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Korrespondenz: Alfred Escher – Heinrich Schweizer

AES B0172 | ZBZ FA Escher vG 207.104

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 28

Alfred Escher an Heinrich Schweizer, Berlin, Dienstag / Mittwoch, 16. / 17. Oktober 1838

Schlagwörter: Freundschaften, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Napoleonhandel (1838), Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Berlin. 16/17/X. 1838.

Mein lieber Herr Schweizer!

Der Brief, den Sie mir nach Bonn adressirt haben, hat mich zwar dort nicht mehr getroffen ist aber in Folge der Instruction, die ich meinem Philister1 über allfällig nach meiner Abreise von Bonn dort eintreffende Briefe gegeben, von ihm poste restante nach Coblenz geschickt worden. Meine Eltern, die Sie gewiß regelmäßig besuchen, werden Ihnen wohl manches von meiner Semesterreise mitgetheilt haben und unter anderm gewiß auch, daß ich nach vollendeter Reise durch Holland und Belgien wieder mit Freund Blumer nach Bonn zurückgekehrt sei und von dort aus mit noch drei andern meiner Freunde eine Fußreise nach dem Rheingaue, dem Nahe- und Moselthale angetreten habe.2 Diese führte uns dann zuerst nach Coblenz hin und mein erster Gang dort am frühen Morgen, an dem wir schon wieder den Dämpfer besteigen wollten, um noch mehr rheinaufwärts, nähmlich bis St. Goar zu fahren, war noch auf die Post, wo ich Briefe von meinen Lieben auf Belvoir zu treffen hoffte. Wenn dieß nun auch nicht in ganz wörtlichem Sinne mir zu lieb ward, so war doch Ihr lieber Brief so viel als ein solcher und ich kann Ihnen sagen, daß ich ihn, auf dem von Nebel feuchten Vordecke des Dampfschiffes stehend mehrmals nach einander durchgelesen habe. Die Nachrichten namentlich, die Sie mir über meine theuren Eltern geben und die ich von Ihnen befriedigender und richtiger zu hören erwarten kann als von ihnen selbst – denn wer kann von seinem bessern oder schlechtern Aussehen, von seiner größern oder geringern Munterkeit und Heiterkeit selbst ebensogut Nachricht geben als ein Dritter, der einen mit Theilnahme und genau beobachtet? – haben mich sehr interessirt und ebenso sehr gefreut. Ich seh die theure Mutter mit sorgsamem Geiste und mütterlicher Obhuth das Haus bestellen und in regelrechtem ordentlichen Gange halten, eine ehrwürdge Hausfrau, πότνια μήτηρ3 im eigentlichen Sinne des Wortes und daneben doch eine liebende Mutter ihren Kindern; ich sehe den Triumph, den die gute feiert, indem sie das liebe Lehrzimmer auffrischen und ihm seinen alten Glanz, seine alte Wohnlichkeit wiedergeben läßt und ich sehe ihr an, daß sie jetzt schon an den Augenblick denkt, da sie mir das freundliche Zimmer, in dem ich so schöne und treue Stunden mit ihr verlebt, wieder anweisen wird. Den theuren Vater sehe ich vor allem seinen vielfachen Geschäften mit unermüdlicher Ämsigkeit vorstehen, aber dann gerne auch sich erholend in dem Tempel der Natur, den er sich durch so manche Anstrengung – ich darf wohl sagen – verdient hat und der auf jedem Schritte immer wieder Zeugniß von seinem angestrengten Fleiße gibt, ich sehe ihn vor seinen Blumen stehend, hoch erfreut über ihre Pracht, ihren Wohlgeruch, ihre Seltenheit und ihr gutes Gedeihen in seiner Erde; ich sehe ihn hingerissen von der Macht der Musik und den Tönen jener gefeierten Sängerin4 und ich höre ihn die schönsten Partieen, die er gehört, mit bewundernswerther Sicherheit und so unendlich harmlos nachsingen, den gehabten Genuß auf diese Weise reproduzirend und sich erhaltend. Ach, daß Sie mir, mein lieber Herr