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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0162 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 14. Juli 1838

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Wahlen, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Zürich den 14ten Juli 1838.

Mein lieber Alfred!

Ich erhielt deinen l. Brief erst acht Tage nach seiner Ankunft, da ich am nemlichen Morgen n. St Gallen an unser Schützenfest gezogen war; seit 3 Tagen bin ich wiederhier & auf übermorgen schon wieder gerüstet zu einem Ferienausfluge n. Luzern, Rheinfel- den & Basel; viel kannst du diesmal nicht von mir erwarten, da ich bisanhin über & übermit Nachgallopiren beschäftigt bin. – Vor allem muß ich mir in ein paar Worten Luftmachen über unser herrliches Nationalfest; wer droben war, der ist noch voll davon & St. Gallen hat sich dadurch auf lange hin einen hohen Klang erworben. War d. Platz auch nicht so geräumig wie in Zürich, so war er immerhin so geschmakvoll angeordnet & faßte Raumgenug für d. 40–50000 Menschen, welche ohne übertriebene Schätzung, am Sontage & Donnerstage sich zusammenfanden; was dann aber d. höhere, geistig-gemüthliche Leben anbetrifftso wird ihm ohne Ausnahme von allen Seiten her d. erste Rang zuerkannt. Ichwüßte es mir wirklich ⌜nicht⌝ schöner zu denken, die ganze ungeheure Volksmenge warwie Id idealisirt, es war wirklich ein Volk & eine Gesinnung, die vaterländische beseeltees so ganz dß d. Bauern es manchem sonderbar & neu vorkommen mußte wie unsereehemals zugewandten Bauern sich & ihre Nachbaren mit d. allgemeinen Rufe: Eidge- nossen begrüßten. In Masse fanden sich ein besonders neben d. St. Gallern d. Appenzeller, Thurgauer & Glarner, d. Einzug d. Leztern war besonders erhebend& so cordial die Begrüßung wie unter Brüdern die sich längst kennen. An Reden konnte es nicht fehlen; sie floßen alle von Herzen & man ließ sie fließen; denn da warkeine Capazität, wie anderswo, welche es sich herausgenommen hätte d. gewaltthätigenUnfug dem Redner ein Bein zu unterschlagen. Äußerte sich auch mancher excentrischso tratten dafür andere in kernigerm Sinne auf & dies Verdienst gebührt besondersunsern Staatsmännern; daß sie Volksmänner sind & d. rechten Flek zu treffen wissendafür zeugt d. unbeschränkte, enthusiastische Beyfall welcher sie kaum z. Worten kommen ließ. D. St D. N.Z.Z. sagt: kurz, es war wiedereinmal ein Fest, welchesalle Mühen d. Vergangenheit vergessen macht. – So war es auch; aber für den derdabey war, äußerte ⌜übte⌝ es in seiner Reinheit einen unauslöschlichen magisch-elektri- schen Einfluß aus ⌜auch in alle Zukunft⌝. Wie sehr hätte ich dich b. mir gewünscht; denn wahrlich jener schöneAbend im Kasino zu Glarus, ist noch ein Schatten dagegen, da d. wahre geistige | Würze noch dazu kommen mußte. D. Reitz d. Festes wurde aber noch ⌜für mich⌝ vermehrt dadurch, dß ich eine Menge alter Bekannter aus allen Gegenden d. Kantons traf, worunter viele mit denenich Jahre lang in einer Familie gelebt; von denen ich aber seither nichts mehr erfahrenhatte. Mit ihnen weilte ich oft bis nach Mitternacht in dem festlich erleuchteten Kaffee- hause, wo sich d. ganze Stadt, Reich & Mittelstand in Familienbegleitung unter dem Schalle einer herrlichen Blechmusik versammelte. – Noch hat nichts in mir den Glaubenan d. höhern, Ideale auch im Volke mehr befestigt als diese Verfein Feyer & gerne scheideich vom Vaterlanden, nachdem ich diesen Tage genossen & kein Menschenleben reicht hinmich ihres langen fortdauernden Genusses zu berauben. – Meine Kollegien freuen michimmer mehr, vor allem aber d. Nervenlehre, wie sie Arnold vorträgt. – D. Ethik von Schleiermacher hat schon Großes gewirkt in d. Gliedern d. Zofingervereins, besonders ver- danken wir ⌜ihr⌝ dß nicht mehr so grenzenlos oberflächliche Urtheile über alles vernünftigeWissen gefällt werden & wenn es auch geschieht doch sehr wenig Anklang mehr finden.Sind wir ⌜auch⌝ geistig nicht mehr so geschieden & finden wir uns in d. Diskussionen leicht zusammenso sind Vor formell noch d. alten Partheyvoruhrtheile herrschend & besonders b. Wahlen hervortrettend. Wie b. d. Wahl d. Vizepraesidenten d. Stimmen sich gleich Anfangs zwischen Keller & mir theilten, so geschah es b. d. Wahl d. Redners für d. Fest in Zofingen, ich wurde von der einen Seite in's Treffen geliefert während d. andere ihre Stimmenauf Meyer konzentrirte & ihm mit 2. Stimmen d. Oberhand sicherte. Es hat sich übrigensgezeigt, dß es d. andern noch eigentlich darauf absahen, Zwiespalt & Mißtrauen zu erregen & so d. Partheyen auch geistig wieder herzustellen. So brachten sie einen Vorschlagzu einem veränderten Wahlmodus (denn das war er) od. wie sie sich ausdrükten, den Vorschlag, dß in Zukunft keine Aufnahmswahl statt finden ⌜solle⌝. Als Einleitung stellten sie Grundsätze auf, mit denen jeder sich einverstanden erklären mußte; dann aberfolgten freilich im Sprunge d. Schlüße, welche wir als durchaus unrichtig ansehen. mußten. So sehr wir nun betheuerten dß wir d. Grundsätze anerkennen & ihnen zeigen wollen welche Schlüße daraus folgen müßen, es half nichts; man hatte es darauf ange- legt recht viel Staub aufzuwerfen, Meyer brachte einen geharnischten Aufsatz, wodurch er d. Wunden d. lezten Sommers wieder aufriß; was da für eine Sitzungfolgen mußte magst Du dir denken, ich war vor Entrüstung außer mir, denn ich konnteeine solche Handlungsweise nicht scharf genug bezeichnen; man Meyer gerieth inVerlegenheit, noch mehr Keller den endlich allgemein ausbrechender Unwille verstummenmachte. Es begann d. nächste Sitzung, ich las einen kleinen Aufsatz, den ich während des | Freyschießen's verfaßte & der darauf hinzielte, d. Partheygelüsten, bes. d. Gefallsucht einiger sichals Partheyhäupter geltend zu machen, zu Boden zu schlagen & d. gesunden prüfendenVernunft Eingang zu verschaffen. D. Sitzung war ruhig, d. Diskussion im Allgemeinen & die über einige An Schlußparagraphen dauerte bis 12. Uhr & wurden dann in d. lezten Sitzung bis 9 Uhr fortgesezt; man wurde gegen das Ende ziemlich [frie...?] einig & schied in Ruhe voneinander; partur. mont. nasc. rid. mus. möchte ich sagen, in Bezug auf d. begonnenen Lärm. Der Wahlmodus aber ist wirklich viel besser &. gestattet d. Candidaten wie d. Verein mehrSelbständigkeit & Freiheit. Zur Aufnahme bedarf es nun v. Candidaten einer motivirten Erklä- rung warum er in d. Verein trette. od. Ueber diese wird eingetretten, ohne Ansehen d. Person.Erkennt d. Verein seine d. Prinzipien d. Cand. als d. seinigen an, so ist er angenommen, wonicht, so bleibt er Candidat bis auf eine neue E vom Verein anzunehmende Erklärunghin. Findet dann aber jemand dß. früher od. später d. Person mit d. Prinzipien die siedargelegt nicht übereinstimme, so kann er auf d. begründeten Antrag eines od. mehrererMitglieder durch absol. Mehr ausgestoßen werden. Pfenninger & Keller wollten nur d. pure Erklärung mit Ja od. Nein. – Brändli, obgleich Anfangs mit d. andern einverstanden, hieltsich sehr brav & wir verdanken ihm viel für d. Durchsetzung unsrer Ansichten. –

