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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Escher
  • 1820
  • 1830
    1. an Jakob Escher, 7. Mai 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Reisen und Ausflüge, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Turnen und Sport AES B0155+
    2. von Jakob Escher, 5. / 6. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge, Freundschaften AES B0157
    3. von Jakob Escher, 13. Juni 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Kunst und Kultur, Krankheiten AES B0160+
    4. an Jakob Escher, 18. / 22. Juni 1838 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Freundschaften, Zofingerverein (Studentenverbindung), Turnen und Sport AES B0161+
    5. von Jakob Escher, 26. / 27. Juli 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Turnfeste, Reisen und Ausflüge, Krankheiten, Familiäres und Persönliches AES B0163
    6. von Jakob Escher, 9. August 1838 Schlagwörter: Universitäre Studien, Reisen und Ausflüge AES B0166
    7. an Jakob Escher, 19. August 1838 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung), Wahlen, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Rechtliches, Universitäten und Hochschulen (diverse), Turnfeste AES B0168+
    8. an Jakob Escher, [8. September? 1838] Schlagwörter: Universitäre Studien AES B0164
    1. an Jakob Escher, 21. April 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Universitäre Studien, Kuraufenthalte, Zofingerverein (Studentenverbindung), Zürichputsch (1839), Kommissionen (kantonale), Kunst und Kultur AES B0186+
    2. von Jakob Escher, 5. Mai 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Zürichputsch (1839), Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Bildungswesen, Kuraufenthalte AES B0189
    3. an Jakob Escher, 28. Mai, 1. Juni 1839 Schlagwörter: Krankheiten, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich, Universitäre Studien, Rechtliches, Zürichputsch (1839), Wahlen, Erziehungsrat ZH, Regierungsrat ZH, Kommissionen (kantonale), Zofingerverein (Studentenverbindung), Bildungswesen AES B0191+
    4. von Jakob Escher, 2. Juli 1839 Schlagwörter: Universitäre Studien, Turnen und Sport, Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Universitäten und Hochschulen (diverse), Universität Zürich AES B0196
    5. an Jakob Escher, 1. August 1839 Schlagwörter: Kuraufenthalte, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Rechtliches, Universität Zürich, Bildungswesen AES B0200+
  • 1840
    1. von Jakob Escher, 10. / 11. / 12. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Kunst und Kultur, Rechtliches AES B0281+
    2. an Jakob Escher, 21. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Familiäres und Persönliches, Rechtliches, Universitäre Studien, Kunst und Kultur AES B0283+
    3. von Jakob Escher, 27. / 28. April 1843 Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Kunst und Kultur AES B0284
    4. an Jakob Escher, 21. Mai 1843 Schlagwörter: Berufsleben, Universitäre Studien, Rechtliches, Bildungswesen, Universitäten und Hochschulen (diverse), Freundschaften, Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge AES B0287
  • 1850
  • 1860
  • 1870
  • 1880
  • o. J.

AES B0155 | ZBZ FA Escher vG 207.102f

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 20 | Jung, Aufbruch, S. 274 (auszugsweise)

Alfred Escher an Jakob Escher, Belvoir (Enge, Zürich), Montag, 7. Mai 1838

Schlagwörter: Freundschaften, Hörner- und Klauenstreit SZ (1838), Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Belvoir. den 7ten Mai. 1838.

Mein theurer Freund!

