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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0175 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#452*

Heinrich Schweizer an Alfred Escher, Schwerzenbach, Sonntag, 18. November 1838

Schlagwörter: Eisenbahnlinie Zürich–Basel, Expropriationen, Familiäres und Persönliches, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Krankheiten, Religion, Universitäre Studien

Briefe

Schwerzenbach 18 November 1838.

Mein Lieber!

Je unerwarteter mir Dein freundliches Schreiben vom 16/17, X, a. c. war, desto größere u. innigere Freude gewährte mir das selbe; in der Freude meines Herzens las ich den Brief in aller Eile ein Paar Male, u. sandte ihn sodann alsobald nach Belvoir, um dort, wenn vielleicht zur gewohnten Zeit kein Schreiben von Dir daselbst angelangt wäre, mit demjenigen an mich Beru higung u. Genuß zu bringen. Bald folgte ich dem Briefe selbst nach, u. hatte bei Anlaß unsrer Synode am 30 u. 31 October wieder Gelegenht, Deine Lieben zu sehen. Damals befanden Papa u. Mamma sich nicht ganz so, wie ich gehofft; Papa war von einer Heiserkeit als Folge e. kleinen Verkältung befallen, wie er solche früher öfter erfahren; aber ich kann Dir zu Deiner Beruhigg melden, daß er seit Deiner Abwesenheit in ähnlichen Fällen sich 10 Mal mehr Sorge trägt, als früher, u. deßnahen auch schneller wieder sich erholt. Es ist offenbar, daß Papa Allem aufbietet, um Dir immer gute Nachrichten v. seinem Befinden melden zu können, da er weiß, was diese für Dich sind, u. er will mit treuer Sorge sein Möglichstes thun, Dir den Tag Deiner einstigen Heimkehr ins elterliche Haus zu einem der genußvollsten Tage Deines Lebens zu machen, indem er sich selbst u. die liebe Mutter dem heimkehrenden Sohne so gesund u. froh, als nur in menschl. Kräften liegt, erhalten will. Du kannst Dir wahrlich nicht vorstellen, wie Papa u. Mamma nur in Dir u. für Dich leben, u. während der gute Vater mehr in d. Stille sich mit Dir u. von Dir unter hält u. immer mit seliger Freude sich zum Schreiben an Dich an seinen Arbeitstisch hinsetzt u. viele Stunden diesem lieben Geschäfte widmet, kennet die treue Mutter keine größere Wonne, als Deinen Freunden u. Bekannten von Dir, Deinen Reisen, Deinen Studien, Deinen Bekanntschaften, Planen, ect. ect. zu erzählen u. aus der Fülle ihres Herzens auch Andern schöne Genüsse zu ver schaffen. – Doch ich komme wieder auf Papa's Heiserkeit zurück, um Dir zu melden, daß solche sich bald wieder verloren hat, so daß ich ihn am 11–13 Novbr im besten Wohlsein anzutreffen die Freude hatte. – Mamma war, wie Du ohne Zweifel gehört haben wirst, gegen Ende Octobers gar unwohl, u. wieder von jener Geschwulst im Munde u. Gesichte befallen, die ihr vor 1½-2 Jahren einmal nicht geringe Schmerzen verursachte, u. in Folge der sie auch jetzt ein Paar Tage das Bett zu hüthen genöthigt war. Während der Synodal-Zeit fand ich sie wieder recht ordentlich; jedoch war sie noch sichtbar ermüdet, aber eine große Ruhe u. Zufriedenht. an ihr auch nicht zu verkennen; sie hielt sich damals den größten Theil d. Tages in Papa's Zimmer auf, entweder im Lehnsessel neben der Thüre ausruhend u. den immer lebendig-warmen Pelz, den treuen Schnob, auf ihren Füßen, od. am bekannten Tischchen Faden auf ihre «Seelen» abhaspelnd u. aufwindend. Am 11 Novbr fand ich sie so heiter u. wohl, wie seit längerer Zeit nie! Du kannst Dir denken, mit welcher lebhaften Freude ich Dir, mein