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Korrespondenz: Alfred Escher – Oswald Heer

AES B0173 | ZBZ Nachl. O. Heer 184.1

Alfred Escher an Oswald Heer, s.l., Donnerstag, [18. Oktober 1838]

Schlagwörter: Entomologie, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Ich habe mich, mein lieber, theurer Professor! an meinen Schreibtisch gesetzt, spaßhaft eher als ernst gestimmt; sollte doch Ihnen diesmal mein Brief gelten! Ich gedachte nähmlich, wie Sie sich, seit Sie meinen ersten und letzten Brief erhalten, «verändert» hätten. Diese Veränderung mit einem drolligen Anstriche zu betrachten konnte ich mich aber bisher nie erwehren. Es ist dieß wohl die Folge des engen Bandes, das mich an Sie fesselt und des vertrauten Fußes, auf dem wir zusammen gestanden. Jedes Ereigniß nämlich in Ihrem Leben scheint mir gleich auch Ereigniß in meinem Leben werden zu müssen; und wie ich mich als junger Ehemann mir ohne Lachen kaum denken könnte, so ist es mir auch bei Ihnen gegangen. Ich höre nun einen Seufzer zum Himmel über die sich nie an ihren Platz setzende Jugend, die die Unterschiede des Alters beständig ausser Acht läßt; und, mein lieber, diesen Seufzer habe ich selbst auch eben gethan. Aber Sie sind der böse aber doch gute Mann, der mich zu solchem Ubermuthe verleitet und mich den Unterschied unsers Alters vergessen gelehrt hat. Sie haben nämlich nie den Herrn Lärer, oder den ältern weisen Rathgeber und mentor mir fühlen lassen; Sie haben sich, mein Theurer, mir vielmehr immer als Jugendfreund gegeben und als Jugendfreund habe ich Sie lieben gelernt; und, glauben Sie mir, als solcher sind Sie mir theurer geworden, als sie mir wohl kaum auf irgend eine andere Weise hätten werden können. Spaßhaft also – sage ich – habe ich mich an meinen Schreibtisch gesetzt mit dem Entschlusse Ihnen zu schreiben. Wie ich aber Ihren letzten lieben Brief vom 27ten Juli noch einmal durchlas wurde ich ernst und wehmüthig, sehr wehmüthig gestimmt. Ihre Beschreibung jenes Sontag Nachmittags nämlich, an dem Sie meinen Brief erhielten, namentlich jener Abend auf der Gallerie hat die freundlichsten Bilder von dem gerade in mir hervor gerufen, was ich getrennt von der Heimath am meisten vermisse und dessen Verlust ich am meisten beklage. Sie wissen sehr gut, mein Lieber, was mir theuer ist, Sie kennen das, was mir am meisten Genuß verschafft, sehr wohl und auf eine mir liebliche Weise geht unser Sinn darin Hand in Hand. Unwiderstehliche Sehnsucht ergreift mich oft nur nach einem Augenblicke, nur nach einer Stunde, deren ich so manche in der Vergangenheit doch immer – das darf ich sagen – ihres Werthes wohl bewusst verlebt, nie mehr aber seit ich von der Heimath getrennt bin, zugebracht habe und wohl so lange ich von der Heimath getrennt sein werde, nie mehr zubringen werde. Aber jenes Glück, das ich augenblicklich dann genossen hätte, wieder für so lange verlieren zu müssen, vermöchte nicht, so süß es auch ist, die unendlich bittern Gefühle aufzuwägen, die eine nochmalige Trennung von demselben in erhöhtem Grade in mir hervorrufen müßte, und diesen Gedanken kann ich nicht meinen Trost, wohl aber den einzigen Widerstand meiner sonst unwiderstehlichen Sehnsucht nennen. Doch nicht bloß um meinetwillen hat mich Wehmuth ergriffen auch um Ihretwillen; denn ich habe Sie begleitet, wie Sie auszogen aus Ihrem traulichen Stübchen, das uns so oft in Freude und Leid vereinigt, und in dessen freundlichem Raume wir so unvergeßliche Stunden verlebt; ich bin neben Ihnen gestanden, wie