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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0165 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

In: Jung, Aufbruch, S. 56 (auszugsweise), 129 (auszugsweise)

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, 8. August 1838

Schlagwörter: Eidgenössischer Bundesvertrag (1815), Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Tagsatzung, Turnfeste, Universitäre Studien, Wahlen, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Zürich den 8ten August. 1838.

Mein lieber Alfred!

Obgleich ich nicht daran zweifle, du meinen lezten Brief erhalten haben wirst, komme ich dir gerne mit einem Briefe zuvor indem ich gar wohl begreife, wie sehr du die Zeit zusammen nehmen mußt, um allen Anforderungen zu genügen. – Ich bin gerade jezt tüchtig im Gehege mit Briefen, noch vielmehr aber mit andern Arbeiten theils für d. Anatomie & Physiologie, theils auch für d. Zofingerverein. Dieser Sommer ist aber auch für mich das gerade Gegenbild gegen d. vorjährigen & ich darf sagen ich die Zeit selbst verflossnen Winter nicht besser benuzte. – Ich habe den Brief von Wolf durch Simmler erhalten, vor den Zofingerverein kömmt er erst nächsten Freitag da alsdan die erste Sitzung nach d. Ferien wieder gehalten wird; ich ersehe daraus, er scharfe Berichte von hier aus empfangen haben muß, denn so scharf hat sich noch keiner von irgend einer Seite ausgesprochen. Seine Zusammenstellung d.3 Partheyen ist nicht passend, da es gar nicht so scharfgeschiedne Partheyen giebt; man darf wohl sagen in diesem Streite beynahe jeder eine Parthey bildete & so allen andern wenn auch nicht in Worten, doch an sich nachher nur zu deutlich in Gesinnung einander gegenüber stand. Am einigsten mit einander waren so glaube ich sagen zu dürfen, waren Brändli & ich, wie ich überhaupt diesen Sommer hindurch mit keinem so gut harmonirte wie mit ihm, es ist jammerschade er erst so spät mit seiner geistigen Bildung beginnen konnte. In der dafür bestellten Redaktions-Commission machte ich den Entwurf, welcher nun 12. Artikel enthält; er wurde in kurzer Berathung von ihr auch einstimmig angenommen; wer nur einen Augenblik darauf wirft, der sieht der ganze Act nun viel strenger aber auch für einen tüchtigen Candidaten & Verein viel freier & selbständiger ist als der frühere; von einer Aufnahme d. ganzen Studentenschaft kann gar nicht mehr d. Rede sein, worüber übrigens noch Meyern & andern d. Augen geöffnet werden müßen; auch eingeschmug gelt wie es früher so oft d. Fall war; wird keiner mehr in so fern in d. Mitgliedern noch etwas wahres Zofingerblut stekt. – Der Brief von Wolf paßt nicht auf so viele wie er vielleicht meinte, sondern nur auf d. geäußerten Ansichten der äussersten Linken wie d. von Pfenninger, etwas weniger auf Keller & Meyer, gar nicht auf Brändli. Hirzel hätte wohl gerne d. Vermittler gemacht, wenn es gegangen wäre. Ich kann übrigens auch vielen von d. sogenannten Gestrengen im Vereine nicht allen Beifall geben; vor allem | sind auch sie schuld daran, gleich Anfangs die Gemüther ohne Noth in Harnisch gejagt wurden; besonders gefiel mir Naegeli nicht, der schon dort durch aus 2. von Ewigkeit herstam mende Partheyen haben wollte, wie Keller, aber auch mit demselben Unwillen em pfangen wurde & nachher gefiel er sich wieder gerne in Wortklaubereien als müßte er überall schon nichts als den Advokaten spielen. Er hat sich diesen Sommer ein paar Male schon durch seinen kalten Rationalismus die Finger verbrannt & sein Credit schein sehr im Abnehmen zu sein. Doch dies sei unter uns gesprochen; ich fühle nach wie vor keinen Funken von Wahlverwandtschaft zu ihm; auch Kölliker, Fries, Schweizer & a. m. benahmen sich übertrieben ängstlich. – Die Blätter nehmen sich nun, wenigstens ich im Vielseitigen der Sache weiter & ausführlicher an, da d. Diskussionen nichts weniger als volle Einigkeit & Klarheit über d. Beschluß zurükließen. – Naegeli scheint nun wieder d. Winter in Zürich zubringen zu wollen. – Zwiki & Aepli aber kommen bestimmt. Je näher die Zeit des Abschiedes heranrükt, um so ruhiger & zuversichtlicher sehe ich diesem bedeuten den Wendepunkte entgegen. Leid thut es mir zwar, das Zofingerfest nicht besuchen zu können, da es auf den 4 & 5. September & mitten in eine Woche gesezt wurde. Von Zürich werden sehr wenige, kaum über ein paar hingehen; kernigte Reden, wenigstens von Chur & Genf nicht, sind schwerlich zu erwarten. – Das Turnfest in Chur ist sehr solannel gehalten worden, sogar die ganze Regierung wurde zusammengesprengt. Getagt wurde nicht bedeutend, wenigstens nichts ausgemacht, dafür aber wie es scheint brav getanzt. Unter d. Turner drängte sich auch jener Giolina, der diesen Winter mit d. Modisten so wunderlichen Spuk getrieben. – Ich war in d. nemlichen Zeit auf d. Rigi; dan machte ich in Luzern, b. meiner Schwester & im Hegau bei meiner Cousine Besuche. – Das Musikfest ist sehr schön ausgefallen, jedoch reicht es an cordialem Eindruck dem Schützenfeste nicht d. Wasser. Man konnte sich wohl ergötzen, aber alles um theures Geld. – die Klauenmänner an d. Landsgemeinde vom 12. Juli unterlagen, darf nicht befremden; sie waren durchaus ohne Kopf, während d. Horne von Abyberg meisterhaft geleitet wurden. Hätten sie aber auch hier gesiegt, so wären sie doch in d. Großrathswahlen unterlegen & so ihr Sieg wieder aufgehoben. – D. Klauen besitzen nicht einen rechten Staatsmann; denn zu gutem Willen gehört auch ein scharfer regelnder Ver stand der ihnen ganz zu mangeln scheint; denn sie benehmen sich in d. lezten Zeit eigentlich unvernünftig gegen d. Tagsatzung & d. andre Parthey. Freilich wurden sie von Luzern aus, ebenfalls nicht durch Staatskluge Hände geleitet. Nun fallen sie mit d. Luzernern über Hess, Baumgartner & Näf mit gemeinen Schimpfworten her, warum? weil sie erklärt hatten, es müße wieder eine Lands | gemeinde gehalten werden & es könne nicht so mir nichts dir nichts in jedem beliebigen Augenblike die Verfassung gebrochen werden. – Frankreich in seiner bekannten Frömmigkeit scheint dem Papste versprochen zu haben, sich ernstlich der Klöster anzunehmen; hilft nichts, die Mönche können ziehen wenn sie wollen, der Staat ist nicht verbun den sie zurükzuhalten. – Ich war auch einen Morgen b. d. Tagsatzung anwesend; hätte ich hinauskönnen, ich wäre in der ersten halben Stunde wieder hinausgewischt, so eselhafte Gesandten hoffte ich aber doch nicht an einem solchen Orte zu treffen, wie einen Imthurn v. Schaffhausen, Tscharner v. Bündten & Riva v. Tessin. Bruggisser repraesentirte mir würdig d. oberflächliche phrasenhafte Ideal unsrer Aargauerzofinger; er mußte auch schon vom Praesidenten auf seine gar zu langen Reden aufmerksam gemacht werden. –