Lieber! dieses melde, u. ich hatte mir vorgenommen, Dir davon alsobald Kunde zu geben; aber, aber als vielbeschäftigter... Bräutigam (nun ist das Wort heraus!!), kam ich bisher nicht dazu, indem die ganze letzte Woche vom Sonntag (11 Novbr) Nachmittags bis Freitag (16) Abends meinem Bräutchen, von dem Dir Deine Eltern gewiß schon Nachricht werden gegeben haben, u. unsern Empfehlungs-Visiten in u. um Zürich, in Kloten, Eglisau, Schafhausen, Benken u. Winterthur gewidmet werden mußte. Eine gar große Freude haben uns Deine Eltern dadurch bereitet, daß sie uns für den Abend des 12 Novbrs nach Belvoir einluden, wo ebenfalls Hr. u. Fr. Prof. Heer, Hr. Hirnschrot u. Hr. Sal. Vögelin sich einfanden. Ein gar vergnügter Abend, bei dem nur Du mir noch mangeltest, um auch Dir meine Marie empfehlen zu können. Daß indessen Deiner oft u. viel erwähnt wurde, versteht sich von selbst, u. gegen Ende d. Abendgesellschft, als Papa seine Gäste mit e. Muster vom Belvoir-Weinmost bewirthete, ward auf die Gesundheit des fernen «Trottmeisters» getrunken, u. unser Aller vereinte Grüße u. Wünsche sollten bis in die ferne Königsstadt aus unserm freundlichen Kreise Dir in den Ohren wieder tönen. – Auf Belvoir geht sonst Alles seinen regelmäßigen Gang; das Innere d. Hauses, ganz wie Du es kennest; die Vorfen ster eingehängt u. Alles zum gebührenden Empfange des Winters bereit. Nur Dein Zimmer ist wie ein allerheiligstes άδυτον verschlossen für alle Uneingeweiheten; es ist, wo möglich, hübscher u. glanzvoller, als früher. Dessen ungeachtet hat ein gewisser glücklicher Bräutigam es gewagt, mit seinem Bräutchen am Arme diesen Tempel zu betreten; ich will nun gewär tigen, ob hiefür Absolution erhältlich sei od. nicht. – Draußen im Gute steht Alles im schmucklosen Herbstzustande und doch immer geschmückt u. schön da. Wahrhaftig, jede Jahreszeit hat ihre eigenthümlichen Reize an diesem lieblichen Orte. Je mehr die herbstlichen Winde wehen u. Bäume u. Gesträuche sich entblättern, desto mehr zieht Papa sich ins Haus u. Zimmer zurück, lebt bei seinen Arbeiten, freut sich im Genusse des stillen häuslichen Glückes mit der guten Mutter, u. singt nicht selten in harmlo ser Seelenstimmung die schönsten Partien aus Opern, welche, von Dem. Vial vorgetragen, sein Innerstes angesprochen haben. Du weißt, wie vor einigen Jahren es für Papa fast Bedürfniß war, von Zeit zu Zeit Gesellschaften zu besuchen u. bei sich zu sehen. Jetzt bringt ihn, außer d. Theater, wenn Dem. Vial singt od. Mad. Birch-Pfeiffer auftritt, fast nichts mehr von Hause weg; so lieb ist ihm das häusl. Leben geworden. Natürlich, daß Hr. u. Fr. Stockar, besonders letztere, die theuern Eltern recht oft besuchen, u. Clementine sind die Stunden u. halben Tage, die sie auf Belvoir verleben kann, die freudigsten. – So vereinigt sich denn in der Heimath so Vieles, fast Alles, um Dich wegen Deiner Lieben z. beruhigen u. Deinen Aufent halt in d. Ferne recht angenehm u. für Deine Studien ersprießlich zu machen; u. wenn man vollends bedenkt, wie Du in Berlin überall aufgenommen wurdest u. was für herrliche Aussichten sich Dir für Geist u. Herz u. Leben öffnen: dann kann man nicht umhin, Dich als einen vom Himmel Hochbeglückten zu preisen. O möge es Dir vom Vater im Himmel beschieden sein, daß Du auch fernerhin so ruhig u. glücklich, wie bisher, Deiner Ausbildung leben kannst, u. daß immer nur erwünschte Nachrichten von Dir nach Hause, u. von Hause an Dich gelangen mögen. |

