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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0157 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#191*

In: Jung, Aufbruch, S. 84–85 (auszugsweise)

Jakob Escher an Alfred Escher, Berlin, Dienstag / Mittwoch, 5. / 6. Juni 1838

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Berlin den 5. Juni 1838.

Mein lieber Alfred!

Fast ein Monat schon ist es, seit du mir in all deiner Noth so ausführlich über dich selbst und das, was mich sonst am meisten in Zürich interessirt, geschrieben hast, und noch erwartest du immer eine Antwort von mir. Glaube nicht, daß ich die Liebe verkenne oder schon vergessen habe, mit der du, obschon von Krankheit und all den vielen zeitraubenden Vorberei tungen deiner nahen Abreise bestürmt, doch so bald mir Nachricht von dir gabst. Ich erwartete täglich von meinen Eltern deine Adresse zu erhalten, und da dieses nicht geschah, so fürchtete ich schon, es habe deine Krankheit sich wieder vermehrt, und du werdest ge zwungen sein, noch länger in Zürich zurück zu bleiben, wo jeder Tag in einer solchen Lage den Abschied erschweren mußte. Ich schrieb den 14. Mai an Brändli, und hoffte durch ihn zu erfahren, ob und wann du habest verreisen können; bis jetzt aber habe ich noch keine Antwort von ihm. Endlich heute erhalte ich einen Brief von meinem Vater, worin er schreibt, deine Eltern haben ihm deine Adresse zugeschickt; er denke aber, da du ja meine Adr. schon besitzest; so werdest du mir schon selbst geschrieben haben. Er dachte wohl nicht, daß du schon von Zürich aus mit einem so bedeutenden Schreiben mich erfreut habest. So führt er auch nur beiläufig an, daß du, wie ich bei einer Madame, so bei einem Herrn Krüger und zwar in der Coblenzerstraße logirest. Mag nun diese Adresse vollstän dig oder unvollständig sein, so denke ich, in einer Universitätsstadt wie Bonn werden Briefe an die Studenten nicht verloren gehen, wenn auch nur der Name allein angegeben wäre, und darum hätte ich auch schon lange geantwortet, wäre mir nur deine wirk liche Abreise bekannt gewesen.

Nach deinem Wunsche will ich dir zuerst Einiges über meine Person schreiben, hernach über die Schweizer in Berlin u. dgl. Daß meine Abreise meinen Eltern sehr schwer fiel, wirst du glauben, ohne daß ich dir viele Worte mache; dagegen war meine Großmutter viel heiterer, als ich es erwartete, da sie in den letzten Wochen immer wiederholt hatte, sie sehe auf keinen Fall mehr alle 3 Brüder wieder beisammen. – Wie mir selbst zu Muthe war, als ich von allen Lieben zu Hause und dann noch von meinen liebsten Freunden bei der Post Abschied nahm, kann ich nicht beschreiben. Ich suchte meine Gefühle so viel möglich zu verbergen, um nicht vor fremden Leuten, die mich nicht verstehen konnten, kindisch zu scheinen oder vornehm bemitleidet zu werden. Auch vor mir selbst wollte ich gewisser Maßen heiter erscheinen, indem ich alles Schöne in Wissenschaft und Kunst, was ich in Berlin sehen und genießen sollte, mir vor die Seele rief, was ich zurück ließ dagegen, zurück drängte. Im Eilwagen ging es recht gut, da Herr Nägeli und Hr. Prof. Götzinger, welche mit mir bis Schaffhausen fuhren, muntere und witzige Gespräche mit ein ander führten. Freilich sobald ich zum Fenster hinaus sah und dachte, daß auch diese langweilige Gegend für Berlin ein Paradies wäre, so ward es wieder trüb vor meinen Augen. In Schaffhausen eilte ich sogleich, Freuler aufzusuchen, den letzten meiner Be