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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0191 | ZBZ FA Escher vG 207.102f

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 34 | Jung, Aufbruch, S. 79 (auszugsweise), 99 (auszugsweise), 168–171 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 41–42 (auszugsweise)

Alfred Escher an Jakob Escher, Belvoir (Enge, Zürich), Dienstag / Samstag, 28. Mai, 1. Juni 1839

Schlagwörter: Bildungswesen, Erziehungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Krankheiten, Rechtliches, Regierungsrat ZH, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse), Wahlen, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839)

Briefe

Belvoir. 28. Mai/1. Juni 39.

Zarter Schaggeli!

Verzeihe mir diese Anrede! Ich konnte nicht anders. Denn ich hatte mich eben in meine Gefangenschaft nach Berlin versetzt. Es war halb fünf Uhr Abends und Du tratest zu mir ins Zimmer hinein, um mir die freundlichsten Stunden, die mir mein trauriges Leben noch zuließ, zu bereiten und da erinnerst Du Dich denn gewiß, daß ich Dir immer mit diesen Worten entgegen kam. Ich glaube, keiner von uns beiden sehne sich nach Berlin zurück und ich werde mich daher hüten, und nur ein Wort mehr von der Vergangenheit zu reden, ist uns die Gegenwart doch jetzt freundlich genug. Ich habe es immer erwartet, daß Bonn Dir zusagen werde und ich glaube, es wird Dir immer mehr gefallen, je länger Du dort bist. Fürs erste sind die Collegien, die man im Sommersemester dort hören kann, das beste Supplement des unserer Hochschule fehlenden und hernach hat Natur und Umgebung einen überaus wohlthuenden Einfluß auf das Gemüth. Wie Dir die Rheinländer fröhlich und gemüthlich erscheinen müssen, wenn man sich an diese Brandenburgerkeffern gewöhnt hat! Es ist mir ordentlich wohl, wieder in einem Lande zu leben, in dem man den Bauer achten kann! Ich begleite Dich oft auf Deinen Spaziergängen längs dem Venusberge nach Kessenich, Dottendorf, Friesdorf ( Blumer's und mein gewöhnlicher Reitweg) längs dem Rheine nach Blittersdorf, Godesberg, Rolandseck, nach dem Drachenfels und Siebengebirge oder gar in das malerische Aarthal, freundliche Erinnerungen dem Schweizer bietend, oder ins Brohlthal. Von Rheineck kann ich wohl noch nicht reden; denn dahin werdet Ihr, wenn anders Hollweg nicht vor Pfingsten nach Bonn zurück gekehrt ist, noch nicht gekommen sein. Daß er sein Colleg nicht gehörig lese, davor darf | Dir nicht bange sein. Er hält ja seine Collegien nicht, weil sie gehalten sein müssen, sondern weil er sie halten will. Ich bin auf Nachrichten von ihm sehr gespannt. Du schriebst mir nichts davon, ob ihr Schweizer in Bonn eine Kneipe eingerichtet habt und ob ihr auch in Beziehung auf Turnen und Ausflüge recht zusammen haltet. Ich würde Euch dieß sehr rathen. Wir haben letztes Jahr unserm Zusammenleben manche vergnügte Stunde zu verdanken gehabt. Nachrichten und Urtheile über Deine jetzigen Collegien werden mich sehr interessiren, wohl mehr als Dich der bisherige Inhalt meines Briefes interessirt haben mag. Denn Du möchtest wohl eher von Zürich als von Bonn erzählen hören. Ich fange denn mit dem Wollenhofe an. Letzten Samstag vor Pfingsten habe ich Martin1 zum letzten Male gesehen. Er sollte am Pfingstmontage, von Deinen Eltern2 bis Schafhausen begleitet, zu einer Kur nach Kanstadt abreisen. Er ist der alte, liebe Martin! eifrig in der Entomologie, der Englischen Sprache und, wie mir scheint, in allem