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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0193 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung, Aufbruch, S. 172 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Berlin, Montag, 17. Juni 1839

Schlagwörter: Bildungswesen, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Religion, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839)

Briefe

Berlin den 17. Juni 1839.

Theurer Escher!

Eine sehr erfreuliche Erscheinung war mir dein lieber Brief vom 1. dies, aus dem ich so vieles mir Angenehme u. Intressante erfahren konnte, daß dein Augenübel nun ganz verschwunden ist, nehme ich gerne an u. muß ich schon aus deinem angestrengten Arbeiten schließen, von dem du mir meldest. Freilich wirst du hierin immer ein gewisses Maaß beobachten müssen, damit nicht wieder aus zu vielem Studieren u. zu wenig Körperbewegung dieselben nach theiligen Folgen, wie hier, für dich entstehen; doch bin ich überzeugt, daß die angenehmen Zerstreu ungen, die der häusliche Kreis doch immer dir darbieten wird, u. überhaupt deine heimischen Umge bungen, die ein eigentliches Stubenleben beinahe unmöglich machen u. dich früher so stark u. gesund werden ließen, auch jetzt dich sehr leicht vor Uebertreibung bewahren werden. Daß der Umgang mit den deinigen u. mit der herrlichen Natur, die dich umgiebt, dir jedes andre Vergnügen entbehr lich macht, glaube ich dir, wie ich dich kenne, gerne, obschon gewiß nicht jeder andre lebensfrische Jüngling sich damit begnügen, sondern gar Mancher ein mannigfacher bewegtes, bunter gestaltetes Leben bei weitem vorziehen würde. Du selbst wirst in dieser Beziehung zwischen dem jetzigen u. dem vergangnen Sommer einen bedeutenden Unterschied finden, obschon du gewiß mit beiden gleich wohl zufrieden bist, während dagegen der dazwischen liegende Winter dir als ein sehr unerfreuliches Gegenstück erscheinen muß.

