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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0192 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

In: Jung, Aufbruch, S. 155–156 (auszugsweise)

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Sonntag, 2. Juni 1839

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Berlin, den 2ten Juni 1839.

Mein lieber Alfred!

Du hattest nicht Unrecht, als du fandest, du lassest mich etwas lange auf deine Antwort warten. Wäre es nur das allein gewesen! ich kann dir aber sagen du mich dadurch von einer großen Unruhe befreitest. Bald kam mir der Gedanke auf, ob dich etwa ein Rükfall getroffen, noch mehr aber der, ob du mich etwa missverstanden & ich dir Anlass zum zürnen gegeben habe. Um so größer aber war auch meine Freude über das liebe Lebenszeichen, welches Du mir gabst & ich freue mich heute d. Sonntags, der mir einige Stunden frei giebt noch warmen Herzens davon, dir wieder ganz & gar mich wiedmen zu können. Ich bin dir innigen Dank schuldig für das ehrliche & offne Bild, welches du mir von deinem innern Zustande entworfen; – es hat viel dazu beygetragen, mein Urtheil wie meine Achtung für dich zu befestigen. Vorerst gestatte mir noch in wenigen Worten genauer mich über das auszudrüken was ich unter jenen freundlicher gewordenen Verhältnißen verstehe. – So gerne ich mit jedermann im Frieden lebe, so gerne ich oft größerer Gesellschaft mich freue, so sehr bedarf ich hingegen auch eines engern Kreises, sei es ich mit meinem Freunde über zartere, nur das ich & du angehende Verhältnisse mich bespreche, sei es ich mich mir selbst überlasse & d. Gedanken & Hoffnungen welche mir d. Tag über aufstiegen, näher in das Auge sehe. Desswegen konnte mir, so sehr es deine Lage dir erleichterte & in d. Eintönigkeit d. Zimmerlebens Mannigfaltigkeit brachte, das beständige Geläuf & Gewimmel das uns oft da den Faden abzuschneiden nöthigte, wo wir ihn am liebsten aufgenommen hätten nicht behagen. Mir selbst, der ich nach d. Arbeit d. Tages gerne traulicher Erholung mich weihe, kam dabei so mancher in d. Weg, das gerade d. entgegengesezten Eindruk machen mußte; – es war mir oft peinlich dich um mich zu sehen & dich doch nicht genießen zu können. Es sind Opfer die ich so gerne deiner Krankheit brachte die mich aber aus meiner gewohnten & mir lieben Weise herausbrachten. Es waren nothwendige Uebel, über die zu klagen mir nie einfiel, aber Uebel waren es doch. Besonders aber was es einer, dessen erstes Zusammentreffen, wie du dich vielleicht selbst noch erinnerst, in mir, wie noch bei wenigen eine Abneigung erregte welche mir zu verleugnen unmöglich war & dessen Abneigung gegen mich ich ebenso natürlich finde. So froh ich über die Sendung Streiffs war, so störend hat seine Anwesenheit in meine Lage eingegriffen; – wäre uns nicht eine & dieselbe Bahn vorgezeichnet, wären wir nicht beide Mediziner, ich hätte diesen Einfluß vielleicht weniger stark empfunden; so aber prägte sich um so bestimmter d. Gegensatz zwischen uns aus. Alle Gerechtigkeit seinem Fleiße, seinem Talente; – er hat mich aber gelehrt, wie man geschikt, fleißig & sehr gelehrt sein kann, & doch d. Arbeit, d. Wissenschaft als Last betrachte die man eben auf sich nimmt, weil sie uns Nutzen bringt. Reinen Eifer für die Wissenschaft, der auch zu Opfern bereit ist im Interesse derselben, habe ich nicht an ihm bemerkt & gerade dies ist auch ein Punkt, warum ich Schneebli mit dem ich gewiß in vielen Dingen nicht eines