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Korrespondenz: Alfred Escher, Johann Jakob Blumer – Johannes Stückelberger

AES B0181 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#479*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 31 | Jung, Aufbruch, S. 164 (auszugsweise)

Johannes Stückelberger an Alfred Escher und Johann Jakob Blumer, Bonn, Donnerstag, 14. Februar 1839

Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Bonn d. 14t Februar 1839.

Lieber Escher u. Blumer,

Es war mir schon längst ein angenehmer Gedanke, mich ein wenig mit Euch, l. Leute, zu unterhalten; daß es erst jezt, gegen Ende des Semesters geschieht, rührt theils von einer gewissen Scheu her, Euch beschwerlich zu fallen, theils aber auch, wie ich nicht läugnen darf, aus einer nicht zu entschuldigenden Nachläßigkeit. – Indeßen sehe ich mich jezt durch Mehreres veranlaßt, die Feder zu ergreifen; allein diese Veranlaßungen sind zum Theil der Art, daß ich lieber wollte, sie hätten sich nicht dargeboten. Zu diesen gehört denn Deine Krankheit1, l. Escher; wir hatten zwar von einem Augenübel gehört, wovon Du behaftet seist, aber erst Dein lezte Woche angekommener Brief2 machte uns mit der wahren Sachlage bekannt. Du bist gewiß unsrer innigsten Theilnahme schon versichert, so daß ich darüber keine Worte zu verlieren brauche; gern würden wir sie Dir thätlich beweisen u. bewiesen haben, wenn es auch nur darin bestanden hätte, daß wir Dich besuchen u. Dir die lange Zeit u. langweilige Zeit in etwa wenigstens hätten vertreiben können. So Gott will, ist nun die zweite Operation auch glücklich vorüber, u. Deine Krankheit ihrem endlichen Ende nahe. – Eine andere nicht minder traurige Veranlassung ist auch eine Krankheit, die Euch mit großer Sorge erfüllen muß. Wolff3 nämlich liegt seit 8 Tagen am schrecklichen Nervenfieber darnieder.4 Ihr vergönnt mir gewiß gerne, nicht lange Euch den sehr unregelmäßigen Gang der Krankheit auseinanderzusetzen; ohnedieß ist mein Kopf, mein ganzes Wesen so davon angefüllt, daß ich oft nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Es sei Euch genug, ja nur viel zu viel, daß man alle Ursache hat, um den l. Freund sehr besorgt zu sein. Er ist nicht in der Klinik, sondern wird von Dr Wolf5 behandelt, welcher selbst nach dem Urtheil von Profeßoren, die Nasse6 sehr nahestehen, diesem gleichsteht, wenn er ihn nicht übertrifft. Die ihm zu Theil werdende Pflege läßt eigentlich nichts zu wünschen übrig. Nachts bewachen ihn immer 2, ja 3 von uns; ich darf leider das nicht, u. muß mich begnügen, bei Tage hie u. da meine schwachen Dienstleistungen anzubringen. Er ist selten beim Bewußtsein, u. war besonders vergangene Nacht sehr unruhig, so daß der starke Pölchau ihn nicht allein meistern konnte, natürlich auch deßwegen, weil man bei aller Gewalt alle mögliche Sorgfalt anwenden muß. – Laße ihn Gott uns u. seiner tief betrübten Familie am Leben! – Ich bin froh, nun zu etwas Anderm übergehen zu können. |

