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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0198 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 35

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Berlin, Mittwoch, 17. Juli 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839)

Briefe

Berlin den 17. Juli 1839.

Theurer Escher!

Eine höchst erfreuliche Erscheinung war mir Dein letzter Brief1, in dem sich Dein Gemüth auf eine so schöne u. liebenswürdige Weise offenbarte, daß ich mich wirklich auch beinahe davon überzeugen mußte, es sey reicher u. entwickelter als das meinige. Doch ich wußte ja schon, wie fest u. innig sich Dein Herz an Jeden, den Du einmal Freund genannt, anschließt u. wie leicht es sich dann über alle Bedenken des Verstandes zu erheben weiß. Den Unterschied, der zwischen uns beiden besteht in Bezug auf das Verhältniß von Verstand u. Gemüth zu einander, hast Du gewiß sehr richtig u. treu dargestellt. Auch mir ist oft an Dir die scharfe Trennung beider Elemte aufgefallen, um so mehr, da sonst die Erfahrung lehrt, daß aus solcher Scheidung ein Kampf entsteht, in dem zuletzt das eine durch das andre verdrängt wird; bei Dir ist dies nun freilich durchaus nicht der Fall, sondern Du hast vielmehr darin das Mittel gefunden, beide in ihrer ungehinderten Sebstständigkeit um so freier u. lebendiger zu entwickeln, aber ich glaube auch, daß Du jenes trennende Prinzip gewiß nicht konsequent wirst durchführen können, ohne auf Extreme zu gerathen, die Dir nimmermehr zusagen können. Die nähere oder entferntere Beziehung beider Elemente auf einander kann gewiß nach den Individualitäten sehr verschieden u. dabei der Eine so glücklich seyn wie der Andre; aber eine völlige Gleichgültigkeit derselben gegen einander, so daß jedem von ihnen gleichsam eine besondre Sphäre seiner Competenz angewiesen würde, auf die es sich allein zu beschränken u. über welche hinaus es nie in das Gebiet des andern einzugreifen hätte, erscheint mir bei der ungetheilten u. untheilbaren Natur unsres Geistes als etwas so unnatürliches, daß ich mir kaum eine Vorstellung davon machen kann. So nehme ich denn auch gerne an, daß jener Unterschied, auf welchen gewiß die meisten unter uns vorgekommnen Differenzen, als auf ihren Grund, sich zurückführen lassen, doch nicht so bedeutend seyn kann, als man bei der ersten Betrachtung etwa glauben möchte; freilich aber kann ich mir dann auch nicht verhehlen, daß außer dem besprochnen Verhältnisse noch manches andre an uns verschieden seyn dürfte. Doch würde mir eine weitre Analyse solcher Verschiedenheiten ebenso zwecklos, wie peinlich zu sein scheinen, da ich im Resultate Deiner Untersuchung völlig mit Dir übereinstimme u. nun auch mehr als je davon überzeugt bin, daß dieselben keineswegs so wesentlich sind, daß sie ein engres freundschaftliches Verhältniß unter uns unmöglich machen. Diese Ansicht, nur vielleicht etwas weniger entschieden, sprach ich wohl auch schon in meinem ersten Briefe2 aus, den ich ohne dieselbe überhaupt nicht geschrieben haben würde; aber ich muß wenigstens meinerseits gestehen, | daß ich bei unsrer ersten Bekanntschaft eine noch engre geistige Verwandtschaft unter uns annahm, als ich später fand, u. daher immer gewissermaßen enttäuscht wurde. Daß der Jüngling sich zuerst seinen Freund in so nahe Beziehung, als nur möglich ist, zu allen seinen Ansichten, Gefühlen u. Neigungen setzt, ist sehr natürlich; aber eben so leicht muß er sich dann bei reiferer Ueberlegung davon überzeugen, daß seine Erwartungen überspannt waren, u. daß auch weniger ähnliche Naturen sich lieben können, wenn sie nur in der Grundrichtung des Lebens übereinstimmen. Und so wollen wir denn freudig auf diese nämlich auf ein eifriges Streben nach Wahrheit, auf ein unerschütterliches Festhalten am Guten u. Sittlichen u. auf den feurigen Wunsch, zum Heile des Vaterlandes einst redlich unser Schärflein beizutragen – unsre neu befestigte Freundschaft gründen, die unser Verstand billigt, wie unser Gemüth sie uns eingiebt ! – Nun muß ich aber Deine mir natürlich sehr intressante Mittheilung über die Meinung, welche man gewöhnlich von mir hat, noch einiges beifügen; sie war mir insofern neu, als mir wenigstens Niemand grade so deutlich gesagt hatte, daß ich ein gemüthsloser oder doch gemüthsarmer Verstandesmensch sey. Ich glaube wohl sagen zu dürfen, daß ich durch häufiges Reflektieren über mich selbst, zu dem ich von Natur sehr geneigt bin, mich zu genau kenne, als daß ein solches Urtheil, wenn ich es vernehme, die geringsten Zweifel über meine wahre Natur in mir erregen könnte. Wohl aber muß es mir natürlich sehr schmerzlich seyn zu erfahren, wie wenige mich ganz kennen u. wieviele mich verkennen, denn ich darf wohl annehmen, daß auch solche, die durch häufigen Umgang mir befreundet sind, jene Meinung haben. Indem ich nun darüber reiflich nachgedacht, habe ich gefunden, daß ich allerdings in meinem Benehmen etwas kalt, oft verschlossen bin, was zu einer solchen Vorstellung berechtigen kann; der Grund davon liegt aber wohl mehr in meinen Erfahrungen, als in meiner Natur, die – wie ich mir wohl bewußt bin – wenigstens für Freundschaft sehr empfänglich ist. Die Befriedigung habe ich doch, daß diejenigen, die mich ganz kennen, jene Meinung nicht haben, u. ich glaube auch, daß schon Mancher, der sie anfänglich hatte, sie später in näherm Umgange mit mir ablegte. Diejenigen, welche jenes Urtheil über mich fällen, möchte ich nur um Erklärung folgender 2 Erscheinungen, die sich unläugbar an mir finden, bitten: 1) daß ich zu gewissen Dingen gar keinen oder nur sehr wenig Verstand habe; 2) daß ich zur Mißstimmung, ich möchte fast sagen: zum Trübsinn oft sehr geneigt bin, was doch auf ein ziemliches Vorwalten des Gemüthselements schließen läßt.

