Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0187 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 33 | Gagliardi, Escher, S. 43 (auszugsweise)

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Berlin, Mittwoch, 24. April 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Kunst und Kultur, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839)

Briefe

Berlin den 24ten April 1839.

Mein lieber Alfred!

Dein sehnlich erwarteter Brief1 hat mir Luft gemacht, so wenig ich übrigens an deiner glüklichen Heimkehr zweifelte & du darfst es mir nicht in Uebel nehmen, wenn ich in meiner Besorgniss schon verflossnen Sontag glaubte, es müße ein Brief für mich da sein. So lange du auf der Reise warest habe ich dir fleißig nachgerechnet, fand mich des Abends mit dir pünktlich im Nachtquartier ein & schon war es mir bange, es möchte am Abende deiner Einkehr in Belvoir peinliche Sehnsucht sich meiner bemächtigen als sich glüklicher Weise die zweite Aufführung von Robert2 einstellte & mich dan auch zu zerstreuen im Stande war. Der Fortschritt deiner Wiederherstellung ist befriedigend, wenn auch langsam; möge mit ihr auch die frühere Heiterkeit & Sorglosigkeit zurükkehren, denn dein Brief ließ mir noch nicht ganz die rechte Stimmung durch bliken, wenn ich mich so ausdrüken soll. Du findest es vielleicht sonderbar, wenn ich aus dem traurigen Berlin dessen Frühling manchem als eine Satyre auf die Schöpfung erscheinen möchte, dir Vertrauen & Muth einflöße & dennoch kann ich dich versichern ich seit langem nicht mehr so heiter & aufgeräumt war & ich für jezt keinen andern Wunsch hegte, als den, mit dir von Zeit zu Zeit eine Stunde beim belebenden Strahl der Sonne Arm in Arm in deinem reizenden väterlichen Erbtheile zuzubringen; – du müßtest mir dabey so viel Vergangenes sicher vergessen lernen. Wie ich den Winter hier ohne dich zugebracht hätte, weiß ich nicht; – aber nur zu lebhaft tritt es mir jezt vor die Seele, so vieles schöner hätte sein können. Glaube ja nicht, dein Unwohlsein die direkte Schuld davon trage, waren ja gerade die drohendsten Stunden es, die mir die willkommenste Gelegenheit gaben, die Sorge für dich mir übergeben zu sehen.3 – Du wirst mich aber verstehen wenn ich dir sage, seit deinem Scheiden, die Verhältnisse sich hier ganz anders gestalteten, alte Combinationen sich auflösten & neue sich bildeten. Stürmisch war anfangs die Witterung & unter den Linden erhob sich während mehr den zwei Wochen eine Wolke Staub an der andern; – dennoch aber trieb es mich hinaus, allein, in die stillern & heimlichern Theile des Thiergartens; – mein Trieb hat mich recht geleitet; ich fühlte wieder einmal recht die wunderbare Spannkraft des Gemüths sich regen, als müßte es eine wiedrige Last von sich werfen & an seinem Scheiden erkannte ich den Feind, der seit geraumer Zeit an meiner innern Ruhe schon genagt hatte. Frei fühle ich mich wieder von Fesseln, die mich an die Erde zu ketten suchten & meinen Flug nach oben mir streitig machten & nun erst, da ich mich von der Erde losgemacht, ist mir wieder wohl auf ihr & fühle ich mich ihr mit ganzer Seele wiedergegeben. Doch, seht den Schwärmer! ruft schon dieser, seht den bornirten Menschen! jener & seht den unpraktischen Menschen! beide miteinander; alles nur die Wiederholung dessen, was ich schon so oft über mich ergehen | lassen mußte, freilich immer von denen die meine innere tiefere Richtung gar nicht kanten, somit auch kein Urtheil über sie haben konnten; die es gewohnt sind, nur aus äussern & dazu sehr kleinlichen oberflächlichen Resultaten auf das Wesen zu schließen gleich wie man auch einst umgekehrt dem Zofingervereine zumuthete, er aus seinem bescheidnen stillen aber nur um so fruchtbareren Leben