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Korrespondenz: Alfred Escher – Hermann Dumrath

AES B0202 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#176*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 38

Hermann Dumrath an Alfred Escher, Heidelberg, Dienstag, 13. August 1839

Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge

Briefe

Heidelberg. den 13ten August 1839.

Lieber Alfred.

Wenn Du aus dem vorliegenden Schreiben ersiehst, daß ich Dir in den letzten Monaten so nahe gewesen bin, wenigstens doch näher als Du wohl geglaubt hast, und auch nahe im Verhältniß zu der großen Entfernung, die uns fortan trennen wird, so zürnst Du mir vielleicht, daß ich nicht eher von hier aus an Dich geschrieben habe. Muß ich nun auch hierin meine Nachläßigkeit anerkennen, und deshalb in etwas peinlicher Verlegenheit Dich um Entschuldigung bitten, so soll doch diese Peinlichkeit einen Fehler eingestehen zu müssen, mich nicht dazu bringen, es so zu machen wie der gute Dichter Bürger, der erst zu schreiben versäumte und es dann von Tag zu Tag so lange aufschob, bis er sich schämte zu schreiben. Ich überwinde lieber diese Scham und schreibe jetzt, da ich Dir noch örtlich nahe stehe, denn geistig werde ich es stets bleiben, um von Dir lieben Freund vor meiner am 25n d. M. erfolgenden Abreise nach Stettin, Abschied zu nehmen.

Hoffentlich mein theurer Alfred hat die reine Luft Deines Vaterlandes und der Aufenthalt bei Deinen lieben Eltern Deine Krankheit wieder geheilt; die Rosen Deiner Wangen sind wohl wieder erblüht, u Deine treuen Augen haben doch nichts von ihrem treuen und freien Ausdruck verloren durch die schmerzliche Operation an der Stirn, wie meine Tante1 in einem Briefe an mich befürchtete. Deine Eltern waren gewiß recht besorgt um Dich den einzigen und ihnen durch Bravheit noch lieber gewordenen Sohn. Ich wünsche jetzt nur, daß, wie Du in allem was bei Dir stand, ihnen nur Freude machtest, auch Dein Gesundheitszustand ihnen nie Anlaß zu Besorgniß gebe. – Du wandelst jetzt wohl lieber Alfred an den Ufern des herrlichen Zürcher-Sees, den ich im vorigen Jahr, fast um dieselbe Zeit, wo Du meinen Brief jetzt erhältst, in seiner Großartigkeit und Lieblichkeit schaute, und wo ich so seelige Tage im Kreise Deiner Lieben zubrachte.2 Empfiehl mich ihnen, oder grüße sie lieber viel tausendmal und sage ihnen, daß ich nie jene glückliche Zeit, in der ich so liebe Menschen und so schöne Natur kennen lernte aus dem Gedächtniß verlieren werde. –

Ich habe diesen Sommer in dem lieblichen Heidelberg sehr angenehm, aber fern von dem wilden | Strudel des Studentenlebens und fast einsam mit Pandekten, Politik, und der herrlichen Natur beschäftigt, zugebracht. Mein Freund Loeper3, den Du Lieber wegen seiner Verbindungs- und wegen Deiner Krankheitsangelegenheiten nicht hast kennen lernen können, ein englischer Advokat4 und ein spanischer Caballero5 waren fast meine einzigen Bekanntschaften, im Kreise welcher ich angenehm und nützlich lebte. Oft zwar erinnere ich mich noch mit Sehnsucht an die in Bonn froh mit Dir Blumer u Poelchau, und wüst mit den Rh:6 verlebten seeligen Abende, aber im Ganzen bin ich doch ernster, wenn auch leider nicht kälter geworden, hauptsächlich wohl durch die Politik, die wahrhaftig einen ernst machen kann, oft auch vielleicht traurig. Recht leid hat es mir gethan, daß Deine fatale Krankheit, die ich nicht genug verwünschen kann meinen Verwandten in Berlin das Vergnügen entzogen hat, Dich lieben Kerl näher kennen zu lernen, und öfter bei sich zu sehen, was ich so sehr gewünscht hätte. Sie hatten Dich so lieb gewonnen, und schrieben mir öfters über Dich, bis die verdammte Krankheit dazwischen kam, von der sie erst durch mich von Bonn aus, und leider sehr spät Nachricht erhielten. –

