Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Ludwig Keller
  • 1820
  • 1830
  • von Friedrich Ludwig Keller, 25. Dezember 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0177+
  • 1840
  • von Friedrich Ludwig Keller, 8. August 1847 Schlagwörter: Privatdozenturen, Gymnasien, Bildungswesen, Reisen und Ausflüge, Rechtliches, Staatsschreiberstelle (Bund und Kantone) AES B0481+
  • 1850
    1. von Friedrich Ludwig Keller, 3. März 1851 Schlagwörter: Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Personelle Angelegenheiten, Universität Zürich AES B0862+
    2. von Friedrich Ludwig Keller, 27. April 1851 Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Personelle Angelegenheiten, Erziehungsrat ZH, Krankheiten, Freundschaften, Rechtliches, Universität Zürich, Reisen und Ausflüge AES B0884
    3. von Friedrich Ludwig Keller, 18. September 1851 Schlagwörter: Universitäten und Hochschulen (diverse), Personelle Angelegenheiten, Eidgenössische Universität (Projekt), Reisen und Ausflüge, Universität Zürich AES B0924
  • von Friedrich Ludwig Keller, 16. Juli 1854 Schlagwörter: Universität Zürich, Personelle Angelegenheiten, Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B1336
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0177 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#305*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 30 | Gagliardi, Escher, S. 36–37 (auszugsweise) | Gagliardi, Juristenbriefe, S. 268–271

Friedrich Ludwig Keller an Alfred Escher, Zürich, Dienstag, 25. Dezember 1838

Schlagwörter: Krankheiten, Rechtliches, Universitäre Studien, Universität Zürich, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Zürich 25. Dec. 1838.

Lieber Vetter!

Schon Dein erster Brief1 war mir ein so liebes Zeugniß Deines freundlichen Andenkens, daß ich Dir auf der Stelle geantwortet hätte, wenn ich – hätte schreiben können. Nach Deinem zweiten2 kann ich jetzt gar nicht mehr anstehen, obgleich es auch jetzt mit dem Schreiben noch ein wenig bei mir hapert. Gut & drei Mal gut, daß Du von Deinem heftigen Anfall wieder hergestellt bist, denn dergleichen ist fern von der Heimat zehnfach lästig, wäre es auch nur im Gedanken an diese & die, welche dort sind. Deine Beschreibung von Berlin & dem wissenschaftlichen Eindruck, den es auf Dich macht, ist mir sehr einleuch tend; nur Eines wundert & schmerzt mich, nämlich wenn Du Savigny3 nicht zugänglich finden solltest. Er war es zu meiner Zeit im herrlichsten Sinne, nur gab er nie viel auf Empfehlungsbriefe, sondern man mußte sich durch wissenschaftliche Arbeiten u. dgl. selbst introduciren. Der vornehme abord war eine bloße Äußerlichkeit. Sieh doch recht zu, ehe Du diese Hoffnung aufgibst.

Doch ich komme auf die Hauptsache, Deinen Gedanken, auf den Frühling für einstweilen nach Hause zurück zu kehren. Was ich zur reiflichen Erwägung von diesem beitragen kann, das thue ich wahrlich schon darum mit großer Freude, weil mir der Gedanke selbst als wahrhaft heroisch, d. h. als eine höchst ehrenwerthe Überwindung ordinärer Vorurtheile und eines gewissen zwar mißverstandenen aber sehr gewöhnlichen StudentenStolzes erscheint. Wer wollte, so denken die Meisten ohne nähere Prüfung, den Bauer auf den Herrn hinauf setzen, d. h. in Zürich noch Collegien hören, nachdem man solche in Bonn & Berlin gehört hat!

Doch wir wollen uns nicht durch einen ersten Eindruck bestechen lassen, sondern die Sache etwas trocken nach den verschiedenen Rücksichten, die sich hier geltend machen, ponderiren.