heraus trete & durch Thaten vor der Welt seine Herkunft offenbare. Wer aber bloß aus Resultaten schließt, der ist ein eben so schlechter Prophet als bloße Symptomatiker = i. e. Routiniers bekantlich schlechte Aerzte sind. So wenig ich mein Urtheil darnach fälle, ob ich gute oder schlechte Werke von einem sehe, sondern ihm selbst in seinem Entwiklungsgange & den Umständen welche ihn auf mannigfache Weise dabey begleiten, zu folgen strebe, eben so wenig sehe ich bloß darauf, was einer in diesem oder jenem Gebiete schon geleistet & noch leiste, sondern die Hauptsache ist mir, welche Tendenz er verfolge, wie diese Tendenz aus seinem Charakter hervor gehe & wie dieser wiederum aus dem innersten seines Wesens, aus dem ursprünglichsten das er besizt & dem alles geistige Leben entkeimt, ich sage wie dieser Charakter aus dem Grunde seines Gemüthes sich entwikelt. Hier aber ist gerade der Punkt, worin ich mit sovielen, welche andere Verhältnisse mir näher gestellt, in den schärfsten Wiederspruch trete, ähnliche äussere Bestrebungen uns räumlich zusammenführen, innere Tendenz aber eine nur um so größere Kluft veranlassen. Doch lasse ich hier gerne für mich einen Mann sprechen, der als volle Autorität gelten kann, wo es sich um Weltkenntniss & reichhaltige Foschrung handelt. In einer schönen Abhandlung, die der rüstige Ancillon4 noch 1830 vor öffentlicher Sitzung der Akademie über das Verhältniss des Idealen & der Wirklichkeit hielt. – «Daß es Pflichten giebt, welche die Menschen uns nicht auferlegt haben, es Rechte giebt, die wir nicht erschaffen, ; – das Gute nur in der Heilighaltung beider zu suchen & zu finden sei; – die Freiheit & das sie bindende ewige Gesetz, das Höchste im Menschen seie; – eine ungetrübte, reine, vollendete & dauerhafte Glükseligkeit irgendwo ihren Sitz haben müße; – diese Ueberzeugungen sind tief eingewurzelt in der menschlichen Natur; – sie waren zu allen Seiten die charakteristischen, wesentlichen Zeichen der Menschheit. Diese ursprüngliche Ideen schweben uns immer vor, wie ewige Sterne in der Finsterniß des Lebens; – manchmal verdunkelt, öfters unbeachtet, leuchten sie uns doch immer wieder. Die Bessern machen sie zum Ziel ihres Strebens, zum Hauptzwek ihres Daseins; sie trachten stets, ihre Grundsätze, ihre Gefühle, ihre Handlungen, ja die äussere Welt diesen Ideen gemäß zu gestalten. Es gelingt ihnen nie ganz & nur auf eine sehr unvollkommene Weise; in wenigen glänzenden Momenten schlagen ihre Versuche nicht fehl. Aber sie lassen in ihren Anstrengungen nicht nach & fangen immer das göttliche Werk von vorne an. Wenn sie sich auch des Erfolgs nur selten erfreuen, so freuen sie sich doch ihres edlen Wollens & ihres schönen Eifers. – Die ungebildeten, gemeinen, sinnlichen Menschen sind zwar dieser großartigen Tendenz mehr oder weniger fremd & versuchen es nicht einmal, diesen ewigen Ideen nachzuleben, aber sie können sich doch | nicht der Ueberzeugung erwehren, sie es sollten; – es ist ihnen nicht gegeben, diese Ueberzeugung ganz abzustreifen, das heilige Feuer in ihrem Busen ganz auszulöschen; – es steht ihnen nicht frei, die Realität dieser Ideale zu verleugnen & wenn sie es versuchen, so zeiht sie der Lüge eine innere Stimme.» – Glaube nun ja nicht, ich die Roheit begehen könnte, die einen von denen mit denen ich nähern Umgang pflog in diesen, die andern in jenen Topf sammt & sonders zu werfen. Das jüngste Gericht ist so recht zum Heile des ungebildeten Theiles im Volke berechnet, je vernünftiger & gebildeter einer ist, um so weniger sagt ihm diese Idee zu & noch um so weniger könnte es mir einfallen & fände ich mich überhaupt berechtigt ein solches zu halten. Noch schlimmer aber wäre ich daran, wenn ich mein Urtheil rechtfertigen, wenn