Sinnes bin hier hochschätzen lernte. Noch schärfer aber tratt sein Charakter mit mir in Wiederspruch & ich kann nicht anders als das bestätigen, was mir Eklin über den ersten Eindruk d. Streif auf ihn gemacht, offen erzählte; seine Gewandtheit im Umgange anerkenne ich, ich halte ihn für sehr polirt von Aussen, aber nur um so roher, wo es tiefer in d. Wesen des Gemüthes hinein geht; – so eine Heidelberger Gemüthlichkeit die jeder leicht aufnimmt & leicht wieder abgiebt wenn er Philister wird & die mich mahnt an d. Rohe des extremen Radikalismus in seinem Verhältniss zu wahrer, humaner Liberalität; – beide sich stützend auf Grundsätze die jeglicher Begründung entbehren & ihre Herrschaft mit Spott, Hohn & Witz über andersdenkende zu behaupten suchen. – Dazu kamen dan noch d. beständigen Zoten & doch ist nichts geeigneter d. Aufenthalt an einem Orte unerträglich zu machen als wenn man sich immer nur in seinem Schlamme | herumbewegt. – Dies reicht hin zu zeigen meine Lage nicht der Art war, ich mich hätte zufrieden geben können & so ist mir dann dein Scheiden auf diese Weise vorbereitet & erleichtert worden, d. Herbe desselben hat mir das Scheiden von andern Wiederwärtigkeiten versüßt. - Nimmst du nun noch dazu, ich mir selbst wieder zurükgegeben bin, dich selber wieder froh & heiter zu Hause in deinem glüklichen Familienkreise sehe ich b. Leuten eingezogen bin welchen ich alles Vertrauen schenken darf, d. fatale Weibergeschwäz vom vorigen Winter aufgehört & ich des ekelhaften Stiefelfuchsen losgeworden, endlich d. Frühling selbst ohne Vergleich angenehmere Tage mit sich brachte als d. Winter, so wirst du nun begreifen, warum ich meine jetzigen Verhältnisse die freundlichern nenne & überhaupt mir das Leben in Berlin in viel besserm Lichte erscheint, seitdem ich mich von seiner schlechten Seite abgewendet & im Vollgenusse mehrerer wahrhaft klassischer Kollegien eigentlich schwelge. Lass uns aber diese Gedanken verlassen welche der Erinnerung anheimfallen & einem Gegenstande uns zuwenden der uns so wesentlich berührt & immer noch berühren wird. Du hast mir durch deine Selbstprüfung den Schlüssel in d. Hand gegeben tiefer auf d. Grund dieser Verhältnisse einzugehen & dir zu zeigen wie bei aller anscheinend verschiednen Richtung, wir doch auf d. Höhepunkt unsers höchsten Strebens zusammentreffen. – Guter Alfred, du hast wohl recht wenn du dich aus deinem Paradiese nicht vertreiben läßt, wenn du ohne Zweifel aufkommen zu lassen dich so ganz & unbewußt der Regung deines Gemüthes hingiebst; – d. Männer des Alterthums, diese Naturen voll Hochgefühls sie förderten eine Ilias, eine Odyssee, ihre sophokleischen Dramen zu Tage & wußten von unsrer neuen Philosophie nichts. Aus ihnen sprach die reine, ungetrübte Stimme der schönen Natur, wie sie in ihnen & um sie sich entwikelte & ihnen selbst unbewußt quollen aus ihnen die Worte göttlicher Wahrheit hervor. Aber das waren noch Verhältnisse, wie man sie im spätern Gange der Geschichte so rein & großartig vergeblich suchen dürfte & nur wenigen ist es beschieden von ihrem segensreichen Borne zu trinken. Zu diesen wenigen aber gehörst auch du & von aussen & von innen wirkte alles zusammen um dich zu einem glüklichen Menschen zu machen; hast du auch Zweifel gegen deine guten Eltern? & wie solltest du Zweifel hegen, gegen unsere große Mutter, die sich dir mit so besondrer Liebe zugethan zeigte. Daher begreiffe ich dich vollkommen, wenn unbegrenzte Pietät gegen d. große Schöpferin dich