Du erwartetest wohl nicht, noch von Zürich aus einen Brief von mir zu empfangen und wirklich sind es auch außerordentliche Begegnisse, welche dieß allein möglich machen konnten. Am Mitwoch Abend nähmlich vor dem Freitage, den ich zu meiner Abreise bestimmt hatte, war mir unwohl, so daß meine Eltern wünschten, ich möchte den Arzt1 rufen lassen, um ihn wenigstens nur zu fragen, ob ich an demselben Tage noch einige Abschiedsbesuche, die mich wie lästige Schmeißfliegen plagten, machen dürfe. Der Arzt schickte mich aber sogleich zu Bette, setzte mir 10 Blutigel an den Kopf und nun zeigte sich ein Ausschlag, der nach sieben Tagen den höchsten Grad und eine solche Stärke erreichte, daß der Arzt sagte, man würde von jemandem, der auch nur den sechsten Theil von dem Maaße meiner Krankheit hätte, sagen, er hätte sie in hohem Grade gehabt. Dieser Ausschlag waren die Rötheln, eine Hautkrankheit, die zwischen der Rothsucht und dem Scharlachfieber inne steht. Entsetzliches Schwitzen folgte jetzt, das mehrmals 12 Stunden lang in Einem Tage mich quälte und Drücken und Reißen auf der Brust und ein trockener Husten als Folge davon kamen hinzu und bilden ein Hauptsymptom dieser Krankheit. 9 Tage lang aß ich – so zu sagen – nichts. In der ersten Woche durfte ich keine Besuche empfangen um meinetwillen, in der zweiten Woche wegen derer, welche mich besuchen wollten; ich wollte ihnen nämlich kein so lästiges Andenken, wie meine Krankheit, die sie hätten erben können, gewesen wäre, hinterlassen. Einzig der unsterbliche Nagel2 trat, sobald es um meinetwillen zu mir zu kommen erlaubt war, im Bewußtsein der Verpflichtungen, die er in seinem spätern Wirkungskreise auf sich zu nehmen hat, und der Forderungen, die dieser an ihn stellen wird, mit ganz kaltblütiger Miene zu mir hin und erfreute mich auch nachher oft mit häufigen und langen Besuchen. Nun aber, da sich der Ausschlag gelegt und ich kein gefährliches Wesen mehr bin, besuchen mich meine Freunde so fleißig, daß ihre freundliche Theilnahme, die ich noch nie in dem Maaße zu erfahren den Anlaß hatte, sie meinem Herzen nothwendig noch näher bringen mußte, als sie ihm schon | gestanden. Ich weiß auch von einem lieben Wesen, das, wenn es nicht viele Meilen von mir getrennt gewesen wäre, oft an mein Lager getreten und mir die Stunden der Trübsal durch seine Freundschaft und Treue versüßt hätte. Ach Gott, was einem Freunde nicht sein können! – Am Donnerstage vor dem Freitag meiner projectirten Abreise ist Blumer nach Abrede in Zürich angekommen. Du begreifst, wie es ihn schmerzte, mich in dem Zustande anzutreffen, in dem ich damals war. Er wollte warten, bis ich abreisen würde, aber da der Arzt erklärte, vor 14 Tagen dürfe ich an keine Abreise denken, hätte ich ein solches Opfer von Blumern nicht fordern dürfen. Ich bath ihn im Gegentheile am folgenden Tage, wie wir es immer vorhatten, abzureisen, indem ich die bestimmten Tage angeben konnte, an denen die 4 Theologen 3, die auch nach Bonn gehen, sich in den verschiedenen Städten, die man durchreist, aufhalten wollten, so daß er sie gewiß antreffen mußte und dann mit ihnen reisen konnte. Ich hörte auch nachher, Schneebeli4 sei sehr wahrscheinlich an demselben Freitage in Baden in den Baslereilwagen gestiegen, so daß dann Blumer bis Heidelberg auch ihn zum Begleiter hatte.5 Du begreifst, mein Theurer, daß es mich viel kostete, diesen Reisegefährten, auf den ich so sehr mich gefreut und von dem ich so viel gehofft hatte, allein abreisen lassen zu müssen. Du weißt, wie ich Dich oft beklagte, daß Du bis Kannstadt allein zu fahren und gerade die Heimath ohne einen Freund zu verlassen gezwungen seiest und Du wirst diesen Mangel nun mehr als ich zu fühlen im Stande sein, da Du ihn zu erfahren hattest, ich ihn nur ahnden konnte. Sieh, in meiner Krankheit wurde es mir wieder so recht zum Bewußtsein gebracht, was einem