ich wie es gewöhnlich heißt Beweise dafür herbringen sollte. Auf Worte gebe ich wenig, auf Werke nicht alles; denn auch das Böse muß das Gute thun & thut es um des Bösen willen; – daher auch die bedeutungsvollen Worte, die Göthe5 seinem Mephistopheles in den Mund legt: «Ich bin ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will & stets das Gute schafft.»6 – Hier kann ich dir nur sagen, die Umstände manchem mich näher gebracht als ich es wünschte & so vieles, was ich in weiterer Ferne sehr gerne um mich litt, in der Nähe seinen Zauber für mich verlor; – obwohl ich nicht einen wüßte, den ich zu meinem Feinde zählen könnte, kann ich eben so unmöglich mehrern & so verschiedenartigen Naturen mich in gleicher Innigkeit anschließen. Es war mir, offen herausgesagt, so vieles in tiefster Seele zuwieder, das ich doch mitmachen mußte um mich nicht als Sonderling zu isoliren oder gar den unfruchtbarsten Streit von der Welt hervorzurufen. Nun da frühere Verhältnisse wieder eingetretten sind, ergehe ich mich wieder mit den nemlichen in Lust & Scherz, genieße mehr wie je besonders des Abends der Zerstreuung, bin überhaupt wieder so lebensfroh geworden als hätte ich einen ekelhaften Ballast von mir geworfen. – Was ist es dan aber, mich bestimmt so & so zu handeln, ist es nicht Willkühr die mich zu Urtheilen verleitet, deren Wahrheit ich vor der Welt nicht beweisen kann. – Ich muß dich mein lieber Alfred auf vergangnes leiten, um dir deutlicher zu werden. Zwei Jahre sind es wir zusammentrafen; – versetze dich ein wenig in jene Zeit mit mir. Glaubst du, es der Worte von dir bedurfte, ja ich über dich selbst irgend etwas näheres wußte um mich dir zu nähern. Oh gewiß nicht; – und soviel wußte ich, ich dem schon längst angehöre, was aus dir so lebhaft für dich sprach. Und als, gerade zu der Zeit, da es hieß du hättest im Sinne in den Zofingerverein zu tretten, viel schlimmes über dich im Umlauf war ja als selbst die edelsten Zofinger, unter anderm Wolf7 nicht wußten was sie von dir zu halten hätten & solche Worte vor offnem Vereine ausgesprochen wurden, Worte deren Wahrheit mit Abscheu gegen dich mich hätten erfüllen müßen, sage mein Alfred, hatte ich da Beweise für dich? & dennoch, habe ich dich gerade damals je einen Augenblik aufgegeben, befestigte sich unser Bund nicht eben im Verlaufe dieser Periode am meisten? Mein Gemüth hatte damals auch seinen Kampf mit der Aussenwelt zu bestehen; – so oft schon hatte es mir meinen Weg gezeigt, eben so schnell, ebenso sicher beim ersten Zusammentreffen meinen Freund mir zugebracht & dieses einemal, wo es gerade um so lebhafter auf mich einwirkte als es von außen Wiederstand fand, dieses einemal hätte es mich irre geleitet? Hätte ich nicht nur an dir, sondern nicht auch an mir selber verzweifeln, den Führer meines frohen Lebens, den Schutzgeist meiner Jugend aufgeben müßen! Daher forsche in Bezug auf andere nicht weiter nach, bei dir selber aber laß mich noch einen Augenblik verweilen; sind uns doch die Augenblike gezählt & kaum hinreichend, um uns über das Heiligste, was uns gegenseitig berührt zu besprechen. | Wie gerne spreche ich wieder einmal unter vier Augen mit dir, zumal wenn es Lebensfragen zwischen du & ich betrifft; – besser ist es, dem unvermeidlichen offen & frisch in die Augen zu sehen als durch Gleichgültigkeit es unabänderlich zu machen. So kann ich dir dann auch Besorgnisse nicht verbergen, die mir sowohl Beziehung haben auf unser Verhältniss wie unser beider Lebensglük; – ich halte es für umsoweniger rathsam sie zu umgehen als dir selbst gewiss, wenigstens ähnliche auftauchen mußten. sich in unser beiderseitigen Entwiklung manches geändert, besonders seitdem wir uns in Zürich von einander