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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0168 | ZBZ FA Escher vG 207.102f

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 25 | Jung, Aufbruch, S. 98 (auszugsweise), 130 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 30–33 (auszugsweise)

Alfred Escher an Jakob Escher, Bonn, Sonntag, 19. August 1838

Schlagwörter: Rechtliches, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Turnfeste, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse), Wahlen, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Mein lieber Escher! Ich hatte mich nach einem Briefe1 von Dir gesehnt und fast möchte ich sagen, Du habest es zu gut mit mir gemeint, daß Du mir ihn durch Wolf2 zukommen ließest, während er mir durch die Post wohl 12 Tage früher in die Hände gekommen wäre. Damit ich gleich mit einer der wichtigsten Nachrichten Deines lieben Briefes beginne, nähmlich mit Deiner Reise nach Schweden, so kann ich Deinen Entschluß nur vernünftig finden; denn daß Du ein ganzes Jahr lang nicht unausgesetzt in Berlin leben magst, und wenn Du es einmal verlässest, dieß am liebsten in Gesellschaft der Wyße3 thust, würde mir an Deiner Stelle wahrscheinlich auch so gehen. Nichtsdestoweniger thut es mir aber, mein Theurer, sehr leid, daß wir die interessante und große Reise nach Schweden, die wir immer mit einander als alte Reisegefährten noch im lieben Vaterlande zu machen uns vorgenommen hatten, nun doch jeder für sich unternehmen müssen. Es hätte mir etwas freundliches darin gelegen, jede größere Reise mit dir gemacht zu haben. Aber jene Gründe diesen obsiegen zu lassen, ist eine für uns nothwendige, wenn auch oft harte Übung. Reise also glücklich, mein Freund! Ich finde darin schon genug Wonne, daß ich Dich in so kurzer Zeit wiederhaben werde. – Ich will Dir zuerst über einige in Deinem Briefe erwähnten Puncte Aufschluß geben, soweit mir dieß möglich ist. Was die Verhandlungen des Zofingervereins über den Wahlact anbelangt, so haben wir viel Kunde von Zürich davon vernommen; nähmlich Wolf4 durch einen Brief von Fries5 und ich durch mehrere Briefe6 von Sinz. Die eine Partei, an deren Spitze Meier7 stand, ging von dem Grundsatze aus, daß die ganze Studentenschaft das Recht habe, dem Zofingervereine als einem schweizerischen Vereine anzugehören. An der Ausübung dieses Rechtes werden viele durch die Wahl ausgeschlossen oder könnten durch sie ausgeschlossen werden; und zwar gerade solche, die durchaus würdig wären, dem Vereine anzugehören, denn die Wahl sei eben in der Regel eine blinde. Besser also, die Wahl abzuschaffen und jeden aufzunehmen, um zu sehen, wie er sich im Vereine und wie er dem Vereine gefalle. Gefalle er sich nicht im Vereine, so möge er austreten. Gefalle er dem Vereine nicht, so möge dieser ihn ausstoßen. Keller8 schloß sich an diese Ansicht an und brachte seine alten Erziehungsgrundsätze in Beziehung auf den Zof.Ver. wieder ans Tageslicht indem er davon sprach, daß man so viele als möglich aufnehmen müsse, um so viele als möglich durch den Verein bessern zu können. Meier und Keller scheinen mir sich in einem ähnlichen Puncte verrechnet zu haben; ersterer scheint sich nicht davon Rechenschaft gegeben zu haben, wer dann ausstoßen soll, wenn jeder, der da will, in den Verein aufgenommen worden ist, die Mehrheit des Vereines also gerade aus solchen vielleicht besteht, die die Schlechten nach unserm Sinne nicht nur nicht ausstoßen möchte, sondern sich zu ihren Grundsätzen selbst bekennt. Keller wußte nicht, daß wenn jeder in den Verein kommen kann, der will, leicht eine rohe Masse in diesem entstehen; daß diese leicht die quantitative Oberhand gewinnen kann und von dieser quantitativen Leiterinn des Vereines müßte dann also die Erziehung ausgehen? Die Gegenpartei, an deren Spitze Sinz stand (ihm gegenüber wurde mit einer Mehrheit von 2 Stimmen Meier zum Redner nach Zofingen und Keller zum Vicepräsidenten des Vereines gewählt, letzterer ebenfalls bloß mit einer Mehrheit von