umfängt, wenn du ihr unbedingt wie deinen Eltern dahin folgst wohin sie dich zieht; – daher aber fürchte auch nicht, es mir je einfallen könnte, dich von ihr abzuleiten um ihr von ferne desto besser ins Antlitz zu schauen. Denn eben das Wiederfinden d. Natur wenn man sich einmal ihr gegenüber gestellt hat, das ist die große Frage & so viele stürzten in d. Abgrund bevor sie an der Brüke anlangten welche sie in ihr Elysium, das sie unzufrieden verließen, zurükführen sollte. – Nun aber versetze dich nur einen Augenblik in die Lage anderer; – zB. wenn d Natur selbst wieder die schönsten Verhältnisse zerstört, welche sie gegründet, wenn sie dem menschlichen Blike erscheinend ihr reizendes ideales Gewand abstreift & ihnen in d. kahlen Gewande todter Wirklichkeit erscheint, wenn alles was d. Herzen, dem unbefangnen kindlichen Sinne heilig ist verspottet, verlacht wird, wenn d. engsten Bande welche Blut & Fleisch zu ziehen vermögen, sich auflösen andere Elemente aber sich anziehen die doch so weit auseinander zu liegen scheinen, sage, wo ist da das Gemüth das in so trauriger Verlassenheit sich nicht umsähe ausser den ihm bisher gezogenen & so natürlichen Grenzen, das nicht um jeden Preis, da es nichts mehr zu verlieren & nur zu gewinnen | hat, das sich auf andre Weise zu erringen strebte, wogegen seine nächsten Umgebungen als Hemmstein sich in d. Weg legen. Es scheint dir dies vielleicht ein trauerig Bild zu sein & dennoch wenn ich es mit meinen frühern Verhältnissen zusammenhalte gleichen sie einander wie ein Ei d. andern. Früh hat mir d. Schöpferhand mein Theuerstes entrißen obwohl ich mit innigem Danke es anerkenne sie mir in meinem Großvater ein Vaterherz so lange erhielt als ich zu meiner innern Erziehung & Befestigung ihrer bedurfte. Was sie mir von Blutsverwandten übrig ließ war so heterogen als hätte sich ein eignes Miasma zur Zersetzung dieses homogenen Blutes eingeschlichen & d. Kinder waren von ihrem Vater nicht mehr zu erkennen. Dagegen hat sie mir wunderbar genug nicht durch Bande des Blutes sondern der Gesinnung Verwandte zugeführt unter denen ich meine zweite Mutter wie meine zweite Schwester erkenne. So sind bei mir d. Verhältnisse bloß oberflächlich durch einander verkettet, wie verschieden aber erst gestaltete sich alles im Leben mit ihnen; – so unmöglich es schon an sich war, allen zu Wunsch zu leben, so stand ich auch mit allen in stetem Hader & Streit begriffen mit Ausnahme, meines Großvaters der sich gegen mich immer trotz häufiger Meinungsverschiedenheit im wahren Sinne liberal zeigte & dann meiner Tante & Erzieherin. So strenge Pietät gegen diese mich umfangen hielt, hatte ich nichts desto weniger schon früh zu distinguiren angefangen, welches indessen erst recht begann & in gewaltiger Sinnesumänderung sich kund gab als ich der weiblichen Erzieherhand entlassen, das Gymnasium bezog & d. alte Streit zwischen praktischer & idealer Auffassung, d. Reden von Brodstudium &d. Studium an & für sich lebhaft fortgeführt wurden. Ich führe diese Einzelheiten nicht weiter aus, genug du siehst, d. Richtung die ich einmal eingeschlagen hatte & nehmen mußte, nichts weniger als eine bloß launige, ephemere war, sondern sie ganz aus meinen Verhältnissen hervorgegangen & sich der Kampf um d. Erhaltung meiner wahren Individualität oder Aufdringung eines prosaischen, mir fremdartigen Wesens drehte. Ich kann dir wohl sagen, ich viel dabey gelitten, oft eine innere Zerrissenheit sich meiner bemächtigte die ich um keinen Preis