guten; aber auch recht still und zurückgezogen, fast nur zu viel für sein Alter und seine nicht eben ermunternden körperlichen Umständen.3 Das muß ich übrigens sagen, daß er sehr heiter und fröhlich gestimmt ist und ich kann Dir wohl sagen, daß ich ihn dafür bewundere. Deine verehrten Eltern habe ich nicht im mindesten verändert gefunden und eher verjüngt, denn älter geworden. Das ist das einzige, mein Lieber, aber wohl auch mit das beste, das ich Dir vom Wollenhofe schreiben kann und Du directe von da nicht vernehmen kannst. Ich weiß noch recht wohl, wie viel es mir werth war, von Sinz dann und wann Nachrichten von meinen Eltern zu vernehmen. – Was meine Person anbetrifft, so befinde ich mich auffallend wohl. Mein Auge schreitet in seiner Besserung so mächtig vorwärts, daß, die es in Berlin gesehen haben, es beinahe nicht begreifen können. Erst jetzt, da das Übel dahin geschwunden ist, haben mir Streiff4 und Schneebeli5 gesagt, welche Gefahren mir | gedroht haben. In meinem Arbeiten bin ich nun durchaus nicht mehr gehindert, außer daß ich allzu anhaltende strenge Geistesarbeit vermeiden muß. Den besten Unterbruch gewähren mir die Geschäfte Papa's, in denen ich ihn nach besten Kräften unterstütze. Sie sind mir als Erholung wünschbar und nach Keller 's Ansicht so nützlich, daß, wenn ich diese Gelegenheit nicht hätte, mich in allen Gebieten des practischen Lebens und Verkehrs umzusehen, ich nach seiner Meinung eine andere recht eigentlich suchen müßte. Ich spüre auch jetzt schon die wohlthätigen Folgen meiner wenn auch noch so kargen Routine bei meinen theoretischen Studien. Du mußt nicht glauben, daß ich etwa um jener willen auch nur einen Augenblick an diesen versäume, und zwar darum nicht, weil ich Papa bloß in meinen Erholungsstunden helfe. So kömmt es denn, daß ich seit meiner Ankunft in Zürich mit Ausnahme der Abende, da Frl. Vial6 noch im Theater sang, auch noch nicht Einen außer Belvoir zugebracht habe. Ein Blick in das mich hier umgebende Paradies erfrischt mich wieder nach stundenlanger Arbeit und erheitert mich mehr als alle Vergnügungen der Welt. Ich kann Dir nicht sagen, wie mein Gemüth wieder auflebt unter der Pflege der Mutter Natur und in dem Kreise meiner Lieben, denen ich auch nicht eine Minute länger entzogen sein möchte, als meine Ausbildung es wirklich fordert. Es sind dieß, mein Theurer, zwei Collegien, die nirgends besser gelesen werden! – doch, ich höre Dich nach den Vorlesungen fragen, die ich besuche, oder ob es mir überhaupt vergönnt sei solche zu hören. Ich habe alle vier Collegien von Keller angenommen und von Anfang besuchen und ganz ungehindert nachschreiben können. Sehr erwünscht in Beziehung auf meine Gesundheit und Zeitersparniß ist es mir, daß Keller von 7–10 Uhr Morgens liest und ich so den Rest des Tages frei habe. Keller's Collegien sind ausgezeichnet und was Klarheit, nach meiner Meinung die Hauptsache des juristischen Vortrages, anbetrifft, die vorzüglichsten, die ich noch gehört. Sehr lieb ist es mir, noch einige systematische | Collegien bei Keller zu hören, in denen sich besonders sein logisches Talent und hauptsächlich sein practischer Geist auf eine herrliche Weise zeigen. Der Zürcherische Zivilprozeß ist besonders in letzterer Beziehung ausgezeichnet, und es ist um so interessanter, ihn durch Keller vorgetragen zu hören, weil er der Schöpfer von Hauptpartieen desselben ist oder sein wird und seine langjährige Gerichtspraxis die Darstellung mit den anschaulichsten und