Schweizer! immer so gute Nachrichten von Hause geben können! Empfangen Sie für die mir gegebenen meinen besten Dank und die Versicherung, daß Sie mir in diesem Thema nie zu ausführlich sein können, aber auch, daß Sie mir durch diese genauen und detailirten Angaben über Belvoir Ihre Briefe zu den liebsten machen können, die ich empfange. – Die Liebe und Anerkennung meiner geringen Leistungen, die Papa mir, wie Sie mir schreiben, zu Theil werden läßt, müssen ganz besonders dazu geeignet sein, mir ein Stachel zu werden zu verdoppeltem Eifer und Kraftanstrengung in jeglicher Richtung. Ich freue mich, daß ich in Berlin wieder einen Kreis von Bekannten gefunden habe, mit denen ich wettei| fern und durch die ich auf diese Weise so viel gewinnen kann. In Bonn hatte ich wenige Bekannte, mit denen sich hätte wetteifern lassen. Der meisten, einer erschreckenden Mehrheit Wetteifer bezog sich auf andere Dinge, jedenfalls auf das Schlechte und nicht auf das gute. Aber ich glaube, es ist schwerer und erfordert mehr Kraft, stark zu sein unter Starken als unter Schwachen; und daher glaube ich auch, daß Berlin meine Kraft mehr anstrengen wird als Bonn. Nicht daß ich irgendwie Anlaß hätte, mit dem in Bonn verlebten Semester unzufrieden zu sein. Das Colleg bei dem trefflichen Bethmann-Hollweg und den wissenschaftlichen Umgang mit ihm hätte mir nichts in Berlin ersetzen können. Besonders der letztere war mir sehr wichtig, denn ich bin auch diesen Sommer meiner durch Keller und Hollweg vollständig gebilligten Ansicht treu geblieben, daß durch eigenes Forschen und selbstständiges Schöpfen unmittelbar aus den Quellen für die wissenschaftliche Ausbildung am meisten erreicht werde und ich habe daher einige schwierigere Themata und Partieen aus den Pandecten bloß nach den Quellen bearbeitet und nachher die vielen gewöhnlich sich widersprechenden Abhandlungen, die darüber erschienen sind, erst nachgelesen. Hollweg hat mich in meinen wissenschaftlichen Arbeiten auf eine höchst anerkennungswerthe Weise unterstützt. Je mehr ich mit ihm besprechen wollte desto lieber war es ihm. Meine schriftlichen Arbeiten durchging er immer und unterhielt sich nachher mit großer Theilnahme und sehr einläßlich über das bearbeitete Thema mit mir. Ich bedaure sehr, daß solche Unterstützung mir diesen Winter in Berlin abgehen wird. Savigny5, wenn von vielen auch als Lehrer nicht über Hollweg gestellt, steht als Mensch jedenfalls ziemlich tief unter ihm. Besuche selbst von ihm empfohlenen Studenten, die ihn über wissenschaftliche Gegenstände zu Rathe ziehen möchten, nimmt er bei sich keine an. Bloß im Sprechzimmer der Universität ist er während etwa 10 Minuten, die er zwischen seinen beiden Pandectenstunden aussetzt, zu sprechen. Was läßt sich aber in so kurzer Zeit und da ihn gewöhnlich manche sprechen wollen, ausrichten? Einzig ein junger Rothschild6, der sich hier aufhält, hat Zutritt zu ihm, nicht etwa um seines wissenschaftlichen Eifers willen, sondern weil er der berühmten, reichen Familie angehört. Und da komme ich dann auf eine andere Seite von Savigny, in der Hollweg auch unendlich hoch über ihm steht. Hollweg mag zwar reicher sein als Savigny; dieser ist aber auch jedenfalls so reich, daß er nichts weniger als ängstlich auf jeden Thaler bedacht zu sein braucht. Dessen ungeachtet wird er auch dem ärmsten Studenten das Honorar nicht schenken; er hat, wenn er darum angegangen wird, ich kann nicht anders sagen, als die Gemeinheit zu sagen, die Collegiengelder seien das Nadelgut7 seiner Frau8, die man um Nachlaß derselben angehen möge! Hollweg dagegen