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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0190 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Berlin, Sonntag, 26. Mai 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Berlin den 26. Mai 1839.

Theurer Escher!

Durch Sinz habe ich zu meiner größten Freude vernommen, daß du ganz wohl in deiner Heimath angelangt bist, ohne daß die lange Reise die geringsten nachtheiligen Folgen für deine angegriffne Gesundheit hatte, u. daß auch in der ersten Zeit deines Aufenthalts in Zürich dein Augen übel eine immer beßre Wendung zu nehmen schien. Obschon du uns nun seither nicht mehr mit Nach richten erfreut hast, so setze ich doch voraus, daß du jetzt völlig oder doch beinahe hergestellt bist u. auch deine Studien, welche der unglückliche vergangne Winter auf eine so unangenehme Weise unterbrochen hat, ällmählig wieder aufnehmen kannst. Unter dieser Voraussetzung wird es dich wohl nicht befremden, daß ich einen Brief von dir erwartete; da mir aber bis dahin noch keiner zugekommen, so will ich unsern Briefwechsel beginnen. Mir ist es wichtig, daß eine mich so tief in meinem ganzen Seyn u. Leben berüh rende Verbindung, wie die unsrige, nicht spurlos verschwinde, sondern immer frisch erhalten werde. Unser Verhältniß zu einander hat freilich, wenn wir es uns offen gestehen wollen, eine betrübende Wendung genommen; denn betrübend ist es doch wohl zu nennen, wenn zwei sich liebende Jünglinge, die sich begeistert auf's engste an einander anschloßen, alles Göttliche u. Menschliche mit einander theilen u. zur innigsten Gemeinschaft für's ganze Leben sich verbinden zu können glaubten, nachher mit Bedauern wahrnehmen, daß die Natur sie doch weit weniger ähnlich geschaffen, als sie sich eingebildet hatten, daß jenes zarte Band vertrautester Freundschaft nicht würde unter ihnen bestehen können. Eine peinliche Spannung tritt dann unter ihnen ein, u. schwer ist es, an die Stelle des zerrißnen ein angemeßneres Verhältniß zu setzen. Doch irre ich nicht, so haben wir dieses in der letzten Zeit unsres Zusammenlebens gefunden; wir haben eingesehen, daß, wenn auch so manche Verschiedenheit in Denkart u. Sinnesweise ein so enges Verhältniß, wie wir es in Bonn einen Augenblick festzuhalten suchten, unter uns nicht zuläßt, wir doch durch manches andre Gemeinschaftliche immer noch hinreichend vereint u. verbunden werden, um uns stets als befreundet betrachten zu können. Zwei völlig verschiedne Naturen hätten sich auch nie so sehr angezo gen fühlen können; u. ich weiß, daß du, bei aller tiefen Einsicht in meine Mängel (die ich erst im Umgan ge mit dir recht lebhaft empfinden lernte), doch nie ein beßres, höh'res Lebensprinzip in mir verkannt hast, so wenig als ich es je in dir verkennen konnte. Diese Ansichten über unser gegenseitiges Verhältniß zu einander, die sich durch häufiges Nachdenken darüber in mir gebildet haben u. die, wenn ich nicht sehr irre, im Ganzen gewiß auch die Deinigen sind, glaubte ich dir rückhaltslos mittheilen zu müssen, weil man erst nach solcher Mittheilung sich wieder ganz frei zusammen bewegen kann u. in dem auf gefundnen Standpunkte zugleich eine Norm findet für die Art u. Weise des Umganges.

