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Korrespondenz: Alfred Escher – Hermann Poelchau

AES B0170 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#398*

Hermann Poelchau an Alfred Escher, Bonn, Sonntag, 9. September 1838

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Bonn d. 9ten Septbr. 38

Alle Genialität, mein theurer, lieber Escher hat seine Grenzen – u. so auch die meine, wie Du dies beim Empfang dieses Brie fes statt meiner Wenigkeit, Dir wohl schon selbst wirst gesagt haben. Nun höre meine Gründe u. wie es mir bisher ergangen ist. Mein Rückfahrt war ganz angenehm – nur mußte ich meine angenehme Ecke bald einer blühenden, schlanken Mäd chengestalt überlaßen, deren von Zeit zu Zeit auf den Busen sinkender Kopf mir die Ueberzeugung ihrer Müdigkeit ver schaffte, was denn – auch abgesehen von meiner Idiosynkrasie des «Männerken-Machens» wohl einen jeden zu dieser Galan terie würde bewogen haben. Ein freundlicher Blick aus ihren schönen Augen belohnte denn auch hinreichend für die Strapat zen, die ich statt «Trudchen's» – so nannte sich mir die holde Dulcinea – zu ertragen hatte; trotzdem kam ich doch sehr ermüdet um 4 Uhr in Cöln u. nach einem 3stündigen Spazier gange bis 7, wo das Schiff erst wieder abging, um 10½ noch ermüdeter hier an; der Entschluß aber, Dir nachzueilen ließ mich die schlaflose Nacht vergeßen; ich eilte auf das Secre tariat, u. benutzte die Zeit bis ich dort meinen Reiseschein bekam dazu, um zu Deiner Wohnung zu gehen – u. womöglich auf unblutige Weise den Schreiber den räuberischen Händen Deines Philisters zu entreißen; es gelang mir das auch durch die alleinige Macht meiner Persönlichkeit ohne summarischen Prozeß; von ihm erfuhr ich zugleich, ein bald nach Deiner Abreise – woher wußte der Mensch nicht mehr – an Dich ange kommener Brief von ihm poste restante für Dich nach Coblenz geschickt sei. Auf das Secretariat zurückgekehrt erhielt ich mei nen Reiseschein u. nach 1stündigem Warten war ich um | 1 Uhr in Besitz eines landräthlichen Paßes; nach Tisch nun hatte ich nichts Eiligeres zu thun als meine häuslichen Geschäfte zu be sorgen u. einzupacken; schon bei dieser Operation die mit mög lichster Hast geschehen mußte verging mir wunderlichem Men schen die Reiselust ein Wenig, die sich ganz verlor, als ich zu fällig mein Anmeldungsbuch unter die Hände bekam, u. hier mit Schrecken erblickte, mir noch 2 Testate fehlten – bei Böcking u. Arndts; diese jetzt noch um 7 Uhr anzuschaffen, war nicht möglich, oder schien mir wenigstens so in jenen durch Müdigkeit u. Hast aufgeregten Momenten – u. so war mein Entschluß wieder dahin. –

Hiernach bleibt es also bei unserer früheren Abrede, ich Dich in Coblenz oder Kochem treffe – u. ich möchte Dich nur bitten, in Nichts eine Veringerung meiner Liebe zu erblicken, sondern in mir den wunderlichen – u. wie Du mich sonst nennen magst – aber dir treu ergebenen Menschen zu sehen; –

Ich addreßire diesen Brief verabredetermaßen Amsterdam poste rest. u. schreibe zur Vorsicht noch darauf à la ville d'Elberfeld; Du sendest mir dann von Achen u. später von Trier ein Lebenszeichen worin Du mir Deine Abreise von letzterm Orte, u. wie u. wann Du in Cochem einzutreffen gedenkest, meldest. Bis dahin leb aber wohl, u. grüße Eichenberg u. Blumer . – Euch alle grüßt Eschenburg . – Heut Nachmittag sind die beiden Wolff's abgereist die mit Euch sich irgendwo zu treffen hoffen, u. in Brüssel hôtel de Suède bestimmt absteigen; auf die Gefahr des möglichen Treffens hin wollte ich ihnen aber doch nicht den Schreiber mitgeben. Morgen gehen Oswald u. Hess ab. Mit Hand u. Mund

Dein

Hermann P.-

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