Leider ist es schon Donnerstag (21) geworden, ohne daß ich diesen am Sonntag begonnenen Brief vollenden konnte. Ich hatte im Sinne, den Deinigen mit einem von derselben Größe zu erwiedern; allein um den Abgang nicht allzu lange zu verschieben, magst Du mit diesem kleinern vorlieb nehmen. Das Interessanteste, was ich Dir melden wollte, ist ja gemeldet: Mittheilungen über Belvoir. – Mir geht es natürlich recht ordentlich; od. wie anders jetzt! wie anders auch in Zukunft, wenn die Arzneikunde f. Leib u. Seele sich vereinet in m. Hause; denn wenn ich bisher schon großen Respect hatte vor d. medicin. Facultät u. ihre heilsamen Bestrebgen im Rathen u. Helfen unsrer l. Frau Doctor auf Belvoir vielfach erfuhr: so kann es mir nun kaum mehr fehlen, da Vater, Oheim u. Großvater meines Bräutchens Doctores sind - nun, die Zeit wird lehren. – Am Montage fand - tandem aliquando – die Einweihg u. Be ziehg unsers neuen Schulzimmers (ohne Lehrerwohng) Statt; Gott Lob, daß dieser Zankapfel einmal beseitigt ist; wenn nur unsre ... jüngsthin geborstene «große» Glocke (circa 136 im Gewichte) nicht von neuem e. Anlaß zu Reibungen wird. – Im Politischen ruht man aus auf den errungenen Lorbeeren, u. der Radicalismus singt Hymnen über Montebello's Versetzung nach Neapel. Die letzte No des Republikaners attestirt über ihn also: Bei Montebello finde d. Sprichwort: oft schlage man auf den Sack u. meine den Esel, die umgekehrte Anwendung; in der Conseil-Geschichte habe er ohne Wahl u. im Wahl'schen Handel ohne Rath sich bezeigt; in der Prinz Louis Geschichte habe er persönlich in mehrfachen Beziehgen nicht in bona parte gestanden. – Im Canton Schwyz gährt es von neuem; am Ende führt es zu e. neuen Prügelsuppe; wenigstens scheint sie recht emsig gekocht zu werden von Klauen u. Hornen. Wer wird sie ausessen? – In uns. Schullehrer-Seminar ist zwischen dem größten Eidsgenoßen u. Scherr Friede geschlossen u. sogar öffentlich verkündet worden; 's wird wohl nur e. fauler Friede sein; denn des Directors ehrgeiziger u. selbstherrischer Geist läßt ihm keine Ruhe, u. seine selbsteigenen Lobhudeleien, die er mit unermüdl. Feder sich neulichst wieder gespendet, sind theils von erweislichen Unwahrheiten übervoll, theils verlieren sie immer mehr ihre Kraft. Selbst seinen Anbethern aus s. eigenen Zöglingen gehen mit d. wachsenden Erfahrungen die Augen auf, u. Mancher v. dsn will nicht mehr in verba magistri schwören. Kaum hat Scherr e. Kampf mit Schauberg u. dem sel. Constitutionellen ausgekämpft, so beginnt er einen neuen mit unserm nagelneuen Decan Werdmüller in Uster, der in e. Schreiben an d. Erziehgsrath | ziemlich unverholen u. kräftig über d. Gewaltthätigkeit - u. Pratiken des Directors sich beschwert hat. – Aargau hat das ersehnte Expropriationsgesetz mit Mehrheit verworfen: wodurch die Eisenbahn nach Baden u. Basel in d. größte Klemme getrieben, wo nicht anderswohin vertrieben od. gar unmöglich wird. Auch die Krämer von Basel sollen aus lauter Eifersucht über d. Gewicht u. d. Vortheile, wie sie f. Zürich erwachsen würden, f. d. Realisirg derselben nicht besonders günstig gestimmt sein; natürlich daß Vitodurum darüber jubelt. Ein entschlossener Wille vermag am Ende, Berge zu versetzen. – Nun nur noch zu Deinen wieder erhaltenen Freunden in Berlin die Bezeugg meiner herzlichsten Freude u. innigsten Glückwünsche; an alle, die ich kenne, besonders an Sins, Escher, Wyß, meine freundschaftlichsten Grüße!

Gott mit Dir, m. lieber, theurer Alfred!

Von Herzen u. immer Dein

H. Schweizer.