d. Welt mir zurükwünschte, ja ich wahrlich nicht wüßte, was aus mir geworden wäre wenn nicht d. Beyspiel & d. Umgang meiner damaligen Lehrer in St. Gallen in meinem Streben mich aufrecht erhalten hätte. Nur zu gut wußte ich, ich aus zu wählen habe, zwisten festem Stande auf eignen Füßen oder aber dann totale Unterwerfung untr den Willen anderer. Ich kannte die wenigen Hülfsmittel die mir zu Gebote stehen & mein Hort waren ein fester Muth & reiner Wille. Oft erschrak ich selbst vor meinem Beginnen, dann aber wurde ich unwillkührlich fortgedrängt, es war diese Tendenz zu sehr in meinem Innern eingewurzelt als es mir möglich gewesen wäre sie auch nur unbewußt aufzugeben. Auch auf d. Universität dauerte der Kampf fort, dieser Kampf zwischen Idealität & Realität der Natur in ihrem herrlichen schaffenden & d. Natur in ihrem zerstörenden Wirken; bis endlich d. Funke überschlug & aus d. heißen Gährung eine neues klares & lebensvolles Bild mir entgegenkam, das mich nun seither auch nicht einen Augenblik verlassen, wohl aber in allen Momenten als d. Talisman meines Wesens sich bewährt hat. Gott! das waren Tage hierauf der Freude, die um so größer war je mehr ich & je länger ich nach ihr gerungen hatte; – Tage die mir den Frieden wiedergaben, den ich so lange schmerzlich mißte, Tage die mir neue Kraft zum Kampfe für d. göttliche Wahrheit schenkten, Tage in denen erst mir klar wurde was das Wort: Freiheit zu bedeuten habe & in denen ich diese Freiheit zum erstenmal mit Bewußtsein in mir handeln sah & Tage endlich, in denen ich um so mehr d. Hülfe d. schöpferischen Geistes in mir & meine Abhängigkeit von ihm wahrnahm, je mehr ich jene Freiheit in mir auftauchen sah. So war ich denn in mein Elysium zurükgekehrt, aber nicht mehr bloss Sinn habend für die Natur wenn sie mir in reitzender Gestalt erschien sondern auch wenn sie mir unter rauher Hülle ihre tiefen schönen | Gründe zu verbergen scheint. Weit entfernt, wie man es nur zu gerne uns zum Vorwurf macht, zu behaupten, alles erklären zu können, was in & um uns vorgeht, ist mir vielmehr aufgegangen wie wenig ich weiß & welch unermesslich Feld mir zu bearbeiten vorliegt. Aber was ich besitze, das sind feste Anhaltspunkte, Grundzüge, worein sich das übrige findet. Doch ich will nicht weiter gehen & fürchte bereits, etwas unklar geworden zu sein. Es genügt mir, gezeigt zu haben, ich wieder da anlangte, freilich mit erweitertem Gesichtskreis von wo ich ausgegangen bin.;- – was will das aber anders sagen als ich wieder bei dir angelangt bin & d. Wahrheit dieses Satzes springt in die Augen, wenn ich damit vergleiche was ich im lezten Briefe sagte, wir uns so trefflich einigen, wenn wir nicht mit d. Verstande spielen, sondern im Interesse d. Wahrheit Gemüth & Verstand zugleich berüksichtigen; – aber so wie eine einseitige Richtung, zumal die des Verstandes sich geltend machen will, alsogleich scharfe Spaltung eintritt. Wenn ich aber über manches, worüber du d. Augenwimpern runzelst, noch kein unfreundliches Gesicht mache, so darfst du mir desswegen nicht grollen. Die Verhältnisse in denen du, zumal jezt lebst, sind reitzender wie die meinen; – dafür aber danke ich d. Himmel er mir dafür etwas in die Brust gelegt, was mir durch Erweiterung des innern Gesichtskreises das ersezt was mir an äussern Verhältnissen abgeht. Das ist eben eines d. schönste Gesetze d. Natur sie immer den Mangel d. einen durch eine vollkomnere Ausbildung eines andern Theiles ersezt & während es dem einen wohl ist in