bemerkenswerthesten Beispielen würzt. Im Römischen Erbrechte befinden wir uns bei seiner historischen Entwickelung. Dabei bewundere ich besonders sein systematisches Talent, das den verwickelten Stoff auf die übersichtlichste Weise zu ordnen und unter wenige erschöpfende Gesichtspuncte unterzubringen weiß. Der Vortrag ist beständig mit Erklärung schwieriger Stellen gewürzt. In Beziehung7 auf das Exegeticum8 sind meine Erwartungen nicht getäuscht worden. Die interessantesten Stellen (so letzthin Lic. de invent. II. 21.9 ) werden uns zur Emendation aufgegeben; oft müssen wir hinwieder ex tempore10 Stellen erklären und immer findet dabei ungezwungene, mündliche Mittheilung Statt. Wie sehr Keller es weiß, wenn einem etwas nicht ganz klar ist, und wie sehr er es in diesem Falle versteht, es klar zu machen, ist höchst auffallend. Sein Colleg über Cicero11 in diesem Semester soll eines der besten sein, das er noch über diesen Schriftsteller gehalten. Besonders anziehend ist dabei, Kellern ganz neu schaffen zu sehen; denn bekanntlich sind die Reden von Cicero ganz im argen und zu ihrem Verständniß nicht einmal die höchst prosaische Arbeit des Aufsuchens von Parallelstellen vorgenommen, obgleich ich oft drei Stunden nach einander habe, so strengen diese mich doch nicht im mindesten an. Der Vortrag ist so klar, daß in Folge desselben von Kopfzerbrechen auch nur keine Rede ist. Äppli, mein Collegiennachbar, der gerade jetzt unwohl ist, freut sich immer mehr seines Entschlusses, nach Zürich gekommen zu sein. Er ist ein eifriger Bewunderer von Keller und durch seine Collegien zu angestrengtem Arbeiten aufgemuntert worden. Er bedauert sehr, nicht schon früher nach Zürich gekommen zu sein, wo ihn alles sehr anspricht. Nebenbei | arbeite ich an der Römischen Rechtsgeschichte und bin dabei durch Keller's Rath, Urtheil und literarische Hülfsmittel aufs trefflichste unterstützt. Der einzige Wunsch, den ich noch habe, ist der, daß der Tag statt 24, 48 Stunden hätte! – Du fragst mich nach unsern politischen Angelegenheiten, nach der Hochschule us. f. Warum diese in jene hereingezogen worden, ist nicht schwer zu sagen. Es war ein politischer Kunstgriff der Radicalen, die, für das Fortbestehen des verbesserten Schulwesens besorgt, nur dadurch einen Damm gegen die ihm drohende Reaction fanden, daß sie die Hochschule in Frage setzten und die Existenz des bisherigen Volksschulwesens und der Hochschule eng an einander knüpften. Wenn eine Verbindung zwischen beiden nicht zu läugnen ist, so ist diese doch jedenfalls nicht derartig, daß um des Unterganges des einen willen, das andere auch zerstört werden müßte. Das steht fest und wußte wohl auch jeder, der für die Motion von Bürgi12 stimmte. Aber es mochten manche eben gar nicht an Aufhebung der Hochschule aus diesem Grunde denken, sondern bloß ihre Existenz so lange in Frage setzen, als auch die Existenz des verbesserten Volksschulwesens in Frage gesetzt war. Ob, wenn dieses gefährdet worden wäre, alle Mitglieder des großen Rathes, die für Erheblichkeit der Bürgischen Motion gestimmt, auch für Aufhebung der Hochschule gestimmt hätten, fragt sich erst noch und ist jedenfalls sehr zweifelhaft. Die Zerstörung des Volksschulwesens wäre also, wie schon gesagt, kein Grund für Aufhebung der Hochschule gewesen. Wohl aber verdient ein anderer Punct in dieser Beziehung weit mehr Beachtung; da er die Verhältnisse und die Stellung der Hochschule selbst betrifft; ich meine die Mitwirkung des