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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0197 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Dienstag, 16. Juli 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Berlin den 16ten Juli 1839.

Endlich kann ich es nicht mehr verhalten, mit schwerem Herzen Klage zu führen über die Langsamkeit mit der du unsern Briefwechsel pflegst. Schon geht's wieder in die 7te Woche &u noch keine Silbe ausser einer mir durch Blumer zugekommenen Vertröstung welche aber trotz 14-tägiger Dauer noch nicht in Erfüllung zu gehen scheint. Wohl magst du mir antworten, wir haben ja keinen Termin festgesezt; gut, wie aber konnte es mir diesen Frühling nur einfallen, daran zu denken da wir im vorjährigen ebenfalls ohne Terminbestimmung so gut gefahren. Damals freilich warst du in Bonn, ich in der geliebten Heimath; – du erhieltest wöchentlich Berichte aus d. Vaterhause, konntest sie wöchentlich beantworten & dennoch fand sich bei all dem noch Zeit genug innerhalb 3½ Monat. mit vier Briefen mich zu erfreuen. Ich aber führte auch ein glüklich Leben, die Lage in der ich mich befand war so ich keinen um die seine beneidete; unser Vaterland, wie anders sah es damals aus als jezt, wie freudig traffen sich d. Eidgenossen zu Zürich durch die Feier, bei uns durch die Stutzer vereint welche Seelenkost schlürfte ich da ein, wie ganz lebte ich in dem unbesorgten Vaterlande! & u dennoch habe ich meinen Alfred im Auslande vergessen?, ja habe ich da nur d. Briefe, welche mir von seiner Hand zukamen gezählt, um nur eine gültige Gleichung in d. Beantwortung herauszubringen. – Die Verhältnisse aber haben sich anders gestaltet & u zwar so gestaltet, wie es kein Sterblicher nur zu ahnen vermochte & u ohne mein Zuthun bin ich in den Fall gekommen, das auch von dir zu erwarten, wozu mich einst mein Herz getrieben; – d. Trennung war da, die Thränen die seit langem wieder zum erstenmal flossen habe ich auch nicht vergessen, noch weniger aber die Worte womit du meinen Herzenswünschen entgegenkamest, kurz zum Ersatze der Trennung einen fleißigen Briefwechsel versprachst. Dein Herz, dein Gedächtniß dürfte den Werth eines solchen für mich zu erfassen wissen; – für mich, der ich wieder mein Verschulden noch nie zu einem solchen gelangen konnte, ja meistens nicht einmal verlangen durfte, wenn ich d. Person meines Correspondenten berüksichtigte. Füglich möchte ich hier schweigen & es kostet mich nicht wenig Mühe; das Bittere was sich seither in mir angesammelt auf d. Urheber zurükzuwerfen. Meine Lage hoffte ich, würdest du mir von Zeit zu Zeit durch einen freundlichen Gruß erleichtern; ein Duzend Briefe im Jahre dachte ich, wäre ein Tribut der sich unserer Liebe wohl bringen ließe. Aber nein, was noch gutes an meiner Lage ist, wird mir verbittert; das was mein Gemüth aus des Schiksals Schlägen sich noch rettete, die Freundschaft, das einzige was jezt noch Reitz für mich hat, wird mir verkümmert; jezt gerade, da uns eine höhere Hand, wieder weiter auseinander reißt & ich nun um so fester mich aufschwingen möchte, da erhalte ich nicht nur nichts, bleibe nicht nur allein; sondern es wird mir auch obenein d. Beweis geliefert, man kann, wenn man will, mir aber das Zusehen überlassen bleibt. Doch hier laß mich stehen; – frage ich mein Gewissen, wodurch ich das verdient, so weiß es mir nicht zu antworten. Gebe d. Himmel, ich mich jezt irre & mich wieder zu rechtfinde. – So wie du mir jezt erscheinst, begreife ich dich nicht, erkenne dich nicht mehr. – In deiner Hand liegt es nun d. Schleier zu lüften, meinen Seelenfrieden mir wiederzugeben oder ihn – Jedenfalls aber vergönne mir eine Bitte, die so unbedeutend sie an sich ist, für mich sehr großen Werth hat. Was ich oben gesagt, möchte als Unbescheidenheit, wenn nicht mehr erscheinen; denn habe ich nicht selbst zum großen Theil durch einen frühern Akt auf ein Urtheil | über unsern Briefwechsel verzichtet, habe ich nicht der Freiheit des Ausdruks mich beraubt wenn ich sie nicht durch Zerstörung d. Schranken welche Bescheidenheit & Dankbarkeit gebieten mir vindicire. Ich danke d. Himmel, er mir noch früh vergönnt d. Vergangene zu ändern & diese Warnung soll nicht unbenuzt vorübergehen. Ich bitte dich daher, lieber Alfred recht inständig, mir d. Briefe ebenso zuzusenden, wie ich sie dir zusende, d. h. unfrankirt; jedenfalls sei versichert ich nach dir mich richten werde. Du magst dich vielleicht darüber aufhalten, wie man wegen einem solchen Bagatell nur ein Wort verlieren möge; denke aber nur etwas näher darüber nach & du wirst es mir nicht verdenken wenn ich jedes, auch d. geringste Häkchen, das meine Freiheit, zumal dem Freunde gegenüber beschränkt, zu beseitigen suche. Nicht aus eigensinnigem Stolze, nicht um zu prahlen mit meinen Verhältnissen, welche ich im Gegentheile in Zukunft mehr berüksichtigen werde als es bisher d. Fall war, nicht desswegen stelle ich meine Bitte, sondern weil ich bedaure das kostbarste Gut des Menschen unter allen, sowohl guten als schlimmen Verhältnissen, mein freies & unabhängiges Wort ohne Noth der Gefahr ausgesezt zu haben. –