seinen glüklichen Verhältnissen & er mit vollem Recht nicht aus ihnen heraustretten will, es dem andern, in weniger glüklichen " ganz natürlich fallen muß, sich nach etwas umzusehen, das ihm diesen Mangel zum Theil od. ganz zu ersetzen im Stande ist. – So betrachte ich unsere Verhältnisse, deren Befestigung durchaus nur von unserm guten & festen Willen abhängt. Es thut mir leid, mir die Zeit nicht erlaubt, so vieles hier noch anzuknüpfen, wovon mir jezt d. Kopf so voll ist. – Ich kann dir nur sagen, ich jezt gewiß nichts weniger als glüklich wäre, wenn nicht dieser Sinn mir wie ein Schutzengel zur Seite stände & mich ruhig der Dinge die da kommen werden, harren läßt. –

Gerade die Hochschulgeschichte sezt mich an & für sich, dann aber auch besonders wegen d. Entschluße den Schönlein fassen wird sehr in Spannung; – ich habe meinen Plan zwar sowohl im Falle seines Bleibens als seines Hieherziehens schon gefaßt; – d. Lage aber ist dennoch eine sehr unbehagliche & ich warte mit Ungeduld auf d. Entscheidung. Aus meinem Bonnerplan, wird nun wahrscheinlich nichts, indem ich nächsten Winter noch hier zu bleiben gedenke. Kommt Schönlein hieher, so werde ich mich in Gottesnamen zu einem noch weitern Aufenthalte bequemen; – mit diesem Gedanken fange ich, wegen seiner nur allzugroßen Wahrscheinlichkeit, an mich vertraut zu machen; – aber um so schwerer damit, dich guter Alfred so lange nicht wiederzusehen. Die Gegenwart fordert viele Opfer von mir & nur die Hoffnung auf eine um so lieblichere Zukunft, vermag es, sie mir zu erleichtern. Wie wird es dann aber erst d. Hochschule gehen; – ach Gott, ich darf kaum daran denken, wie es nächsten Winter in Zürich aussehen würde, wenn ich mich erinnere an d. Zeiten d. Blüthe d. Hochschule & unsere lieben Zofingersektion; – ich bin in diese Zeit roher Gährung beinahe froh in meiner Zurükgezogenheit freundlichern Studien mich zu weihen & dies klägliche Bild an dem unser Vaterland jezt darniederliegt nicht vor mir zu sehen. Noch sind mir d. schönen Zeiten d. Hochschulfeier, unsres Schützenfestes & d. Zürch. Musikfestes so frisch im Gedächtniss als hätten sie erst gestern statt gehabt & wie schnell hat sich das alles geändert. Einigen Dank bin ich diesen Tagen doch schuldig, denn sie haben mir über manches d. Augen geöffnet, manche Ansicht über das politische Leben fester begründet. Auch dich möchte ich recht ersuchen, unbefangen darüber zu urtheilen; – ich kenne die Tendenz d. Zürcherradikalen zu wenig als ich mir ein Urtheil darüber zugetraute, aber fragen möchte ich dich, ob alles das entstanden wäre, wenn man ihnen nicht | so allgemein eine unsittliche Tendenz vorwerfen [würde?]; – und wenn sie auch im bevorstehenden Falle Recht hatten, nahmen sie nicht dadurch den größten Theil der Verantwortung auf sich sie sich einem solchen Vorwurfe seit ihrem Regierungsantritte preis geben. Es ist eine schwere «politische Sünde» in Republiken die allein in d. Tugend & Charakterstärke d. Bürger ihre Garantie finden über Sittlichkeit Witze zu reißen & die Folge hat gezeigt, die sittlichen Flöhe furchtbar werden können. –