Daß du mit deinen Collegien so wohl zufrieden bist, freut mich sehr, sowohl deinetwegen, als auch für mich selber, indem ich dadurch in meinem Vorsatze, im Herbst zu Euch zurückzukehren, den so viele unangenehme Berichte von Zürich, die man hier vernehmen mußte, schon etwas wankend gemacht hatten, bedeutend bestärkt worden bin. Keller scheint sich nun wirklich seine Collegien sehr angelegen seyn zu lassen, was bei ihm begreiflicher Weise am meisten von seinen Zuhörern abhängt; ich werde daher auch mit dem größten Vergnügen seine Exegetika, seine Vorlesungen über Cicero u. wahrscheinlich auch die über zürchersches Partikularrecht, die gewiß auch für mich in praktischer Beziehung nützlich seyn könnten, hören. Ebensoviel verspreche ich mir von Bluntschli's deutschem Privatrecht; Caspar Meier, der dieses hier bei Homeier hört, rühmt es zwar sehr, sagt aber auch, man bekomme darin eine Masse von Stoff, der uns Schweizern gar nichts nützt, weil er aus allen deutschen Partikularrechten zusammengelesen ist; dagegen bin ich überzeugt, daß Bluntschli nur dasjenige Recht giebt, was wirklich als gemein deutsch zu betrachten ist, daneben aber vorzüglich auch unsre schweizerischen Verhältnisse berücksichtigt. Nicht weniger zieht mich dann auch Eure Gesellschaft an, die gewiß auch in wissenschaftlicher Beziehung so wichtig, dem vereinzel ten Arbeiten so sehr vorzuziehen ist; außer dir hätte ich ja im nächsten Winter noch Brändli, Aepli, | vielleicht auch Jakob Escher. Ich werde nämlich doch wohl, wenn meine Eltern, denen ich schon versprochen habe, den Winter bei ihnen zuzubringen, mich meiner Verpflichtung entbinden, das nächste Semester auch in Zürich stu dieren, vorzüglich wegen Kellers Pandektenexegetikum, auf das ich einen großen Werth lege, – wenn er nämlich dasselbe oder sonst etwas für mich sehr intressantes liest. Natürlich würde ich mich sonst größtentheils mit Repe titionen beschäftigen, u. in dieser Beziehung bin ich nun doch froh hier noch so vieles zu hören, um dann in Zürich um so weniger Zeit auf Collegien verwenden zu müssen. – Alle diese Pläne sind nun freilich an die sehr wesentliche Bedingung gebunden, daß die Hochschule nicht aufgehoben werde. Dies scheint mir nun aber wirklich beinahe gewiß zu seyn, seitdem ich gestern die erfreuliche Nachricht gelesen, daß die engre Kommission, die doch ihrer Majorität nach aus Feinden der Hochschule bestand, sich für ihr Fortbestehen erklärt habe. Freilich muß ich, wenn auch diese finanziellen Gegner selbst zurücktreten, doch immer noch die Möglich keit berücksichtigen, daß die radikale Parthei, wenn der Kirchenrath jenen verlangten Einfluß auf die theolog. Fakultät erlangen sollte, sich gegen die Hochschule wenden u. dadurch eine Majorität zu ihrem Sturze herbei führen könnte. Ich will über jenen Antrag an sich nicht urtheilen, weil ich die projektierte neue Kirchenord nung u. namentlich die Stellung, welche darin der Kirche dem Staate gegenüber angewiesen wird, zu wenig kenne; denn ich glaube auch, daß jener Einfluß nur bei möglichst unbeschränkter Freiheit der Kirche vom Staate, welche ich allerdings als das eines fortgeschrittnern Bildungsstandes würdigere, der günstigen Entwicklung eines religiös-kirchlichen Lebens förderlichere Verhältniß betrachte, eine verständige Bedeutung hätte, dann aber gewiß mit vollem Rechte der Kirche zustände, die dann als selbstständige Genossenschaft wohl etwas mitreden dürfte zu der Wahl derer, die ihre Beamteten bilden sollen, u. gewiß auch nicht dem innern Wesen einer Hochschule widerspräche, da doch auf Universitäten, die sonst zu den trefflichsten gezählt werden, z. B. in Bonn, die Wahl der Professoren der kathol. Theologie gleichfalls der Genehmigung des Bischofs unterliegt. Ich will mich also nur darüber bestimmt aussprechen, daß mir in jedem Falle die Annahme dieses An trags für die Gegner desselben noch kein genügender Grund scheint, um die ganze Hochschule über den Hau fen zu werfen, sondern vielmehr, wenn das schöne, gewiß noch herrliche Früchte versprechende Institut aus dieser Veranlassung untergehen sollte, dies in meinen Augen weder dem Canton noch vorzüg lich der Parthei, die es bewirken würde, zur Ehre gereichen könnte. Doch, wie gesagt, ich überlasse mich den schönsten Hoffnungen für das Fortbestehen der Anstalt, denn ich hätte wirklich nun große Lust im Winter zu Euch zu kommen, besonders da ich sonst im höchsten Grade verlegen wäre, was ich thun sollte. Natürlich muß ich dich bitten, mir bald nach Entscheidung der Frage darüber zu berichten, ob du es unter den eingetretnen Umständen für mich für rathsam haltest nach Zürich zu kommen. Es wäre nämlich wohl auch möglich, daß die Hochschule, wenn auch nicht aufgehoben, doch auf solche Weise geschmälert würde, daß Niemand mehr Freude fände daran zu dozieren noch zu studieren, oder auch, wenn sie aufgehoben würde, daß doch die mir vorzüglich wichtigen Collegien auf irgend eine andre Weise gele sen würden. Am unliebsten wäre es mir, wenn die Entscheidung überhaupt jetzt noch nicht er folgen würde; in diesem Falle bedürfte ich vorzüglich deines Rathes, da sich doch immer das eine oder andre Resultat als wahrscheinlich voraussehen ließe. |