liebende Eltern sein können. Ich sollte es also, bevor ich mich von ihnen trennte, noch einmal recht deutlich erkennen, was ich ihnen zu verdanken habe und was ich ihnen schuldig bin, ich glaube nicht, daß da ein Zufall gewaltet habe. Schwer wird es mir fallen, von allen meinen Freunden nun auf einmal Abschied nehmen zu müssen. Allen hatte ich schon die Hand zum Scheiden mit thränendem Auge gedrückt. Ich sollte sie alle wiedersehen, um mich noch fester davon zu überzeugen, daß sie meine Freunde seien und allen muß ich mich dann auf einmal wieder entrissen sehen. Und meine Umgebungen haben sich wieder in ihre zauberischen Reize gekleidet, die ich geflissentlich hatte fliehen | wollen, um mir den Abschied aus denselben nicht allzu schwer zu machen. Die Wiesen stehen in üppigem Graswuchse und sind voll freundlicher Blumen. Ach, diese haben mir immer besser gefallen in ihrer Natürlichkeit, als jene eiteln Gewächse im Treibhause, welche eher ein Erzeugniß der Kunst als der Natur genannt zu werden verdienen. Die Bäume stehen in ihrer vollen Blüthe und die Birnbäume sind schon mit dem zartesten jungen Grüne bekleidet. Herrliche Frühlingslüfte wehen. Der Himmel ist herrlich blau und die Berge sind mit dem dieser Jahreszeit eigenen bläulichen Dufte übergossen. Der See scheint ein Spiegel des Himmels zu sein und er schmilzt ganz zusammen mit dem fernen Ufer, das ihn begrenzt. Doch ich will Dir nicht das ins Andenken zurückrufen, dessen Du Dich in Deiner Sandwüste gewiß oft genug erinnerst und das Du weit tiefer fühlen mußt, als ich dir es zu beschreiben vermag. Nur das wollte ich Dir sagen, daß diese vielen zusammen treffenden Umstände mir den Abschied von der theuren Heimath sehr erschweren werden. Wann aber diese bittere Stunde über mich kommen werde, darnach wirst Du wohl jetzt fragen. Ich bin nun seit zwei Tagen dem Bette wieder entronnen, muß mich aber, da sich meine Haut erneuert hat, vor den Einflüssen der Luft sehr in Acht nehmen. So darf ich erst in 2 Tagen das Haus verlassen und in 10 Tagen abreisen, am 16ten Mai also. Du kannst Dir wohl denken, daß ich auf der Reise nicht lange machen werde. Ich habe im Sinne, die neue Mallepost durch den Schwarzwald nach Carlsruhe zu benutzen und rechne in 3 Tagen, am 18ten Mai also, in Bonn einzutreffen. Da der Semester dort factisch erst mit dem 10ten Mai beginnt, so habe ich doch nicht so gar viel nachzureiten, freilich immer genug für jemanden, der, wie Du weißt, kein Freund vom Abschreiben ist. Doch hier gebeut die Nothwendigkeit und ich tröste mich mit der Vollständigkeit und Leserlichkeit von Blumer's Heften. Ich hoffe, ich werde in Bonn mit Blumern zusammenwohnen.6 Ach, er muß und wird gewiß auch mir unendlich viel sein. Es ist mir mit ihm gegangen – und so oft geht es so im Leben – wie zwei Wanderern, die Anfangs in finsterer Nacht neben einander dieselbe Straße gehen, sich aber nicht sehen, dann aber, wenn es Tag geworden, es erkennen, daß sie dieselbe Straße gewandelt und Reisegefährten bleiben auch fürder. Und wirklich, es ist eine große Einstimmigkeit der Ansichten und Bestrebungen zwischen Blumern und mir. Und diese Einstimmigkeit berechtigt mich zu schönen Hoffnungen für unser Zusammenleben in Bonn. Du weißt aus dem letzten Zofingerbriefe7, den ich geschrieben und Du, wie ich glaube, gehört hast, wie vielen Werth ich auf den Umgang der Gleichaltrigen lege. | Wie der Mensch nicht Jahre seines eigenen Lebens überspringen soll, wie er sie auch selten zu überspringen vermag, so soll er auch im Freunde nicht Jahre überspringen; denn wenn etwas für ihn selbst gilt, so gilt es auch für seinen Freund, weil nur das die echte Freundschaft ist, wo der Freund sich selbst im Freunde wieder findet. Doch wozu, wirst Du fragen, diese Zeilen? Um Dir zu sagen, mein Theurer, warum ich auf Blumern ganz besonders oder allein so viel hoffe, da ja noch andere