hat früher gar keine Collegiengelder angenommen und thut es jetzt bloß, weil ihn seine Collegen dazu gezwungen haben. Alle Collegiengelder aber, die er jetzt einnimmt und noch manches dazu verwendet er zur Unterstützung armer Studenten aus allen Facultäten. Sein Gehalt aber, das er als ordentlicher Professor erhält, gibt er zurück es zu gemeinnützigen Zwecken bestimmend. Neben dieser bewundernswerthen Uneigennützigkeit bringt er seinem Lehreifer noch andere Opfer. Statt den Sommer auf seiner herrlichen Burg bei Andernach im Kreise seiner Familie, die nur für ihn und für die allein er zu leben scheint, zuzubringen, | lebt er getrennt von seiner Familie und fern von seiner schönen Burg in Bonn seinem Lehrberufe und nur am Samstag und Sontag, gegen Ende des Semesters bloß am Sontag, genießt er des Familienglückes und der schönen Natur auf seiner glänzenden Besitzung. Bedenkt man aber alle diese Opfer, die er dem Eifer, lehren und wirken zu können, bringt, so folgt daraus von selbst, wie viel ihm am wissenschaftlichen Eifer und an der Theilnahme seiner Zuhörer gelegen sein muß. Denn bloß um diesen anzufachen bringt er so manches Opfer, ja darauf geht sein ganzes Streben und in dieser Beziehung muß man wieder die unendliche Mehrzahl seiner Zuhörer großer Theilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit anklagen. Hollweg äußerte sich selbst in Betreff dessen gegen mich, daß ihm oft aller Muth sinke und daß, wenn nicht einige seiner Zuhörer ihm immer Theilnahme und Interesse für seine Vorträge und überhaupt wissenschaftlichen Eifer zeigen würden, er dem Lehrberufe als einem undankbaren entsagt hätte. Man muß wirklich auf einer deutschen Hochschule gewesen sein, um sich einen Begriff von der dummen Rohheit, Gleichgültigkeit für die wahre Aufgabe eines Studenten, allerschlechtesten Zeitanwendung und großen Unwissenheit der entschiedenen Mehrzahl der deutschen Studenten zu machen. Drei Jahre, rechnen sie, bedürfen sie zum Studieren d. h. bei ihnen um ihr Examen machen zu können. Von diesen 3 Jahren rechnen sie 1½ – 2 nicht zu brauchen und diese bringen sie nun gewöhnlich als Mitglieder eines Corps oder einer Landmannschft mit Saufen, Schlagen und andern Dingen zu, aber wörtlich auch mit gar nichts anderem. Sind dann diese Jahre vorbei, dann fangen sie zu «oxen» an, d. h. einige Bücher auswendig zu lernen, um beim Examen mühsam durchzukommen. Sie müssen auch eine Anzahl Testate für eine Reihe von Collegien, die sie gehört haben müssen, vorlegen. Das geschieht aber auf folgende Weise: In jenen ersten Semestern nehmen sie diese Collegien an d. h. schreiben sich beim Professor ein, bezahlen das Honorar, besuchen aber das Colleg nie, empfangen aber am Ende des Semesters das testimonium für dasselbe doch von den meisten Professoren. Ich habe in Bonn, wo namentlich viele Füchse9 hinkommen die gleich in das Corpswesen mit unendlichem Eifer hineingeben, sehr oft Studenten gesehen, die am Morgen um 8 Uhr schon betrunken waren. Ich weiß, daß ein Corps, das 15 zählte, jeden zweiten Tag losging und zwar jedesmal 5–6 von seinen Mitgliedern. Ich habe im Anfange des Semesters einen jungen Mecklenburger gekannt, der in unserm Hause wohnte. Er sah gesund und blühend aus. Er ist ins Corps getreten und hat sich so verdorben, daß er abgezehrt, bleich und mager ist und an den schändlichsten Krankheiten leidet. Ja, mein lieber Herr Schweizer, es hat mich gefreut, aus des Rectors10, Universitätsrichters11, Decans12 und – ich darf wohl sagen – aller Leute Munde zu vernehmen, daß die Schweizerstudenten in Bonn immer