Vor Allem Andern von Pölchau; dieser ist immer noch derselbe liebe u. liebenswürdige, – er hat sich enger an uns, u. wir uns enger an ihn angeschloßen. Wir, besonders Linder7 u. ich, sind viel mit ihm zusammen; bald trinken wir mit ihm, bald er mit uns Thee, wobei gewöhnlich noch Andere, am häufigsten Käser8 sich auch einfindet. – Doch muß ich Euch was von ihm erzählen, das Euch sehr staunen machen wird: – ich war wenige Tage der Weihnachtferien zu Neuwied ; als ich von da zurückkam u. ihn gleich besuchte, erzählte er mir, wie er nach einer herrlich verbrachten Christnacht bei Herrn Hollweg am Weihnachtsabend mit seinem Stubenburschen Engel9, einem äußerst «netten Kerl» zusammensaß. Er dachte an nichts weniger als an das, daß die in seinem Hause wohnenden Westphalen Ulk anfangen würden; indeßen kamen eine Maße in sein Zimmer toll u. voll, lärmten pp. und 3 von ihnen brummten ihm einen dummen Jungen auf, u. verließen ihn wieder. Den folgenden Tag deprecirten 2 davon feierlich; der 3te aber wollte es auf wiederholtes Bitten nicht thun – u. Polkhahn ließ ihn auf einen Gang (¼ Stunde) mit Schlägern fordern. P. war u. blieb die ganze Zeit bis zum Losgehen immer herzhaft, u. nichts konnte ihn irgendwie beunruhigen, als höchstens das, daß das Duelliren so ganz gegen seine Prinzipien streitet; – indeßen war die Beleidigung zu groß, als daß er sie ignoriren zu können glaubte; auch Herr u. Prof Hollweg, dem er die Geschichte mittheilte, wußte ihm weiter nichts zu rathen. – Den bestimmten Tag war ich erstaunlich unruhig u. bange – aber welche Freude – als er mir Abends nach dem Colleg wartete, u. mir meldete, welchen famosen Schmiß er dem Kerl beigebracht hatte, – merkwürdiger Weise fing der Schmiß beim linken Ohr an, streifte die Nase u. ging quer über das böse Maul. – Ihr macht Euch übrigens keinen Begriff, wie groß die Maße von Paukereien ist, die diesen Winter vorgefallen sind; – seit einigen Wochen hat das Unwesen nachgelaßen, weil man die Paukanten abfaßt. Nach einer ungefehren Rechnung fallen auf den Tag 3 Duelle – u. das dauerte von Anfang des Semesters bis etwa Mitte Januar. – Es sind nun auch einige Studio excludirt worden, auch der von P. Angesch....., welcher vor Gericht sagte, es wäre ihm bei einem Sturm ein Ziegel aufs Gesicht gefallen; – ebenso Lohde10 (oder wie er heißt) Senior der Rhenanen; der 3 Schmiße auf der linken Backe hat; den einen habe er von Räubern, die ihn zwischen Cöln u. Düsseldorf angefallen hätten; den andern vom Rasirmeßer pp. – Heute wurden 6 Borußen consilirt u. 2 relegirt – u. alle Chorbursche mußten das Consilium unterschreiben. – Aus diesem Gebiete gäbe es noch gar Manches zu erzählen, aber es würde Euch nur ennuiren. –

Ich möchte Euch gerne Wißenschaftliches mittheilen – aber unsere Fächer sind so verschieden, daß ich nicht wüßte, was Euch intereßiren könnte. Pölchau läßt Dir. l. E., folgendes sagen: er danke Dir einstweilen herzlich für Deinen Brief – werde Dir nach Zürich schreiben – Hollweg lese Civilprozeß u. Maurenbrecher11 Erbrecht – u. freue sich sehr auf Deine Freunde – Wyss12 (glaube ich? heißen sie?) – Unsere Gespräche werden oft auf Dich u. Papa Blumer gelenkt u. wir möchten Euch gerne oft bei uns sehen. Wer weiß, wann | das wieder der Fall sein wird! – P. zeigt so thätlich wie nur möglich seine Liebe u. Freundschaft gegen uns; schon 2 Nächte hat er an Wolffs Krankenbett durchwacht. – Hoffmeister13 ist auch wieder sehr angegriffen, so daß er auch einige Tage das Bett hüten mußte. –

Käser, Linder u. wahrscheinlich auch Hess14 werden den Sommer noch hier bleiben; Usteri15 wollte mit Wolff eine größere Reise über Hamburg u. Berlin machen, welche nun aber zerschlagen ist. Was Hof. machen wird, weiß er selbst noch nicht. – Um nun auf meine Wenigkeit zu kommen, so werde ich nach Hause zurückkehren; theils wünscht mich mein Vater16 wegen meiner Gesundheit daheim, theils ist es gut, daß ich das so schnell vorübergehende Jahr vor dem Examen in Basel zubringe. – Ihr kehret also auch heim, – so bleibt eher Hoffnung, daß ich Euch etwa zu sehen bekomme. – Das kann ich Euch versichern, daß ich diesen Winter etwas mehr gearbeitet habe u. arbeiten konnte, als den verfloßnen Sommer. Mehrere Wochen nahm mir eine Predigt, die ich den 16ten Januar hielt, weg, u. die ich Gott Lob glücklich u. um es aufrichtig zu gestehen – zur Zufriedenheit Sack's17 hielt. – Unsere Schweizerischen Zusammenkünfte fanden 14 täglich Statt bei Hess u. Wolff, deren Logis am tauglichsten schien u. auch ist; – sehr viel zu reden gibt u. gab die Berufung des berühmten u. berüchtigten Strauss18, – doch enthalte ich mich irgend welcher Bemerkungen, da wir leicht auf verschiedene Meinungen u. Ansichten kommen würden, – die brieflich auseinanderzusetzen mir auch nicht am Platz scheint. –

