Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0161 | ZBZ FA Escher vG 207.102f

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 24 | Jung, Aufbruch, S. 58 (auszugsweise), 81–82 (auszugsweise)

Alfred Escher an Jakob Escher, Bonn, Montag / Freitag, 18. / 22. Juni 1838

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Bonn den 18/22 Juni. 1838.

Mein treuer Schaaggeli! So «heimli» wird es mir ums Herz, da ich diesen Namen wieder ausspreche und mein Geist Dich umschwebt, wie Du treu dem Vaterlande und denen, die Dir theuer sind, einsam sitzest in Deinem Kämmerlein im fremden Lande. Wohl ward es mir um's Herz, als ich wieder etwas mit Hænden fassen konnte, das Du mit Händen gefaßt und als ich die Gefühle mitfühlte, die Du in Deinem l. Briefe1 v. 6ten Juni ebenso innig als einfach aussprichst. Ach, wie unendlich freut es mich wahrzunehmen, daß ich mich auch in dieser Beziehung nicht in Dir getäuscht habe; und wie hätte ich es können, war ich ja so oft auf unsern gemeinschaftlichen Reisen, die zu den schönsten Erinnerungen meines bisherigen Lebens gehören, Zeuge Deiner Bewunderung und Begeisterung für unser herrliches Vaterland. Oft lasse ich vor meinem Geiste vorbeiziehen die unauslöschlichen Eindrücke der Anmuth und des Zauberreizes wie auch der Majestät und ehrwürdigen Erhabenheit, die ich unsern Bergen und Seen zu verdanken habe. In der Heimath thaten sie mir oft Noth, jetzt lebe ich von ihnen. Freundliche Träume bringen sie mir oft wieder in seltener Deutlichkeit und Frische und Stärkung wird mir so zu Theil wenn sonst das Herz oft brechen würde. Ich will Dir nicht viel reden von der Stunde des Abschieds von meinen Lieben allen und der paradiesischen Heimath. Du weißt, daß ich an ihnen hing mit aller Treue, die dem Sohne, Freunde und dem Schweizer ziemt, aber laß mich dieses Gedenken biderer Empfindung fliehen, die mir die peinlichsten Augenblicke an die herrlichsten reiht. Nur das will ich Dir sagen, daß ich ganz der alte ganz das alte wiederzufinden hoffe, ja daß mich jede Änderung meiner Gefühle in diesem Gebiethe erschrecken würde. Ich suche, so viel ich kann, das wirklich kleinliche, das sich im Heimweh finden mag, zu vermeiden und nur wenn sich das Heimweh größtentheils auf diese Kleinlichkeiten bezieht, kann ich begreifen, daß man bloß in den ersten Zeiten der Trennung von der Heimath von ihm zu leiden hat. Die Sehnsucht nach dem Vaterlande, die all' mein Sinnen und Trachten erfüllt und durchdringt, wäre dann kein Heimweh, denn diese wird mir gewiß bleiben, so lange ich immer vom Vaterlande getrennt sein mag. Und diese Sehnsucht läßt mich denn ganz einstimmen in Deinen Ausruf, daß Du den Tag den schönsten Deines Lebens nennen werdest, da Du zum ersten Male wieder unsere Berge in ihrer ganzen Herrlichkeit schauen kannst. – Ich wende mich nun zu der Erzählung dessen, was aus mir seit meinem letzten Briefe geworden ist. Ich erhohlte mich von meiner Krankheit allmälig oder eigentlich wahrer gesprochen, ich war erhohlt, sobald ich außer dem Bette war. Das beständig schlechte Wetter und die gemessenen Befehle des Arztes2 verzögerten aber meine Abreise bis zum 17ten Mai. Einmal auf dem Wege so allein und einsam, da man des treuen Freundes am ehesten bedarf, und wohl wissend, daß ich jeden Tag vier Collegien versäumte, beschleunigte ich denn meine Reise, soviel als möglich. So benutzte ich von Zürich bis Carlsruhe die neue Mallepost, die mich, da ich am 17ten Morgens 8 Uhr verreist war, am 18ten Nachmittags um 3 Uhr schon nach Carlsruhe brachte. Natürlich ging es Tag und Nacht und man verweilte an keinem Orte länger als eine