am meisten Achtung verdient hätten und stolz bin ich auf den Geist, der auf unsern Hochschulen herrscht und wiederhole, was ich früher gesagt, es ist ein Glück, nicht ein Unglück für diese, daß ihr Besuch den Deutschen verbothen ist. Aber eines muß ich noch sagen, daß jene Corps, ein Abgrund, in den so mancher stürzt, jeder um sich nie wieder daraus empor zu arbeiten, geduldet werden von oben herab, vielleicht noch begünstigt, geht ja bloß die Existenz der lieben, treuen Unterthanen dadurch verloren! Die Mitglieder der Burschenschaft aber, der Kern der deutschen Jugend, die noch Ideale kennen und einen Gott und die sich selbst noch achten können, werden dafür für ihr ganzes Leben oder Jahre hindurch in feuchte Löcher auf Festungen gesteckt, die gewöhnlich ihr Grab sind. Und solche Jünglinge habe ich gekannt; es sind die edelsten Deutschen gewesen, die ich kennen gelernt. Wir Schweizer hoffen künftigen Winter in Berlin ein erfreuliches Zusammen-leben genießen zu können. | Wir sind wirklich in seltener Zahl hier zusammen gekommen und ich erblicke herrliche Elemente in unserer Mitte. Zwicki, Blumer, hoffentlich auch Sinz und ich bilden als Hausgenossen eine Art Familie, die ich mir nicht freundlicher wünschen könnte.13 Von meinem Logis haben Ihnen wohl meine Eltern schon Nachricht gegeben oder werden es noch thun. Ich will also nichts altes Ihnen erzählen.14 – Gestern habe ich in einer Zeitung zum ersten Male etwas bestimmtes über den Gang unserer Angelegenheiten mit Frankreich gelesen, nämlich, daß Montebello15 offiziell dem Vororte angezeigt habe, daß sich Frankreich mit der freiwilligen Abreise Ludwig Napoleons16 zufrieden gebe. Die Stimmung in Deutschland ist durchaus eine Frankreich ungünstige. Man gibt Frankreich vor allem die Schuld an dieser Verwickelung des Louis Napoleon nach dem Straßburgerattentat, da es diesen in seiner Gewalt gehabt hätte, nicht auf irgend eine Weise sich unschädlich gemacht hat; aber dieß, fährt man fort, hätte freilich den Thron von Ludwig Philipp17 erschüttern können; man wundert sich über das Geständniß eigener Schwäche, das in der Verfolgung L. N. durch den König der Franzosen liegt, und stellt die Alternative, entweder habe L. Ph. den L. N. zu fürchten oder wenn dieß nicht der Fall sei, so wolle Frankreich die Selbstständigkeit der Schweiz gefährden, und daß diese einmal zu widersprechen gewagt und gezeigt hat, daß sie sich nicht alles wolle gefallen lassen, dessen wird mit großer Anerkenng in allen deutschen Zeitungen mit Ausnahme einiger, die in Französischem Solde stehen, gedacht; man erinnert nicht mit Unrecht daran, daß wenn die Schweiz immer daran denke, daß sie viel schwächer sei als Frankreich und diese Thatsache bei jeder Verwicklung mit diesem geltend mache, sie sich zuletzt alles auch das äußerste, aus diesem Grunde gefallen lassen müßte; mit Unwillen erinnert man sich aber ganz besonders an das Asyl und den Schutz, den L. Ph. einmal in der Schweiz genossen hat18, in die er sich [...?] [als?] Prätendent der Herrschft über ein benachbartes Land [ge...?] hatte und man findet nicht bloß in seinem jetzigen sondern auch schon in seinem Auftreten bei frühern Anläßen kei-ne Spur von Dank| barkeit; aber freilich die Menschen sind im Unglücke und im Glücke ganz verschiedene Wesen! – Schreiben Sie mir bald wieder, mein lieber Herr Schweizer, & antworten Sie mir namentlich schneller auf diesen Brief, als Sie es auf den letzten thaten, wofür Sie jedoch bei mir schon sattsam entschuldigt sind. – Grüßen Sie mir meine Theuren und alle die, die sich meiner erinnern!