zwei Stimmen) könnte auch nicht ganz an dem alten Wahlmodus festhalten; denn dieser war jedenfalls nicht von allen Mängeln rein zu waschen. Übrigens hätten alle bedenken sollen, daß keine vollkommene Wahlart s. denken läßt und daß daher, wenn man auch einer Mängel vorwerfen kann es damit noch lange nicht gesagt ist, daß sie nicht vielleicht gerade die beste ist. Es scheint nun so gegenseitig einiges conzedirt worden zu sein. Trotz dieser Concessionen glaubt nun Sinz doch mit dem von ihm verfaßten, von einer Commission und vom Vereine gebilligten Entwurfe noch so viel als möglich gerettet zu haben. Aber Meier ist, wie ich höre, der Meinung, er habe gesiegt. Es wird jetzt von einem Mitgliede, das neu eintreten will, eine Erklärung, daß und warum es in den Verein einzutreten wünsche, verlangt und diese Erklärung wird dann theils rücksichtlich ihrer Wahrhaftigkeit theils rücksichtlich ihrer Überinstimmung mit den Zwecken des Vereines geprüft. Jetzt glaubt also so ziemlich jede Ansicht gesiegt zu haben. Ich denke, dieß und, was die Hauptsache ist, ob diese Maaßregel zum Wohl oder zum Wehe des Vereins gereichen werde, wird sich bei den ersten Wahlen entscheiden und das Resultat dieser wird wohl interessanter, als die Verhandlungen, die mehrere Abende viele Stunden angedauert haben sollen. Auch jetzt sollen die Blätter noch von Aufsätzen über diesen Gegenstand wimmeln. Das Zofingerfest fällt in eine für Zürich sehr ungelegene Zeit, nähmlich auf den (3) 4ten und (4) 5?ten Septbr, so gegen das Ende des Semesters. Sinz schreibt mir, es werden deshalb von Zürich kaum über ein Paar hingehen. Er selbst kann auch nicht nach Zofingen ziehen. – Du wünschest ferner Nachrichten vom Turnfest in Chur.9 Was jene Fahrt von Sinz und Kölliker10 über die Glarus und Bündten scheidenden Gebirge anbetrifft, so weiß ich von ihr nichts. Du scheinst überhaupt da falsch berichtet worden zu sein, denn Sinz war gar nicht in Chur, sondern über den Rigi nach Luzern, Rheinfelden (zu seiner Schwester11 ) und Basel gegangen. Ob Kölliker diese Tour gemacht, weiß ich nicht.12 Es wäre aber möglich, da Zwicki auch in Chur gewe| sen13, Kölliker diesen in den Ferien besucht hat und Köllikers Sinn überhaupt nach diesem Wege stand, wie dieß übrigens bei gewissen andern Leuten auch der Fall ist. In Chur waren 73 Turner außer den Churern. Auch die Schüler von Dissentis hatten die Erlaubniß erhalten, am Feste Theil zu nehmen. Der Platz soll festlich geschmückt gewesen sein mit der eidgenössischen Fahne auf hoher Tanne und den Fahnen der 22 Cantone, die im Kreise herum aufgesteckt waren. Die Theilnahme soll sehr groß gewesen und bei weiten nicht alle angebothenen Quartiere besetzt worden sein. Die Preise wurden so ausgetheilt 1) Zimmerlin14 von Bern! 2) Philipp Meier15 v. Basel 3) Caspar Schmid16 v. Zürich 4) Kölliker von Zürich 5) Schenkel17 v. Schafhausen 6) Biedermann18 von Basel 7) e. Churer, dessen Name mir entfallen, nicht Candrian19 8) Dick20 von Bern. Schinz21 erhielt ein accessit. Abends war merkwürdiger Weise ein Ball, von dem Zwicki berichtete, es sei sehr fidel und von den ersten Mädchen in großer Zahl besucht gewesen. Getanzt habe man bis Morgen um 4 Uhr. Er habe zwei Stunden vor dem Ball bei Nägeli22, der natürlich Abends eine größere Rolle gespielt als am Morgen, Tanzlectionen genommen, habe es aber nicht so weit gebracht, um auftreten zu können. Es habe eine verhältnißmäßig große Anzahl schöner Gesichter gehabt und diese, freut sich Zwicki, seien dann freilich nicht bloß für die Tanzenden da gewesen. – Daß unsere Turnreformen in Zürich guten Fortgang gehabt und einen ganz neuen Eifer hervor riefen, habe ich aus der nichts weniger als für dieselben parteiischen Feder von Johannes Kramer23 vernommen. Ich fürchte, dieser Gegenstand sei in Chur nicht zur Sprache gekommen, obgleich dieß so wünschbar gewesen wäre. Das Wettturnen, bei dem, wenn es so bleibt, die Zürcher im Nachtheile sind, sollte natürlich auch anders eingerichtet werden. In dem Jahresberichte24, den Fries