Ich will nun also damit anfangen, dir von meinem hiesigen Leben seit unsrer Trennung zu erzählen, hoffend u. sehnlichst erwartend, daß du bald ein Gleiches thun werdest, da du mir wohl weit | Intressanteres mitzutheilen haben möchtest. Den betrübenden Fall, der sich wenige Tage nach deiner Abreise ereignete, wirst du schon längst erfahren haben; mich traf es leider, da Ott's Krankheit plötzlich eine unerwartet gefährliche Wendung nahm, die letzten Stunden ganz allein bei dem sterbenden Freunde zuzubringen, u. du kannst dir leicht denken, daß sie einen nicht unbedeutenden Eindruck in mir zurückließen. Darauf bezügliche Curiosa von Tschudi will ich auf mündli che Mittheilung versparen. Den Rest der Ferien brachte ich dann ohne weitre Exkursionen, als etwa nach Charlotten burg, Spandau u. s. w., in der sandvollen Musenstadt zu, mäßig ochsend. Am meisten beschäftigte mich Niebuhr, den ich jetzt wieder vornahm, nachdem ich ihn im ersten Semester nur ziemlich flüchtig u. in der alten Ausgabe durchgelesen; jetzt erst war ich im Stande ihn ganz zu verstehen u. zu genießen, u. wirklich habe ich noch kaum irgend ein andres, mit geistiger Anstrengung verbundnes Studium so lohnend u. erquickend gefunden. Auf nehmen u. Selbstschaffen müssen sich hier überall durchdringen, wie bei den Pandekten. Mögen auch manche einzelne Hypothesen des geistreichen Geschichtsforschers sich zu sehr von dem festen Boden der Auktorität entfer nen: die Hauptresultate seiner Kritik u. gerade die für uns wichtigsten, die Verfassung betreffenden stehen gewiß fest. In geselliger Hinsicht hatte ich in jener Zeit besonders mit Romedi viel Umgang, dessen treues, biedres, kräftiges, ächt vaterländisches Wesen mir besonders wohl gefiel: er hat sehr viel natürlichen Ver stand u. ist auch ziemlich fleißig, freilich auch zuweilen etwas liederlich, aber unverwüstlich fidel. Am Schlusse der Ferien ist er nach Leipzig abgegangen. – Die Collegien begannen für uns in den ersten Tagen dieses Monats; die wichtigsten, die ich höre, weißst du schon. Rudorfs Erbrecht war bis jetzt ganz ausgezeichnet, freilich läßt er sich im Anfange auch wieder zu viel Zeit. Auch bei Savigny hatten wir einige köstliche Stunden, als er über die Stände handelte; das Aktionenrecht giebt er leider nur sehr kurz. Doch sagen die, welche letztes Jahr seine Institu tionen hörten, er gebe jetzt alles etwas ausführlicher, als damals. Am schätzenswerthesten werden mir freilich immer seine Pandekten bleiben, deren Vorzüge mir erst jetzt bei der Repetition, besonders wenn ich sie mit den Blunt schlischen vergleiche, recht deutlich werden. Wenn die Wissenschaft der römischen Juristen in irgend einem Neuern wieder aufgelebt ist, so ist es gewiß in Savigny: die Schärfe, Klarheit, lebendige Anschauung, mit der er den ganzen klassischen Stoff durchdringt u. beherrscht, wird schwerlich ein Andrer neben ihm aufweisen können. Sehr wichtig sind mir dann auch die Vorlesungen Ranke's: die Geschichte, die vom frühsten Beginne meiner gei stigen Entwicklungen mich vor allem andern anzog, hoffe ich später zum Gegenstande eines ernstlichen Selbst studiums zu machen, u. hiezu dienen mir dieselben als treffliche Einleitung: sie eröffnen mir die richtigen Standpunkte, um das ungeheure Ganze derselben zu übersehen, üben u. schärfen meinen Blick zur Unter scheidung u. Beachtung alles Wichtigen u. Bedeutenden u. bieten mir so gewissermaßen den Rahmen dar, den ich nachher nur auszufüllen brauche. Dann höre ich ferner Gablers Logik u. beschäftigte mich auch sonst