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Korrespondenz: Alfred Escher – Daniel Ecklin

AES B0182 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#180*

Daniel Ecklin an Alfred Escher, Basel, Freitag, 1. März 1839

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge

Briefe

Basel den 1ten Merz 1839.

Mit diesen letzten Zeilen, die du, m. Theurer, in Berlin von mir erhältst, bezeuge ich dir vor Allem meine herzliche Freude über deine Wiedergenesung. Freilich weilt in derselben Herberge des Herzens noch ein anderer Gast, der ebenfalls seine Ansprüche, sein älteres Recht geltend macht, u. der Wirth darf u. will es mit keinem verderben. Seltsames Begegnen von Freude u. Schmerz in meiner Behausung! Du wirst es begreifen, wenn ich nie mehr den Gram der zerstörten Hoffnung vergessen werde, und doch nicht zweifeln, daß die Nachricht von deiner Wiedergenesung einen schweren Stein von meiner Brust gewälzt, daß der Freude schönstes u. reinstes Licht wieder in mein Inneres durchgedrungen, u. ihr milder Wiederschein mein ganzes Wesen erhellt. Dss Doppelgefühl von Lust u. Schmerz hat Riggenbach auf eine so wohlthuende Weise geahnt; er brachte mir nicht nur die freudige Botschaft deiner Wiedergenesung – sondern auch Trost, dessen ich so sehr bedurfte, einen Trost, der deiner so würdig war. Zwar denke ich unwillkürlich an Roller in Schillers Räubern, da er schnurgerade vom Galgen kam, da er dem Hauptmann Luft, Leben u. Freiheit verdankte, u. in der Aufwallung seiner Dankgefühle seiner aufs Höchste gesteigerten Liebe keine andern Worte zu geben wußte, als: «Moor! Moor! möchtest du bald auch in Pfeffer gerathen, daß ich dir Gleiches mit Gleichem vergelten kann», zwar denke ich an alles dies, aber mein Wunsch kann es doch nicht sein. Verstumme, dankbares Herz! Ewige Erinnerung sei mein Dank. – Wie ich vernahm, so ist schon ein Wagen unterwegs, wahrscheinlich schon angekommen, der dich u. meine Hoffnung entführen wird, zurück in die liebe Heimath, zurück in die Arme deiner geliebten Familie.

Was du so lang erhofft, wann es nun endlich kam,
Wie schnell ist es vorbei, u. ewig bleibt der Gram,
Daß es nie wiederkommt, weil's da nun einmal war;
Doch sterbend läßt es dir ein Kind, das es gebar:
Ein neues Hoffen, das zu seiner Zeit gebiert
Ein neues wieder u. sein Leben dran verliert.
Das sind die Hoffnungen, verloren wie geboren,
Durch die uns unvermerkt das Leben geht verloren.
Das sind die Hoffnungen, geboren wie verloren,
Durch die das Menschenherz ist immer neu geboren. –

Wie wahr! Wie aus der Seele gesprochen! Ewige Unruhe um sich Ruhe zu schaffen! Ewiges Sehnen | und endloses Ziel! Heißhunger nach Glückseligkeit u. keine Befriedigung! Alles gibt nur der Augenblick u. der folgende verschlingt den vorigen, wie eine Welle die andere. Vor uns stets das Ideal einer unerreichten Vollkommenheit – Kampf für Wahrheit u. Recht – freudige Umarmung des Gefundenen, aber je weiter wir vordringen, je weiter tritt das Ideal zurück, u. die Wahrheit war nur Wahrheit für den Augenblick. Ein anderer Tag ein anderer Mensch; Was gestern Wahrheit war, ist heute Irrthum. – Heute «Hosianna» u. morgen: «kreuzige». –