verfaßt, soll, wie er selbst an Wolf geschrieben, der Gegenstand jedenfalls reiflich besprochen werden. Die Verhandlungen in Chur scheinen langweilig gewesen zu sein und die Erweiterung der Vollmacht der Turnsection, an deren Sitz je das Turnfest gehalten wird, betroffen haben. – Ich soll Dir ferner von den Schweizern schreiben, die nächsten Winter bestimmt nach Berlin kommen. Diese sind von Zürich: Sinz, Zwicki u Äppli25. Nägeli scheint sich wieder anders besonnen und dafür entschieden zu haben, nächstes Semester noch in Zürich zu bleiben. Er hat sich wahrscheinlich von der [E...?renia?]26 nicht trennen können und diese nicht von ihm. Sein gutes Herz scheint auch da wieder über den kalten Verstand gesiegt zu haben. Von Bern kommen: Bourgeois27, der in den letzten Tagen ein glanzvolles Doctorexamen gemacht haben soll, Gerber28 und Fueter29, zwei Hauptsänger. Ob Eckli kommen wird, weiß ich nicht, denn ich habe seit einem am letzten Tage vor meiner Abreise von Zürich da erhaltenen Brief30, den ich auch sogleich beantwortete, nichts mehr von ihm vernommen. Von Heidelberg kommen: Schneebeli31, der nächster Tage in Bonn eintreffen wird und die Ferien in Halle zubringen will, Äppli stud. jur, der Bruder des Mediziners32 und Theologen, Tschudi33, der gelehrte und Küenzler34, mit dem Blumer hieher gereist ist und den er ganz gemüthlich gefunden. Von Bonn endlich werden einrücken: Haller35, Oschwald36, Blumer und ich. Wenn ich die Schweizer, die nächsten Winter in Berlin studieren werden, quantitativ und qualitativ überdenke, so möchte ich vor Freuden aufspringen. Daß Escher37, in nichts adelich als da, wo er es nicht sein sollte, und Finsterwald38 von Berlin abstinken, ist von ihnen sehr wohl gethan. – Was unsere Reise von Bonn nach Berlin anbetrifft, so werden Blumer und ich mit Pölchau, einem Hamburger, aber in Berlin erzogen, stud. jur., ein sehr lieber und geschickter Kerl, und wahrscheinlich mit Dubois39, einem Neuenburger, aber in Berlin wohnend ( sein Vater40 ist Regierungsrath) einem kräftigen Turner und tüchtigem Naturforscher, mit dem wir immer zusammen waren und der gewiß auch euch sehr gut gefallen wird – er kömmt nähmlich für nächsten Winter nach Berlin zurück, nicht so leider Pölchau – durch Belgien und Holland oder vielmehr in umgekehrter Ordnung zusammen reisen. Aus Belgien gehen wir über Luxemburg nach Trier und dann die Mosel herunter nach Coblenz. Hier wird sich Pölchau von uns trennen und nach Bonn zurück kehren, Dubois rheinaufwärts ziehen, um durch den Schwarzwald, Baiern und Böhmen nach Berlin zu gelangen. Von Coblenz gehen wir entweder über Marburg, Gießen, Cassel, den Harz, Göttingen und Magdeburg oder über Frankfurt, durch Thüringen und über Leipzig nach Berlin. Wenn ihr eure große Reise nach Schweden wirklich ausführt, so werdet ihr uns wohl bei eurer Ankunft schon in Berlin finden. Einige unserer Bekannten hoffen wir doch bei unserem Eintreffen in Berlin begrüßen zu können. Wir werden Anfangs September von Bonn abreisen; denn bis zum letzten Tag im August werden wohl unsere Collegien noch dauern. Es ist ungeheuer, wie leer dessen ungeachtet unsere Hörsäle jetzt schon sind. Einer unserer liebsten Freunde, den wir in Bonn kennen gelernt, Hermann Dumrath aus Stettin, ist auch schon vor einer Woche abgereist, um den Schwarzwald, die Schweiz, Mailand, Venedig, das Tyrol, München und Frankfurt zu besuchen.41 Traurig blieb ich am Rheinesufer stehen, | wohin ich ihn, da er abreiste, begleitet, und thränenden Auges sah ich dem glücklichen nach, der in wenigen Tagen das Paradies schauen sollte, aus dem ich für so lange verbannt bin. – Doch, ich habe Dir in meinem letzten Briefe versprochen, Dir von den hiesigen Collegien und Professoren zu schreiben und diesem Versprechen will ich jetzt nachkommen. Weit das schönste Colleg, das ich hier höre, ist der Civilprozeß bei Bethmann-Hollweg. Ich ärgere mich, wenn ich daran denke, mit welch vornehmer Miene Bluntschli42 mir erklärte, daß ich den Civilprozeß durchaus nicht verstehen