Sie Abschied nahmen von meinen theuern Eltern, das letzte Glied ihrer Familie – darf ich wohl sagen, das sie nun auch verließ; ich kenne Ihre Anhänglichkeit an meine Lieben; sie hat mir oft wohl gethan; ich kenne | aber auch die treue fast elterliche Liebe und Treue, die meine Eltern an Sie fesselt, und Sie werden glauben, daß ich, der den Schmerz einer gänzlichen Trennung von meinen Theuersten zu ertragen hatte, auch den einer theilweisen Trennung von lieben Menschen zu würdigen im Stande sein werde. Immerhin muß ich Sie noch beneiden um des Glückes willen, so oft es Ihnen Bedürfniß ist, der theuren Nähe meiner und Ihrer Lieben sich freuen zu können und ich darf wohl mit Recht erwarten, daß das neue Band, das sie geschlossen, Ihrem Gemüthe die Nahrung gebe, die es und zwar in nicht kargem Maaße wohl kaum entbehren könnte. Das Familienleben, diese unendlich ergiebige Quelle, ich möchte sagen, der Born des gemüthlichen Lebens geht Ihnen also durchaus nicht ab, wie er mir abgeht. Wie schwer ist es aber, in fremdem Familienleben auch nur Anklänge des eigenen zu finden und wie schmerzlich ist es, wenn man dieses seltenen Glückes theilhaftig werden zu können gehofft hat, auch dieses sich wieder entrissen zu sehen. Freudigen Herzens jedoch sehe ich täglich die Zahl der sich um mich sammelnden Freunde größer werden und ich verspreche mir herrliche Stunden in ihrem trauten Kreise. Den treuen Escher habe ich hier wieder gefunden; er ist sich immer gleich geblieben in seiner Zutrauen erweckenden Geradheit und Offenheit und in seiner treuen unerschütterlichen Anhänglichkeit. Eine seiner ersten Fragen nach unserm Wiedersehen galt Ihnen und er empfiehlt sich Ihrem fortdauernden wohlwollenden Andenken.Blumer ist mir geblieben und je genauer ich ihn kennen gelernt, desto schöner hat sich seine Freundschaft bewährt. Unendlich erquickend und ermuthigend wird mir ganz besonders der Umgang meines theurenSinz sein, der namentlich auch durch die innige Verbindung, in der er auch nach meiner Abreise aus der Heimath mit meinen Eltern geblieben ist, an Liebe bei mir nur hat gewinnen können und ein Element in mir völlig begreifen gelernt hat, das in meinem Sinnen und Fühlen eine so große Rolle spielt. Sein scharfer Verstand, sein tiefes Wesen überhaupt und das unendliche Feuer, das das ganze Reich seines Fühlens so herrlich durchdringt, haben ihm meine wahre Achtung und innigste Liebe geschenkt, und werden sie gewiß auch erhalten. Den treuen natürlichen und gemüthlichen Zwicki wiederzusehen und ihn sogar zum Hausgenossen zu bekommen freut mich ungemein. Noch eine Stube in unserm Hause ist leer. Wie herrlich, wenn sie es bis zu Sinzens Ankunft bleibt und er sich dazu entschließen kann, sie zu nehmen. Welch' gemüthliche Familie würden dann Sinz, Zwicki, Blumer und ich bilden! Ach, was wäre mein Leben namentlich auch jetzt, wenn ich keine Freunde hätte! – Hier bin ich recht freundlich logirt. Mein Studienzimmer ist sehr wohnlich und heimlich, wozu auch namentlich der Teppich auf dem Fußboden viel beiträgt. Daneben habe ich ein artiges Schlafzimmerchen. Neben diesem gleich ist Blumers Stube. Diese Art des Beisammenwohnens ziehen wir dem Bewohnen desselben Zimmers durch beide vor. Bei letzterer Art stört man sich doch immer gegenseitig und man sieht sich auch wirklich zu oft, daher Jean Paul gewiß mit vollem Rechte sagt: Freunde sollen alles gemein haben, nur das Zimmer nicht. – Das Zusammenleben der Schweizer in Berlin wird gewiß sehr treulich sein während des bevorstehenden