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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0201 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Sonntag, 4. August 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Kuraufenthalte

Briefe

Berlin den 4ten August 1839.

Mein lieber Alfred!

Gestern erhielt ich deinen Brief vom 26ten Juli & auch ich muß dir antworten, so bald ich kann; – den Eindruk den er auf mich gemacht, magst du am besten aus diesem Briefe selbst ersehen. Wie gerne komme ich dir mit dem Geständnisse entgegen, ich es tief bedaure, nicht noch mehrere Tage gewartet habe, ehe ich meinen ersten heftigen Brief abschikte; ich wiederhole es, ich mich damals in einer Aufwallung befand, welche mich mehreres sagen ließ, dessen Consequenzen ich nicht übersah; dennoch aber bin ich weit entfernt, mich deinem VerdammungsUrtheil zu unterwerfen & zwar weil du andern Worten einen Sinn unterschiebst der nicht darin liegt, nicht darin liegen kann & der mir überhaupt so fremd war, wie es mir, mag auch die Zukunft bringen, was sie will, immer fremd sein wird. Würdest du dir meinen Zustand wirklich so bedenklich vorstellen als du zu hoffen vorgiebst, so wäre dein Brief gewiß nichts weniger als gut, oder nur klug berechnet; – er vermöchte nur neuen Zündstoff auf d. bereits glimmenden zu schütten. Du sollst mich, aber ruhig finden, ruhiger vielleicht als wenn ich gestern nach seinem Empfange gleich die Feder zur Antwort ergriffen hätte. – Du irrst sehr, wenn du glaubst, ich nehme mir heraus, alle deine Verhältnisse zu mißachten, ja dich gerade von Erfüllung deiner heiligsten Pflichten abzuhalten, dann wäre es freilich weit mit meiner Pietät gegen deine Eltern, weit mit d. Rüksicht auf d. einen eignen Zustand gekommen. Mein Verlangen stelltest du dir zu [hoh?] vor & es freut mich zum Beweise dafür dich auf frühere Stellen in meinen Briefen hinweisen zu können. Wozu soll mir dann auch ein Briefwechsel! ich kann ihn nie anders betrachten, als einen kleinen Ersatz für den Verlurst d. persönlichen Umganges & je nachdem dieser verschieden war, wird auch d. Briefwechsel verschieden sein. Er wird unter Freunden ein andrer sein als unter Geschäftsleuten & unter nähern Freunden wieder ein anderer als unter entferntern; Wenn ich aber auf unsern persönlichen Umgang zurüksehe, so weiß ich nur zu gut, ein täglicher freundlicher guten Morgen & dan noch ein paar Worte dazu, mich mehr freuten als wenn ich etwa allwöchentlich einige Stunden mit dir über irgend einen Gegenstand disputirt hätte, so wenig als bloßes wissenschaftliches Interesse mich mit dir zusammenführte. – So kann ich es nicht unterdrüken dir zu sagen, das, was du gewöhnlich deinen Briefen nur als kurze Notizen von dir anhängtest mich immer weit mehr interessirte als alles übrige, während bei einem andern Correspondenten hinwieder gerade das umgekehrte der Fall wäre. Wenn du mir daher in so wenig Zeilen als möglich von deinem Befinden, von d. Fortschritten deiner Genesung, gerade aber auch von d. Krankenlager deines Vaters, statt es nur als Waffe gegen mich zu gebrauchen berichtet hättest, so wäre ich vollkommen zufrieden gewesen & all das wäre nicht entstanden. Ich will dir aber keinen Vorwurf damit machen; vielmehr gebührt er mir selbst, weil ich mich nicht klarer darüber ausdrükte. ich dir so aber in d. Zeit noch Abbruch thäte, wirst du nicht behaupten; – denn leichter lässt sich gewiss im Tage ein paar Minuten erübrigen als im Monate ein paar Stunden. Ich will also nicht | mehr wie ein andrer, vielmehr verzichte ich mit Freuden darauf, wenn du manchem drei, viermal mehr dem Quantum nach schreiben wolltest; nur in einen Topf mit jedem andern kann ich mich nicht zusammen werfen lassen. Ich sehe nicht ein wozu plötzlich ein solches Nivellement; wir kennen diese Unnatur in politischer Hinsicht sattsam genug & brauchen sie nicht erst in engere Verhältnisse einzuführen. Wollte ich mich dir gegenüber, dazu verstehen, so könnte ich dies Verhältniss nicht anderes als ein laues bezeichnen & Lauheit wäre mir etwas, dem ich alles andre, selbst das ärgste vorziehen müßte; auch der schlimmste Bruch ließe mir noch unendlich mehr, als so ein fades Nichts, es ließe mir doch das Bewußtsein in meiner Brust frei & unangetastet, ich bloß dem Verhängnisse weiche, nicht aber mich erniedrigen lasse einem faulen Frieden zu liebe. Was aber giebt & gab mir das Recht, diese Stellung in Anspruch zu nehmen? – ich weiß nichts anderes zu sagen, als du selbst oder dann freilich, hätte seit Jahren mich alles an dir täuschen müßen. - Ich kann es aber Gottlob ebenso wenig glauben, es dein Ernst sein sollte, weil ich nicht einsehe, wie deine Briefe die ich bisher erhielt, dem größten Theile ihres Gehaltes nach, nur zur Mittheilung geeignet wären; oder, wenn du das wirklich wolltest, warum schriebst du nicht an uns alle hier, zugleich & richtetest bloß d. Adresse an meine; dan hättest du deinen Zwek noch sicherer erreicht. Ich habe auch noch andre Correspondenten & dazu seit alter Zeit bewährte & doch weiß ich nicht einen unter ihnen, dessen Briefe so indifferent wären, dessen Worte bloß so zufällig an mich kämen wie sie auch an jeden andern kommen könnten; nicht einen weiß ich, der mir nicht vieles anvertraut hätte, was ich streng bei mir bewahren muß. Dennoch aber fiel es mir nie ein, dir mit ihnen d. gleiche Stellung anzuweisen, & ich konnte dennoch meiner Pflicht gegen sie genügen. Ich hoffe du werdest dich in diesem Punkte beruhigen & finden ich mein Verlangen so niedrig wie möglich stelle; es aber auch begreiflich finden wenn ich gegen dich andere Verhältnisse & mit ihnen einen andern Maaßstab geltend mache. Es war noch etwas ganz anderes, als ich lezten Sommer wöchentlich durch die Hand deiner Eltern Nachricht von dir erhielt; nun das aufgehört hat, ist es gewiß begreiflich, wenn ich auch nur einiger maaßen einen Ersatz dafür zu erhalten wünschte. Gerne nehme ich jezt alle Schuld auf mich, die mein Brief in dieser Hinsicht erzeugte, ich muß deine Vorwürfe desswegen rechtfertigen weil du darauf verfallen mußtest; ich hoffe aber auch, du werdest mir gestehen, sie in der That mein Verlangen doch nicht treffen & du dieses in Zukunft berüksichtigen wollest. Gehe ich nun aber zu dem Punkte über auf den du das meiste Gewicht zu legen scheinst, so wäre er wirklich im Stande mir den Kopf zu verdrehen & alles vor den Augen in häßliches Grau zu verwandeln; ich muß den Augenblik verwünschen, der mich ihn berühren ließ, da ich sehe was du aus ihm zu machen im Stande warest. Gewiß, wäre es mir dabei nur von ferne eingefallen, an etwas Gemeines zu denken, müßte die Gemeinheit dreifach auf den Urheber zurükfallen. Kennst du denn keine Verhältnisse, die den Menschen oft moralisch nöthigen, dem besten & aufrichtigsten Willen entgegen zu tretten, ist es nicht gerade der unbegränzt gute | Wille selbst, welcher ohne es zu wissen von dem, dem er sich zuwendet um so strengere Beachtung des decorum verlangt, nicht zu sprechen von dem Urtheile der Welt, welche so gerne das Edle in d. Koth zieht & um so eher es thut, wenn sie den geringsten, irdischen Vortheil an demselben hängen sieht. Ich wußte, ich mehr von dir verlangte, als mancher von seinen nächsten Blutsverwandten es zu thun vermag. Ich selber bin in diesem Fall & demnach würde mir einer gegen die Betreffenden ein schmälerndes Wort äussern, ich müßte ihn für einen Narren oder doch für einen plumpen Verläumder halten. Obwohl ich mit Erfolg um Änderung einkommen könnte & in Hinsicht auf pekuniäre & andre Verhältnisse hin noch einiges Recht dazu besäße, fällt es mir doch gar nicht ein, sondern befinde mich im Gegentheil nur um so besser dabey weil ich mich um so freier äussern kann. Es giebt nicht nur einen Zwang von aussen, sondern noch einen viel delikatern, von innen heraus. Du magst es daher auch begreifen, wenn ich in meinem lezten Briefe, ohne Arges zu denken auf meiner Bitte bestand & wenn ich auch jezt hierin weiche, so geschieht es nur weil du diese Verhältnisse aus anderm Gesichtspunkte ansiehst als ich mit so vielen andern sie anzusehen gelehrt worden bin. Du darfst dich glüklich preisen so manches reiner & ungetrübter zu sehen & ich wünsche dir dies Glük auch immerhin; aber gewiß ist es nicht das erstemal, ich dich von diesem Standpunkte aus, einen andern nicht recht beurtheilen sah. – Das ists was ich dir zu erwiedern hatte; auch du giengest in deinen Schlüßen zu weit & darfst vieles von meiner Schuld abziehen. Dennoch bleibt vieles auf meiner Schulter sitzen; – wenn du dies einem krankhaften Zustande zuweisest, so magst du es thun, nur weder meiner Galle noch irgend einer Zerrüttung. Eine Krankheit theile ich mit vielen andern insofern Krankheit ein abnormer Zustand ist. Jede Krankheit aber ist in Hinsicht auf ihre Ursache auch natürlich & so dürftest auch du es aus dir gewiß noch bewußten Gründen für natürlich finden, wenn ich hier reitzbarer, empfindlicher bin, als ich es wohl zu Hause wäre & dieser Zustand dürfte umsomehr zu berüksichtigen sein als er sich, wie du weißt mit wenigen Federstrichen so wesentlich erleichtern läßt. Nur zu gerne führt ein Glük sein Uebel auf d. Ferse mit sich; denn hätte ich dich nicht, so dürfte mich wohl auch der Aufenthalt hier weniger Ueberwindung kosten. – Ich hoffe, dein Papa sei wiederhergestellt & wünsche ihm von Herzen gute Besserung, wenn es noch nicht wäre. Auch dir wünsche ich glüklichen Erfolg der Cur & einen frohen Herbst; dann endlich hoffe ich, du werdest deine Hoffnung aufgeben & mir nicht zürnen, wenn ich gesund & wohl behalten verreise & noch frischer wieder zurükkehre. – Dein Carl Sinz.

Um den 20ten September werde ich wieder hier sein.

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