Ihr treuer

Alfred Escher.19

Kommentareinträge

1Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

2Schilderungen der Reisen nach Belgien und Holland sowie ins Nahe- und Moseltal finden sich in einem Brief Eschers an Oswald Heer und in den «Erinnerungen» Blumers. Vgl. Alfred Escher an Oswald Heer, [ 18 . Oktober 1838 ]; Blumer, Erinnerungen, S. 6(b)–6(c).

3πότνια μήτηρ (gr.): ehrwürdige Mutter.

4Gemeint ist Antoinette Vial (geb. 1804), bayerische Opernsängerin (Mezzosopran).

5 Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Berlin, Mitglied des preussischen Staatsrats.

6 Mayer Carl von Rothschild (1820–1886), von Frankfurt am Main, Rechtsstudent.

7Nadelgeld: einer verheirateten Frau zukommende Geldsumme für kleinere persönliche Ausgaben, Taschengeld.

8 Kunigunde von Savigny (1780–1863), Tochter der Maximiliane Brentano-de la Roche und des Peter Anton Brentano; ab 1803 Ehefrau Friedrich Carl von Savignys.

9Fuchs, Fux (studentisch): Studienanfänger, Student in den ersten Semestern, neues Mitglied einer Studentenverbindung.

10 Friedrich Gottlieb Welcker (1784–1868), Rektor, ordentlicher Professor für klassische Philologie und Archäologie und Oberbibliothekar an der Universität Bonn.

11Person nicht ermittelt.

12 Eduard Böcking (1802–1870), ordentlicher Professor für römisches Recht, Strafrecht und Zivilprozess an der Universität Bonn; Dekan der juristischen Fakultät.

13 «Freudigen Herzens jedoch sehe ich täglich die Zahl der sich um mich sammelnden Freunde größer werden und ich verspreche mir herrliche Stunden in ihrem trauten Kreise. Den treuen Escher habe ich hier wieder gefunden; er ist sich immer gleich geblieben in seiner Zutrauen erweckenden Geradheit und Offenheit und in seiner treuen unerschütterlichen Anhänglichkeit. Eine seiner ersten Fragen nach unserm Wiedersehen galt Ihnen und er empfiehlt sich Ihrem fortdauernden wohlwollenden Andenken. Blumer ist mir geblieben und je genauer ich ihn kennen gelernt, desto schöner hat sich seine Freundschaft bewährt. Unendlich erquickend und ermuthigend wird mir ganz besonders der Umgang meines theuren Sinz sein, der namentlich auch durch die innige Verbindung, in der er auch nach meiner Abreise aus der Heimath mit meinen Eltern geblieben ist, an Liebe bei mir nur hat gewinnen können und ein Element in mir völlig begreifen gelernt hat, das in meinem Sinnen und Fühlen eine so große Rolle spielt. Sein scharfer Verstand, sein tiefes Wesen überhaupt und das unendliche Feuer, das das ganze Reich seines Fühlens so herrlich durchdringt, haben ihm meine wahre Achtung und innigste Liebe geschenkt, und werden sie gewiß auch erhalten. Den treuen natürlichen und gemüthlichen Zwicki wiederzusehen und ihn sogar zum Hausgenossen zu bekommen freut mich ungemein. Noch eine Stube in unserm Hause ist leer. Wie herrlich, wenn sie es bis zu Sinzens Ankunft bleibt und er sich dazu entschließen kann, sie zu nehmen. Welch' gemüthliche Familie würden dann Sinz, Zwicki, Blumer und ich bilden! Ach, was wäre mein Leben namentlich auch jetzt, wenn ich keine Freunde hätte!» Alfred Escher an Oswald Heer, [ 18 . Oktober 1838 ].

14 «Hier bin ich recht freundlich logirt. Mein Studienzimmer ist sehr wohnlich und heimlich, wozu auch namentlich der Teppich auf dem Fußboden viel beiträgt. Daneben habe ich ein artiges Schlafzimmerchen. Neben diesem gleich ist Blumers Stube. Diese Art des Beisammenwohnens ziehen wir dem Bewohnen desselben Zimmers durch beide vor. Bei letzterer Art stört man sich doch immer gegenseitig und man sieht sich auch wirklich zu oft, daher Jean Paul gewiß mit vollem Rechte sagt: Freunde sollen alles gemein haben, nur das Zimmer nicht.» Alfred Escher an Oswald Heer, [ 18 . Oktober 1838 ].

15 Napoléon Auguste Lannes (de Montebello) (1801–1874), Gesandter Frankreichs in Bern.

16 Charles Louis Napoléon Bonaparte (1808–1873), Neffe Napoleons I.

17 Louis-Philippe (1773–1850), König der Franzosen.

18 Louis-Philippe hatte sich nach der französischen Revolution von 1789 auf die Seite der Republik gestellt, geriet aber als potentieller Thronanwärter bald in den Mittelpunkt royalistischer Intrigen. Im April 1793 flüchtete er in die Schweiz, wo er die nächsten zwei Jahre unter falschem Namen lebte. Unter anderem verbrachte er ein halbes Jahr als Lehrer in Reichenau und einige Zeit in Bremgarten. Im März 1795 verliess er die Schweiz wieder. Vgl. Antonetti, Louis-Philippe, S. 241–269.

19Ergänzung am Rand der ersten Seite.