Kirchenrathes zur Wahl der theologischen Professoren. Durch diese, glaube ich denn jedenfalls, würde das Hauptelement einer Hochschule, ihr Lebensprinzip, die Lehrfreiheit, gefährdet. In dieser Beziehung sollte unsere Hochschule weiter gehen als alle andern, so gewiß als eine Schweizerische Universität vor einer deutschen etwas zum voraus hat. Ich fordere aber nur, daß sie ebenso weit gehe. Die Mitwir| kung des Kirchenrathes zur Wahl der theologischen Professoren wäre erstens gegen unsere Verfassung, die die Angelegenheiten der Kirche und der Schule vor allen Ländern aus getrennt erhält. Die Hochschule, über die der Staat in jeder Beziehung zu verfügen hat, ist unter die vollständige Aufsicht der Behörden gestellt, welche dem Schulwesen vorstehen, im Gegensatze also recht eigentlich zu jeder andern Behörde, dem Kirchenrathe zB. oder dem Gesundheitsrathe u. s. f. Die Hochschule ist der alleinigen Sorge des Erziehungsrathes anvertraut. Wie kann sich aber bei dem Bestehen dieses Grundsatzes eine Institution rechtfertigen, nach der es dem Kirchenrathe möglich gemacht würde, aus seiner ihm sonst und in allen andern Beziehungen durch die Verfassung angewiesenen Competenz heraus zu treten und überzugreifen in die Competenz einer andern Behörde, die nach ihrer Bestimmung in der Verfassung ein solches Übergreifen ausschließt? Hält man vielleicht diese Trennung von Schule und Kirche überhaupt für verderblich – wohlan! so greife man diesen Grundsatz der Verfassung an und streite darüber und überzeugt man sich von der Nothwendigkeit der Verbindung beider, so spreche man diese aus und die erste Folge davon wird die Verschmelzung des Kirchen- u Erziehungsrathes sein. Aber man lasse nicht den Grundsatz im allgemeinen gelten und treffe Einzelbestimmungen, die ihm strict zuwiderlaufen. Greift man aber den Grundsatz an, so wird man sich bald davon überzeugen, daß man noch nicht an die Wurzel der Sache gekommen ist. Diese liegt in dem Verhältnisse von Staat & Kirche, das sich bei uns nun einmal historisch herangebildet hat. Und dieser Gedanke führt mich denn auf einen zweiten Verstoß, der mir in der Institution eines Einflusses des Kirchenrathes auf die Wahl der theologischen Professoren zu liegen scheint. Wird nämlich die Trennung von Kirche & Staat in der Reinheit festgehalten, die bei uns für d. Verhältniß dieser beiden Begriffe characteristisch ist, so würde mit Nothwendigkeit aus der Constituirung eines Einflusses des Kirchenrathes auf die Wahl der theologischen Professoren die Forde| rung liegen, daß dem Obergerichte und dem Gesundheitsrathe (Rath des Innern) ein ähnlicher Einfluß auf die Wahl der jur. und medizinischen Professoren zuerkannt werde. Ich hielte eine solche Einrichtung aber eben für einen Verstoß gegen die Grundsätze unserer Verfassung; für einen zweiten Verstoß gegen diese hielte ich aber die Beschränkung dieses Einflusses auf den Kirchenrath. Doch, wie gesagt, nicht bloß den Grundsätzen der Verfassung widerspräche eine solche Einrichtung, sondern das Wesen der Hochschule und besonders unserer Hochschule wäre durch einen solchen Schritt verletzt. Wenn man einem Erziehungsrathe und einem Regierungsrathe, die man zu nehmen hat, wie sie sein sollen und können, nicht wie sie in dieser oder jener Zeit sind oder zu sein scheinen, die Beachtung irgend welcher Interessen bei der vorzunehmenden Wahl eines academischen Lehrers nicht zutrauen darf, so darf dieß allein von dem wissenschaftlichen Interesse behauptet werden. In