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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0199 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Montag, 22. Juli 1839

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Berlin den 22ten Juli 1839.

Mein lieber Alfred! – Aha! der sputtet sich, um das wieder auszuglätten, was er durch seine lezte Epistel grob & uneben gemacht! – So denkst du vielleicht b. Eröffnung dieses Briefes. Doch mit nichten & d. Grund dieser schnellen Antwort soll weiter unten klar werden. ich gereizt & sehr unwillig war, gestehe ich, muß aber dennoch auf d. Hauptsache beharren & dich bitten in ein etwas regeres Geleise einzuleiten. Mir will es einmal nicht in d. Kopf hinein, du absolut nicht einge Augenblike im Jahre mehr erübrigen könnest, wie bisher & denke nur, wäre ich in Zürich & du sagtest mir, du hättest in 7. Wochen nur ein paar Stunden Zeit dich mit mir abzugeben, ich müßte dich gewiß mit Recht kurios anschauen; – dennoch aber bedarf ich nicht nur deiner stillen, sondern auch deiner thätigen Theilnahme hier nicht minder als wenn ich dort wäre. Die Folgen davon liegen übrigens vor Augen & ich bitte dich sehr mich in Zukunft von der ärgerlichen Langweile zu befreien, woran ich bereits in Hinsicht eines großen Theils meiner Correspondenz leide. Denke doch nur an deine frühere Lage sowohl in Bonn, noch mehr aber in Berlin zurük; wären's auch nur einige Augenblike im Tage den ich dir im übrigen gerne zum sorgenlosen Genuße d. Gegenwart schenke & du wirst & mußt Zeit finden. Schreibst du auch nicht 2 Blätter voll, so begnüge ich mich ja gerne mit einem; von dieser Unregelmäßigkeit & d. daraus sich entspinnenden Conjekturen erlöse mich. Ebenso hoffe ich, du werdest gestüzt auf d. angeführten Gründe die zweite Bitte mir gewähren. – Ich habe seit langem keinen so interessanten Brief erhalten, wie deinen lezten, & dennoch hat er mich hinwieder geärgert. Ich sehe dich, während ich dies schreibe, bereits in mir so lieben & so Erinnerungs-reichen Gegenden wandeln & muß so einen Wunsch aufgeben, den ich früher immer hegte, dich selbst einmal dahin zu begleiten & mit dir den doppelten Genuß zu empfinden. Ich hoffe, dieser Brief dich noch im Weissbaade antreffe, das ist d. Grund meiner Eile, denn du könntest mir doch in etwas eine Freude machen. Wenn du was, wohl zuweilen geschieht, einen Ausflug nach Appenzell machest & ich dich nicht unangenehm aus angenehmer Gesellschaft herausreiße, so möchte ich dich bitten meiner Großtante Land & Hauptmännin Suter im Schloße, zu der dich jedes Kind weisen kann einen kleinen Besuch abzustatten, ihr einen herzlichen Gruß von mir auszurichten & in meinem Namen sie um ihr Befinden zu fragen. Sie war mir immer so gut, als wäre sie meine Großmutter & freut sich gewiß ebenso, etwas von meinem Wohlergehen in der Fremde . es mich freut von ihrem Zustand, der in d. lezten Jahren öfters sehr bedenklich war etwas zu vernehmen. Du hast dich nicht im Geringsten zu geniren, es sind reiche & seelengute Leute von denen der Abschied nie ohne naße Augen, ablief; auch der übrigen Familie laße ich durch sie viele Grüße ausrichten. Im Uebrigen hoffe ich, es dir sehr in dieser wahrhaft idyllischen Landschaft gefallen wird & ich bin begierig einmal aus deinem Album zu vernehmen, welche Stellen dich besonders angezogen. Auch von unserm St. Gallen hoffe ich, wirst du eine bessere Meinung hegen & es nicht mehr als ein bloß langweiliges & unfreundliches Nest ansehen; müßten doch seine Bewohner sonst auch unfreundlicher & steifer sein! Ich erwarte vor meiner Abreise am 15-od. 17ten August von dir noch einen, wenn auch kleinen Bericht darüber; (Du wirst mich doch nicht wollen ein Vierteljahr darauf warten lassen;-) ich verspreche dir dann, von Helgoland aus zu antworten. Gegen Ende September werde ich wieder in Berlin eintreffen. – |