Winters. Elemente dazu sind | wenigstens in reichlichem Maße vor[handen?], Fr. & G. v. Wyß, Hch. Schweizer, Caspar Meier, Stoll, Schultheß, [...?] gelehrte Tschudi sind schon hier nebst einer Anzahl ander[...?] selbst noch nicht recht, und Sie wohl, noch weniger kennen [B...?] kommen noch hieher Durand, Sinz, Äppli, stud. theol. undsein Bruder[stud. jur. ?], Zwicki, Haller und Oschwald von Bonn, König, Bourgeois, Gerber und Fueter von Bern, Schneebeli und Kuenzler von Heidelberg oder vielmehr Halle. & & Letztere beiden haben uns noch in den letzten Tagen vor unserer Abreise in Bonn besucht und wir haben einige sehr fidele Tage mit ihnen zugebracht; die letzten beiden mußte und wollte ich zwar noch auf Rheineck inBethmann-Hollweg's Burg zubringen; aber jene kamen mir, da ich zu Pferde zurück kehrte, nach Rolandseck entgegen und dort gaudierten wir uns in einer herrlichen Mondnacht im Angesicht der hübschen Ruine von Rolandseck, der romantischen Nonnenwerthe, eines Klosters auf einer Insel im Rheine und des wirklich großartigen Drachenfelses ungemein. Die späte Rückfahrt nach Bonn der einen im Kahne, der andern zu Pferde war in dieser zauberischen Nacht unvergleichlich. Schneebeli meinte, es sei ihm seit einem halben Jahre jetzt zum ersten Male wieder recht wohl. Sein Aufenthalt in Heidelberg war ihm nämlich durch den communen Ton, der dort nicht bloß unter den deutschen Studenten, worüber er sich noch leicht hätte wegsetzen können, aber namentlich auch unter den Schweizern herrschte, eigentlich zur Last geworden. Jetzt ist er nach Halle gegangen, um dort die Ferien zuzubringen und die Kliniken, die sehr gut sein sollen, zu benutzen. Auf diesen Winter freut er sich sehr nach dem Sommer, den er in Heidelberg zugebracht. – Die Collegien in Bonn habe ich bis zu Ende angehört, was wirklich in Bonn viel sagen will, wo am Ende des Semesters kaum noch 1/10 der Studenten anwesend war. Jedenfalls das nützlichste Colleg für mich war Hollwegs Civilprozeß. Interessant und angenehm eher als lehrreich war Walter's Kirchenrecht. Seine Rechtsgeschichte war ziemlich unvollständig und sein System loose. Fichte's Anthropologie und Psychologie war miserabel. Ich bin auch diesen Sommer meiner Ansicht, daß durch eigenes Forschen und selbstständiges Arbeiten in den Quellen am meisten für wissenschaftliche Ausbildung erreicht werde, treu geblieben und ich habe daher einige schwierigere Themata aus den Pandecten hergenommen, sie bloß nach den Quellen bearbeitet und nachher die vielen und sich widersprechenden Abhandlungen gelesen, die darüber herausgekommen sind. Hollweg hat mich hiebei auf eine höchst anerkennungswerthe Weise unterstützt. Je mehr ich ihn fragen wollte, desto lieber war es ihm und wenn ich etwas schriftlich ausgearbeitet hatte, so durchging er es immer und unterhielt sich nachher einläßlich über das bearbeitete Thema mit mir. Diese Art von Arbeiten war eine treffliche Vorübung für mein Hauptcolleg von diesem Winter, der Pandecten bei Savigny. Die Naturwissenschaften sind in Bonn ziemlich gut besetzt. Am meisten Anerkennung. schienen mir Goldfuß und Bischof zu finden. Nöggerath soll in seinen Collegien sehr schlecht und ein bloßer Compilator, im Privatumgange eigentlich gemein sein. Treviranus wurde mir als langweilig geschildert, ein Vorwurf, der ihn übrigens leicht treffen kann, da er spezielle Botanik, was ja nicht sein Hauptfach ist und in Bonn überhaupt ein ziemlich trockenes Studium sein mag, vortrug. Dann und wann macht er mit seinen Studenten auch