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Korrespondenz: Alfred Escher – Daniel Ecklin

AES B0179 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#180*

Daniel Ecklin an Alfred Escher, Basel, Sonntag, 27. Januar 1839

Schlagwörter: Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Basel den 27ten Januar 1839.

Bald, bald, mein theurer Alfred, bin ich bei dir; nur wenige Wochen noch und die sehnsuchtsvoll erwartete Zeit des Wiedersehens ist da. - Wie freue ich mich! Oft u. viel werde ich gefragt, wohin ich zu gehen gesonnen sei, u. ich sage mit den Lippen: nach Berlin, im Herzen aber jubelts zu meinem innig geliebten Escher. Als du meinen letzten Brief erhieltest, mochtest du wohl den Kopf geschüttelt haben, einen solchen repræsentanten statt meiner anzutreffen; doch konntest du dir leicht selbst beantworten, was es mich kostete, auf meinen liebsten Wunsch Verzicht leisten zu müssen. – Still, geduldig mich in Gottes Willen zu fügen, das war damals meine Losung. «Seine Hand bricht unreif mir die gold'nen Himmelsfrüchte, u. Wehe dem, der ungedultig sie ertrotzend, saure Speise sich zum Tod genießt.» So Viele sah' ich durch Basel hinreisen an den gleichen Ort, wohin meine Wünsche zielten; nichts blieb mir übrig, als einen herzinnigen Gruß für dich mitzugeben. – Wie war mir zu Muth! Niemand kannte mein Leid – Niemand trug es mit mir. Den gehofften herlichen Winter mit dir u. manchen wackern Schweizer Herzen zu verleben, war mir nicht vergönnt; wie günstig wäre mir der gleichzeitige Aufenthalt mehrerer meiner Collegen u. Freunde daselbst gewesen, die ich wahrscheinlich nicht mehr antreffen werde. Was mich tröstete war das Bewußtsein, daß über alles Glück der Freund geht, der's fühlend erst erschafft, der's theilend mehrt. Wenn ich nur dich habe, was frage ich nach Himmel u. nach Erden, so rufe auch ich aus mit freudig schwellender Brust. Tag für Tag denke ich an dich, wie du dich wohl befinden magst, Ob es dir dort gefalle. – Vor Allem hoffe ich, daß du von Krankheit verschont geblieben sein wirst, wie ich's Gott Lob auch von mir rühmen kann. – Ich habe mir immer so außerordentlich viel von eurem Zusammenleben in Berlin während dieses Winters versprochen; nun bin ich sehr gespannt darauf zu erfahren, wie viel überhaupt zu hoffen steht in ähnlichen Fällen. Es träumt mir immer von einem recht traulichen, familiæren Verhältniß unter euch, u. es scheint mir dies ganz der Natur der Umstände gemäß, u. fast wie eine nothwendige Folge. – Doch einen Zweifel kann ich nicht ganz unterdrücken, daß es dir nämlich hier besser gelungen sein sollte als in Bonn eine externe Zof. Section zu stiften, u. zwar aus keinem andern Grund als aus dem, den du, von Bonn redend, in deinem l. Briefe angedeutet hast, daß nämlich Altersfrost u. sog. praktischer Verstand die Zof. Sache als eine jugendliche Träumerei ansehen, die bei dem Erwachen zum Mannesleben nothwendig verschwinden müsse. Mein Sinn, das weiß ich, ist nicht Jedermanns Sinn, doch hielt ich stets dafür u. glaube, daß es eine richtige Meinung sei, daß der Zof.Ver. nur eine Aufgabe habe, nämlich «Veredlung seiner Mitglieder». Diese Aufgabe hat die ganze Menschheit, jedes Volk u. jede Gesellschaft von dem allgemeinen Character, wie ihn unser Verein trägt. Jede andere Wirkungsweise zu Gunsten des Vereins sowohl als des Vaterlandes ist u. bleibt ein eitles Hirngespinnst, wie es die bisherige Geschichte genug erwiesen hat. Ist unser Streben beständig auf diese würdigste u wichtigste aller Aufgaben gerichtet, so findet sich der Schlüssel zu Allem dem, was wir bisher durch andere Mittel vergebens bezweckt haben, ganz von selbst. – Es ist beinahe in jedes Menschen Munde, daß die Liebe zu allen guten Thaten befähige u. begeistere, u. daß ohne dieselbe entweder Noth od. irgend unreiner Egoismus die Triebfedern seien; – das Kind, bevor es nur recht stammeln kann, lernt in der Kinderlehr: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»; das ist die Summe aller Gebote. – So wie aber die Liebe als die Summe der | Pflichten gegen unsere Nebenmenschen bezeichnet werden muß, so ist auch d. höchste