dieser Beziehung ist aber für die Competenz der Wahlbehörde durch die nothwendige Einholung des Gutachtens der Facultät gesorgt und dieses Gutachten wird natürlich auch bei der Wahl der theologischen Professoren gefordert. Inwiefern der Kirchenrath, dessen wissenschaftlicher Competenz nicht mehr zuzutrauen ist als der des Erziehungsrathes, zu der Wahl mitwirken soll, läßt sich nicht einsehen; denn ich setze immer voraus, daß, wenn man ein Gesetz macht, dieses nicht das Product einzelner Erscheinungen sein darf, sondern auf dem gewöhnlichen, normalen und gesunden Zustande der Dinge basiren muß. Scheint mir, wenn man diesen im Auge hat, die Wahlordnung aller Professoren an unserer Hochschule und so auch der theologischen alle und jede Garantie darbiethend, so kömmt mir die Mitwirkung des Kirchenrathes bloß als eine fesselnde Vormundschaft und lästige Beschränkung des freien wissenschaftlichen Geistes vor, der allein einer Hochschule und besonders der unsrigen Leben u. Gedeihen einzuflößen vermag. Und allerdings läge darin eine Beschränkung der Lehrfreiheit. Daß der Begriff dieser nicht in seiner vollen Ausdehnung zu nehmen sei, weiß ich. Es liegt aber in der Bestimmung und in den Mitteln des Erz.- & Regierungsrathes, diesem Begriffe die Grenzen anzuweisen, die nothwendig | aber hinwieder nicht so eng sind, daß sie den Begriff selbst aufheben. Ich nannte die so gefaßte Lehrfreiheit ein Hauptelement des Wesens einer Hochschule und vorzüglich auch der unsrigen; gehe aber nicht so weit, anzunehmen, daß keine Hochschule einer, an der das Princip der Lehrfreiheit durch Mitwirkung des Kirchenrathes zur Wahl der theologischen Professoren geschmälert worden, vorzuziehen sei. – Dieß mag Dir über die Verbindung der Frage, ob die Hochschule fortexistiren solle, mit den politischen Ereignissen in unserm Canton Aufschluß geben. Die zur Prüfung der Verhältnisse der Hochschule niedergesetzte Commission habe ich Dir ihrer Zusammensetzung nach bezeichnet. Ich könnte diese nicht eben loben. Gestern den 27ten Mai hat sie ihre erste Sitzung gehalten.13 Bürgi sprach bloß über das ökonomische. Wenn schon dieser Gesichtspunct, wenn er allein hervorgehoben wird, unter solchen Verhältnissen ein elender ist, so erscheint er noch elender, wenn er verrückt wird. Dieß geschah aber durch lügenhafte Berechnungen und Ansatz von Dingen, als der Hochschule zur Last fallend, die mit dieser gar nichts gemein haben. Weiß14 ist unentschieden und wünscht Prüfung der Verhältnisse. F. Meier15 vertheidigt die Hochschule, aber schwach (auch nach Orelli's16 Ansicht) und allzu kleinlich. Wieland17 spricht sich kräftig für die Hochschule aus & sieht keinen Grund für ihre Aufhebung in der jetzigen Zeit; ein anderes wäre es gewesen, wenn man sie zur Erledigung der Straußenfrage18 hätte stürzen wollen; aber auch dieß hätte ihm beklagenswerth geschienen; an Verstümmelung der Hochschule dürfe nicht gedacht werden, wenn sie anders ein gesundes Leben führen solle; sie gewähre eine Garantie für die Emancipation von 1830, indem sie den Grundsatz der Rechtsgleichheit zur Wirklichkeit zu machen vermöge. E. Sulzer19 weist die Fehler der Bürgischen Rechnung nach u. zeigt, daß die geringen Ausgaben für unsere Hochschule in keinem Verhältnisse zu ihren Leistungen stehen, und daß diese für einmal durch Aufhebung der Hochschule wenig vermindert würden. Endlich vindizirt er die höhere Bedeutung der Hochschule im Gegensatze zu der einseitigen Hervorhebung des bloßen