Mein «beschauliches Leben» l. Blumer erstreckt sich auf die Stunden von 12–3 Uhr, die ich mit Ausnahme einer ½ Eßensstunde an der Luft u. zwar gewöhnlich im Hofgarten verbringe. –

Habe Euch schon genug gelangweilt – bitte Euch, dieses Geschreibsel zu nehmen, wie es ist, u. nicht wie es sein sollte. Habe Euch von Allen Landsleuten u. von Polkhahn viele u. herzliche Grüße, u. ersuche Euch, Oschwald19 pp. von uns u. von mir vielmal zu grüßen! –

Euch, l. Freunde, grüßt herzlich Euer treuer

J. Stückelberger.

P. S. Hoffe u. glaube, daß Dich besonders l. E., dieses in einem beßern Zustande antreffen wird, als wir eigentlich Deinem lezten Briefe nach zu erwarten berechtigt sind; – Du l. B. wirst wohl immer noch dieselbe gesunde Natur sein! –

Lebtwohl. |

Polkhahn20 wird in den nächsten Ferien nach Hamburg reisen, dort seine Schwester21 treffen – sich mündig erklären laßen pp. u. den Sommer in Bonn zubringen. – Dieses habe vergeßen zu bemerken. Adieu. Euer Chögli

Kommentareinträge

1Escher litt seit Anfang Dezember 1838 an Fieber, Kopfschmerzen und einer schweren Augenentzündung. Diese nahm zeitweise lebensbedrohende Ausmasse an und zwang ihn, sich während des in Berlin verbrachten Wintersemesters grossteils in seinem Zimmer aufzuhalten. Vgl. Escher, Autobiographie Jakob Escher, S. 404–405; Jung, Aufbruch, S. 275–279; Schmid, Escher, S. 103–105. – Zu Eschers Krankheitsgeschichte vgl. ausführlich Jung, Aufbruch, S. 272–311.

2Brief nicht ermittelt.

3 Johannes Wolf (1813–1839), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 8.

4 Wolf erlag dem Nervenfieber am 17. Februar 1839. Vgl. Scherrer, Johannes Wolf, S. 203–206.

5Person nicht ermittelt.

6 Christian Friedrich Nasse (1778–1851), ordentlicher Professor für innere Medizin und Direktor der medizinischen Klinik an der Universität Bonn.

7 Rudolf Linder (1818–1858), von Basel, Theologiestudent.

8 Ferdinand Adolf Käser (gest. 1874), von Thalheim, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838, Fussnote 16.

9Person nicht ermittelt.

10 Hermann Lohde (Lebensdaten nicht ermittelt), von Berlin, Medizinstudent.

11 Romeo Maurenbrecher (1803–1843), ordentlicher Professor für Staatsrecht an der Universität Bonn.

12Gemeint sind die Gebrüder Georg und Friedrich von Wyss. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 15. Juni 1835, Fussnote 6. – Georg von Wyss blieb im Sommersemester 1839 in Berlin, Friedrich hingegen besuchte die Universität Bonn. Mit ihm ging Jakob Escher nach Bonn. Vgl. Wyss, Erinnerungen, S. 92–93.

13 Diethelm Salomon Hofmeister (1814–1893), von Zürich, Philologiestudent.

14 Johann Jakob Hess (1813–1876), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 9.

15 Johann Caspar Georg Usteri (1813–1892), von Zürich, Theologiestudent.

16 Carl Ulrich Stückelberger (1783–1851), Pfarrer an der Strafanstalt Basel.

17 Karl Heinrich Sack (1789–1875), ordentlicher Professor für praktische Theologie an der Universität Bonn.

18 David Friedrich Strauss (1808–1874), als Professor für Dogmatik an die Universität Zürich berufen.

19 Johann Ulrich Oschwald (1814–1886), von Schaffhausen und Zürich, Theologiestudent.

20Gemeint ist Hermann Poelchau.

21 Cäcilia Poelchau (geb. 1812), Schwester Poelchaus.