Ueber das was sich seitdem in d. Schweiz zugetragen, möchte ich so gerne d. Schleier d. Vergessenheit werfen, wenn ich nicht ebendarin eine reichhaltige Quelle zur Prüfung eigner & äusserer Zustände gefunden; freilich sollte bei gereiften Männern das Sprichwort nicht so oft zur Wahrheit werden & sie dürften in manchen Dingen bereits klug sein, ehe sie es durch d. erfolgenden Schaden würden. Schönlein hat sein Verzeichniß der Vorlesungen bereits eingesandt; ob seine Ankunft mir viel für nächsten Winter frommen werde, weiß ich nicht. D. Zulauf wird jedenfalls ungeheuer sein & ich mich wohl besinnen, ob ich seine Klinik nehmen werde oder nicht. D. Gute ist indessen dabei, die andere Klinik dafür um so zugänglicher werden wird. Meine Plane für die Zukunft sind ziemlich unbestimmt; – sehr wahrscheinlich werde ich noch 2 Winter in Berlin zubringen, unter keinen Bedingungen aber nur einen Sommer mehr. Obwohl dieser wieder Erwarten gut abgelaufen ist & in mehrerer Beziehung, besonders in Bezug auf d. Treiben d. Berliner interessant war, so bin ich seiner doch satt geworden & ich sehne mich eigentlich kindisch nach d. baldigen Schluße des kurzen Semesters. Gottlob traf mich seither auch nie nur ein Anflug v. Unwohlsein, so ich sonst Ursache hätte, heiter & vergnügt zu sein; – ich schreibe es besond. der Bewegung zu welche ich mir täglich neben d. wöchentlichen Turnstunden während mehrern Stunden gebe. D. Schlimme an d. Sache ist, an Abwechslung gar nicht zu denken ist, & es immer eine halbe Stunde erfordert um nur vor d. Thor hinauszugelangen & ausser d. Thiergarten nicht ein ordentlicher Spatziergang sich darbietet; ihn bin ich aber bereits sehr satt geworden & das Herz pocht mir vor Freude, wenn ich an d. Aufenthalt in Helgoland denke der besond. für d. Naturforscher welcher zum erstenmale d. See erblikt so entzükend sein muß. Ich bin gesonnen meinen dortigen Aufenthalt je nach Umständen bis zu drei Wochen auszudehnen; zu thun finde ich da jedenfalls genug & ich werde mich auch mit Instrumenten wohl versehen. Zwiki & Aepli reisen schon am 10ten nach Norwegen der leztere gefällt mir weniger wie früher; – er fängt nachgerade durch sein ganzes Wesen an zu zeigen er bereits an Hegelscher Milch sich vollgesogen, Hegel allein ist fast sein Dichten & Trachten & er fängt an so ausschliessend & absprechend zu werden, es mir nicht mehr recht wohl in seiner Nähe ist. Dagegen ist Zwiki viel bescheidner, was auch wohl daher rühren mag er auch mit den Zweigen d. Wissenschaft etwas näher vertraut ist, in denen sich d. Hegelsche Schule so stümperhaft bewiesen & ihre absprechende, aber nur um so beschränktere Weisheit noch immer an d. Tag zu legen bemüht ist. Der arme Bursche hat aber immer noch viel mit seinem | Kopfe zu schaffen. Freut sich indessen sehr auf seine Reise indem er viele Glarner in jenen Gegenden zu treffen hofft. Beide kehren nächsten Winter hieher zurük. Dagegen thut es mir sehr leid Heinrich Meier, der mir ein lieber Hausgenosse geworden, zu missen; er wird nach Zürich zurükkehren. Bevor ich mit ihm zusammenkam, hatte ich eine ganz andere Meinung von ihm, hielt ihn für einen bequemen Philister, für einen bloßen abstrakten Herbartianer. Es ist