kannten, den ich noch in der Schweiz sehen konnte. Leider war er mit einigen Freunden nach Steckborn gegangen, um dort die Brüder Rahn zu besuchen; doch erwartete man ihn auf den Abend zurück. Um mir die Zeit zu vertreiben, nahm ich ein Buch, das ich zu solchem Gebrauch eingepackt hatte, und setzte mich auf die Rheinbrücke, um zu lesen. Allein so oft ich auch die Linien durchsah, wußte ich doch nie ihren Inhalt. Immer kamen mir traurige Gedanken in den Sinn und ich machte mich auf, um in der Natur etwas frische Luft zu schöpfen. Wohin hätte ich aber da besser gehen können, als zum Rheinfall, der mit seinem Don nergetöse mir das letzte Lebewohl unsrer großartigen Natur zuzurufen schien? Lange stand ich am Ufer, und kam mir so ganz verlassen und einsam vor; da zertheilte die untergehende Sonne das graue Gewölk, und beleuchtete die Felsen des Wasserfalls und die Wälder zu beiden Seiten, während der untere Theil des Stromes schon im Dunkel lag. Nie ward mir so deutlich wie damals, welch großen Einfluß auf das menschliche Gemüth oder wenigstens auf meines, die äußere Natur, besonders ein heller oder ein finstrer Himmel hat. Ganz beruhigt kehrte ich nach der Stadt zurück, und füllte meine Brieftasche mit Veilchen, welche eben aufgeblüht am Wege standen, und vorher von mir gar nicht waren bemerkt worden. Inzwischen war Freuler zurück gekommen, und lud mich zum Thee ein; ob sein Vater auch zu den Schaffhauser Geistlichen gehört, die Alles verketzern und das Theater ver dammen, weiß ich nicht; aber wenigstens zu Hause gefiel er mir recht gut, und die ganze Familie scheint sehr glücklich. Bald nach mir kamen noch einige Bekannte Freulers, etwa ein halbes Dutzend, und ich hörte, daß es eine Art Abschiedsschmaus sei zu Ehren zweier der Anwesenden, eines Pharmaceuten und eines Mediciners, wenn ich mich recht erinnere, die in das Waadtland gehn wollten. Hier sah ich auch Ott wieder, der in Basel studirte. Wir blieben bis Mitternacht beisammen, wo dann ich und Ott, der wegen seiner angegriffnen Brust sich immer schonen muß, heimkehrten. Am Morgen spazirte ich noch mit Freuler, bis der Postwagen abging. – Noch Ein Mal, auf einer Höhe zwischen Stockach und Tuttlingen, sah ich die lange Alpenkette im Glanz der Abendsonne; so fern, daß die untern Massen im Horizont verschwammenen, nur die Schneefelder und Gletscher wie in der Luft schwebten. Es war das Letzte, was ich vom Vaterlande sah, und was ich immer auch in den nächsten Jahren in Natur und Kunst schauen mag, so weiß ich doch, daß ich den Tag den schönsten meines Leben nennen werde, an dem ich zum ersten Male wieder unsre Berge in ihrer ganzen Herrlichkeit sehen kann. – In Cannstatt traf ich meinen Bruder ganz gesund an; auch ist er immer guten Humors, was ich an seiner Stelle, glaube ich, nicht bliebe; denn wenn er auch an englischen, französischen und deutschen Werken, Dichtern wie Geschichtschreibern, einen guten Vorrath | hat, um sich immer beschäftigen zu können, so ist er doch ganz von Altersgenossen entfernt. Natürlich freut er sich auch auf den Herbst, wo er nach Zürich zurück kehren wird; ich bin recht froh, sowohl um seinetwillen, als auch wegen meiner Mutter, die jetzt so ganz allein ist, und wie mir Papa schreibt, immer noch sich nicht in die Leere schicken kann, die durch meine Abreise entstanden ist. Den 6ten In Cannstadt hielt ich mich 2½ Tage auf, und da es etwas veränderliches Wetter war, so blieben wir meist zu Hause, und ich sah daher oft den Wilhelm