Kostenpunctes. Guyer20 hält die Ausgaben für die Hochschule für drückend und für zu groß im Verhältnisse | zu den Ausgaben für das Volksschulwesen; wäre man jetzt im Falle, eine Hochschule zu schaffen, so thäte man es nicht; man könnte vielleicht die Hochschule auf ein medizinisches Institut reduziren oder wenigstens die philosophische Facultät streichen. Das auf diese Weise ersparte könnte für das Volksschulwesen verwandt werden und außerdem die Ausgaben für das untere Gymnas. und die untere Industrieschule; denn diese könnte man leicht aufheben; der dreijährige Secundarschulcurs genüge und wollen Zürich und Winterthur etwas ähnliches beibehalten, so mögen sie es aus ihren Mitteln thun. Sulzer21 (Statthalter) stimmt Guyer ganz bei. Furrer22 schließt die Discussion mit einer beredten, kräftigen und umfassenden Vertheidigung der Hochschule. Diese Vertheidigung müßte sich aber in Angriff umwandeln, wenn es gelingen würde, dem Kirchenrathe Einfluß auf die Wahl der theolog. Professoren zu sichern, was mit dem innersten Principe einer Hochschule im Widerspruch stehe. – In dem zweiten Rathschlage vereinigte man sich dazu, eine engere Kommission zu wählen in der Meinung, daß diese die vorliegenden factischen Verhältnisse und Rechnungen prüfe und verifizire, da über ihre Posten verschiedene Ansichten herrschten; und daß sie ferner die weitern Aufträge des großen Rathes vorberathe und Anträge hinterbringe. In diese Kommission wurden gewählt, Ed. Sulzer, Guyer & Bürgi. Wie ich höre soll diese Zusammensetzung der Kommission ein Kunstgriff Ed. Sulzers sein, der sich auf diese Weise Guyer's u. Bürgi's versichern will. – Noch muß ich Dir melden, daß Brändli23 und ich uns entschlossen haben, in einer Brochüre24 die Verhältnisse und Leistungen der Hochschule zu beleuchten und die Gründe für die Nothwendigkeit ihrer Existenz von allen Gesichtspuncten aus anzugeben. Wir haben unsere Arbeit bereits vollendet und sind von den studierenden Kantonsbürgern autorisirt worden, dieselbe als Ansicht aller dieser zu publiziren. Eine Abschrift derselben haben wir auch der Hochschulcommission eingereicht, wozu wir ebenfalls beauftragt worden sind. Ich glaube sie in Furrer's Votum wiederzuerkennen. – Schönlein25 hat sich noch nicht bestimmt ausgesprochen. Es soll ihm nächste Woche von allen Studierenden ein Fackelzug gebracht werden. – Die Frequenz der Studierenden hat diesen Semester etwas abgenommen. K. hat große Kollegien. In allen vieren befinden sich zwischen 12 u 20 Zuhörern. – In den Zofver. habe ich bis zu dieser Stunde noch nicht gehen können | da ich den Tabakrauch vermeiden muß. Hoffentlich werde ich aber bald dessen ungeachtet diesem heimischen Kreise wieder beigesellen können. Aber manche Lücken werde ich in demselben schmerzlich bemerken. Mögen sie bald wieder ausgefüllt werden! – Du weißt ohne Zweifel schon, daß sich in Folge der Versammlungen aller Studierenden zu Petitionsberathungen an den gr. R. eine allgemeine Studentenversammlung gebildet hat, die dann und wann zusammen kömmt. Ihr Zweck ist derselben und bis anhin noch niemandem klar, am wenigsten der von ihr nieder gesetzten Kommission, die einen solchen Zweck aufsuchen sollte. Das Turnen blüht auf erfreuliche Weise | auf. Leider verbiethet mir der Arzt26 Theil zu nehmen. Dagegen ist mir d. Reiten sehr emphohlen. Papa hat mir einen herrlichen Mecklenburger geschenkt. Ich bedaure nur, daß ich allein reiten muß. Grüße mir, wer sich meiner erinnert u schreibe mir bald.