Was nun meinen Entschluß für den nächsten Winter betrifft, so hältst Du es mit Recht auf die erfreulichen Berichte, die Du mir darüber schreibst, hin schon für ganz ausgemacht, daß ich nach Zürich kommen werde. Natürlich mußte auch mir der Beschluß des Großen Rathes, die erneuerte Feststellung der Hochschule betreffend, sehr erwünscht kommen; es ist nur sehr zu bedauern, daß die kaum gesicherte Anstalt durch den nun, wie es scheint, ganz sichern Austritt ihres bedeutendsten Lehrers3 auf's neue bedeutend erschüttert wird. Ueber Arnold4 haben wir hier ganz widersprechende Berichte erhalten; es ist sehr zu wünschen, daß er wenigstens bleiben möge, damit die medizin. Fakultät, die doch immer die | besuchteste seyn wird, nicht alle Bedeutung verliere. [Mit meinen?] persönlichen Intressen stehen nun freilich diese Umstände in keiner oder nur sehr entfernter Beziehung. [Um?] so wichtiger aber ist für mich das vielversprechende Colleg, das Keller für das nächste Semester ankündigen will. Und so sehe ich denn mit wahrer Freude u. Sehnsucht u. mit bedeutenden Erwartungen meinem zweiten Aufenthalte in Zürich entgegen. Was Du mir über den Zofinger Verein schreibst, hat auch auf mich einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht; dennoch konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren: so weit mußte es wohl kommen, damit alle recht lebhaft empfinden, daß es so nicht mehr länger gehen könne, daß sich die noch vorhandnen regen u. frischen Kräfte erheben u. zum Kampfe gegen die elende Trägheit u. Gleichgültigkeit vereinigen. Von Deiner Thätigkeit erwarte ich nun am meisten u. sie ist auch gewiß vorzüglich geeignet andre anzuregen; denn einen früher sehr thätigen Zofinger nach längrer Entfernung auf's neue rüstig auftreten zu sehen, sollte doch, hoffe ich, auch die Schläfrigsten erwecken. Am meisten Mühe wird Euch wohl das lächerliche «Heldenthum» machen, u. da möchte dann wohl strenge Sonderung des Spreu's vom edlen Weizen das einzige Mittel seyn, zu einem bessern Zustande zu gelangen. Eine Sektion von 15–20 guten Zofingern wäre doch wohl einer von 50–60 Mitgliedern, in der die schlechten die Oberhand haben, weit vorzuziehen. Da man doch jedem Uebel eine gute Seite abgewinnen soll, so wird Schönleins Entfernung wenigstens die gute Folge haben, daß dadurch das Heldenthum, welches doch hauptsächlich von ältern Medizinern aufgebracht wurde, in bedeutende Abnahme kommen wird. So sehe ich denn getrost einer bessern Zukunft Euers Vereins für die Zeit meines Wiedereintritts entgegen, freue mich aber zugleich darüber, daß auch dann noch sehr vieles zur Hebung desselben u. zur Auferweckung des frühern Lebens zu thun seyn wird. Für diesen weitern u. für unsern engern Kreis gewährt mir die Hoffnung, Fr. Wyß u. J. Escher dann auch wieder mit uns vereinigt zu sehen, besondre Freude, u. dieselbe scheint wirklich ziemlich gegründet zu seyn, da wenigstens Wyß es als wahrscheinlich seinem hiesigen Bruder5 geschrieben hat. Dieser ist, wie Du wohl auch schon weißst, gleichfalls entschlossen nach Hause zurückzukehren, was mir auch sehr angenehm ist; ich hoffte mit ihm die Rückreise, die ich über Wien, München, wahrscheinlich auch noch durchs Tyrol machen werde, gemeinschaftlich machen zu können, nun will er aber schon vor Ende ds Semesters abreisen u. den kürzesten Weg einschlagen, weil sein kranker Vater6 es wünscht. Was mich betrifft, so werde ich ungefähr den 15. August Berlin, die wunderschöne Stadt, lassen, wahrscheinlich mit Constançon7. Bis dahin wird doch wohl das Semester noch währen; Savigny8 freilich hat schon vor einer Woche geschlossen, so daß das Familien- u. Erbrecht gar nicht köstlich ausgefallen ist. Dagegen bin ich mit Rudorf9 u. besonders mit Ranke10 bis dahin sehr wohl zufrieden. Auch die geselligen Verhältnisse unsres Schweizerkreises haben sich in der letzten Zeit sehr schön gestaltet. Gewiß werden wir nicht ohne angenehme Rückerinnerungen an diesen Sommer uns von einander trennen; dennoch freut sich Alles auf den großen Tag, das Ende des Sandes. Willst Du mich bis dahin noch mit einem Briefe erfreuen, so schreibe mir auch, wie Du Deine Herbstferien benutzen wirst; auch möchte ich wissen, wie Schneebeli11 u. Aepli sich zum Zof. Vereine verhalten, überhaupt von diesem recht viel erfahren. Grüße mir jene beiden, auch Brändli12 u. Freuler. Dich grüßen Deine hiesigen Freunde. Sey versichert der treuen Freundschaft