aber alles anders; ausgenommen eine tüchtige Dosis Phlegma ist mir nicht leicht ein humanerer Sinn, eine ruhigere Urtheilskraft vorgekommen; ich sah er zwar die Herbartische Richtung wohl kennt, aber ebenso gut d. Schellingische & seinem innern Wesen nach ihr durchaus angehört & ich freute mich herzlich, da wieder auf Sympathien zu stoßen, wo ich sie am allerwenigsten vermuthet. Georg Wyß ist mir auch lieb & wir haben einander öfter d. Zeit im Billard & Schachspiel vertrieben; er besizt ein tiefes Gemüth, & es ist nur Schade, er zu Hause in seinen Verhältnissen so einseitig sich heranbildete, es ihm schwer möglich wird d. Person von d. Sache zu trennen & in seinem politischen Gegner auch d. Gegner seines tiefern Wesens vermuthet. Ich wäre noch vertrauter mit beiden geworden, wenn sich nicht immer ein Schweif theils von Zürchern theils einiger, an sich sehr artiger Deutschen angehängt hätte, was mir nun einmal gar nicht behagt, indem ich nach d. Tages Arbeit lieber einer stillern Erholung im engern Kreise mich ergebe. So gieng ich den einen Tag mit ihnen, zwei & drei folgende aber blieb ich allein. – D. trefflichen Collegien ließen mir die Zeit mit ausserordentlicher Schnelligkeit verstreichen & von Langweile war nie d. Rede. Besond. ist mir Müller immer lieber geworden. Auch mit Ehrenberg & Meien habe ich bei kühlem Wetter einige sehr instruktive Exkursionen gemacht. Die von Meyen machten mich zudem mit einigen ausgezeichneten jungen Naturforschern bekannt, darunter die beiden Assistenten von Mitscherlich & Müller, ein Ungar der sich speziell mit Naturkunde beschäftigt & Professor in Pest werden will. Dies Collegium selbst ist nur von 6. besucht, die alle schon weiter in d. Wissenschaft vorgerükt sind & d. Umgang mit ihnen war mir ein heilsamer Sporn, auf d. Bahn fortzuwandeln die ich betreten. – Lezten Donnerstag machte ich eine in d. That ausgezeichnet schöne Fahrt mit Meier & Wyß zuerst per Dampf zu Lande nach Potsdam & von da per Dampf zu Wasser nach der Pfaueninsel. Die frische Luft die da wehte & mit d. Stikluft zu Berlin einen sehr auffallenden Contrast bildete, die reitzende Insel selbst & die sehr reichen über die ganze Insel ausgebreiteten Thierparks verschafften mir einen köstlichen Abend. Besonders interessant waren eine Familie Känguruhs, ein schönes Joch Büffel, dann eine ganze Heerde von zum Theil sehr seltnen Affen, ein kleines Gebüsch welches mit kleinen Säugern ganz erfüllt war. Zudem ist auch auf d. Insel das schönste Palmhaus in d. Gegend v. Berlin & – nie noch sah ich so ungeheure Chamaerops Arten. – Meine Abreise seze ich auf den 17. August an, bis dahin die meisten meiner Collegien dauern; ich hoffe mit neuen Kräften wieder zur Arbeit zurükzukehren; – denn alsdan heißt es tüchtig in d. praktischen Studien hineingebißen. An Gesellschaft wird es uns auch diesen Winter nicht fehlen; den Schönlein wird wohl auch aus d. Schweiz eine bedeutende Schaar Mediziner mit sich ziehen.

Ich sage dir mit etwas leichterm Herzen Lebewohl als mit dem ich d. Brief begonnen. Hast du mich auch sehr gekränkt, so bin ich dir doch gleich gut; vergiß nicht mir die lieben Eltern zu grüßen & sage Ihnen nichts von unserm Hader.

Dein

Carl Sinz.