u. reinste Liebe nur Summe od. Resultat der höchsten humanen Bildung. – Wo fehlt es nun eben im Zof.Ver.? Die Correspondenzen gehen meist einen geschraubten, gezwungenen Gang. Woher? In den Sectionen hört man jetzt hie u. da: «Der Zof.Ver. hat sich überlebt.» Warum? Man will das lose gewordene Gefüge des Gebäudes mit Formen u. Gesetzen zusammenhalten, u. mit neuen Einrichtungen die Mängel übertünchen. – Warum? – Beinahe kein Schreiben kommt an klaglos. Warum? Wenn das am grünen Holze geschieht, was soll erst am dürren werden!? Soll alle Hoffnung für die Realisirung der Zof Idee zu Schanden gehen? – Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, so lange die Möglichkeit vorhanden ist, daß irgendwann eine Section od. ein einzelnes Mitglied als Messias einst auftreten kann, solange auch Sinn für Wissenschaft u. Freundschaft unter uns bestehen. – Wir bringen jedesmal herliche Erinnerungen, Freude u. Lust von Zofingen heim. Wäre dieß möglich wenn die Liebe nicht die Zofinger zusammengeführt u. beseelt hätte? – Die Feste beweisen, was guter Wille u. gute Gesinnung vermögen; alles ist hier Thätigkt; – Undultsamkeit u. Unbescheidenheit sind seltene u. ungern gesehene Gäste; Lust u Liebe regieren die Herzen. Warum nicht das selbe Leben in den heimischen Secktionen fortgesetzt? – Die Gemüther werden zu Hause wieder prosaisch; die alten Gesichter, die alten Menschen, die alten Launen, die alten Lasten, u. numerisch wenig hervorragende Persönlichkeiten; viel Lauheit, Gleichgültigkeit, Trägheit. – Wo fehlt es hier? – Es fehlt hier meines Erachtens hauptsächlich an einer höhern, leitenden Idee, die zugleich praktischer Natur ist, od. vielmehr fehlt es an der lebendigen, thatkräftigen Anerkennung derselben. Dse Idee liegt uns Allen ganz nahe, aber sie klingt nicht vornehm u. phantastisch genug; sie scheint zu alltäglich zu sein. – «Man sucht Dornen auf u. findet sie u. läßt das Veilchen unbemerkt, das uns am Wege blühet.» «Lebensschule» heißt diese Idee. Was nur an Schule erinnert, wird als Pedanterei verschrieen; dennoch verschmähen es die Wenigsten Andere zu belehren u. zu schulmeistern. Viele denken auch ähnlich, wie jener Student, der sich wegen seiner Versäumnisse auf dem Turnplatze entschuldigen wollte: «Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, so mag ich nicht noch am Abend mich abhunzen.» Mag unsere Secktion bei andern nicht gerade, wie man sagt, im besten Geruche stehen, weil sie vielleicht weniger als andere theilnehmend u. mittheilend ist, so ist sie nichts desto weniger eine der thätigsten, u. scheint jener Idee immer mehr u. mehr zu huldigen. Man fand den Grund der immer von Neuem sich wiederholenden Jeremiaden in den Briefen anderer Secktionen od. der eigenen darin, daß man den Krebsschaden mehr in seinen Erscheinungen als in seinem Wesen zu zerstören ausgeht. – Ob u. wie unsere Secktion ihren Zweck erreichen wird, das stellen wir Gott u. der Zeit anheim, denn die Mitglieder ändern, treten bevor noch das Werk recht eingeleitet ist, vom Schauplatz ab, u. räumen jüngern, erfahrungsärmern Individuen ihre Stelle ein. | Zufall ists, wenn diese den Geist ihrer ältern, geprüftern Freunde erben u. annehmen; – unwahrscheinlich ist es, sie aller Geschichte zum Trotz den Weg der Vorfahren von Extrem zu Extrem u. endlich zur goldenen Mittelstraße zurück, abkürzen u. nur auf dieser fortwandeln. Die neue, glücklich gewählte Tendenz us. Section beurkundet sich darin, daß sie alles aufbietet, zur gegenseitigen u. eigenen Selbsterkenntniß der Mitglieder zu gelangen. Mögen die Versuche noch schwach sein, obschon sie uns fast ohne Ausnahme zur größten Theilnahme bewegen, so ist der Wille gut. Mögen Irrthümer sich einschleichen u. Platz greifen, es schadet nicht viel. Irrthum gibt es nur an der Wahrheit, u. besser eine Ansicht als keine; jene läßt sich verbessern, diese nicht. Die Versuche bestanden zum Theil in Biographien von Mitgliedern aus unserer Mitte, zum Theil aber auch in möglichst consequenter Ausführung des aus bitterer Erfahrung geschöpften Entschlusses, allem Indifferentismus, allem Schlendrian kräftig u. zur rechten Zeit auf