Viertelstunde. Von Eglisau benutzt man die neue Straße über den Hüntwangerberg, statt über Schafhausen auf einem Umwege nach Stühlingen zu kommen. Die Gegend von Stühlingen ist Dir, wie ich glaube bekannt. Von Stühlingen aus steigt man immer, oft ziemlich stark. Die Gegend ist zuerst waldig, in der Tiefe ein Bach mit ziemlich breiten Wiesenufern, auf denen hie und da eine Mühle oder ein kleines Dörfchen steht. In die Wiesen münden dann und wann Waldthälchen, die heimisch und schattig aussehen. Die Berge, die den Horizont begrenzen sind noch Vorberge vom 1000' Höhe. Hinter ihnen erblickt man noch keine höhern. Der Wald nimmt bald ab, das Wiesenthal mit dem Bache steigt, so daß es sich zu Einem Wiesenhügel mit den flacher werdenden Vorbergen wölbt. In der Mitte des Hügels steht ein wohlhabender Marktflecken, Bonndorf, und, wie herrlich, zurükgewandt erblickt man die ganze Alpenkette von den fernen Tyrolerbergen an bis zu den Berneroberländern. Den Rigi sah ich noch, den Albis und die hohe Rhone mit ihrer Roßweid und den lieben Huetliberg. In Einem Sprunge war ich aus dem Postwagen. Ich wußte nicht, ob ich mich freuen oder weinen sollte. Ich war wieder im Wagen. Eine nahe Waldschlucht, durch die der Weg führte, kündigte mir den schweren Abschied an, der mir bevorstand. Noch einmal sah ich durch das Fenster des Wagens und wunderbar! gerade die Berge, die ich so oft von Zürich aus mit Dir bewunderte, gerade die Berge, die unsere Lieben in nächster Nähe umschließen, sah ich durch die Öffnung ausgeschnitten aus der Gesammtfernsicht. Eine Thräne entfiel mir und wir waren in der Schlucht von Tannen wild beschattet. Die Gegend wird jetzt waldiger, die Berge steiler; hie und da lassen sich Felsenpartieen sehen. Ja ein Bergsturz in Miniatur zeigt sich. Hüttchen sind überall zerstreut und nach Schweizerart gebaut. Selbst Viehherden mit Glocken weiden an den Abhängen. Diese Gegend des Schwarzwaldes hat viel Ähnlichkeit mit unsern Kellenlande. Nur mußt Du von diesem noch die Schneeberge wegnehmen; denn von diesen sieht man, sobald man in den eigentlichen Schwarzwald gekommen ist, nichts mehr. Du begreifst also leicht, daß die Gegend etwas einförmiges haben muß und daß sie einem Schweizer, der ganz erfüllt ist von den Wundern der Natur in seinem Vaterlande, kaum gefallen, niemals ihn befriedigen kann. Unvermerkt ist man jetzt auf der Höhe der Landstraße – ich darf nicht sagen: des Passes – angelangt. Die Straße hat jetzt mehr Fall, als sie früher Steigung hatte und die Gegend wird überhaupt wilder. Man ist jetzt eingeschlossen von Bergen, die zwischen 1500 und 4500' sind. Letztere Höhe erreicht | bloß der Feldberg. Freundlich liegt in diesem Kessel – wenn auch darin nicht eine Übertreibung liegt – ein Seechen von einer halben Stunde Länge, das um der Einsamkeit seiner Lage willen und seiner freundlichen Baumbekränzung wegen etwas idyllisches hat. Denke aber ja nicht ans Klönthal! Jetzt tritt man die Höllensteig an, an der ich nichts sah, als eine Straße, die kaum so abschüssig ist als die Straße über den Maloja gegen das Bregell hin. An der Seite dieser Landstraße fließt ein milchweißer Bach, der natürlich «erstaunliche Wasserfälle» bildet!! Auf beiden Seiten, von der Straße ziemlich entfernt, sind Berge höchstens der Albiskette zu vergleichen. Da wird einem die Hölle wirklich nicht heiß gemacht, übrigens so wenig als das Paradies lockend; denn eine langweiligere Gegend als das auf die Höllensteig folgende Paradies habe ich noch nie gesehen. Ich mußte einschlafen, um ins Paradies zu kommen. In Freiburg war ich Nachts um 12 Uhr; in Karlsruhe Nachmittags