könne und ich freue mich, wenn ich daran denke wie mich Keller des Gegentheils versicherte. Der Civilprozeß setzt am meisten Römisches Recht voraus. Aus dem Deutschen Rechte setzt er sehr wenig voraus und jedenfalls nicht mehr als ich aus der deutschen Rechtsgeschichte, die ich neben dem Civilprozeß höre, lerne. Da ich nun ja letzten Winter Pandecten gehört und mich diesen Sommer fast ausschließlich mit denselben beschäftigt habe, so verstehe ich wirklich alles oder kann wenigstens und sollte alles verstehen. Ich glaube, es gibt nicht leicht eine geeignetere Zeit zum Studium des Civilprozesses als gerade den Semester zwischen zweien, die man den Pandecten bestimmt hat. Der Civilprozeß greift oft so tief in das materielle Recht ein, daß dieses wenn auch nicht ohne den Civilprozeß unverständlich bleibt, doch durch diesen an Deutlichkeit viel gewinnt. Die Art, wie der Civilprozeß von Hollweg vorgetragen wird, ist wirklich ausgezeichnet. Jedenfalls und anerkannt ist dieß Colleg das beste juristische, das in Bonn gehalten und Hollwegs Civilprozeß ist wohl überhaupt der beste, der gelesen wird. Seine Behandlungsart ist rein historisch und so gründlich, als es nur der kann, der seiner Sache vollkommen sicher ist. Sein Vortrag ist, sobald man sich ein wenig an ihn gewöhnt hat, ungemein verständlich und klar. Die Würde und eine gewisse Gemüthlichkeit, die er in demselben auf eine merkwürdige Weise zu verbinden weiß, fallen anfangs auf, nehmen aber bald ungemein ein. Noch anmuthiger wird Hollwegs Persönlichkeit, wenn man von dem Eifer hört, mit der er der Wissenschaft und namentlich dem academischen Lehrberufe lebt. Obgleich er ein Vermögen von 4–5 Millionen Thaler besitzt und das Einkommen, das er als ordentlicher Professor bezieht, zurück gibt, es zu gemeinnützigen Zwecken bestimmend, obgleich er seine sehr bedeutenden Collegiengelder, die er nur, von seinen Collegen gezwungen, annimmt, alle zur Unterstützung armer Studierender aus allen Facultäten verwendet, obgleich er etwa sechs Stunden von Bonn rheinaufwärts in einer der schönsten Gegenden des Rheingaues sich eine Burg erbaut hat in mittelalterlichem, halb gothischem, halb byzantinischem Style, obgleich seine sehr liebenswürdige Familie dort den Sommer zubringt und er in dieser eigentlich lebt, bringt er doch fünf und jetzt sechs Tage in Bonn zu, um als Lehrer wirken zu können. Eine Emphehlung von H. David Rahn43, seinem ehemaligen Schüler, hat mich mit Hollweg bekannt gemacht und diesem Umstande habe ich die schönsten Stunden, die ich in Bonn zugebracht und auch den größten wissenschaftlichen Nutzen, den mir der Aufenthalt hier gewährt, zu danken. Er hat mich nähmlich schon mehrfach auf sein herrliches Schloß eingeladen und neben dem künstlerischen und Naturgenuß, der mir dort zu Theil ward, hat mich namentlich auch Hollwegs Verhältniß zu seiner sehr liebenswürdigen und geistig hoch gestellten Frau44 und zu seinen lieblichen Kindern, die ihn anbethen, eigentlich entzückt. Auf Rheineck sieht man erst, wie vielem Hollweg entsagt, um dem Lehrberufe, den er nun einmal erwählt, nachleben zu können. Und wie wenig mag oft der Erfolg seinem uneigennützigen Streben entsprechen. Hollweg hat sich letzthin ziemlich entmuthigt darüber gegen mich ausgesprochen. Und wirklich, es ist unbegreiflich, wie die große Mehrzahl der hiesigen Studenten eigentlich in den Tag hinein lebt. Sie kommen nach Bonn, um einen angenehmen Sommer dort zuzubringen. Da machen sie nun Ausflüge, die oft 14 Tage andauern, besuchen die Collegien, wann es ihnen gerade gefällt und sonst treiben sie sich entweder in der Kneipe oder auf dem Paukplatz umher. Ich habe letzthin an Sinz geschrieben, daß es wahrhaft erquicklich sei, das Studentenleben auf einer Schweizerischen Hochschule mit einem solchen zu vergleichen, daß ich was man sonst für e. Unglück hält, für ein Glück halte, daß nämlich der Besuch der Schweizerischen Hochschulen den Deutschen verbothen ist; mir scheint, es wäre eher an der Schweiz, denn an den Deutschen Regierungen