Was du über d. helv. & gemeinnütz. Gesellsch. sagst kann ich nicht theilen. D. helv. Ges. hateinen rein intensiven Zwek, sie ist darum auch d. wahre Fortsetzung unseres Zofinger- vereins, während d. gemeinnützige St Ges. einen praktischen in sich schließt & nach meiner Ansicht besonders da wirkt, wo wegen seiner Unvollkommenheit d. Staat noch nicht [wirkt?] od. wirken kann, weßwegen sie auch für Dinge sich verwendet, deren sich schon an andernOrten d. Staat angenommen hat. Wie aber d. praktische Wirken ein spezielles ist für d. einzelnen, so ist nicht zu verlangen dß hier sich jeder einfinde, indem vielen entwe- der d. Zeit mangelt od. d. Individualität in einer ⌜andern⌝ Gesellschaft zu anderm speziellemZweke, deren es ja eine Menge giebt, sich besser zurecht findet. Allgemein aberist d. Ziel d. helv. Ges. Daher soll sie auch alle umfassen. – Gerne hätte ich Blumern geschrieben, ich werde es nach d. Ferien thun. – Wie sehr mich d. Besuche, welche ich bei dein. Eltern mache, freuen, darüber kein Wort. – Unser Reiseplan nach Berlin ist noch nicht gemacht, doch bleibt's dabey. So eben vernehme ich dß Wegelin gestorben an d. Lungenschwindsucht. –

Herzliche Grüße an Blumer, Wolf etc., so auch von deinen Freunden in Zürich.

Dein

C. Sinz.

Du siehst meine Eile.