um 3 Uhr. Du kennst die Ebenen zwischen Freiburg und Kehl und wieder zwischen Kehl und Karlsruhe und ebenso das starre Karlsruhe. Ich bemerke Dir nur, daß ich hier das erste durchweg gut zusammengespielte Lustspiel gesehen habe. Ich erfuhr erst nachher, daß eine Mad. Haizinger3, die mir besonders auffiel, wirklich berühmt sei. In Mannheim, wo ich einen Nachmittag mich aufzuhalten gezwungen war, besah ich den wirklich sehr merkwürdigen neuen Hafen, dem Rheine und Neckar gemein, an dem zum Theile noch gebaut wird, das ungeheure Schloß, in dessen unheimischen Räumen die arme Stephanie4 mit ihren Töchtern wohnen muß. Der eine Flügel desselben steht in Ruinen von dem Besuche der Franzosen her; aber an eine Wiederherstellung desselben scheint man nicht zu denken. Ein wahrer Genuß war mir aber die damals in Mannheim aufgestellte Kunstausstellung. 4 Stunden verweilte ich dort und würde Dir gerne einige der schönsten Gemälde beschreiben, wenn ich nicht schon die Erfahrung gemacht hätte, daß sich Gemälde eben so schwer beschreiben lassen als Musik. Der schönste Theil meiner Reise war unbezweifelt der mir noch übrig bleibende von Mannheim bis ich in Einem Tage und zwar in 14 Stunden – dieß würde ich aber ein zweites Mal nicht mehr thun; denn, wenn man so vieles auffallendes und merkwürdiges an sich vorbeifliegen sieht, wird man am Ende ganz abgestumpft und taumlig. Die schöne Gegend beginnt eigentlich erst mit Mainz und wirklich ist zwischen Mannheim und Mainz außer Worms, dessen Dom ganz eigenthümlich gebaut ist, nichts bemerkenswerth. Die Ufer sind ganz flach, mit dürftigen Weiden besetzt. Hier und da läßt sich ein armseliges Haidedorf sehen. In großer Ferne sieht man die Berge der Bergstraße, die eine langweilige Wellenform haben. Oft begrenzen sogar keine 20 Schuh hohe Hügel in einer Entfernung von kaum 10 Minuten den Horizont. Mainz ist eine schöne Stadt wenigstens vom Rheine aus gesehen. Sie liegt nicht flach und dieß gibt ihr um so mehr als die Kirchen in der Höhe sind und viele Gärten die Häusermassen unterbrechen, ein nicht unmalerisches Aussehen. Rheinabwärts erheben sich freundliche Hügelreihen und ferne Bergzüge. Die lange Schiffbrücke über den Rhein, die ich, als an einem Sontage, mit Menschen ganz angefüllt sah, belebt auch das Wasser. In den Straßen war viel Verkehr. Biberich folgt jetzt auf der rechten Seite des Rheins, die immerhin zu schöne Residenz für einen Fürsten5, der sein Gebieth und den Boden seiner Unterthanen am Spieltische verpfändet. Der Garten, in dem ich eine besonders schöne Orangerie bemerkte, ist bemerkenswerther als das Schloßgebäude, das mit dem Schlosse in Rastadt viel Ähnlichkeit hat. Biberich scheint mir ein Vergnügungsort der Mainzer zu sein; wenigstens fuhr eine Menge schöne Welt, die aber durchweg verdammt häßlich war, von Mainz nach Biberich auf dem Dampfschiff. Hat man einmal Biberich hinter sich so beginnt die Reihe der herrlichen Ruinen, die das Rheinufer so verschönern oder vielmehr seine höchste Zierde sind. Die Berge rücken dem Rheine immer näher und werden steiler und zerrissener. Bei Bingen begrenzen sie unmittelbar das Ufer. Herrlich schön liegt das Städtchen auf einem Wiesengründchen, das sich in die Felsen hineinzieht. Eine zerfallene Gothische Kirche mit wunderschönen Bögen, Reste einer Stadtmauer unmittelbar am Rheine, die majestätische Stahleck, vielleicht die schönste Ruine, die ich gesehen, mit ihren mächtigen Thürmen und Sälen hoch über Bingen sich erhebend auf jähem Felsenabsturz, das herrliche junge Grün der romantisch die Trümmer alten Glanzes umkränzende Bäume machen Bingen unstreitig