Manches habe ich noch an meinem vorigen Briefe zu ergänzen & mehreres neue hinzuzufügen. Seit acht Tagen bin ich in eine ganz andre Stimmung versezt worden. Bis dahin hatten wir uns nie sonderlich über d. Hitze zu klagen & ich konnte ziemlich ungestört meinen Studien obliegen. Diese Tage aber hat sich eine wahrhaft beklemmende Schwüle eingestellt, ich sah mich genöthigt einige Mittagsstunden zu schwänzen & zu Hause war es mir auch unmöglich etwas erklekliches zu Stande zu bringen. Ich gieng so wenig aus als möglich, das Pflaster & d. Trottoirs brannten eigentlich unter d. Füßen & ich mußte diese schmieren & salben als gieng es auf eine Alpenreise; – daneben d. Unmöglichkeit sich davor zu schützen, selbst nicht einmal durch einen Spaziergang im Thiergarten, dies alles hatte auf mich wie schon d. Hitze überhaupt einen lähmenden Einfluß, ich wurde aus meinen Studien etwas herausgeworfen & d. Erwartung, obgleich jezt wieder Regen eingetreten ist, doch das gleiche sich erneuern möchte hat mir einen großen Theil meiner Arbeitslust genommen & jezt sehne ich mich wirklich sehr nach d. Schluße d. Semesters; den Berliner Sommer bin ich nun satt, ein für allemal & was ich ihm vorzüglich zu danken habe, ist größere Empfänglichkeit für so vieles, was man bei uns zu Hause gar nicht zu schätzen weiß. Die Schule hat mir wohl gethan, denn sie hat mich über vieles sinniger gemacht. Morgen werde ich das Zimmer von George Wyss in Beschlag nehmen & es d. Winter über behalten; – das bisherige sah ich immer nur als Provisorium an. George Wyss ist zu unserm Leidwesen, denn ich hatte manche gemüthliche Stunde mit ihm, wegen d. bedenklichen Krankheit seines Vaters so früh abgereist. Der Arme dauerte mich sehr, denn ein paar Stunden vor d. Abreise erhielt er die Nachricht, er aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Vater nicht mehr sehen werde. Das Bild des nächsten Winters gestaltet sich ziemlich freundlich für mich. Du weißt, ich im vorige in meinen Studien von meinen Freunden ganz isolirt dastand; nun aber ist Eklin bereits da, Kölliker kömmt bestimmt & Schaller, nach einem heut von ihm erhaltn. Briefe mit höchster Wahrscheinlichkeit; so ich also wieder ein paar meiner alten lieben Seelen aus d. Heimath wieder um mich hätte. Ich hoffe d. Winter soll lebhaft werden & bereits fällt mir wieder d. Auswahl d. Collegien schwer; sollte sich dazu noch erwahren, was du andeutest, Schönlein nach einem Jahre wieder zurükkehrte (wozu ich im Vorbeygehn gef. noch sehr wenig Fiduz habe) so wäre d. Jux vollendet. Nach d. folg. Semester ist es aber Ex mit Berlin, dies ganz bestimmt, wahrscheinlich aber auch mit Norddeutschland. Es kömmt dan nur noch auf d. Richtung an, welche meine Freunde nehmen, wo ich d. Sommer zubringe; am wahrscheinlichsten wird es nach d. Rhein hingehen. Der Hauptgrund meines Weggehens ist d. Bedürfniß d. Besuches kleiner Universitäten bis zur Promotion; für Paris bleibt mir dann noch immer hinreichend Zeit übrig. Ich bleibe um so lieber diesen Winter noch hier als es sich mir dann vorzüglich um d. Diagnostik d. Krankh. handelt & ich erst später selbst zu praktiziren anfange; gerade in dieser Beziehung ist mir d. Anwesenheit Schönleins in d. reichhaltigen Klinik von besondrer Wichtigkeit. Sehr wohl möglich ist es indess ich daneben noch eine andere kleinere daneben nehmen werde. Auch Rust & Romberg kann ich so noch hören. – An Umtrieben wird es zwar nicht fehlen, Schönlein d. Leben hier zu verleiden & seine Rükkehr zu befördern; – immerhin wird er einen sonderbaren Stand haben. – |