In den verflossenen Tagen war ich ziemlich fleißig in Belvoir. Ich gestehe dir wenn mir d. Abschied v. Zürich Mühe macht, so ist es d. Abschied von deinen Eltern die mir von Tag zu Tag lieber wurden. Besonders freue ich mich in deiner Mamma gegenüber v. steifen Zürcherinnen ein ächtes treuherziges St. Gallergemüth gefunden zu haben. Mir war es nie vergönnt ein Familienleben in seiner wahren Fülle zu genießen; aber nur um so herrlicher kömmt es mir vor, da es außer mir steht & ich von Zeit zu Zeit einen erquiken den Blik hineinwerfen darf. In einigen Dingen habe ich mich sogar nicht entblödet dein Stellvertreter zu sein. So habe ich d. Bäumchen mit den [süßen?] Kirschen zum größtentheil aufgegessen unter dem du so oft ergötzlich [gesessen?] d. h. d. Kirschen, nicht d. Bäumchen wollte ich sagen. Gestern vor 8 Tagen traf ich dort Professor Heer mit seiner Frau. Ich gestehe dir mir wollte sie nicht recht einleuchten, sie that mir zu affektirt & doch etwas hölzig à la Seejungfer; doch ich kann ihr Unrecht thun, da ich sie nur das einzige mal gesehen. Pater Josephus der auch dort war, brachte deine Schwester durch allerhand Witze beynahe z. Erstiken.

– Ich hoffe vor deiner Abreise doch noch auf eine Antwort. Zwiki , Naegeli, Freuler, Brändli etc. etc. grüßen dich freundlichst. Grüße mir auch in Bonn was mir lieb ist. Auf baldiges Wiedersehen, dein

Carl Sinz. –