einigermaßen mit Hegel'scher Philosophie: sie intressiert mich als bedeutende Zeiterscheinung, u. ich möchte sie wenigstens kennen lernen, um darüber urtheilen zu können. Jetzt ist mein Verhältniß zu ihr noch nicht ausgemacht; doch muß ich gestehen, daß ich manche Vorurtheile, die ich früher gegen sie hatte, schon abgelegt habe. Endlich höre ich noch Hefter's Kriminalrecht, nicht ganz aus eignem, freiem Belieben, sondern wegen meiner unsichern, prekären Lage, da meine Eltern mich immer daran mahnen bald zu absolvieren (sie meinen, ich sey für Glarus bald geschickt genug), u. es so möglich wäre, daß mir nachher nur noch ein Semester | übrig bliebe, wo ich dann sonst noch genug zu hören hätte. So bin ich freilich beinahe überladen mit Collegien, glaube aber doch auf diese Weise meinen Aufenthalt in Berlin, das für allseitige Ausbildung nun doch einmal einzig bleibt, am besten benutzen zu können, wenn auch der Verdauungsprozeß meistens erst in der stillen Muße des glarner schen Philisterthums vor sich gehen wird. Ein Nachtstuhlleben führe ich hier deßhalb nicht: ich reite, turne, spiele Billard, kneipe, poussiere etc. n. c. d., bin also überhaupt außerordentlich vielseitig, doch in allen Dingen stets mäßig. Das Turnen ist mit diesem Semester in neue Aufnahme u. Blüthe gekommen; unsre Gesellschaft besteht aus Eckli, Rickenbach, Sinz, Zwicki, Aepli, G Wyß, H Meier, Wenk v. Leipzig, Bär v. Zofingen, Hünerwadel v. Lenzburg, Heim v. Genf, Burkhard jur. v. Basel, die nebst meiner Wenigkeit die ominöse Zahl von 13 Mann ausmachen. Die Schweizerkneipe hat aufgehört, ihre langweilige Existenz fortzuschleppen; wir haben sie eingehen lassen, weil diejenigen, welche sich gerne zusammenthun, dennoch nach dem Thurnen u. auch sonst oft mit einander kneipen, u. die andern doch immer mehr hindern als nützen, wenn sie dabei sind. Der Patriotismus verlangt doch wohl nicht, daß man sich in großer Zahl zusammen langweile; im bairischen Zelte, wo an den Turnabenden die meisten zu treffen sind, u. bei Ostermann, wo wieder sehr viele essen, lernt man sich als Schweizer doch kennen, u. die, welche sich an einander angezogen fühlen, halten dann um so fester zusammen. Am meisten Umgang habe ich jetzt natürlich mit Zwicki, Sinz, Aepli, Eckli, dann auch mit Rickenbach, der mir sehr wohl gefällt, u. mit Burkhard, mit dem ich in einigem wissenschaftlichem Verkehr stehe, dessen Neigungen u. Ansichten aber von den meinigen ziemlich verschieden sind. Bis jetzt habe ich den verschrieenen Sommeraufenthalt in Berlin eigentlich nicht unangenehm gefunden: der Thiergarten ist jetzt ein ganz artiger u. erfreulicher Spaziergang, auch die Theile der Stadt, wo Bäume stehen, nehmen sich ganz hübsch aus u. mit meiner Wohnung bin ich sehr wohl zufrieden.

Sehr gespannt bin ich auf den weitern Fortgang Eurer zürcherschen Angelegenheiten, besonders auf die endliche Entscheidung in Betreff der Hochschule, von der dann auch mein Entschluß hinsichtlich der Fortsetzung meiner Studien abhängt. Wird ihr ein honoriges Daseyn gefristet, so komme ich gewiß. Wenn du mich bald mit einem Briefe erfreuen willst, so bitte ich sehr, diesen Punkt ja recht ausführlich zu berühren. Indessen schließe ich mit den herzlichsten Wünschen für dein Wohlseyn.

Dein

J J Blumer.

Thüring u. Limann haben dir nachgefragt u. lassen dich grüßen. Ebenso Sinz, Eckli, Zwicki. – Die Bonnenser haben rechtes Pech, daß sie Hollwegs Prozeß nicht hören können. – Hast du Nagel noch gesehen u. was treibt er? – Empfehle mich deinen Eltern u. Dr. Keller.