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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0205 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 39 | Jung, Aufbruch, S. 156 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 2. Oktober 1839

Schlagwörter: Aufstände und Umsturzversuche VS, Regierungsrat ZH, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839)

Briefe

Glarus den 2. Oct. 1839.

Theurer Escher!

Du könntest mir mit vollem Rechte zürnen darüber daß ich Deinen letzten Brief1, den Du mir aus dem Bade2 schriebst, nicht eher beantwortet habe, um so mehr da ich Dir noch für die gütige Bestellung eines Logis, wofür ich Dich durch Sinz ersuchen ließ3, zu danken hatte. Indessen wirst Du mir hoffentlich verzeihen, wenn Du bedenkst, wie sehr meine Zeit in den letzten Wochen meines Aufenthalts in Berlin noch in Anspruch genommen war u. wie wenig Muße u. Lust zum Briefschreiben man gewöhnlich auf Reisen hat. Mit neuer Freude aber schicke ich mich jetzt dazu an, die alte Pflicht zu erfüllen. Zwischen unserm letzten brieflichen Verkehr u. dem heutigen Tage liegt nun freilich ein bedeutender Zwischenraum, der zuvörderst einigermaßen ausgefüllt werden muß; denn es ist nicht sowohl die lange Zeit, die inzwischen verflossen ist, an sich, sondern noch weit mehr das Große u. Wichtige, was wir beide unterdessen erlebt haben, was ihn bedeutend macht. Seit dem ich Berlin den 16. August verlassen, hat eine lange u. sehr intressante Reise4, von der ich erst gestern früh hier im elterlichen Hause eingetroffen bin, mich ziemlich bedeutend verändert. Eine Beschreibung derselben erwartest Du wohl nicht von mir: was wir zusammen gesehen u. durchgemacht haben, davon kann Dir Heinr. Meier5 erzählen, u. was mehr den subjektiven Eindruck desselben auf mich betrifft, hoffe ich selbst bald mündlich nachtragen zu können. Ich sage Dir für einmal nur, daß mich die Reise an Geist u. Herz u. Körper ungemein erfrischt u. neu belebt hat, da Berlin, so sehr es mich in wissenschaftlicher Beziehung befriedigte, mich daneben doch auch etwas steif, starr u. philisteriös6 machte. Dagegen sind wohl die mannigfache Abwechslung der verschiedenartigsten Eindrücke, die sich mir diesmal mehr als je sonst darboten, u. eine beständig rege, gemüthliche Geselligkeit, die sich auf Reisen beinahe immer von selbst giebt, die vortrefflichsten Gegenmittel. Merkwürdige Städte, schöne Gegenden u. meistens gute Gesellschaft trafen hier zusammen, um mir diese Reise äußerst angenehm zu machen. Mein Plan war anfänglich, auch das Tyrol wenigstens | zum Theil noch mitzunehmen; allein in München empfand ich theils wirkliche Sättigung am Reisen, theils erwachte durch das Wiedersehen einiger lieben Freunde in mir eine gewaltige Sehnsucht nach der Heimath, theils nahmen die Ereignisse in Zürich meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch u. beunruhigten mich in Bezug auf meine Erwartungen vom nächsten Winter. Ich wünschte mich darüber mit Aepli in St. Gallen zu besprechen, traf ihn aber leider dort nicht an. Du wirst mir gerne glauben, daß mich Manches zu Euch nach Zürich zog, aber wäre ich noch hingekommen, so hätte ich doch mehrere Tage verweilen müssen, u. das konnte ich nicht, weil meine Eltern7 mit Sehnsucht auf mich harrten u. mich selber doch vor Allem die Heimath anzog. Die Freuden des Wiedersehens brauche ich Dir nicht zu schildern, da Du sie selbst erlebt hast; in diesen Augenblicken habe ich erfahren, was mir sonst gar nicht immer so klar war, daß auch ich mit ganzer Seele an der Scholle hänge, auf der ich geboren bin, an dem rauhen u. doch wunderlieblichen Gebirgsthale, dessen Vorzüge ich jetzt erst zu schätzen weiß. Auch Du, mein Freund! hast unterdessen manche bedeutende Erfahrungen gemacht; Du kannst versichert seyn, daß ich oft an Dich dachte u. mich gern an Deine Stelle versetzte bei den Berichten, die ich aus Deiner Vaterstadt vernahm. Die erste Kunde von Eurer Revolution – so darf man ja wohl die Bewegung nennen – die mir in Linz in einem ganz kurzen Artikel der Allg. Zeitung zukam, machte mich im höchsten Grade betroffen u. gespannt auf nähere Aufschlüsse; denn ich konnte gar nicht begreifen, wie nach dem ganz ruhigen Sommer ein solcher Sturm ausgebrochen seyn konnte, u. daß die Regierung etwas fester sitzen würde, hatte ich natürlich auch geglaubt. Seither habe ich darüber soviel gelesen, gehört u. nachgedacht, daß mir nun das Ereigniß in seinen innern, nothwendigen Gründen ziemlich klar geworden ist, wenn ich auch die nächste äußre Veranlassung, wodurch das Volk zu jenem hohen Grade der Erbitterung gebracht wurde, noch nicht ganz begreifen kann. Daß die gestürzte Regierung in jeder Beziehung zu schwach war, daß die Parthei, auf welche sie sich stützte, neben vielem Großen u. Trefflichen, was sie für den Canton herbeiführte, doch auch zu gerechter Unzufriedenheit Anlaß gab, muß ich annehmen; aber daß die Heilung der Mängel am Staatsorganismus auf diese heillos stürmische, ungesetzliche Weise, die gewiß von den traurigsten Folgen seyn wird, versucht u. unternommen wurde, muß ich sehr bedauern, u. die Mittel, die zur Aufregung des Volkes angewandt worden sind, werde ich nie billigen können. Dies in kurzem meine Meinung, so weit ich sie mir bis dahin habe bilden können, u. nun zu meiner persönlichen Angelegenheit! Ich muß nämlich befürchten, daß die | Veränderung auch für mich nicht [...n?] seyn könnte, indem Eure juristische Fakultät darunter bedeutend leiden dürfte. [...?] Gerücht habe ich gehört, daß Keller Zürich für immer verlassen wolle, u. ich muß [demselben?] immerhin einige Wahrscheinlichkeit beilegen; ebenso kann ich mir kaum denken, daß unser jetzt in den Regierungsrath erhobne Bluntschli8 seine Professur behalten werde, jedenfalls werden seine Leistungen dann nicht mehr bedeutend seyn. Ich möchte daher jetzt Deine Gefälligkeit noch einmal in Anspruch nehmen u. Dich bitten, mir sobald als möglich zu schreiben, was von beiden Leuten u. dann auch was überhaupt vom nächsten Semester für uns zu erwarten ist, da man doch jetzt wohl Alles bestimmt wissen muß. Sollte Zürich meinen Erwartungen nicht entsprechen, so könnte ich mich vielleicht noch entschließen, nach Heidelberg zu gehen, wo ich mich vorzüglich auf's Kriminalrecht legen würde, wozu ich in der letzten Zeit auch bedeutende Lust bekommen habe. Ich hatte mich indessen mit dem Gedanken, nach Zürich zu gehen, schon so völlig befreundet, daß mir gewiß schon der Gedanke an die bloße Möglichkeit der Nichtausführung dieses Plans sehr wehe that; kannst Du mich also in demselben bestärken, so wird es mir um so lieber seyn.