gewesen, dieses Verboth zu erlassen. Ich weiß, daß Schneebeli über das Treiben in Heidelberg auch indignirt ist. Doch – ich blieb dabei stehen, wie wenig Erfolg Hollweg von seinem rastlosen Streben gewöhnlich vorauszusehen habe. Mit ganz wenigen, vielleicht kaum vieren, und unter diesen auch Pölchau, ist er in wissenschaftlicher Verbindung. Mir ist er in dieser Beziehung auf die freundlichste u verdankenswertheste Weise entgegengekommen. Meine Arbeiten, die ich diesen Sommer über einzelne Pandectenthematen gemacht, durchgeht er alle und bespricht sich nachher mit mir darüber, so daß ich oft 3, 4 Stunden nach einander bei ihm bin und immer fordert er mich auf, [...en?]. Kurz, wenn mir auch Berlin das herrlichste, das mir zu Theil werden kann, den Arm der [...?] beuth und ich so leichten Herzens Bonn verlassen könnte, so wird mir doch der Abschied von Hollweg nahe gehen. Er ist einer der liebenswürdigsten und achtungswerthesten Männer, die ich kenne. Was meine andern Collegien anbetrifft, | muß ich Dir zum voraus bemerken, daß keines dem Civilprozeß von Hollweg zu vergleichen ist. Was das Kirchenrecht bei Walter45 anbetrifft, so ist die Tendenz, die er bei Darlegung der Materie verfolgt interessanter als diese selbst. Er ist ein eifriger Katholike und fühlt sich berufen, im Kirchenrechte aller Confessionen, wie sein Colleg heißt, die kathol. Lehre zu vertheidigen. So kömmt es denn, daß er die einzelnen Glaubenssätze, als Ablaß, Fasten, Beichte &, die er im Kirchenrecht wenigstens ihrer Begründung nach als gegeben voraussetzen könnte, mit der größten Ausführlichkeit behandelt und sogar auf dem Wege des Verstandes nicht blos als großartige historische Erscheinung rechtfertigt. Und gerade diese Anomalie ist das schönste am ganzen Colleg. Sein Vortrag, der ganz frei ist, ist wohl der ausgezeichneteste in Bonn. Seine Deutsche Rechtsgeschichte läßt namentlich auch rücksichtlich der chronologischen Ordnung oder vielmehr Unordnung viel zu wünschen übrig. – Fichte's46 Psychologie & Anthropologie endlich, die ich noch gehört, hat mich nichts weniger als gefreut. Wo Fichte kritisch und historisch verfährt, da mag er ganz gut sein. Deshalb wird auch seine Geschichte der Philosophie sein bestes Colleg sein und deshalb war auch seine Kritik des Spiritualismus und Materialismus der Psychologie das beste in dieser. Wo es sich aber darum handelt, eine eigene Ansicht aufzustellen, da läßt sich Fichte die größte Unklarheit und Verworrenheit zu Schulden kommen. Seine Definitionen enthalten Ausdrücke wie zB. Hintergrund der Seele, Stimmung Färbung der Seele. Was aber der Hintergrund d. Seele sei &, hat er sich gehütet zu sagen. Was d. Vollständigkeit anbetrifft, so hat er von thierischem Magnetismus, Somnambulismus auch nicht ein Wort gesagt, auch nicht von Kretinismus. Und bei allem dem hat er die ärgerlichste Selbstgenügsamkeit und Eitelkeit. – Was unser Schweizerleben anlangt, so turnen wir regelmäßig zwei Male der Woche u. einen Abend halten wir unsere Schweizerkneipe, die uns oft bis Mitternacht versammelt hält. Ausflüge machen wir oft zusammen. Letzthin haben wir auch eine wirkliche Fahrt gemacht ins Aarthal, einem lieblichen und dann wilden Seitenthale des Rheins, die zwei Tage dauerte und höchst fidel war. Wir waren 15 Schweizer. Drei und unter diesen ich waren zu Pferde. Diesen folgten drei Droschken mit den übrigen. – Das Reiten habe ich diesen Sommer in der Zwischenstunde von 9–10, die ich jeden Morgen hatte, mit Blumer tüchtig betrieben. Der Reitlehrer ist sehr gut. Wir haben alles durchgemacht, auch das Setzen über die Stange! Glücklicher Weise habe ich mir meinen ehemaligen Fehler des Vorliegens auf dem Pferde abgewöhnen können. Und jetzt sei mir umarmt, mein lieber, theurer Escher zum letzten Male in einem Briefe vor unserm Wiedersehen. Grüße mir Wyß, Meier47, Schweizer48, Stoll49 (dessen originelle Karte uns viel Spaß gemacht), Mülinen, den zu sehen ich mich sehr freue, Honegger50 und was sich meiner erinnert. Dich grüßen Blumer und Wolf.