Mit großem Interesse habe ich gelesen, was du über d. Zofingerverein bemerkst. Ich halte unter diesen Umständen die Entfernung d. Gymnasisten für sehr heilsam & hoffe die kleinere Zahl von diesem Hemmschuh befreit & durch den Eintritt neuer rüstiger Kräfte verstärkt dem gesunknen geistigen Leben d. Vereins wieder auf die Beine helfe; möge sie auch dazu die bittere Erfahrung benützen welche der ein großer Theil des Vereins mit seinen hohlen Verflachungstendenzen hat machen müßen. Den Plan die Idee einer allgem. schweizer. Universität zu allgemeinerer Anerkennung zu bringen, finde ich sehr zeitgemäß; – ich halte dies für eine d. erfolgreichsten Aufgaben, welche der Verein sich stellen konnte. – Aber deine Bemerkung, man werde diesen Beschluß Zürcherisch finden, ließ mich etwas unsauberes dahinter wittern & was ich ahnte hat sich mir durch Schallers Nachricht bestätigt, nemlich die Zürcher dabey sich nicht enthalten konnten auf ihre Hochschule wieder spezialiter hinzuweisen; – das freilich ist Zürcherisch heißt aber nach meiner Ansicht nichts anderes, als den ganzen Plan vernichten & die Schönheit, das Erhabene der Idee durch verblendeten Egoismus in den Koth tretten. Verstehe mich indessen recht, denn alle hier anwesenden, ausserzürcherischen alten Zofinger Blumer, Zwiki, Aeppli etc theilen dabey meine Meinung & nenne es nicht Eifersucht od. Neid der den Zürchern nicht gönne, was ihnen gehört. – Offen & redlich, wenn vielleicht nicht zu meiner Ehre gesprochen, sage ich dir, ich Zürich gewiß nicht weniger, wenn nicht mehr wie meine eigne Heimath liebe & zwar aus triftigen Gründen. Aber nur um so mehr ärgert es mich, wenn ich sie auf solchen Schwachheiten ertappe, womit sie nur zu häufig d. Wege zu noch größerer Achtung als die sie bereits genießen, sich verammeln. Auch ich wünschte von ganzem Herzen & muß es auch vernünftiger Weise wünschen, die Hochschule in Zürich sich zur Eidgenößischen erhebe. Dazu aber werden sie nur dadurch gelangen, sie sich die Liebe & d. wahre moralische Achtung vor den übrigen Eidgenoßen erwerben. Dies werden sie aber nur dadurch erlangen, sie selbst mehr aus ihrem beschränkten Kreise heraustretten, mehr als es bisher der Fall war auch an d. Schiksale der andern Cantone theil nehmen, sie aus Achtung nicht durch andere geringschätzende Worte, sondern durch Bescheidenheit & um so kräftigeres Handeln Anspruch machen. Das aber ists was ich auch hier wieder vermissen muß, die Jungen treibens wie die Alten; unter diesen Umstände aber glaube ich an alles eher als an eine eidgenössische Hochschule in Zürich; ich kann den übrigen, zumal d. Hauptkantonen ihre Abneigung nicht verübeln, sondern halte es sogar für besser, die Idee nicht ausgeführt werde, bis andre Verhältniße eintretten; – der Hochmuth hat immer noch zu viel an dem, was er hat! – Weit eher dürfte sich nach meiner Ansicht, d. Idee an einem Viert-Orte, der zur Eifersucht nicht besondre Nahrung bietet, (vielleicht in Luzern, welches dazu noch in vortrefflicher Gegend & im Mittelpunkte d. Schweiz liegt) sich realisiren; – d. Turnverein so blüht, freut mich um so mehr, als er unterdessen das Surrogat für d. gesunkne Zofingerleben bilden muß. – Auch wir turnen fleißig 2 mal in d. Woche & was mich besond. freut, haben mehr mit Springübungen & kräftigen Turnspielen zu thun, als mit Rek, Barren & wie die übrigen Gliederverrenker heißen; es sind dies für uns d. gemüthlichsten Abende. –

Nun laß mich noch d. guten Mamma freudig danken, für das Andenken welches sie mir so treu bewahrt; nur zu oft denke ich dran, wie sie mich leztes Jahr immer so reich ausgestattet, während ich jezt mich ordentlich hüten muß vor unsern Wasser- & Madenreichen Kirschen, um nicht den größten Unannehmlichkeiten mich auszusetzen. Ich kann es nicht genug wiederholen, du mir sie wie den guten Papa so herzlich wie immer grüßest.

Blumer nimmt gerne d. Logis b. Hr. Zureich, wenn es das Freulersche & nicht d. Simmlerische ist, welches leztere er nicht gebrauchen möchte. (Sage doch Freuler, er sich auch entschließe hieher zu kommen, er hat im Winter gewiß ohne Vergleich mehr Genuß & auch wissenschaftlichen Gewinn als in Bonn, wohin er im Sommer auch wahrscheinlich mehr Gesellschaft finden wird.) Eklin wohnt Mittelstraße N. 26. Alle deine Freunde grüßen dich wie

dein

Carl Sinz.

Verzeih mir diesmal d. argen Sudel ich hatte so Eile; d. Brief dich noch im Weisbad erreiche.