zu dem schönstgelegenen Orte am Rheine. Es versteht sich aber auch hiebei, daß ich von dem Rheine außer unserm Vaterlande rede. Der Hintergrund von Bingen harmoniert vortrefflich mit dem poetischen Character des Vordergrundes. Es ist das Bingerloch, das aus einiger Ferne gesehen weit mehr Eindruck macht, als wenn man sich drinnen befindet. Es hat nämlich von weitem viel Ähnlichkeit mit dem Character der Gegend, wenn man von Winkel nach Stanzstad fährt, aber auch zu dieser Parallele mußte ich das Vergrößerungsglas brauchen. Ist man aber im Binger loch selbst, das Du Dir ja nicht zu enge vorstellen darfst, so verschwindet viel von dem Vorurtheile, das man zu seinen Gunsten mitbringt. Da steht ganz nahe am Ufer nicht etwa auf Felsen, sondern auf einer öden Sandbank ein Thurmstück, nach dessen äußern man, wenn man nicht wüßte, daß er, als er noch unversehrt war, Mäusethurm geheißen, die Etymologie dieses Namens anzugeben versucht ist. Die Felsen im Bingerloche , von denen man so viel hört, verhindern aber doch nicht, daß die Berge mit Weinreben ganz überpflanzt sind, deren Wein dann natürlich für Rüdesheimer, in dessen unmittelbarer Nähe sie liegen, verkauft wird. Dse. Berge sind übrigens nicht so hoch als der Zürichberg und, | was einen Schweizer besonders stören muß, hinter ihnen ragen keine höhern Berge hervor. Vielmehr begrenzen diese Rebberge, die, da sie noch unbelaubt waren, um so häßlicher aussahen, den Horizont. Ich freue mich gewiß gerne mit den Fröhlichen, aber da konnte ich in den allgemeinen Jubel nicht einstimmen. Koblenz, der einzige noch bemerkenswerthe Ort vor Bonn, sah ich nur im Vorbeifahren. Die Schiffbrücke, die nach dem Ehrenbreitenstein hinüber führt, ist sehr lang u. sehr hübsch gebaut. Der Ehrenbreitenstein selbst ist wirklich eine majestätische, drohende und die Gegend weithin beherrschende Festung. Sie hat ein ganz mittelalterliches Aussehen. Vor allem wirst Du aber jetzt nach Bonn fragen und da ich eben bei Naturbeschreibungen war, so will ich gleich mit seiner Gegend anfangen. Rheinabwärts gegen Cölln ist die Gegend sehr flach, so daß man auf einem nahe an unserm Hause liegenden Hügel den Dom von Cölln ganz bequem sieht. Nach Westen zieht sich die Eifel, ein langes Gebirge plutonischer (i. e. vulcanisch-originärer) Natur, jenseits der Aachen liegt und durch die mehrere freundliche Thäler mit ihren Bächen und Flüssen, die sich in den Rhein ergießen, sich durchziehen, als das um seiner Naturschönheiten willen überberühmte Aarthal, das Moselthal mit Trier & die Eifel begrenzt den westlichen Horizont. Zwischen ihr und Bonn liegt aber noch ein Bergzug, der bei Bonn anfängt mit dem Petersberg, einem Hügel mit einer besuchten Wallfahrtskirche, in dem Venusberge, von dem Dienste dieser Göttin, der früher dort gehalten werden soll, so genannt, wirklich lieblich durch seine schattigen Spaziergänge in romantischen Gehölzen, klaren Bächen nach und unter artigen Felspartieen weg, sich fortsetzt und mit dem Hügel, auf dem Rolandseck steht, dem Siebengebirge gerade gegenüber, aufhört. Nach Osten liegt jenseits des Rheins unmittelbar Bonn gegenüber Beuel, ein freundl. Dörfchen, dch eine fliegende Brücke mit Bonn verbunden. Hinter Beuel liegt eine etwa 2 Stunden lange Ebene, in der sich einige Klosterkirchen in Gebüschen versteckt zeigen. In der Mitte der Ebene steht auf einem malerischen Felsenhügel das Schloß Siegburg, jetzt eine Narrenanstalt. Herrlich erglänzen bei untergehender Sonne seine vielen Fenster. Hinter dieser Ebene beginnen, den östlichen Horizont begrenzend, die Hügel des Westerwaldes. Der schönste Theil der Aussicht