Von meinen hiesigen Verhältnissen weiß ich dir wenig Neues zu berichten, nachdem ich dir in meinem letzten Briefe das Intressanteste darüber mitgetheilt. Mit meinen Collegien bin ich immer wohl zufrieden, vorzüglich nun auch mit Savigny. Mich wundert wirklich, wie du in Bezug auf Klarheit Keller ihm vorziehen kannst; denn namentlich in seinen Alterthümern muß ich sein pädagogisches Talent, die le bendige, erschöpfende Ueberschaulichkeit seiner Darstellung, die dieses Colleg vorzüglich für Anfänger so wichtig machen, wie die Schärfe u. Sicherheit seines Denkens bewundern. Diese letztre besitzt Keller gewiß auch, aber in Hinsicht auf ruhige, überzeugende Klarheit der Darstellung u. Mittheilung gebe ich Savigny's Vortrag den Vorzug, während dagegen der seinige durch manche schlagende, genial hingeworfne Bemerkung für Geübtere noch anregender seyn mag. Auch mir aber bieten Savigny's Alterthümer noch sehr viel Neues u. Wichtiges dar, so vorzüglich seine ganze Behandlung des Obligationenrechts, in dem er das Darlehen von allen andern Kontrakten unterschied, die strenge persönliche Exeku tion mit demselben ausschließlich in Verbindung setzte, u. die alte veni obligatio vorzüglich als ein Mittel darstellte, dieselbe auch auf andre Kontrakte, namentlich Zinsverträge anzuwenden. Ich glaube nun auch gerade nach diesem Colleg Kellers Vorträge über Cicero's Reden, die mir immer wichtiger vorkommen, je mehr ich grade durch Savigny auf den reichen Stoff, der sich in diesen findet, aufmerksam gemacht werde, um so besser verstehen zu können. – Uebrigens wird mich natürlich nach dem Schlusse der Collegien (der diesen Sommer etwas früher als gewöhnlich eintreten könnte, weil man in Folge des Mineraliendiebstahls, von dem du gehört haben wirst, den Bau des Universitätsge bäudes zu beschleunigen wünscht) nichts mehr in dieser nördlichen Sahara zurückhalten, wo mich der Sand schon recht heiß an den Füßen zu brennen anfängt; für den Genuß schönrer Gegenden werde ich dann um so empfänglicher seyn. Einen festen Reiseplan kann ich natürlich jetzt noch nicht haben. Zwicki u. Aepli wollen in den Ferien eine Reise nach Norwegen machen; erstrer ist doch eigentlich die prägnanteste Alpennatur unter uns hiesigen Schwei zern, er zehrt eigentlich ab u. «boset» d. h. böser werden, sich verschlimmern, weil der Glarner das Prinzip des Guten in die Ma terie setzt zusehends in diesem Berlin u. sehnt sich jetzt ungeheuer nach den nordi schen Gebirgen, wie er sich sonst um diese Zeit ausschließlich mit Plänen zu Bergreisen für unsre Sommerfe rien beschäftigte. Unsre geselligen Verhältnisse sind immer angenehm, u. an den Turn- u. Kneipabenden geht es bisweilen ganz fidel her; doch sehne ich mich immer bisweilen nach unserm flotten u. freien Bonner Leben oder nach meinem lieben Mäßigkeitsverein zurück. Sonst gewährt auch mir jetzt das Reiten das größte Vergnügen u. die schönste Erholung, wobei gewöhnlich Constançon mein Begleiter ist; freilich beneide ich dich sehr oft um deinen Mecklenburger, da man auch bei den hiesigen Stallmeistern nicht immer ganz gute Pferde bekömmt. – Gestern ist Tschudi von hier nach Schan abgereist, wo er sich von seinem Nerven übel durch eine lange Kur zu befreien hofft. Vielleicht wird er später noch in ein Seebad gehen. – Wie sehr mich Nachrichten über den Zofinger Verein, den du nun auch wieder besuchen wirst, intressieren würden, brauche ich dir nicht erst zu sagen. Meine Vorstellungen von dessen gegenwärtigem Zustande sind nicht sehr glänzend, namentlich denke ich mir den nun aufgekommnen Studentenverein in einer gewissen Opposition gegen den Zof. Verein, der nach der Meinung vieler Zofinger durch jenen entbehrlich werden soll. Wie mir hier Bär die Sache explizierte, ist, was man in jenem Studentenvereine sucht, eigentlich weiter nichts als ein fideleres Kneipen, als im Zof. Vereine gebräuchlich; dann könnte man sich ja wohl der Mühe überheben, in feierlichen Berathungen einen förmlichen Zweck aufzustellen, u. die Verlegenheit, in der sich die dazu ernannte Kommission befindet, begreife ich sehr wohl. Sollte dieselbe etwa die Statuten des Mäßigkeitsvereins zu benutzen wünschen, so bin ich erbötig sie zu schicken. – Lebe wohl u. vergnügt! Herzlich grüßt dich dein treuer

J. J. Blumer.|

Unsre beiden letzten Briefe haben sich auf eine sehr unangenehme Weise gekreuzt; du mußt bald nachdem du den deinigen schriebst den meinigen empfangen haben. Ich hoffe sehr, daß es diesmal nicht wieder so gehe; da ich zuerst schrieb, so antworte ich auch jetzt wieder zuerst. – Schneebli u. Aepli haben also wohl kein Abgangszeugniß gebraucht, um wieder immatrikuliert zu werden? Wäre es anders, so sage doch letzterm, er möchte es mir doch schreiben, da ich von ihm bald einen Brief erwarte. – Empfehle mich deinen Eltern u. Prof. Heer. Grüße mir meine Zürcher Freunde, wie dich deine hiesigen grüßen lassen.