getrennt, davon haben sich diesen Winter nur zu oft die Folgen gezeigt wie es sich auch gezeigt hat, wir uns über diesen Punkt nie recht mit einander verständigen konnten. So viel ist indessen klar, sich bei dir Verstand & Gemüth schärfer, scheinbar selbständig gesondert entwikelten & wie du selbst es ja gestehst, in immer entschiednern Gegensatz zu einander getretten sind, während bei mir umgekehrt beide sich wieder genähert haben um einander wechselseitig zu durchdringen & vereint zu höherer Ausbildung sich zu erheben. Du weißt, wie ich in den schneidendsten Wiederspruch mit dir gerieth, wenn du den Verstand allein in Dingen geltend machen wolltest, wo es sich nicht um bloße Form wie z. B. in d. Mathematik sondern auch um d. Inhalt wie b. Ansichten über Natur, Philosophie etc handelte. Du weißt aber auch wie herrlich ich mich mit dir zurecht fand, wenn du in gemüthlicher Stimmung warest & wie wir uns so gut miteinander verständigten wenn es uns nicht um bloßen eigensinnigen Streit zu thun war, sondern wo wir selbst ruhiges aber eifriges Interesse an der Sache nahmen & wo dan doch immer der Verstand sein Recht so gut behielt wie das Gemüth & keineswegs vernachlässigt wurde. Erfüllte mich jener mit Unruhe, so beruhigte mich dieses hinwieder wie ich überhaupt sah, alle deine Handlungen immer weit mehr den Stempel der leztern Stimmung an sich trugen, obwohl ich mir den Einfluß des erstern doch auch nicht verhehlen konnte. So sehr es mich freu en würde, dir den Anstoß zur Versöhnung dieser beiden Richtungen geben zu können, so unmöglich ist es mir, da dieser sich von selbst finden muß & mich gerne zufrieden gebe wenn nur die erstere nicht das Uebergewicht erhält & in ordentlicher Spannung von seinem Gegengewichte gehalten wird. Aber hier ist eben der Standpunkt von dem aus ich mit banger Sorge der weitern Entwiklung dieses Verhältnisses entgegensehe. – Ich brauche dir nicht zu sagen wie das Gemüth das ursprünglich im Menschen ist, wie erst mit der Entwiklung der Sinnesthätigkeit, dadurch dß der Mensch mit der Aussenwelt in Berührung tritt der Verstand zu funktioniren beginnt, – wie aber immer alles Schöne, Gute & Edle nur in dem Gemüthe wurzelt, dem Elemente aus dem als dem tiefen, dem dunklen Grund alles geistige Leben sich entwikelt, so ist es auch immer in späterer Zeit, das was dem Wesen des Menschen am nächsten liegt. Glüklich der Mensch, dem die Aussenwelt Stoff zur innern Befestigung darreicht, dessen Verstand nur dazu dient um den Kern seines Wesens zu vergrößern & dessen Wirksamkeit zu erweitern. Unglüklich aber der, dessen Verstand von seinem Erzeuger sich loszureißen, ja diesen selbst sich zu unterwerfen unterfängt, mit roher, eisiger Hand die heiligsten Bande welche den Menschen in seines Gemüthes Einfachheit & reinem Glauben an den Schöpfer ketten, zu zerreißen strebt um seinem Unfrieden, seinen unersättlichen Begierden nach dem gemeinen & niedrigen dafür einen Wohnsitz zu errichten. So einfach das Gemüth ist, um so wenig bedarf es um für sich einzunehmen. Nicht einmahl der Worte, denn für sie spricht tausendmal besser das innere Leben wie es aus dem reinen glänzenden Auge hervorsprüht. Dagegen der Verstand um seine Mittel zwar auch nicht verlegen ist, aber doch der unausgesezten Mühe bedarf um sie zusammenzubringen er kennt seine Blendwerke & zumal weiß er unter dem Gewande des Witzes den einträglichsten Schleichhandel zu treiben. «Das Unbedeutende, Gemeine, Rohe, Häßliche, Ungesittete wird durch Witz allein gesellschaftsfähig; es ist gleichsam nur um des Witzes willen.» ( Novalis8. ) Es das isolirt ist & von dem Wesen dem es ursprünglich zu dienen berufen ist, sich losgerissen hat, muß es nicht von vornherein der Egoismus selber sein, gleichsam