Mit Bedauern vernahm ich gleich nach meinem Eintritte in die Schweiz, daß das Zofingerfest wenige Tage vorher gehalten worden sey; hätte ich dies früher gewußt, so würde ich wohl, wenn es angegangen wäre, meine Reise deßhalb ein wenig abgekürzt haben. Indessen muß man sich nach längrer Abwesenheit auch in alles Heimische allmählig wieder hinein finden, u. so ist wohl auch zwischen mich u. den Zof. Verein eine Kluft gekommen, die nur durch längern Aufenthalt im Vaterlande wieder ausgefüllt werden kann. Daß ich mich aber für den Verein immer sehr intressire, weißst Du, u. ich ersuche Dich mir um so mehr von Euerm Feste zu berichten, als dasselbe ja auch für die ältern, ausgetretnen Mitglieder bestimmt war. Ich muß aber beinahe befürchten, daß es nicht der günstige Moment zu einer solchen Vereinigung war. – Ich habe so eben die letzten Verhandlungen der Tagsatzung über Wallis9 gelesen, u. bejammre, bedaure ihre Inkonsequenz, die ihr vollends alles moralische Ansehen rauben muß. – Grüße mir meinen Reisegefährten Meier u. sage ihm, daß ich noch in der letzten Nacht meiner Reise zwischen Flawyl u. Lichtensteg mit dem Postwagen umgeschmissen worden bin u. von daher einige Wunden am Kopfe habe, die mich Ausgehen hindern. Lebwohl, mein Lieber! u. schreibe mir bald.

Dein treuer

J. J. Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Escher hielt sich im Sommer zur Kur in Weissbad bei Appenzell auf. Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 22. Juli 1839; Alfred Escher an Jakob Escher, 1. August 1839.

3 Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 22. Juli 1839.

4Blumers Heimreise von Berlin führte ihn über Leipzig, Dresden, Prag, Linz, Wien, Salzburg, Berchtesgaden, München und St. Gallen zurück nach Glarus. Vgl. Blumer, Erinnerungen, S. 7(b)–8(a).

5 Heinrich Meyer (1817–1896), von Zürich, Philosophie- und Rechtsstudent.

6Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

7 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky, und Adam Blumer (1785–1859), Kaufmann, Glarner Gemeindepräsident und Appellationsrichter (GL).

8 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat und Regierungsrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

9Das deutschsprachige Oberwallis und das französischsprachige Unterwallis stritten um Rechtsgleichheit und eine Beschränkung kirchlicher Privilegien. Einer neuen Verfassung, die unter eidg. Vermittlung ausgearbeitet und im August 1839 verabschiedet wurde, verweigerte das Oberwallis die Anerkennung. Als deshalb im Herbst 1839 militärische Auseinandersetzungen und eine Spaltung des Kantons drohten, beschränkte sich die Tagsatzung auf weitere Vermittlungsversuche. Im Frühjahr 1840 brach der Bürgerkrieg offen aus. Nach dem militärischen Sieg der Unterwalliser wurde der Kanton Wallis unter der Verfassung vom August 1839 vereinigt. Vgl. Fetscherin, Repertorium I, S. 719–750; Seiler, Wallis, S. 3–51; Fibicher, Walliser Geschichte, S. 117–124.