Meyer aus der Enge, der bei Martin in demselben Zimmer ist. Derselbe sieht recht gesund aus, und mein Bruder sagte mir, etwas früher habe er so helle Locken gehabt, daß ihn die Knaben in der Anstalt darüber auslachten. - Den 15 Mor gens 7 Uhr traf ich nach 25stündiger Fahrt in Nürnberg ein, wo den folgenden Tag auch die Brüder Wyß eintrafen. Wir besahen dann die vorzüglichsten Kirchen und Denkmäler, auch die alte Burg des Burggrafen. Mehrere Theile der Stadt sind noch ganz mittelalterlich erhalten, besonders zwischen dem durch die Stadt fließenden Flüßchen und der alten Burg. Noch findet man prächtige Häuser mit Bildhauer-Arbeit und steinernen Erkern, in den Kirchen eine unglaubliche Menge von den schönsten Werken in Erz, Stein und Holzschnitzerei, nebst herrlichen Gemälden, besonders von Albrecht Dürer. Betrachtet man aber diese Denkmäler der ehe maligen Größe dieser freien Reichsstadt, und bedenkt dann, was sie jetzt ist unter dem Scepter des Ludwig, dessen Bild und Namen überall neben den alten deutschen Kaisern und Königen angebracht ist, dessen Kanonen mitten in der Stadt vor dem Rathhause stehen, so kann man wahrlich das Loos einer Provincialstadt nicht beneiden. Da grade kein Eilwagen nach Leipzig abging, fuhren wir mit einem Lohnkutscher den 19. nach Bamberg, den 20. nach Coburg; mit uns fuhren ein junger lustiger Liefländer mit einem Professor aus Gotha, seinem Hofmeister. Bamberg ist sehr malerisch gelegen; indem sein ehemals bischöfliches Schloß, der von Heinrich II erbaute Dom mit 4 schönen Thürmen, und mehrere alte Klöster, sich auf Hügeln erheben, die sich an eine niedrige Bergwelle anschließen, auf der etwas weiter entfernt die alte Burg des Bischofs liegt. Dagegen konnten wir am Thale, das man vom Schloßplatz aus übersieht, und das unsre Begleiter zu den schönsten Gegenden Deutschlands zählten, nichts Ausgezeichnetes finden; es ist eben ein weites Feld, von ein Paar Flüssen durchzogen und von einer niedrigen einförmigen Bergreihe begränzt. Coburg aber gefiel uns in allen Beziehungen sehr gut, und wir blieben gern einen Tag dort, um den Eilwagen nach Gotha abzuwarten. Namentlich von der Festung, welche jetzt zur Aufbewahrung von Sträflingen dient, hat man eine sehr hübsche Aussicht auf das umliegende Thal und die einen Kreis bildenden Ketten des Thüringerwaldes, Rhöngebirges [... Fulda,?] wo wir den 22. Nachmit tags anlangten, ist ein kleines, durch nichts, wie uns wenigstens die Sache vorkam, als durch seine vielen Anlagen und Prome naden ausgezeichnetes Residenzstädtchen. Das Residenzschloß ist alt und häßlich, das abgebrannte Palais des Herzogs von Würtem berg ein kleines Haus. Abends gegen 9 Uhr reisten wir wieder ab, kamen bei Nacht durch Erfurt und Weimar, dann durch die Ebenen, welche schon so oft zu Schlachtfeldern wurden, beim Denkmale Gustav Adolf's vorbei nach Leipzig. Die Gegend von Leipzig ist eine ungeheure fruchtbare, aber langweilige Ebene; die Stadt selbst hat nichts Sehenswürdiges; da wir aber in der Woche vor der Ostermesse hinkamen, so war ein Leben und Treiben in den Straßen, wie ich es noch nirgends gesehen habe. Heinrich Meyer ist recht gern dort, und ist mit den Professoren, wie mit dem ganzen Leben zufrieden. Er sieht recht gut aus, aber so wenig als in Zürich ist er im Verhältniß zu seiner Größe auch breit. Er hat jetzt im Sinne, im Herbst nach Berlin zu kommen, ist aber, glaube ich, immer noch unentschieden, ob er nach seiner Neigung Philosophie oder nach dem