ein eigner Schöpfer in der großen Schöpfung, ihr Feind & sein Sinnen & Trachten auf deren Zerstörung ausgehend. Doch ich bin etwas vom Wege abgekommen & der Raum drängt mich, mich kürzer zu fassen. Ich wollte dich aufmerksam machen, wie erst mit der Zeit der Verstand sich entwikelt, wie er immer mehr Umfang & Breite zu gewinnen sucht; – noch hältst du ihm glüklich die Wage, wirst du sie aber immer halten, auch wenn die Zeit vorrükt, wenn | nicht mehr so mächtig das Blut in den Adern rollt, auf [...?] Verhältnisse hinzutretten, der Mensch von der ihn umgebenden Welt vielfach angeführt & die schönsten Hoffnungen seiner Jugend zernichtet werden. Gott wohin komme ich; noch halte ich dich fest, mein Herzensalfred bist du noch, aber bange ist es mir doch vor dem Urtheilsspruche den du selbst lezten Sommer in einem Briefe9 an mich gefällt: «So Freund betrachte ich unsere Freundschaft, den Weg zum Himmel haben wir aus freien Stücken eingeschlagen, wir fanden uns auf demselben, wir wanderten treulich die Eine Bahn, aber wenn einer von der Bahn abweichen würde, so dürfte ihm der andere nicht folgen; – da hört die Freundschaft auf, denn dem Himmel treu zu sein, ist eine höhere Pflicht. Wer schaudert aber nicht vor dem Abgrunde in den man stürzt, wenn man den Himmel & den Freund verloren»! – Doch, nun lasse mich zu freudigern Erwartungen übergehen, den neue belebende Strahlen der Hoffnung sind mir auch aufgegangen. So kann ich dir nicht sagen, wie wohl es mir für dich ist, dich wieder in dem Schooße der Deinen zu wissen, wo ich dich aus mehrern Gründen doch für viel besser aufgehoben halte als in unserer Mitte. Du warest nicht glüklich & ich für mich konnte mich bei deiner Lage auch nicht dafür halten. Möge deine jetzige Lage dein Gemüth wieder stärken & du umgeben von der schönen Natur zu neuem Leben erwachen. Wenn ich um einen Punkt dich beneide, so ist es der des häuslichen Glükes, des Umganges mit so zarten & nahestehenden Wesen, dessen Entbehrung mir wohl am schmerzlichsten fällt, obwohl ich dieses Genusses niemals in seiner Vollkommenheit mich erfreuen durfte. Dann aber würde es in mir neue Hoffnung erweken, wenn du wirklich dem Rationalismus deiner jetzigen Studien ein Gegengewicht durch das Studium der Natur setzen wolltest. Aber ein Gegengewicht müßtest du setzen; ich brauche dir nicht zu sagen wie du die Natur zu betrachten habest; nimm sie wie sie sich von jeher dir gegeben, mit reinem Sinn, je poetischer nicht aber phantastischer, um so besser; – vor allem aber lasse den Rationalismus bei Seite, er führt um keinen Schritt weiter. Er legt sein Messer an die todte Natur, ihr Leben aber vermag er nimmer zu verstehen. Ein bloßer Blik auf d. Geschichte der Philosophie zeigt, wer die Naturwissenschaft gefördert & wer nicht. Hat es die kritische Schule gethan! gewiß sehr wenig in Vergleich zu andern; – wie sehr dagegen ihr großer Gegner Herder10 in seinen: Ideen etc.11 Hat sie die Hegelsche Schule (ob Hegel12 selbst?) gefördert? wie wäre es möglich, sie die den Menschen zum Gott, die Natur zu einer Maschine bloßer reiner Nothwendigkeit macht & das freie Wirken eines freien Schöpfers in der Natur verkennt? oder haben es nicht vielmehr die gethan, in denen Schelling13 den tiefsten Gedanken, den die neuere Aera geschaffen, entzündet & die selbständig um das unermessliche Reich zu ordnen & dem von Wissenstriebe glühenden Sinne zu öffnen unternommen haben, worunter ich dir die edelsten Namen nennen darf wie Schelling selbst, v. Humboldt14, Schubert15, Oken16, Steffens17, Burdach18, Carus19 & soviele andere. Doch auch hier sind gewaltige Klippen zu umgehen & Frivolität & Mystizismus sind es, die so viele herrlich aufkeimende Kräfte in sich verschlungen haben. –