Dein treuer

Alfred Escher.

Die Verlobung v. Fritz Schultheß27 ist wieder rückgängig gemacht! Der arme Kerl!

Ist Eschenburg28 noch in Bonn?29

Kommentareinträge

1 Martin Escher (1819–1844), Kaufmann; Bruder Jakob Eschers.

2 Regula Louise Escher (1793–1875), Tochter der Susanna Escher-Meyer und des Hans Caspar Escher-Meyer, und Hans Heinrich Escher (1790–1867), Kaufmann im «Wollenhof».

3 Martin Escher litt an einer Verkrümmung des Rückgrats, deren Folgen zu seinem frühen Tod führten. Vgl. Escher, Jakob Escher-Bodmer, S. 7.

4Vermutlich Christoph Streiff (1815–1879), von Glarus, Arzt.

5 Alois Schneebeli (um 1815–1888), von Baden, Medizinstudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 4.

6 Antoinette Vial (geb. 1804), bayerische Opernsängerin (Mezzosopran).

7Sofortige Korrektur, zuvor: «In meinen Erwartungen» .

8Exegetik (gr.): Interpretation; Lehre von der Auslegung eines Rechtstextes.

9Sachverhalt nicht ermittelt.

10Ex tempore (lat.): aus dem Stegreif.

11 Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), römischer Staatsmann und Redner.

12 David Bürgi (1801–1874), Grossrat und Regierungsrat (ZH).

13 Vgl. NZZ, 29. Mai 1839.

14 Heinrich Weiss (1789–1848), Grossrat und Regierungsrat (ZH).

15 Ferdinand Meyer (1799–1840), Grossrat (ZH).

16Vermutlich Johann Caspar von Orelli (1787–1849), ausserordentlicher Professor für klassische Philologie an der Universität und Lehrer für Latein und Griechisch am Gymnasium Zürich, Oberbibliothekar der Stadtbibliothek Zürich, Erziehungsrat (ZH). – Von Orelli war 1833 massgeblich an der Gründung der Universität Zürich beteiligt. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 193–201.

17 Johann Jakob Wieland (1783–1848), Bezirksrat von Horgen und Grossrat (ZH).

18Gemeint ist der Streit um die Berufung des württembergischen Theologen David Friedrich Strauss auf den Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Zürich. Die Hochschulmotion von Regierungsrat Bürgi: Alfred Eschers erstes öffentliches Hervortreten (1839), Absatz 2.

19 Eduard Sulzer (1789–1857), Grossrat und Regierungsrat (ZH).

20 Heinrich Gujer (1801–1868), Statthalter des Bezirks Pfäffikon und Grossrat (ZH).

21 Johann Rudolf Sulzer (1789–1850), Statthalter des Bezirks Winterthur und Grossrat (ZH).

22 Jonas Furrer (1805–1861), Grossratspräsident (ZH), Fürsprecher.

23 Benjamin Brändli (1817–1855), von Wädenswil, Rechtsstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 10.

24 Vgl. Die Zürcherische Hochschule; Die Hochschulmotion von Regierungsrat Bürgi: Alfred Eschers erstes öffentliches Hervortreten (1839), Absatz 8.

25 Johann Lukas Schönlein (1793–1864), ordentlicher Professor für Pathologie, Therapie und medizinische Klinik an der Universität Zürich.

26Vermutlich Hans Konrad Rahn-Escher (1802–1881), Arzt in Zürich.

27 Friedrich Schulthess (geb. 1816), Kaufmann. – Schulthess war Mitglied der Sonntagskameradschaft Alfred und Jakob Eschers. Vgl. Escher, Autobiographie Jakob Escher, S. 184; Alfred Eschers Jugendzeit: Freunde und Bekannte (1831–1843), Absatz 1.

28 Hermann Behn-Eschenburg (1814–1873), von Stralsund, Student der philosophischen Fakultät. Hermann Poelchau an Alfred Escher, 19. November 1838, Fussnote 24.

29Ergänzung am Rand der ersten Seite.

Kontexte