Wunsche seiner Verwandten Jurisprudenz studiren will; bis jetzt treibt er Philosophie. Außer ihm und Eduard Meyer, der im gleichen Hause wohnt, ist nur noch ein einziger Schweizer dort, der studirt, ich weiß nicht mehr, aus welchem Canton. Da wir nichts zu sehen hatten und uns nach dem Ende unsrer Reise sehnten, blieben wir nicht länger, als einen Tag in Leipzig. Abends 8 Uhr saßen wir wieder in den Eilwagen, um die letzte Fahrt anzutreten. In Wittenberg, wo wir früh Morgens hindurch kamen, hielt man nur, bis die Pferde gewechselt waren; wir sahen also gar nichts von der Stadt. Potsdam, wo wir uns auch nicht aufhalten konn ten, ist sehr schön; auch die Gegend ist recht artig, besonders wegen der Flüsse und Seen, deren Ufer großentheils mit schönen Wäldern eingefaßt sind. Je näher man Berlin kommt, desto öder wird die Gegend; nur Wäldchen von magern Fichten stehen zu beiden Seiten der Straße, und jeder Hügel, welcher noch etwa da ist, hat nichts als Fichten und etwa eine Windmühle, die still ihre Arme umher schwingt, auf seinem dürren Rücken. Unmittelbar vor der Stadt vermehren sich wieder die Bäume; man sieht Gärten, Alleen u. dgl., welche aber zur Zeit unsrer Ankunft noch ganz todt dastanden. Jetzt dagegen, wo schon Alles in vollem Blätterschmuck prangt, die Gärten mit Blumen angefüllt sind, und die Kastanien bäume schon fast ganz verblüht sind, ist die Stadt und die nächsten Strecken Landes unmittelbar vor den Thoren so schön, wie man vielleicht nicht in mancher Stadt Ähnliches findet. Nur muß man sich hüthen, zu weit hinaus zu gehen, indem man bald ringsum nur Sand sieht, freilich mit vielen Pflänzchen bedeckt, aber nirgends ein schönes Grün, keine zusam men hängende Wiese. Der Thiergarten ist ein sehr angenehmer Spaziergang, an dem ich nichts auszusetzen habe, als daß seine vielen Teiche und Seepartieen todtes, halb morastiges Wasser enthalten, und daß alle Wege ganz topfeben sind. Der Kreuz berg, das Riesengebirge Berlins, ist ungefähr wie der Hügel zwischen der Enge und der Wollishofer Allmend so hoch, und wo mög | lich weniger steil. – In Berlin gefällt es mir bis jetzt recht gut, namentlich in Beziehung auf die Collegien, welche ich besuche. Diese, von denen ich jetzt nicht schreiben mag, um nicht den Abgang des Briefes noch länger zu verzögern, werde ich dir bald einmal näher auseinander setzen und bemerke jetzt nur die Titel: Savigny, Institutionen 8 Stunden. Klenze, Röm. Rechtsgeschichte, 5 Stunden. Ranke, deutsche Geschichte, 4 St. Ritter, Geogr. v. Europa, 4–5 St. Ritter, Geogr. v. Griechenland, 1 St. – Mein Logis ist nicht glänzend; aber es ist mir ganz wohl darin. Ich habe nämlich eine Stube mit Schlafkabinet im 3ten Stock des Hauses, somit Platz genug für meinen Bedarf; die Leute sind gefällig und reinlich, und was mir das Wichtigste ist, ich bin in dem selben Hause, in dessen erstem Stock G. und F. Wyß zwei Stuben und eine Kammer haben. So bin ich nicht ganz isolirt; ich kann, ohne mich anklei den zu müssen, ihnen Besuche machen, Bücher entlehnen u. dgl. Im Anfang war mir G. Wyß etwas widrig; er kam mir oft als Schwätzer und Liebhaber vom Widersprechen vor; jetzt aber habe ich ihn recht gern, und wir spaziren meistens Abends 8 Uhr alle 3 im Thiergarten oder unter den Linden. Gehen wir nicht aus wegen schlechten Wetters, so trinke ich meist bei ih nen Thee. Fr. Wyß hört ganz dieselben Collegien wie ich, und alle 3 essen wir in derselben Restauration, meist um 1 Uhr. In den rothen Adler, der