ist aber unstreitig die rheinaufwärts gegen Norden. Die Hauptsache dieser bildet nämlich das Siebengebirge, das, aus mehr als 7 Spitzen bestehend, doch so genannt wird, weil sich von Bonn und namentlich v. Cöllnerdom aus bloß sieben und zwar gerade die höchsten zeigen. Die Höhe des Siebengebirges mußt Du Dir der des Uto ähnlich denken. Die meisten der Ruggen haben eine wellenförmige Form und es trägt zu der dadurch veranlaßten Gleichförmigkeit noch das kurze Gebüsch bei, mit dem sie größtentheils bewachsen sind. Die Löwenburg, die höchste Spitze dagegen, die Wolkenburg und der Drachenfels zeichnen sich rühmlich aus. Erstere ist die höchste Spitze nicht bloß des Siebengebirges sondern der ganzen Gegend auf viele Stunden Umkreis. Auf einer runden Grundlage erhebt sich ein ziemlich jäher Hut, der mit herrlichen Buchen bewachsen ist, aus deren Wipfeln sich eine bedeutende Ruine erhebt. ist die Löwenburg. Die Waltenburg zeichnet sich weniger malerisch aus; denn ihre einzige Merkwürdigkeit ist ein Steinbruch, den sie übrigens glücklicher Weise nicht Bonn zukehrt. Aus diesem Bruche wurden die Steine zur Erbauung des Münsters in Cölln genommen. Gegen Bonn hin hat die Wolkenburg Ähnlichkeit mit der Schnabelhöhe. Die Krone verdient nun freilich der Drachenfels. Obgleich er nicht die höchste Spitze ist, so sieht er doch am großartigsten aus; denn er erhebt sich unmittelbar am Rhein mit jähen Felsabstürzen zu einer Höhe von etwa 1800 Rhein. Fuß. Ich kann den Drachenfels am passendsten Tourbillon in Sitten vergleichen; nur daß der Drachenfels höher ist. Die Contur des Berges u. seine isolirte Lage, die keine Verbindung mit den andern Höhen des Siebengebirges zeigt, stimmen ganz überein; ebenso die auf beiden stehenden ausgebreiteten Ruinen. Nur scheint mir die des Drachenfels großartiger und mit der Umgebung besser harmonierend. Sie besteht nähml. hauptsächlich aus einem ungemein hohen Thurme, der über den schroffen Abgünden der ganzen Umgegend trotzt. Die Thorgruppen mit Gebüsch über- und umwachsen sind hübscher als die auf dem öden Tourbillon. Was aber die Aussicht vom Drachenfels anbetrifft, so darf ich, und wenn sie die Deutschen auch noch so sehr in den Himmel erheben, an die Parallele mit Tourbillon nicht mehr denken. Man mag auf dem Drachenfels wohl weiter sehen, aber am Ende läuft alles in eine eintönige Ebene aus. Wie unendlich verschönern nicht jede Aussicht die Schneeberge! Wie geheimnißvoll schließen sie nicht den Horizont! Beim Drachenfels macht der Rhein eine ziemlich plötzliche Wendung nach Osten, so daß er sich dort der Aussicht von Bonn aus entzieht. Dieß ist dann die Umgebung von Bonn und dieß sehe ich so oft ich zum Fenster meines Studier- oder meines Schlafzimmers herausschaue. Ich wohne nämlich an der Coblenzerstraße, deren Richtung von Bonn aus Dir ihr Nahme schon andeuten wird. Es ist die von Spaziergängern besuchteste Straße und auch von Spaziergängerinnen, so daß der Anblick an einem Sontag besonders sehr unterhaltend und ergötzlich ist. Blumer, mit dem ich Studier- u. Schlafzimmer theile, und ich setzen uns daher dann und wann auf die Altane heraus, die eine der größten Annehmlichkeiten unsers Logis ist. Herrlich ists auch, auf ihr die Frühe des Morgens oder den Mondschein zu genießen. Das Zimmer ist sehr geräumig und wir stören uns gegenseitig nicht nur nicht, sondern wären wahrscheinlich, wenn wir verschiedene Zimmer bewohnen würden, doch immer bei einander, da wir sehr viel mit einander arbeiten. Unser Zusammenleben ist nun in der Wirklichkeit so, wie wir früher immer wünschten, daß es werden möchte. Von unsern gemeinschaftlichen