Mein jetziges Leben darf ziemlich eingezogen genannt werden. Ich bin 29 Stunden wöchentl. an d. Universität beschäftigt & die wenigen Stunden die mir von meinen Privatarbeiten des Tags übrig bleiben wende ich meist auf einen Spatziergang in den Thiergarten, in welchem ich einige wirklich reitzende & doch sehr stille, menschenleere Parthien aufgefunden. An keinen meiner weitern Freunde habe ich mich enger angeschlossen, ich bin dermalen so sehr mit mir selbst beschäftigt, ich gar kein Bedürfniß danach empfinde & so ziehe ich bald mit d. einen da-, bald mit d. andern dorthin. Mit meinen Collegien bin ich ausserordentlich wohl zufrieden; – so wie d. Sachen jetzt in Berlin stehen, dürfte dieses Studium das interessanteste für einen wissenschaftlichen nicht bloß empirischen Mediziner sein. Vorangehen d. 3. Collegien v. J. Müller, Physiol. vergleich & path. Anatom. er ist durchaus kein philos. Kopf, erlaubt sich sogar mitunter sehr rohe Ausfälle auf dieselben; – aber seine Vorträge strotzen von einem Reichthum von Thatsachen die er mit der ihm eignen Kürze, Bündigkeit & Klarheit giebt. D. materia medica v. Mitscherlich, Zoochemie v. Prof. Mitscherl. & Diagnosis v. Romberg sehr befriedigend. Meine zoolog. Studien wendete ich dem entomol. unvergleichlich schönen Cabinett zu. D. Colleg bei Erichson ist, ausser mir von bloß 3. besucht, rein auf Demonstration berechnet & wie keines instruktiv. Sehr instruktiv ist auch d. d. kleine Kolleg b. Ehrenberg über mikroskop. Thiere wie dann d. Privatissimum v. Meyen über Cryptogamen (3 St.); lezterer kömmt auch nicht in Gefahr sich in Ideen zu versteigen, ist aber ein äusserst gewissenhafter Beobachter; neben der d. Berliner angeborenen Eigenschaft der Absprecherei ist er mir sehr angenehm, & erweist sich äusserst zuvorkommend. Lezthin war ich im botanischen Garten, muß aber gestehen, ich etwas mehr erwartet hatte; – Topfgewächse waren sehr viele; sehr exotische Formen (zB. Palmen) hatte ich mehr, , noch mehr aber hätte ich im Freien blühende Gewächse erwartet, woran nach meiner Schätzung der Zürchergarten bedeutend reicher ist. – Ein sehr nett eingerichtetes Mikroskop v. Hirschmann, das mir b. 300. im Durchm. noch ein sehr klares Bild giebt, sich als Simplex wie als Compositum besond. auch auf Reisen sehr leicht mitnehmen läßt, hat mir schon sehr viele wesentliche & angenehme Dienste geleistet. – Vor Mitte August höret wohl keines meiner Collegien auf; – wahrscheinlich gehe ich nach Helgoland, über Bremenn, Hannover & d. Harz nach Berlin zurük. – Alfr. Aepli & Zwiki bleiben wahrscheinl. auch noch hier, Kölliker wird wohl ohne andere herkommen. – Seit d. Zeitpunkte deiner Abreise befand ich mich immer wohl, eine vernünftigere Essenszeit & bedeutend vermehrte Bewegung tragen wohl d. Meiste dazu bei. Geturnt wird 2 mal in d. Woche sehr fleißig; an Muthwillen fehlts dabei gewöhnlich auch nicht, besond. zwischen A. Aepli & mir. Wir hatten auf Pfingsten sogar eine Exkursion nach d. Oder vor; d. Regen hat aber alles zu Wasser gemacht. d. einzige weitere Ausflug den ich seither machte, ist der am Pfingstdiensttage nach Potsdam, wohin ich nota bene während der ganzen Ferien nie gekommen bin. Blumer hat dir geschrieben, Eklin wird es noch thun. – Was deine Briefe mir sind, brauche ich dir nicht erst zu sagen & so lebe den für dies mal wohl; – bis zu deinem nächsten Briefe darf ich wohl hoffen, d. Auge hergestellt sei. Herzliche Grüße den lieben Eltern & dir von mir
einen warmen Kuß. Dein

Carl Sinz.

Glaube ja nicht, ich auf große Briefe von dir hoffe; – ich muß dich im Gegentheil sehr bitten, dich im Arbeiten nicht zu überbieten. du gerne viel nachholen möchtest, ist mir begreiflich, indessen bedenke immer es sich, wie bei d. physisch. Nahrung nicht nur um das Verschluken, sondern auch um d. Verdauen handelt. Du sagst mir gar nichts, ob du Kollegien besuchest od. nicht? –