Mit der Ansicht, daß es wichtig sei, sich im RR. tüchtig zu befestigen, ehe man in's Teutsche geht, bin ich durchaus einver standen, schon darum, weil es über menschliche Kräfte geht, zwei so verschiedenartige Sinnesarten zugleich aufzufassen, wenn Einem die eine halb, die andere ganz neu ist, dann aber besonders auch deßwegen, weil das Germ. R. fast immer nicht als ein originäres Ganzes (in Büchern & Vorträgen) behandelt wird, sondern unter Voraussetzung des Systems des RR., auf | welches es mehr & minder hinauf gepfropft wird. Nicht zu gedenken, daß wir Schweizer das RR., wenn es uns etwas nützen soll, viel gründlicher (d. h. recht in seinem Geist & Leben) kennen lernen müssen als die Teutschen, die darin meistens eben nur ein geltendes oder SubsidiärRecht sehen, daher mit den todten Justinianischen4 Resultaten gewöhnlich zufrieden sind. So schiene es mir allerdings nicht gut, wenn Du das RR. auf dem Punkt, wo Du jetzt damit stehst, d. h. wo es Dir gerade immer lebendiger & klarer wird, auf die Seite setzen oder zur Nebensache machen müßtest. Das ließe sich allfällig durch äußere Nothwendigkeit rechtfertigen, wenn Du in Berlin gerade einen Docenten des Germ. R. hättest, der so hoch stände wie etwa Savigny für das RR., oder wie Hasse5 , bei dem ich i. J. 1820. das T. Pr.R. hörte. Das ist aber kaum der Fall, & selbst Eichhorn6 , so groß seine schriftstellerischen Verdienste sind, würde mir als Docent nicht hoch genug stehen. Dabei glaube ich nun, daß Bluntschli7 ein recht gutes T. Pr.R. liest, & von dieser Seite würde also Deiner Rückkehr nichts entgegen stehen, sobald Du glaubst, für das RR. hier in Bezhg. auf Litteratur, Collegien, PrivatUmgang etc. besser versorgt zu sein. Viel weniger noch darf Dich das CrimR. bestimmen längere Zeit in Teutschland zu bleiben. Für das RR. ist es freilich traurig, daß die meisten Studenten nur den BrodCollegien nachlaufen & für das feinere Wissenschaftliche, wozu Exegetica 8 u. dgl. anleiten sollen, keinen Sinn haben. Traurig aber auch, daß auf den besuchtesten Universitäten die 20–30 höher gestimmten Studenten den Docenten zu wenig sind, um für sie solche Collegien zu lesen. Insofern & für intimeres Verhältniß zwischen Lehrer & Schüler haben allerdings kleine Universitäten wie die unsrige, einen Vorzug, & sollen in denselben auch ihre größte Ehre setzen.

Nun kommt aber noch ein Hauptpunkt, der wohl Deine sorgfältige Beachtung verdient. Ich halte es nämlich für einen durchaus veralteten Bildungsplan, wenn wir Schweizer die s.g. solide Bildung ausschließlich in Teutschland holen wollen und dann – gleichsam zur Erholung & zum Überfluß – nachher noch ein wenig durch Frankreich & England reisen, wie auf die Löffelschleife oder um sonst einige zufällige Blüthen zu pflücken. Es ist dieß ein Überrest der Ansicht, daß das Rechtswesen ein bloßes bücherstaubiges gelehrtes Wesen, & das Staatswesen im Ganzen ein recht geheimes Wesen sei. Man vergaß fast ganz, daß das Rechts- & Staatswesen ein Zweig des öffentlichen Lebens ist. Die Römischen Juristen würden sich im Grabe umkehren, wenn sie wüßten, welche Philister9 man durch jenes Vergessen aus ihnen oft gemacht hat. So halte ich die Anschauung eines tüchtigen öffentlichen Lebens im Allgemeinen & für das Rechtswesen insbesondere, für die zweite Hälfte der Bildung, welche ein Schweizerischer Staatsmann oder Jurist suchen & auf welche er einen wesentlichen Theil seiner Bildungszeit verwenden soll. Hiefür nun ist in Teutschland nichts zu finden, und was wir in der Schweiz sehen, ist so roh, verworren & uncultivirt, daß man nur zu geneigt wird, den Despotismus der Freiheit vorzuziehen, wenn man diese nur in dieser Gestalt gesehen hat. Hier ist ein Correctiv durchaus erforderlich, & dieses finde ich in dem Anschauen, oder lieber in dem rechten Mitleben eines auf höherer Stufe stehenden öffentlichen Lebens eines freien Landes. Sieh nur die schiefen, steifen & bornirten Richtungen unserer meisten ganz in Teutschland gebildeten jungen Leute an. Wahrlich es ist der Mühe werth es recht mit Augen zu sehen, daß ein Volk bei einer | tüchtigen, kräftigen Staatsgewalt wahrhaft frei sein kann, und daß gute10 Ordnung durch solide Freiheit nicht aufgehoben wird. Nicht zu gedenken, daß für die Justiz insbesondere in einem Lande, wo sie in der That & Wahrheit dem öffentl. Leben angehört, etwas zu lernen sein muß. Deßwegen ist mein angelegentlichster Wunsch & Rath, daß Du nach England gehest, aber nicht für eine kurze Reise, sondern für einen fixen Aufenthalt von 1–2. Jahren. Dort wird aber nicht die Rede sein von Collegienhören, sondern nur von eignem Studium & dabei von Beobachtung des öffentlichen Lebens im weitesten Sinne. Eben deßwegen möchte ich nicht sagen, Du solltest jetzt schon dorthin gehen, im Gegentheil spricht dieß wieder für Deine einstweilige Rückkehr, denn jener Aufenthalt wird um so fruchtbarer sein, je weiter Du vorher in den rein wissenschaftlichen Studien, namentlich des Röm. & German. Rechtes fortgeschritten sein wirst. So würde ein Zwischenaufenthalt von 1–1½ Jahren in der Heimat in dieser Beziehung nur ersprießlich sein. Nur wenn Du denken solltest, daß Du aus Rücksichten für Deine Ältern nicht mehr für längere Zeit fortkämest, dann würde ich Dir rathen, schon jetzt für ein paar Jahre nach England zu gehen. Ich glaube aber, Du darfst jenem Gedanken nicht Raum geben. Die beste Pietät gegen die Ältern ist, aus sich selbst etwas tüchtiges zu machen, und es straft sich auf beiden Seiten, wenn man sich durch die Rücksicht auf mehr augenblickliche Eindrücke & Gemüthsbewegungen verleiten läßt, auf Kosten jenes Strebens anders zu handeln. Ich rede hier aus Erfahrung, & preise Dich glücklich, daß Du Ältern hast, welche umsichtig und (im soliden Sinne) zärtlich genug sind, um bei reifer Überlegung und offener gegenseitiger Mittheilung jenem Streben jede andere Rücksicht mit edelm & frohem Bewußtsein zum Opfer zu bringen.