Excursionen. – Von meiner letzten Semesterreise werden Ihnen wohl meine Eltern manches erzählt haben. Am meisten hätte ich Sie im Museum in Leyden an meiner Seite zu wissen gewünscht. Es ist dieß wirklich eine ungemein großartige und überraschende Anstalt. Das in Form eines Hufeisens erbaute Gebäude enthält zwei Stockwerke. In dem untern linker Hand befindet sich die mineralogische Sammlung die an Vollständigkeit und namentlich Pracht und Zahl ihrer Exemplare von wenigen andern Sammlungen erreicht werden wird. Rechts auf dem ersten Stocke befindet sich die [...?] re Sammlung von Skeleten. Diese sind auf eine überraschende Weise hergestellt [hier?] finden sich auch die der seltensten Thiere. Das zweite Stockwerk enthält [...?] [...?]gie und Botanik. Was erstere anbetrifft, so kann man besonders bei [...?] [...?]thieren die Vollständigkeit | der Arten und die Pracht der Exemplare nicht genug bewundern. Ausgestopft sind sie auf eine ausgezeichnete Weise, so daß sich sogar Hr. Dr. [Schinz?] ein Exempel daran nehmen könnte. Der linke Flügel des zweiten Stockwerkes, in dem sich die Insecten und Pflanzen befinden, wurde eben gebaut und ich konnte nur auf verbothenem Wege zu den Käfern gelangen, die ich doch so gerne gesehen hätte. Kaum einige Augenblicke waren mir dort zu weilen vergönnt, da ich ein Jüngling auf gefahrvollem Wege war; es blieb mir gerade so viel Zeit, daß ich erkennen konnte, daß die Sammlung eine genera sammlung war. Ich dachte nun daran, daß Papa's und Ihre Absicht sei, auch bloß eine solche in Zürich anzulegen, was gewiß auch das allervernünftigste ist, denn wenn Leiden keine Artensammlung hat, so wird Zürich gewiß auch keine verlangen. Die Pflanzen waren noch ungeordnet. Ganz neu in diesem Museum war mir der Anblick zweier Giraffen & eines dritten scelettirten, vieler Rhinokeros, eines ausgestopften Elephanten, eines wahren Meisterstückes. Auch der botanische Garten in Leiden zeichnet sich sehr vortheilhaft aus. Der ästhetische und der wissenschaftliche Sinn werden durch die Anordnung desselben befriedigt! Die Naturwissenschaften scheinen in Leiden wirklich weit mehr zu gedeihen als jede andere Wissenschaft; denn in keinem andern Gebiethe zeichnen sich gegenwärtig die Holländischen Universitäten aus, die beinahe ihre schönen Tage gesehen zu haben scheinen. Auch das Studentenleben auf denselben, das wir ziemlich genau kennen lernten, indem wir einige Studenten besuchten, in ihrem Leben und Treiben beobachteten und uns viel von ihnen erzählen ließen, scheint ziemlich obscur zu sein. Die Universitäten in Holland haben in ihrer Einrichtung viel Ähnlichkeit mit den Academieen in der welschen Schweiz. Die Vorlesungen sind auf ein Jahr, nicht auf einen Semester eingerichtet und die Studenten [werden?] befra[...?] [...?]ologischer Beziehung soll großer Obscurantismus herrschen [Beso?]nders Utrecht ist dafür berühmt. Am freisinnigsten [...röninger?]. – Mein Papier ist nun überschrieben. Wenn [ich Berlin ?] einmal genauer kennen gelernt habe, als es jetzt natürlich durchaus | noch nicht der Fall sein kann, so werde ich Ihnen den Eindruck, den es auf mich macht, mittheilen. Eine ungemein reichhaltige allgemeine Kunstausstellung befindet sich gegenwärtig hier, die mich sehr interessiren soll. – Empfehlen Sie mich der Frau Professor; grüßen Sie mir herzlich meine Eltern, Hrn. Stockers[...?] und meine Bekannten, die sich meiner erinnern. Sie aber, mein theurer, umarmt mit Innigkeit Ihr

Alfred E.

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