uns empfohlen wurde, gehen wir wenigstens während des Sommers nicht, da man dort um 2 speist, un sre Collegien aber meist um 1 Uhr zu Ende sind, so daß wir eine Stunde Zeit verlören, besonders da jener Gasthof von uns ziem lich entlegen ist. – Für jetzt will ich noch Einiges über die hiesigen Schweizer sagen, und das Andre auf meinen nächsten Brief verschieben, den du erhalten sollst, sobald ich Zeit finde und wieder meinem Vater und Bruder Heinrich werde geschrieben haben. (Der Letztere wird wahrscheinlich, da Herr Stäbli, unser bisheriger Commissionär in New-York, nicht länger in dem «Schelmenlande» bleiben will, allein die Geschäfte für unser Haus fortführen und so vielleicht längere Zeit in America bleiben.) – Um mit Mülinen anzufangen, so hat sich derselbe äußerlich ziemlich verändert; da er die Haare glatt gestrichen und einen um das Kinn herum laufenden Backenbart trägt, so kannte ich ihn Anfangs fast nicht, er ist gegen uns sehr gefällig, half uns unser Logis aufsuchen, und geht uns sonst überall mit Rath an die Hand. Er ist noch ganz so offen, und lacht ganz wie früher. Ich glaube wirklich, daß er nichts von seinem naiven Wesen verloren hat. Dagegen gefällt mir nicht, daß er mehr mit Polen, Russen,[ Franzosen ?] [...?] als mit seinen Landsleuten geht. Grade jetzt ißt er in derselben Restauration wie wir. Aber sehr oft, [wenn er?] nach uns kommt, setzt er sich nicht zu uns, sondern zu einigen Polen, de ren Bekanntschaft er an Maskenbällen u. dgl. gemacht hat. Es ist gerade, als schämte er sich unser vor den Leuten; oder es ist eine Art vornehmer Wichtigmacherei. Mit uns allein, ist er ganz freundlich; nur zuweilen, wenn er von hiesigen Sitten, Moden od. dgl. redet, so nimmt er eine wichtige Miene an, die mich fast lachen macht. Auch kommt mir characteri stisch vor, daß er uns ganz ernsthaft erklärte, da es so unbequem sei, Nachmittags bei der Hitze auszugehen, so habe er sich, durch die Erfahrungen des ersten Semesters belehrt, vorgenommen, nur solche Collegien zu hören, welche vor 11 Uhr gehalten werden. Übrigens bin ich überzeugt, daß er von schlechter Gesellschaft sich fern hält oder wenigstens sich nicht näher an sie anschließt. Ich glaube, einmal in die Schweiz zurück gekehrt, sei er wie früher, nur vielleicht auf seine Erfahrungen und Kennt nisse etwas stolz. – Finsterwald und Honegger sind ziemlich von einander entfernt; sie essen nicht an demselben Orte, und kommen wenig zusammen. Honegger ist in allen Stücken ganz wie zu Zürich, eine Schilderung also überflüssig; er ist mir jetzt gar nicht unangenehm. Finsterwald und Conrad von Escher, oder, wie seine Visitenkarten lauten, Junker C. v. E., sind die, welche von allen Schweizern den meisten Aufwand machen sollen; wie man sagt, sind dem Escher jährlich 3000 Franken ausgesetzt, und er braucht statt dessen 3000 Thaler. Heinrich Orell, der von Göttingen hieher kam, schließt sich würdig an sie an, jedoch mehr auf burschikose, als auf stutzermäßige Weise. Wegen dieser und einiger andern Schweizer, welche bei Schlickelmann das große Wort führen, mögen wir nicht bei diesem Restaurant essen, wo sonst noch H. Schultheß, Wolf, und ein Paar andre Schweizer sind, auch Keller, Architekt, der einst uns vorturnte mit H. Vögeli. Reinhard, C. Meyer, Wegelin, Äppli, C. Honegger und ein Paar Basler essen bei Tretropp, wo uns die Gesellschaft gefiel, von wo wir aber wegen der unappetitlichen, oft kalten Speisen fortgingen. Die Juristen sehen wir täglich in der