Hr. Professor Ritter20, den ich dieser Tage besuchte, läßt dich freundlichst grüßen & dir sehr danken für deine lezte Freundschaftsbezeugung. Er verreist erst im Juni nach d. Vogesen, Apenninen & Unteritalien. – Zu Herrn Doktor Mitscherlich21 werde ich heute Abend noch gehen. – Die Vorlesungen sind bereits alle angekündigt, & die ersten der Meinigen beginnen zu meinem Vergnügen schon den zweiten Mai. – Von hier bin ich bisher keinen Schritt fortgekommen, sodß ich ordentlich dem Sommer vorgearbeitet habe. – Wahrscheinlich werde ich mit Hr. Meier22 um Pfingsten nach Potsdam gehen. Mit meinen Leuten bin ich ausserordentlich wohl zufrieden; mein Philister23 hat mir bereits von seinem ächt [ba...?schen?] Flaschenbiere à 2 sgr. zu kosten gegeben was ich diesen Sommer wohl brauchen kann. Blumer läßt dich grüßen, wie Zwiki, der mir ein kurioses Leben führt, immer zu Hause, Skrupel etc. Obwohl ich ihn seit deinem Abschiede gleich Anfangs einmal besuchte, ward mir doch noch nie ein Gegenbesuch zu Theil; – die Verletzung des Anstandes läge demnach nicht auf meiner Seite. Im Theater that mir eine Vorstellung v. Faust geistig sehr wohl. Seidelmann24 als Mephistopheles & Clara Stich25 als Gretchen waren wie immer gleich gut. Die trefflichsten Szenen, Schülerszene, die im Weinkeller & die in Gretchens Kerker. D. Orchester war vollständig besezt & die begleitende Musik sehr schön. Das Ballet Don Quixote ist wirklich so reichhaltig ausgestattet einem vor Sinnenzauber hören & sehen vergehen möchte. – Mit G. Wyss26 & Heinr. Meier vertrage ich mich sehr gut, mit ersterm habe ich im Billard schon ordentliche Fortschritte gemacht. –|