Deines

J J Blumer.

So eben erfahre ich, daß wahrscheinlich auch Schultheß13 u. Heinr. Meier14 nach Hause zurückkehren werden.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 26. Mai 1839.

3Gemeint ist Johann Lukas Schönlein (1793–1864), ordentlicher Professor für Pathologie, Therapie und medizinische Klinik an der Universität Zürich. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 24. April 1839.

4 Philipp Friedrich Arnold (1803–1890), ordentlicher Professor für Anatomie an der Universität Zürich. – Arnold verliess die Universität Zürich im Frühjahr 1840 und wechselte nach Freiburg i. Br. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 446.

5 Georg von Wyss (1816–1893), von Zürich, Student der philosophischen Fakultät. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 15. Juni 1835, Fussnote 6.

6 David von Wyss (1763–1839), ehemaliger Grossrat (1803–1836), Mitglied des Kleinen Rats bzw. Regierungsrat (1803–1832) und Bürgermeister (1814–1832) (ZH).

7 J. C. L. Constançon (Vorname und Lebensdaten nicht ermittelt), von Orbe, Rechtsstudent.

8 Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Berlin, Mitglied des preussischen Staatsrats.

9 Adolf Friedrich Rudorff (1803–1873), ordentlicher Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Berlin.

10 Leopold Ranke (1795–1886), ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Berlin.

11 Alois Schneebeli (um 1815–1888), von Baden, Medizinstudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 4.

12 Benjamin Brändli (1817–1855), von Wädenswil, Rechtsstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 10.

13 Heinrich Schulthess (1815–1885), von Zürich, Student der philosophischen Fakultät. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1833–1836; CP 1836), Chefredaktor der «Eidgenössischen Zeitung», Historiker und Publizist in München. Vgl. Matrikel UZH online, Schulthess Heinrich; Beringer, Zofingerverein II, S. 555.

14 Heinrich Meyer (1817–1896), von Zürich, Philosophie- und Rechtsstudent.