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Korrespondenz: Alfred Escher – Benjamin Brändli

AES B0178 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#581*

Benjamin Brändli an Alfred Escher, s.l., [ 1839 ?]

Schlagwörter: Berufsleben, Finanzielle Unterstützungen, Krankheiten, Universitäre Studien

Briefe

Mein lieber Alfred!

Wie doch die Zukunft, oft der nächste Augenblick uns kurzsichtigen Menschenkindern verschleiert und in ein gänzliches Dunkel gehüllt ist! Wie ein Blitzstrahl im Dunkel der gewitterschwangern Nacht überraschte mich Dein Brief. Dank, innigen, ja unaussprechlichen Dank für denselben. Er hat mir in ein Verhältniß Licht gebracht, das mir in undurchdringlichem Dunkel lag, und mein ganzes Sein & Leben schon lange lange in einen Zustand fürchterlichen Schwankens, und innerer Unzufriedenheit versetzte, ich meine das Verhältniß zu Keller. Ich fühle mich gedrungen, dir hierüber einmal etwelchen Aufschluß zu geben.

Daß ich durch die Ermahnungen & Aufmunterungen Finslers zum Studiren kam, weißt du. . Armselig, mit den dürftigsten Brotkenntnissen versehen, konnte ich nach ½ jähriger Vorbereitung im Herbst 1836 das academische BürgerRecht erringen. Schon dieses halbe Jahr jedoch hatte die ökonomischen Vorräthe, die ich durch 10monatelanges Copiren in Winterthur zusammengehäufelt , bereits aufgezehrt & ich mußte Geld aufnehmen, wozu sich mein lieb. Pflegevater bereitwilligst erbot. Finsler stellte sich ganz auf den Standpunkt dieser Verhältniße & befolgte den Grundsatz: sich nach der Decke zu strecken. Da mit einem solchen Grundsatze leicht auch der fernere vereinbar ist: das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen, so hatte ich die Ehre, im 1sten Semester der juristischen Laufbahn den 2ten Theil der Pandecten bei Bluntschli, und - eine recht ordentlich angelegte Verwirrung der altrömischen Verhältniße bei H Vögeli zu hören. Der geistige & wißenschaftliche Fortschritt ist zu denken. Doch sollte im Sommer das 1ste Glied der Pandecten damit das Ganze werden. Allein es ward nicht. & so mußte ich, um mich doch nach der Decke zu strecken, hören was zu hören war. Criminal - & und Zürch. PrivatRecht; – ich habe gute Hefter darüber. – Doch gab es in diesem Sommer einen theuern Ersatz, der mir einen weitern Weg einzuschlagen möglich machen sollte; ein Stipendium. Daß ich dieses besonders Keller zu verdanken habe, weißt Du. Dieser Punkt brachte mich dann auch in ein näheres Verhältniß zu Keller. Damals sprach er, zwar ganz dunkel, von Plänen, die – mit dem entgegensetzten Maßstabe als die Finslersche gemessen, – meine Ohren doch gierig verschluckten, und die mich dann in einen süßen selbstgefälligen Schwindel hineinführten. Der Winter von 1837/8 , der Bluntschlianische Pdecten Winter, hielt mich durch seine Länge in diesem Zustand denn es war mir wohl, ich fühlte zum 1ten Mal, daß es vorwärts gehe, ja ich fühlte mich am Ende dieses sonst in jeder Beziehung höchst anregenden Winters. – deßen Abendstunden mit Dir etc. mir ewig als schöne Blumen, in meinem Lebenskranz im Gedächtniß sein werden – auf eine bedeutende Höhe gehoben, war sogar ein bischen eitel, dazu kam, daß mir am Ausgange Keller jenes famose Anerbieten machte. Es wundert mich schier, daß ich damals die Bescheidenheit hatte, Kellern meinen wahren Zustand | zu enthüllen, & meine moralische & geistige Unvollkommenheit gradus imperativis zu gestehen. Um nun hier nachzuhelfen und zuerst mit einigen «allgemeinen» Kräutern den Magen zu belegen, verabscheute ich gleichsam im Sommer 1838 jedes juristische Kolleg, trotz daß Keller Institutionen las und ich sie noch nie gehört. Philosophie & Philologie & Geschichte waren das wahre. Daher Ethik, alte Geschichte, de legibus v. Cicero etc. In dem 1sten freilich fand sich meine bäuerlicher Verstand anfangs nicht zu recht; und als es zu tagen begann, kam der Wunsch v Keller, der mich in das Labyrinth des ciceronischen Rosc. Comoedus wies, & ohne den wahren Ausweg finden zu können, Anfang der Sommerferien bis zum Ende der Herbstferien drin stecken ließ, mit Aufwand aller Zeit. Daher mußte auch dem Studium d. alten Geschichte Abbruch geschehen, obschon es schon abgebrochen genug war, indem wir zB in 10 Stunden von den lateinisch-etrurischen Urzuständen bis zum Monsieur Odoaker gelangten. / . Am Eingange des letzten Winters nun hatte sich schon jener Schwindel besonders durch das Roscianische Experiment verloren; ich fühlte die Nothwendigkeit, meine Pläne enger zu schmieden &. Mit großen Hoffnungen erfüllte mich der Catalog [d.?], als ich Pandecten & Exegetikum von Keller sah. Allein die Krankheit Kellers, die ihre Wirkungen den ganzen Winter hindurch äußerte, machte hier ein furchtbares Loch & wenn auch Keller Alles nur mögliche that, so war doch eine gehörige durchgreifende Darstellung der Pandecten unmöglich. Zudem schien mir das Exegeticum unpädagogisch & zu hindernd vorgreifend. Bei einem schwankenden Rohre, wie ich, brachte dieß Mißstimmung; dieß zeigte sich auch allwärts, gerade im Exegetikum fühlte ich zu wenig inneres frisches Leben mich antreiben. Statt vorwärts zu schauen & muthig zu überwinden plagte ich mich am Abend mit d. Gedanken über Mißlungenes &tc., über meine Schwachheit; & in dieser Stimmung schritt ich so fort daß in der That bald die Finslerischen Pläne mir noch zu ideal & hoch für mich schienen. Dann & dann ließ die Sonne ihre Strahlen wieder hineinleuchten; ich schmeichelte mir wieder: Keller möchte doch vielleicht nicht alle frühere gute Meinung über mich verloren haben; der letzte Entschluß war: mich bald aus dieser Unsicherheit herauszureißen. Die Frühlingsferien hinderten die Ausführung; ich ging wieder in die Collegien & kaum habe ich den 1sten Blick in die Mythologie des gemein. deutsch. Rechts gethan, als vom Gefühl meiner fürchterlichen Unvollkommenheit ergriffen, ich, wieder auf das Gebiet der Pläne meiner Zukunft geworfen ward. Das Bettlager war geeignet, dieser Stimmung in mir Nahrung zu geben. & ja, mein Lieber, es hat es auch endlich gethan. Denn wenn ich ehrlich reden soll, habe ich nichts gethan, als über Vergangenes nachgedacht, daraus zuletzt den Schluß gezogen: mit mir sei nichts. Dann den Entschluß gefaßt: von nun an mich aufs Practische zu werfen und dem Examen entgegenzuarbeiten. Aber kaum hatte ich mir dieß vorgenommen, als wieder eine andre Stimme in meinem Innern sich kund gab, jene verführerische Stimme aus der Höhe. Namentlich schwebte mir immer vor, wie ich denn bei dem Plan so schnell ins practische Leben zu treten, den Wunsch, der doch von Anfang an bis auf jetzt der innerste meines Herzens geblieben, mich im wißenschaftlichen Gebiet zu vervollkommnen, realisiren könnte. | Und wunderbar gerade an letztem Sonntage, wurde ich von diesem Gedanken am stärksten gepeinigt. Alles lief mir durcheinander, das mirakulische Wort Kellers: «Können sie englisch» zerstörte die bei dem gefaßten Plan augenblicklich gewonnene Bahn, und indem ich raschest innig zu Gott wünschte bald aus dieser Ungewißheit gerißen zu werden, – kam dein Brief. & bringt mir Gewißheit & eine herrliche beruhigende, und meinen Geist aufrichtende Nachricht. Nichts auf der ganzen Welt habe ich so sehr gewünscht als das was mir durch deinen Brief geboten wird: einmal Kellern ganz offen meine Lage darzulegen & ihn dringendst zu bitten: mir unverholen unverschont seine Meinung darüber, welchen Weg ich einzuschlagen, mitzutheilen. Ich sehne mich in der That nach dem Tage der mich zu Keller führt; offen will ich ihm meine Lage vertrauen, namentlich ihm sagen: wie nur mit Mühe ich im Gebiete der Wiß. fortschreiten könne.; auf daß er eine wahre Grundlage hat.; was er dann mir räth, bin ich schon fast ohne weiter zu thun gesonnen. –