Grüße mir die Deinen recht herzlich. Sage der lieben Mamma & deiner guten Schwester, ich die Theilnahme die sie mir diesen Winter erwiesen noch nicht vergessen habe! Dein guter Papa hatte die Güte den Brief zu frankiren, welches Anerbieten ich nicht verschmähe & ich freilich nicht anders als durch fleißigen Besuch dankbar erwiedern kann. Auch den lieben Hr. Professor27 den du wohl öfter siehst grüße mir recht freundlich. Erspare mir für diesmal Urtheile über die Straussens28; – nur das will ich noch sagen, sollte, wie es wahrscheinlich ist, auch die Hochschule nicht aufgehoben werden, mir doch in Bezug auf meine Person von hier aus, schon ziemlich die Gewissheit gegeben ist, ich meinen Studienplan wieder werde ändern müßen. Die bestimmte Vokation an Schönlein29 ist vor einigen Tagen abgegangen & dazu, wie Dieffenbach30 versichert, aus Anlass von einem indirekten Schreiben von Schönlein selbst. – Gehe es aber wie es wolle, baue & vertraue auf mich & nur auf das nicht, du mich je mit einem Briefe in Verlegenheit setzen werdest.

Dein

Carl Sinz.

Ich darf dich wohl mit dem innliegenden Briefe31 beladen?

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 «Robert der Teufel» , von Giacomo Meyerbeer (1791–1864) komponierte und 1831 uraufgeführte Oper.

3Sinz leistete Escher während dessen Krankheit oft Gesellschaft, fühlte sich dabei aber unwohl, da in Eschers Zimmer oft viele Leute ein und aus gingen und sie sich kaum in Ruhe unterhalten konnten. Besonders störte sich Sinz jeweils an der Anwesenheit des Mediziners Christoph Streiff, dessen Einstellung zur Wissenschaft und dessen Charakter ihm zuwider waren. Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 2. Juni 1839.

4 Johann Peter Friedrich Ancillon (1767–1837), Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin (ab 1805), Anstellung im preussischen Ministerium des Auswärtigen (ab 1814), Minister des Auswärtigen (1832–1837).

5 Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), deutscher Dichter.

6 Goethe, Faust I, 6. Vgl. Projekt Gutenberg online.

7 Johannes Wolf (1813–1839), von Zürich, verstorbener Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 8.

8 Friedrich von Hardenberg (1772–1801), genannt Novalis, deutscher Dichter und Philosoph.

9Brief nicht ermittelt.

10 Johann Gottfried Herder (1744–1803), deutscher Theologe, Philosoph, Dichter, Kunst- und Literaturtheoretiker.

11 Vgl. Herder, Ideen.

12 Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), ordentlicher Professor für Philosophie an den Universitäten Heidelberg (1816–1818) und Berlin (1818–1831).

13 Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775–1854), ordentlicher Professor für Philosophie an der Universität München.

14 Alexander von Humboldt (1769–1859), preussischer Naturforscher und Forschungsreisender.

15 Gotthilf Heinrich Schubert (1780–1860), ordentlicher Professor für allgemeine Naturgeschichte an der Universität München.

16 Lorenz Oken (1779–1851), ordentlicher Professor für Naturgeschichte, Naturphilosophie und Physiologie des Menschen an der Universität Zürich.

17 Henrich Steffens (1773–1845), ordentlicher Professor für Naturphilosophie, Anthropologie und Religionsphilosophie an der Universität Berlin.

18 Karl Friedrich Burdach (1776–1847), Professor für Anatomie an der Universität Königsberg i. Pr.

19 Carl Gustav Carus (1789–1869), königlich sächsischer Leibarzt, Hof- und Medizinalrat und Professor für Frauenheilkunde an der chirurgisch-medizinischen Akademie in Dresden.

20 Carl Ritter (1779–1859), ordentlicher Professor für Erd-, Länder-, Völker- und Staatenkunde an der Universität Berlin.

21 Karl Gustav Mitscherlich (1805–1871), Arzt und Privatdozent für Arzneimittellehre an der Universität Berlin.

22 Heinrich Meyer (1817–1896), von Zürich, Philosophie- und Rechtsstudent.

23Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

24 Karl Seydelmann (1793–1843), schlesischer Schauspieler.

25 Clara Stich (1820–1862), preussische Schauspielerin, Tochter Auguste Crelingers.

26 Georg von Wyss (1816–1893), von Zürich, Student der philosophischen Fakultät. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 15. Juni 1835, Fussnote 6.

27Gemeint ist vermutlich Oswald Heer.

28Als «Strausse » wurden die Befürworter der Berufung des umstrittenen Theologen David Friedrich Strauss auf den Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Zürich bezeichnet. Die Hochschulmotion von Regierungsrat Bürgi: Alfred Eschers erstes öffentliches Hervortreten (1839).

29 Johann Lukas Schönlein (1793–1864), ordentlicher Professor für Pathologie, Therapie und medizinische Klinik an der Universität Zürich. – Schönlein nahm die Berufung nach Berlin am 2. Juli 1839 an; der Antritt des Amtes erfolgte auf Ostern 1840. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 444–446.

30 Johann Friedrich Dieffenbach (1792–1847), ausserordentlicher Professor der Medizin an der Universität Berlin.

31Brief nicht ermittelt.