und meinen Arbeiten und den Collegien werde ich Dir in einem spätern Briefe schreiben, da der Raum mir bloß noch von unserm äußern Leben zu reden erlaubt. – Das Zusammenleben der Schweizer ist ein sehr freundschaftliches, wie es scheint, viel erfreulicher als euer Leben in Berlin. Alle Donnerstage Abend kommen wir in einem besondern Locale unmittelbar am Rheine Abends 8 Uhr zusammen und gaudieren uns da gewöhnlich von Herzen. Wie anmuthig ist es für den Schweizer, sich wieder einmal nur unter Schweizern zu sehen! Ist doch die Natur der Schweizer eine ganz andere als die deutsche, die immer einen Ernst zeigt, der durchweg unter so vielen verschiedenen Individualitäten nicht [...?] sein kann. Von Gemüthlichkeit und wahrer Herzlichkeit läßt sich in ihrer Mitte und in ihrem Zusammenleben auch keine Spur entdecken. Dazu turnen wir regelmäßig am Montag und Donnerstag von ½ 7–8 Uhr und am Montag um 8 Uhr kommen wir zusammen, um | Schweizerlieder einzuüben. Am Sontag spazieren wir auch gewöhnlich mit einander irgendwohin auf's Land. Am dem einzigen ganz schönen Tage, den ich seit fünf Wochen in Bonn gesehen, waren wir ebenfalls mit einander im Siebengebirge herumgezogen. Das Mitagessen nehmen die meisten zu Hause ein. Die welche außer demselben essen, zu denen auch Blumer und ich gehören, speisen aber alle zusammen in einer nahe an unserer Wohnung unmittelbar am Ufer des Rheins gelegenen Restauration. Während des Essens fahren gewöhnlich drei Dampfschiffe vorbei. Du siehst also, daß es uns in der Gesellschaft unserer Landsleute wohl ist. Ich will Dir nun noch die Namen der Schweizer aufzählen, die in Bonn studieren: Von Zürich: Wolf6, Heß7, Hofmeister8 (der ziemlich wohl & mir recht lieb ist. Er grüßt d. Wyßen9 ) Usteri10, Carl Pestalozzi11 stud. theol., von Bern: Haller12 R. Wildbolz13 (letzterer allein ist etwas vornehm. Wir lassen ihn aber nur laufen) von Neuchatel: Humbert14, theol., der letzten Winter in Berlin war, Dubois15, (e. Naturforscher, e. vortrefflicher Turner, überhaupt eine kräftige Schweizernatur) von Aarau: Käser16 (ehemal. Präs. d. Zof.Ver. in Aarau. Er hat mit Pestalozzi in Jena u Göttingen studiert. Man merkt es ihm aber weit weniger als letzterm, der überhaupt etwas geziert ist, an, daß er lange im Auslande gewesen) von Chur: Sprecher v. Bernegg-Davos17 stud. phil. Oschwald18 habe ich noch nachzuhohlen. Was Wirz19 anbetrifft, so war er gefährlich krank. Ich u., ich glaube, die meisten sehen ihn nie als am Donnerstag in der Schweizerkneipe. Er ist menschenscheu und sein ganzes Wesen hat etwas widriges, s. Zudringlichkeit gerade etwas abstoßendes. Von Basel sind da: Linder20 u Stückelberger, beides Theologen. Letzterer besonders ist mir ein lieber Kerl. – Es ist mir so wohl unter meinen Schweizern, daß ich nur wünschen möchte, ich wüßte dasselbe auch von Dir. Grüße mir vor allem den armen Wägeli21, den ich von Herzen beklage. Die Heimath wird ihn gewiß heilen. Grüße mir die Wyßen u. die andern Zürcher, auch Honegger22, der, wenn er früher bös auf mich war, mich nun begreifen wird; ebenso Mülinen. Deine beiden Briefe (denn so eben habe ich Deinen zweiten erhalten (Du bist doch ein treuer Schaaggeli!)) haben mich interessirt und mir gemüthlich wohl gethan. – Vom Zof.Ver. wirst Du mehr gehört haben als vom Turnverein. Was letztern anbetrifft, so freut es mich artig, dir anzeigen zu können, daß die neue Ordnung vortrefflich geht u e. ganz neuer Eifer fürs Turnen dadurch erwacht sei. Meine Gesundheit, nach der Du Dich so eifrig erkundigst, ist so gut, daß ich beinahme vergaß, Dir etwas davon zu schreiben. Ich umarme Dich.