In 14 Tagen gedenke ich von hier abzureisen, und zwar sehr direkt, da ich doch Sehnsucht habe, die Eltern7 wiederzusehen, und ich das mittlere Deutschland schon genau kenne. In den letzten Osterferien habe ich fast ganz allein eine höchst interessante u auf mich sehr einflußreiche Reise durch Belgien nach Paris gemacht, wo ich mich 6 Wochen, Ende März und den ganzen April aufhielt, u dann über Châlons, Verdun, Metz nach Heidelberg gieng. Gute Empfehlungen, u einer meiner intimsten Freunde, der schon längere Zeit in Paris lebt, machten mir in dieser Hauptstadt des Luxus u diesem Heerde der Revolutionen das Leben ungemein angenehm u noch mehr lehrreich; denn was einen nicht vergnügt kann ihn doch belehren, wie man ja auch vom Laster lernen kann, und das findet man in Paris glänzender und schauderhafter als irgend wo. In Paris kann man Deutsches Wesen und deutsche Sitte achten lernen. – Ich hatte auch noch die Absicht nach London zu gehen, doch mangelte die Zeit, und spare ich die Reise auch lieber auf für eine Zeit, wo ich schon mehr gelernt habe.

Die Lithographie8 welche Du hiebei erhältst lieber Alfred, soll mich vorstellen. Da sich in Bonn fast alles, was ein Gesicht hatte lithographiren ließ, und namentlich alle meine Bekannten, so mußte ich es auch schon thun, um mich mit meiner Visage zu revanchiren wenn sie mir die ihrige schenkten. Die Urtheile sind darüber sehr verschieden, mein Vater findet es sehr ähnlich – wahrscheinlich weil er mich lange nicht gesehen, und findest Du | es auch ähnlich, dann erinnert es Dich vielleicht zuweilen an mich. Ich habe eine förmliche Gallerie nicht großer Männer, aber guter Freunde nach u nach bekommen, von denen manche recht sehr gut getroffen sind. Leider figurirt Dein Bild lieber Junge noch nicht unter ihnen, ich hoffe aber Wendelstadt9 wird sich entschließen, die wenigstens etwas getroffene Zeichnung von Dir für mich zu kopiren.

Addio mein lieber guter Alfred; immer weiter trennt uns örtlich das Schicksal, ich hoffe aber nicht geistig; hoffentlich sehen wir uns auch noch einmal im Leben wieder, entweder kommst Du in unsere nördliche Gegenden, oder ich in Eure freilich schöneren südlichen. Nicht wahr lieber, wir werden auch in der Ferne verbunden sein? damit aber dieses Band zwischen uns auch eine äußere Form habe, so laß uns unsern Briefwechsel wenigstens nicht ganz unterbrechen, sondern schreibe zuweilen, wie ich Dir dasselbe verspreche. Solange ich in Berlin bin – nämlich vom 1t November an – adressire die Briefe an meinen Onkel «W. Keferstein10 Inselgebäude». Wolltest Du noch vor dem 1t November an mich schreiben, was mir freilich lieb sein würde, so ist meine Adresse «Bankdirektor J. H. Dumrath. Louisenstrasse. Stettin».

Empfiehl mich Deinen lieben Eltern und Familie aufs angelegentlichste. Von Deinen Freunden weiß ich neuerlich nichts. Loeper grüßt Dich herzlich u hofft Dich einst gesunder wiederzusehen als in Berlin.

Auf ewig lieber Alfred

Dein lieber Kerl

Hermann Dumrath.

Kommentareinträge

1Person nicht ermittelt.

2 Vgl. Hermann Dumrath an Alfred Escher, 8. November 1838.

3 Hermann von Loeper (1820–1884), von Berlin, Rechtsstudent.

4Person nicht ermittelt.

5Person nicht ermittelt.

6Gemeint sind wohl die Rhenaner, die Mitglieder des Studentencorps Rhenania.

7 J. H. Dumrath (Vorname und Lebensdaten nicht ermittelt), Bankdirektor in Stettin; Mutter nicht ermittelt.

8Beilage nicht ermittelt.

9Person nicht ermittelt.

10Person nicht ermittelt.