso angenehm wäre mir als Hausgenosse mein alter Schulfreund Freuler, wenn die Bedingung seines Wiederkommens eintreten sollte.

Gestern habe ich in der Neuen Zürch. Zeitung zu meiner größten Freu de einen Bericht über Euer Zofinger Fest gelesen. Die Worte, die der Redner von Zürich (wer es war, kann ich nicht errathen) dort sprach, freuten mich u. ich konnte mich schon in Berlin mit deiner Ansicht nicht ganz befreunden. Ich stimme dir zwar insofern ganz bei, als auch ich kein praktisches Auftreten der Zofinger veranlassen möchte, das | in jetziger Zeit nicht blos erfolglos bleiben würde, sondern auch dem Vereine, der damit die ihm von der Natur angewiesnen Schranken überschritte, schaden könnte; aber die Idee einer schwei zerischen Gesammthochschule möchte ich nicht untergehen lassen, sondern in allen Jünglingsherzen recht lebendig u. wach erhalten, damit einst das aufblühende Geschlecht, wenn es zur That berufen seyn wird, sie verwirklichen möge. Denke dir die vielen bedeutenden Gelehrten, die wir in der Schweiz immer noch besitzen, auf einem Sammelpunkte vereinigt, würde da nicht etwas ersprießlicheres für die Wissenschaft herauskommen, als auf unsern jetzigen Duodez-Universitäten, die trotz aller Opfer u. Anstrengungen doch nur im Einzelnen Tüchtiges leisten können? Und sollte es denn nicht möglich seyn, die meisten Lehrstellen mit Schweizern zu besetzen, die uns beim Unterrichte in der Wissenschaft zugleich auf unsre eigenthümlichen Intressen u. landlichen Bedürfnisse hinweisen können? Und gäbe es wohl ein kräftigres Mittel zur Belebung schweizeri schen Nationalgefühls u. Ausrottung des erbärmlichen Kantönligeistes, als die Vereinigung aller studierenden Schweizerjünglinge auf einer Hochschule? Müßte da nicht der Zweck des Zof. Vereins, den dieser immer nur unvollkommen erfüllen wird, in weit höherm Grade erreicht werden? Man denke dabei nur an unsre eignen Erfahrungen auf deutschen Hochschulen! Vielen, die man in Zofingen nur flüchtig kennen gelernt, trat man erst da näher u. lernte sie lieben u. schätzen. Und man denke an die vielen Schweizer, die nie oder nur kurze Zeit im Zof. Verein Theil nehmen können, weil sie überhaupt nur in Deutschland studiren, u. an die vielen Kantone, die dort noch nicht vertreten sind! – Ich redete darüber auch einmal mit Ranke in Berlin, der bekanntlich für die Schweiz alles Heil aus einem Anschlusse an den deutschen Bund erwartet. Dieser freute sich sehr darüber, daß wir keine gute u. ganz befriedigende Gesammthochschule haben, weil dadurch die Schweiz immer in einer gewissen Abhängigkeit von Deutschland erhal ten werde.

Du siehst, daß ich mich allmählig wieder ganz in unsre Zofinger Ideen u. Interes sen hineinfinde, u. ich kann dir sagen, daß ich mich sehr darauf freue, an dem mir so lieb gewordnen Vereine wieder thätigen Antheil zu nehmen. Grüße mir indessen alle meine Bekannten recht herzlich u. leb' wohl bis auf Wiedersehen!

Dein treuer Freund

J. J. Blumer.