Universität, ebenso Schweizer und Stoll. Auch von Sprecher u v. Tscharner von Chur sind hier, mit denen wir oft zusammen kommen, beide Juristen und artige Leute. Imhof, Mediciner, sehen wir nicht viel, auch den Philosophen Scheerer nicht; der letztere macht auch zu unsrer großen Verwunderung den Elegant, und geht oft mit Escher, Finsterwald etc. Den Philologen Honegger kannte ich früher nicht; er ist äußerlich etwas abstoßend, arbeitet tüchtig, und ißt zu Hause, so daß wir ihn nicht oft sehen. Sonst gefällt er mir recht gut. Ein Sohn des Staatsrathes Chambrier ist auch hier, Jurist, mit dem wir jedoch noch nie zusam men kamen. Ist ein Mal der Studentenkatalog erschienen, so will ich dir eine Übersicht aller Schweizer geben. Wir kommen alle Samstag in einer der sehr wenigen Kneipen zusammen, wo man gutes Bier erhält, das Glas für 3 sgr! Da jedoch der Raum sehr beschränkt und meist mit andern Leuten angefüllt ist, so kann man gar nicht recht traulich beisammen sein. Im Winter jedoch, wo hoffentlich die Mehrzahl der Schweizer uns mehr zusagen wird, als jetzt, kann man wohl ein Local miethen. Escher und Fin sterwald wollen im Herbst nach Heidelberg gehen. Ich fürchte nur, daß ihr Bonner, wenn es euch gut gefällt, noch länger dort bleibet; Wolf hat dies für sich schon angekündigt, und ich kann es ganz gut begreifen, würde wahrscheinlich dasselbe thun. Aber für uns wäre es freilich sehr leid; wir setzen alle unsre Hoffnung auf eine trauliche und vaterländische Schweizergesellschaft auf den Winter, und du wirst wohl | selbst fühlen, daß in unsern Hoffnungen und Planen ihr nicht eine Nebenrolle spielt. So gern ich euch alle, und dich voraus hier in Berlin sähe, so möchte ich doch, wenn etwa der Arzt dir abrathen sollte, nach Berlin zu gehen, dich durchaus nicht dazu bereden; denn studiren kann man ja am Ende überall, und einander sehen werden wir hoffentlich uns auch, sei es nun etwas früher oder später; aber eine verlorne Gesundheit wieder zu rück rufen, das ist unmöglich. Schreibe mir doch bald, ob die Reise deiner Gesundheit nicht geschadet hat, und wie dir das Klima zusagt! Da ich schließen muß, so will ich dir nur noch anzeigen, daß Drummond in Halle ist, und daß der gute Wegelin leider sehr krank ist. Er war, als wir ankamen, verreist, hatte dann einen geschwollnen Backen und jetzt hat er schon mehrmals Blut speien müssen; der Arzt räth ihm, sobald er verreisen könne, nach der Schweiz zu gehen. Jetzt ist aber keine Rede, daß er innerhalb eines Monates verreisen kön ne. Er liegt im Bett, und darf nicht reden, kann es auch fast nicht. Daß er stark abgenommen habe, finde ich nicht; aber es ist zu fürchten, daß sein Übel entweder zur Schwindsucht oder dann zu einer Lungenentzündung werde. – Wir andern Zürcher sind glücklicher Weise alle wohl; nur Reinhard hat von Zeit zu Zeit sein altes Kopfweh. – Noch habe ich dir viele Grüße von G. und F. Wyß, so wie von den an dern Zürchern auszurichten. Die 2 Wyß lassen auch alle andern Zürcher, Blumer und den großen Haller grüßen; endlich D. Hofmei ster, von dem sie gern etwas erführen. Ich schließe mit Wiederholung aller dieser Grüße an meine Bekannten, mit dem Wunsche, daß du wieder ganz und dauernd hergestellt seiest, und dem Versprechen, sobald ich kann, dir mehr zu schreiben.

Dein treuer

Jacob Escher.

Da ich glaube, die unfrankirten [Briefe?] erhalte man sicherer, als frankirte, unterlasse ich das Frankiren und er warte, du werdest mir Gegenrecht halten.

Kontexte