Verzeihe mir, daß ich dich mit meiner Angelegenheit so lange aufgehalten; ich mußte, denn es war & ist das Einzige was mich schon lange beschäftigt. Sonst habe ich in diesen 3 Wochen meiner Trübsal nicht viel gethan; das Federbett läßt keinen frischen Gedanken zu. Hoffentlich werde ich es bald verlaßen & im Laufe künftiger Woche wieder ins Colleg gehen können. Schmerzen hatte ich nie viele; nur letzten Sonntag einen sehr heftigen Fieberanfall mit Kopfweh, der bis Dienstag Abend heftige Wirkungen äußerte; die Ursache lag in einer kleinen Verkältung, die ich mir Freitag & Samstag, in einem äußert fröhlichen Zustande durch zu starke Anstrengung i Arbeiten zugezogen. – Zu meiner größten Freude habe ich beständig vernommen, daß du dich i. Appenzell wohl fühlest; es muß sehr lieblich sein, dein Brief sagt es mir. Verliebe du dich nur nicht gar zu stark etwa in dasselbe; das Heimweh möchte zu innig werden. AltRegR. Spöndli muß sich trefflich ausnehmen ; in seine Eleganz & Beweglichkeit, die er dem 18t Jahrhundert entlehnte, mag aufs trivialste harmoniren mit einer recht modernisirt – antiken Dame. Glück zu!

Fritz Wyß ist schon vor einigen Tagen hergekommen; wie aus den Wolken gefallen stand er plötzlich vor meinem Bette.; seiner Rükkehr freue ich mich von ganzem Herzen & wünsche nur, daß sie bleibend sei. Wenn Alles so eintrifft, wie jetzt Hoffnungen vorhanden sind, könnte es einen schönen Winter absetzen.

Lebe wohl. & empfange nochmals meinen innigsten Dank für deine Theilnahme an meinem Schicksal.

Dein

Beni.

Noch muß ich dir bemerken: vielleicht zu Handen Kellers wie du es für gut findest, daß über die Rede pro Roscio Comoedo eine neue jurist. Abhandlg, Bearbeitung & Ausgabe von d. Juristen Carl Ad. Schmidt aus Leipzg in d. letzten Zeit erschienen ist. Herr Dr Lamppe theilte mir sie mit & soweit ich gelesen, glaube ich, es möchte was dran sein.

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Datierung gemäss Briefkontext.