Was ist unwandelbar als Wahrheit ausgemacht?
Von Allem Nichts fürwahr, was Menschenwitz erdacht.
Die Wunder der Natur, die Thaten der Geschichte,
Erscheinen jeden Tag dem Geist in neuem Lichte.
Wie dort Erscheinungen und hier Ereignisse,
So wechseln Meinungen und Überzeugnisse,
Glaubensbekenntnisse und Wissenschaftsgebäude,
Des ewig wandelnden Weltgeistes Spiel und Freude.
Du aber laß, was ihn erfreut, dich nicht betrüben!
Er spielt sein Spiel mit dir, um deine Kraft zu üben.
Wo ihn dein Ringen hat mit geist'ger Form gebunden,
Da hast du Wahrheit für den Augenblick gefunden. «Rückerts Lehrgedicht». –

Was bleibt uns denn? – «Unaufhaltsam enteilet die Zeit,» Sie sucht das beständ'ge,
Sei getreu, u. du legst ew'ge Fesseln ihr an. –

So, mein theurer Alfred, treu wollen wir sein, ein Jeder sich selbst u. wir bleiben einander getreu, mag auch der Zeit u. des Raums nur allzuviel zwischen uns hinein sich drängen. Jetzt gilts, sich in das Unabänderliche zu schicken, sich mit Schild u Panzer zu bewaffnen. Gern hätte ich auf die Stimme der Hoffnung noch ferner gelauscht – das Schicksal will es anders – darum männlich u fest, mit trockenen Augen der Zukunft entgegengeschaut! – Ich gedenke, in der 2ten Woche nach Ostern von hier abzureisen; meine Route wird ungefähr diese sein: FreiburgStraßburgMannheimHeidelbergMainzFrankfurtLeipzigBerlin. – Möchtest du nur recht zur Gesundheit erstarken; das Bewußtsein dich gesund u. wohl zu wissen wird stets der beste Balsam sein für den Schmerz der Sehnsucht. Nur zweierlei möchte ich hier noch berühren, u. dann will ich deine Augen nicht weiter anstrengen. – Du wirst ohne Zweifel wissen, daß unser vielgeliebter Wolf unsere Mitte für immer verlassen hat. Sein Tod erschütterte hier u. allerwärts, wo Zofinger sind, die Gemüther. Es ist der erste Todesfall, der mich so nahe angeht, so sehr ergriffen hat. | Nicht grauser, nein freundlicher erscheint mir nunmehr der Tod, u. wenn ich je demselben heiter ins Angesicht gesehen habe, so ist es jetzt. Mag nun die Todesstunde für mich schlagen, wenn es Gott gefällt, einem Freunde, einem Führer, einem Todesengel wie unser Wolf folge ich gerne. Nein, eher zittere ich vor dem Gedanken, wenn es mir sollte beschieden sein, einzig von den wenigen Freunden, die meines Lebens Wonne sind, zurückzubleiben. Laßt uns darum Glaube, Liebe, Hoffnung in unsern Herzen aufrecht erhalten! Der Geist unseres seligen Freundes wird nie von uns weichen, wird stets uns beleben und stärken, wird auch im letzten Todeskampfe uns freundlich zur Seite stehen. Das Vaterland hat viel verloren um ihn, doch rufe ich ihm tröstend zu: «Mag auch das Haus zerfallen, Was hat's denn für Noth? Der Geist bleibt bei uns Allen Und unsre Burg ist Gott. O, daß es uns vergönnt wäre, vereint seine Todtenfeier zu feiern!» – Nur noch Eins; es wird deinem um Wolf betäubten Herzen wohlthun: Fritz Isenschmid, dem ich dein misgeschick gleich gemeldet habe, läßt dich herzlich grüßen. - Welchen Antheil er an deinem Leiden genommen, das sagt dir dein eigenes Herz. - Er ist jetzt in Kallnach bei seinem Vater, in dessen Fußstapfen er zu treten gedenkt – Er fühlt sich glücklich in seinem Berufe, der so ganz mit seiner Neigung übereinstimmt. –

Nun leb wohl, mein Theurer! Die ersten Zeilen, die ich künftig von dir wieder erhalte, werde ich mit Jubel begrüßen, als Boten deiner völligen Herstellung. Feurig umarmt dich

Dein

treuer Ecklin –

Viele Grüße von Biedermann u. Oeri, u. Theod. Meyer an dich u. Riggenbach. –