Sollte nun, was Du allein beurtheilen kannst, auch die Rücksicht auf Deine Gesundheit die Rückkehr räthlich machen, so schiene mir dann ziemlich alles dafür zu sprechen, & ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß es mir zur innigsten Freude gereichen würde, alles zu thun, was zur Förderung Deiner Studien in meinen Kräften steht. Jetzt hast Du meine Ansicht des weiten & breiten, & ich bin auf Deinen Entschluß wahrhaft begierig.

Meine Collegien habe ich einige Wochen zu spät erst anfangen können, & ich lese noch jetzt bei Hause, welchen Umstand ich benutze, um namentlich im Exegcum die Zuhörer ein wenig in die alten Mss. und in die Litteratur durch Anschauung & Gebrauch einzuführen. Das Exeg. ist zahlreich besucht, & die Zuhörer waren bis jetzt so fleißig & eifrig, daß ich alle Stellen in freier gegenseitiger mündlicher Erörterung behandelte. Zu mehrerer Sympathie nenne ich Dir die bisherigen Stellen: l. 38. De cond. indeb. l. 32. De peculio. l. 94. De solut. l. 49. l. 57. Mandati l. 65. De R. V.11 u. s. w. Nächsten Sommer werde ich ErbR. mit Exegcum, Cico Verrin. 12 und Zürch. CivProc. lesen. Noch muß ich Dir sagen, wie sehr ich es billige, daß Du einzelne Materien selbständig bearbeitest. Gehe doch noch etwas weiter, & wähle Dir einen Gegenstand für eine später ein Mal zu schreibende Dissert. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr es mein Studium während der Universitätsjahre belebte & erfrischte, daß ich schon vom Brandfuchs13 an bei jedem Aufschlagen des C. J. nebenher an eine bestimmte Materie ( potestas 14 in vermögensrechtlr Bezhg.) dachte, & Jahre lang alles beachtete, was sich darauf bezog. Doch endlich genug. Ich habe heute & gestern einen Kehrhals, & kann wieder nicht ausgehen. Gedenke weiter in Freundschaft Deines

D F. L. Keller|

So eben schloß ich meinen Brief, als Frau15 & Kinder16 zu räsonniren anfangen, daß ich Dir keinen Gruß von ihnen ausgerichtet habe. Ich bringe ihn also bestens nach. 17

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Brief nicht ermittelt.

3 Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Berlin, Mitglied des preussischen Staatsrats.

4 Justinian I. (482?–565), römischer Kaiser; liess eine umfassende Kompilation des römischen Rechts erstellen.

5 Johann Christian Hassey (1779–1830), ordentlicher Professor für römisches Recht und deutsches Privatrecht an den Universitäten Berlin (1818–1821) und Bonn (1821–1830).

6 Karl Friedrich Eichhorn (1781–1854), Mitglied des Geheimen Obertribunals und des preussischen Staatsrats; Eichhorn war ordentlicher Professor für deutsches Recht an den Universitäten Berlin (1811–1816, 1832/33) und Göttingen (1816–1829). Vgl. NDB IV, S. 378.

7 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

8Exegetik (gr.): Interpretation; Lehre von der Auslegung eines Rechtstextes.

9Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

10Nachträgliche Korrektur, ursprüngliche Ergänzung: «es eine schöne und gute» .

11Gemeint sind vermutlich folgende Digestenstellen: D 12, 6, 38; D 15, 1, 32; D 46, 3, 94; D 17, 1, 49; D 17, 1, 57; D 6, 1, 65. Vgl. Krüger/Mommsen, CIC.

12Gemeint sind die Reden Ciceros zur Anklage gegen den ehemaligen Statthalter auf Sizilien, Gaius Verres. Vgl. Cicero, Sämtliche Reden III, IV; Fuhrmann, Cicero, S. 62–71.

13Brandfuchs (studentisch): Studienanfänger (Fuchs) im zweiten Semester, in Studentenverbindungen ein Fuchs bzw. Fux, der bereits bestimmte Prüfungen abgelegt hat.

14Potestas (lat.): Verfügungsgewalt.

15 Ida Keller-Lavater (geb. 1808), Tochter der Margaretha Lavater-Hofmeister und des Diethelm Lavater; ab 1826 Ehefrau Kellers.

16Gemeint sind die beiden ältesten Kinder von Ida und Friedrich Ludwig Keller, Carl Emil (1827–1887) und Emma (geb. 1832). Vgl. Weibel, Keller, S. 281.

17Ergänzung am Rand der ersten Seite.