Dein

Alfred Escher.

Bonn. 19. VIII. 38.

Kommentareinträge

1 Vgl. Jakob Escher an Alfred Escher, 26. / 27. Juli 1838.

2 Johann Rudolf Wolf (1816–1893), von Zürich, Student der Naturwissenschaften.

3Gemeint sind die Gebrüder Georg und Friedrich von Wyss. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 15. Juni 1835, Fussnote 6.

4 Johannes Wolf (1813–1839), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 8.

5 David Fries (1818–1875), von Zürich, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1836–1841, Präsident 1840/41), Diakon an St. Peter in Zürich (1848–1857), Direktor des Lehrerseminars in Küsnacht (1857–1875) und Grossrat (ZH). Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 537; HLS online, Fries David.

6 Vgl. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 14. Juli 1838; Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 8. August 1838.

7 Ludwig Meyer (1819–1869), von Weiningen, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 38.

8 Karl Keller (1814–1878), von Meilen, Student der philosophischen Fakultät. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 11. Juni 1838, Fussnote 8.

9Das Turnfest fand am 24. und 25. Juli 1838 statt. Vgl. NZZ, 27. Juli 1838.

10 Albert Kölliker (1817–1905), von Zürich, Medizinstudent. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 18. Mai 1834, Fussnote 20.

11Person nicht ermittelt.