Dein treuer

Alfred Escher.

Kommentareinträge

1 Vgl. Jakob Escher an Alfred Escher, 5. / 6. Juni 1838

2Vermutlich Hans Konrad Rahn-Escher (1802–1881), Arzt in Zürich.

3 Amalie Haizinger (1800–1884), badische Schauspielerin.

4 Stéphanie Louise Adrienne (1789–1860), seit 1818 verwitwete Grossherzogin von Baden, Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte.

5Gemeint ist Wilhelm I. (1792–1839), Herzog von Nassau.

6 Johannes Wolf (1813–1839), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 8.

7 Johann Jakob Hess (1813–1876), von Zürich, Theologiestudent. Alfred Escher an Jakob Escher, 7. Mai 1838, Fussnote 9.

8 Diethelm Salomon Hofmeister (1814–1893), von Zürich, Philologiestudent.

9Gemeint sind die Gebrüder Georg und Friedrich von Wyss.

10 Johann Caspar Georg Usteri (1813–1892), von Zürich, Theologiestudent.

11 Carl Pestalozzi (1815–1869), von Zürich, Theologiestudent.

12 Albert Friedrich von Haller (1813–1882), von Bern, Theologiestudent.

13 Eduard Rudolph Wildbolz (gest. 1838), von Bern, Theologiestudent.

14 August Humbert (Lebensdaten nicht ermittelt), von Neuenburg, Theologiestudent.

15 Emil DuBois-Reymond (1818–1896), von Villiers und La Chaux-de-Fonds, geboren in Berlin, Student der Naturwissenschaften. – Privatdozent (1846–1858) und ordentlicher Professor (1858–1896) für Physiologie an der Universität Berlin. Vgl. NDB IV, S. 146–148.

16 Ferdinand Adolf Käser (gest. 1874), von Thalheim, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Aarau des Zofingervereins (1834–1837, Präsident 1835/36), Pfarrer in Staufen und der Pfarrgemeinde Kulm sowie Arzt in Suhr, Seon und Bad Schinznach. Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 543.

17 Johann Andreas von Sprecher (1819–1882), von Chur, Philologiestudent.

18 Johann Ulrich Oschwald (1814–1886), von Schaffhausen und Zürich, Theologiestudent.

19 Conrad Wirz (1818–1892), von Zürich, Theologiestudent.

20 Rudolf Linder (1818–1858), von Basel, Theologiestudent.

21Vermutlich Anton Theodor Wegelin (gest. 1838), von St. Gallen, Mediziner.

22 Caspar Honegger (1816–1880), von Dürnten, Rechtsstudent.

Kontexte