den Leib zu rücken; die Ehre u. das Wohl des Vereins dadurch zu wahren, daß wir den Funken zerstören, ehe er zur verwüstenden Flamme geworden. Das scheinen alte Aufgaben zu sein; seien sie's, so wollen wir sie doch zuerst lösen, bevor wir eine andere vor uns nehmen. – Vor wenigen Jahren verdiente us. Secktion mit Recht den Namen einer zank u hadersüchtigen, später den einer lauen, als sie des lieben Friedens willen 5 gerade sein ließ, u. endlich ist sie durch beide Extreme auf die Mittelstraße gelangt, u. krümmt jetzt das Bäumchen, weil es noch jung ist, u. bändigt das Feuer, dieweil es noch klein ist. Der Indifferentismus u. Schlendrian hat jetzt schwerer sich zu verstecken, indem von staatswegen Notiz davon genommen wird; Rügen finden jetzt, wo sie es verdienen, allgemeinere, regere Unterstützung als früher, sind darum auch wirksamer. Die letzte Biographie gerade rief mit erschütternder Kritik einen unserer besten Köpfe von seiner beschaulichen Ruhe, Unthätigkeit u. Selbstgenügsamkeit zur Thätigkt u. Theilnahme auf. Allgemeiner Beifall u. ernste Worte unterstützten den Biographen. Die Biographien sind bis dahin mit Ernst u. Fleiß, Wahrheitsliebe u. mit Kunstkenntniß verfaßt worden. Kaum hat die Vorlesung irgend einer anderen Arbeit so sehr die Aufmerksamkeit u. d. Nachdenken der [...?] angeregt. Dies sind schwache Skizzen aus der Wirklichkeit u. von dem, was den Zof.Ver. seinen Mitgliedern u. durch sie mittelbar dem Vaterland sein kann u. soll. – Was ist nun die Aufgabe einer Zof. Secktion in Berlin? Für [...?] Menschen, die gerne einen einfachen, kindlichen, bescheidenen Sinn bewahren, ist die Antwort leicht: «Wieder eine Schule zu sein, zu lehren u. zu lernen». Sind die Elemente zu einer solchen Gesellschaft von der Art, daß ihr Streben nach höchster Humanität nicht eitler Trug u. Selbsttäuschung ist, sind sie mit Beharrlichkeit u. festem Willen u. Ordnungsliebe begabt, so braucht es nur das Signal zur Zusammenkunft; die Gesetze bringt ein Jeder in seinem Innern mit, u. Geist u. Gemüth werden sich beeifern, jenen zu leuchten, dieses zu wärmen. Was liegt daran, ob mündlich od. schriftlich der Ideenaustausch vor sich geht, genug, daß ein thätiger, wissenschaftlicher Sinn bei Allen waltet. – Was liegt daran, wie lange der erste od. der zweite Akt dauern; das Bedürfniß wird jedesmal entscheiden. Was liegt daran, ob der eine Akt einmal ausfalle, – der Geist bleibt ja doch bei ihnen Allen. – Der Eifer für unsere gute Zof. Sache hat mich ein wenig zu weit fortgerissen; nicht wahr, du hältst es mir schon zu Gute. Ich hätte dir noch so vieles dahin bezügliches zu sagen, wenn ich dir nicht Nachricht von mir zu geben schuldig wäre. Du hast schon aus einem frühern Briefe erfahren, was mich in Basel noch zurückhielt; es war unter Anderm auch die Absicht, hier vor dem Besuch einer fremden Universität das Examen zu absolviren. Dieses ist nun in der letzten Woche des letzten Jahres glücklich abgelaufen, so daß ich nun kein weiteres, bedeutendes Hinderniß vor mir sehe, welches meine Abreise verhindern od. verzögern könnte. Jetzt beschäftige ich mich vorzüglich mit den Vorarbeiten zu einer Dissertation, welche ich wegen Mangel an Zeit wohl nach Berlin werde verschleppen müssen. Dem Zof.Ver. gehöre ich noch immer an; im Turnverein habe ich einstweilen das Præsidium niedergelegt, u. damit schon einen Vorgeschmack von dem Gefühl erhalten, welches die gänzliche Trennung von allem was mir lieb u. theuer geworden ist, begleiten wird. Schweigen u. dulden will ich, u. will mich trösten: «Denken die Himmlischem Einem der Erdgeborenen – Viele Verwirrungen zu, – Und bereiten sie ihm von der Freude zu Schmerzen und von Schmerzen zur Freude tief erschütternden Übergang, dann erziehen sie ihm In der Nähe der Stadt Oder am fernen Gestade, Daß in Stunden der Noth Auch die Hülfe bereit sei – Einen ruhigen Freund.» – Ich schließe mit dem innbrünnstigen Wunsche, daß dich Gott den lieben Deinigen gesund u. stark an Leb u. Seele erhalten möge. – Lebe wohl, mein Bruderherz! Herzlich umarmt u. küßt dich dein Ecklin. –

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