12 Köllikers Weg nach Chur führte vom Glarnerland über Disentis ins Bleniotal und von dort zurück ins Rheintal. Vgl. Kölliker, Erinnerungen, S. 28–29.

13 Zwicky ging zusammen mit den Basler Studenten Alois Emanuel Biedermann und Theodor Meyer über Matt und den Panixerpass nach Graubünden. Vgl. Zwicky, Jugenderinnerungen, S. 20.

14Person nicht ermittelt.

15Person nicht ermittelt.

16 Caspar Schmid (1818–1884), von Zürich, Theologiestudent.

17Person nicht ermittelt.

18 Alois Emanuel Biedermann (1819–1885), von Winterthur, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Basel des Zofingervereins (1837–1839, Präsident 1838/39), Pfarrer in Münchenstein (1843–1850) sowie ausserordentlicher (1850–1860) und ordentlicher Professor (1860–1885) für Neues Testament, Dogmatik und Ethik an der Universität Zürich. Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 530; Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 957.

19Person nicht ermittelt.

20Person nicht ermittelt.

21Vermutlich Emil Schinz (1817–1887), von Zürich, Student der Naturwissenschaften.

22 Carl Wilhelm Nägeli (1817–1891), von Kilchberg, Medizinstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 7.

23 Johannes Cramer (1816–1892), von Buch am Irchel, Theologiestudent.

24Jahresbericht nicht ermittelt.

25 Alfred Johannes Aepli (1817–1913), von St. Gallen, Theologiestudent. Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, 11. Juni 1838, Fussnote 24.

26Person nicht ermittelt.

27 Johann Rudolph Friedrich Eugen Bourgeois (geb. 1815), von Moudon, Mediziner.

28 Rudolph Gerwer (gest. 1890), von Bern, Theologiestudent.

29 Karl Emanuel Fueter (geb. 1811), von Bern, Theologiestudent.

30 Vgl. Daniel Ecklin an Alfred Escher, 13. Mai 1838.

31 Alois Schneebeli (um 1815–1888), von Baden, Medizinstudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 4.

32 Alexis Theodor Aepli (1814–1896), von St. Gallen, Arzt; Bruder von Arnold Otto Aepli.

33 Christoph Tschudi (1817–1877), von Glarus, Rechtsstudent.

34 Johann Heinrich Künzler (geb. 1817?), von Walzenhausen, Medizinstudent.

35 Albert Friedrich von Haller (1813–1882), von Bern, Theologiestudent.

36 Johann Ulrich Oschwald (1814–1886), von Schaffhausen und Zürich, Theologiestudent.

37 Hans Conrad von Escher (1814–1867), von Zürich, Rechtsstudent.

38 Johann Rudolf Finsterwald (geb. um 1819), von Stilli, Rechtsstudent.

39 Emil DuBois-Reymond (1818–1896), von Villiers und La Chaux-de-Fonds, geboren in Berlin, Student der Naturwissenschaften. Alfred Escher an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838, Fussnote 15.

40 Félix Henri DuBois-Reymond (1782–1865), Vortragender Rat im Departement Neuenburg des preussischen Ministeriums des Auswärtigen.

41 Vgl. Hermann Dumrath an Alfred Escher, 8. November 1838.

42 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

43Vermutlich Johann David Rahn (1811–1853), Bezirksgerichtsschreiber in Zürich.

44 Auguste von Bethmann-Hollweg (1794–1882), Tochter des Johann August Theodor Gebser; ab 1820 Ehefrau von Moritz August von Bethmann-Hollweg.

45 Ferdinand Walter (1794–1879), ordentlicher Professor für Kirchenrecht sowie römische und deutsche Rechtsgeschichte an der Universität Bonn.

46 Immanuel Hermann Fichte (1796–1879), ausserordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Bonn.

47 Caspar Othmar Meier (geb. 1815), von Zürich, Rechtsstudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 42.

48 Heinrich Schweizer-Sidler (1815–1894), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 41.

49 Justus Friedrich Stoll (Lebensdaten nicht ermittelt), von Oberuzwil, Student der philosophischen Fakultät.

50 Caspar Honegger (1816–1880), von Dürnten, Rechtsstudent.

Kontexte