Schweizer und Zofinger, mir in Freundschaft verbunden, in Bonn sind. Sieh, Wolf8 allein wird mir noch etwas sein können, denn er hat die seltene Kunst erfaßt, ohne aus den Schranken seines Alters heraus zu treten, das Wesen der andern Alter ganz zu erfassen und zu begreifen. Von Heß9 und Usteri10 kann man dieses nicht von ferne sagen. Ersterm klebt noch ein Zurückhalten an, das meinem Gemüthe unangenehm ist und nicht bloß nach meinem, nach vieler Urtheil, mit denen ich darüber geredet, scheint sein Studium in ihm den Wahn erregt zu haben, als stehe es und durch dasselbe er über den andern Disciplinen und ihren Jüngern. Nicht, daß er es an äußerer Höflichkeit oder gar Freundlichkeit des Umganges ermangeln lasse, aber man sieht immer, ganz wohl ist es ihm doch nie unter den Laien. Von Usteri will ich nur gar nicht reden. Er hat alle die Nachtheile, die ich aufrichtig bemitleide, von einem Menschen, der das Leben von einer rein negativen Seite ansieht. Er scheint das reinmenschliche in ihm absterben lassen, kreuzigen und tödten zu wollen und sollen wir nicht Menschen sein? und ist ein Mensch, der nichts mehr rein menschliches hat, Mensch? – Nein, siehe, Blumer wird mir so ganz den Kreis meiner Jugendfreunde, derer die mich bisher umgeben, unter denen er freilich auch eine bedeutende Stelle eingenommen hat, ersetzen müssen. Wolf wird eher mein väterlicher Freund sein. Aber das habe ich Blumern oft schon gesagt, und wir werden es oft noch zu einander sagen, daß wir ein zweiblättriges Kleeblatt sind und daß das dritte Blatt den zwei andern hätte folgen sollen und daß es uns jetzt fast als eine Waise erscheint. Nicht wahr, mein Lieber! Du verstehst uns? – Nun habe ich beinahe vier Seiten über meine Person geschrieben. Erwarte aber nicht, daß ich mich dafür bei Dir entschuldigen werde. Ich werde auch dann überzeugt sein, daß ich mich nicht zu entschuldigen brauchte, wenn Du mir ebensoviel von Dir selbst schreibst, denn das weißt Du doch, daß Du mir nichts schreiben könntest, das mich mehr interessiren würde. Weil ich doch bei der Correspondenz bin, so will ich Dir, um es später nicht zu vergessen, sagen, daß Du mir nicht mehr nach Zürich schreiben sollst. Was meine | Adresse in Bonn anbelangt, so will ich Sie, falls ich sie nicht noch vor meiner Abreise durch Blumer erhalte, meinen Eltern auch für Mittheilung an die Deinigen übermachen, die dann wohl die Güte haben werden, sie in einen ihrer Briefe an Dich aufzunehmen. Ich freue mich jetzt schon darauf, wieder etwas von Dir herrührendes mit den Händen anfassen und mit den Augen anschauen zu können. Schreibe mir doch – ich bitte Dich noch einmal – alles Dich betreffende recht ausführlich, was für einen Eindruck Berlin auf Dich gemacht, wie Du Dich dort eingerichet, ob Du angenehm wohnest, wie Dir die Professoren in Collegien und Privatumgange gefallen, wie sich die Schweizer in Berlin machen, wie es sich mit euerm gesellschaftlichen Leben verhalte &. Und nun über unsere Personen hinaus!

Heute vor acht Tagen als den 30sten April hat die Hochschule ihr Fest gefeiert und damit die Einweihung der neuen Aula verbunden. Ich war natürlich nicht Augenzeuge; ich setze also allem das Herodotische11: «Wie sie sagen» voraus. Die Feierlichkeit eröffnete Gesang des Zof. Sängervereins. Dann redete Arnold12 über die Entwickelung des Menschen aus seinen ersten Anfängen, dem Eie, in einem klaren, lichtvollen Vortrage. Von der physischen Entwickelung des Menschen ging er dann zur moralischen u. intelectuellen über und schilderte die Fortschritte des Menschengeistes in den neuesten Zeiten. Dann wieder Gesang. Jetzt eine zweite Rede Arnold's über die bisherigen u. jetzigen Verhältnisse der Hochschule und Worte der Belebung & Aufmunterung an die Studierenden. Darauf folgten einige Doctorehrenpromotionen, nähml. Hr. Kirchenrath Vögeli13 im Seidenhof zum Dr Theol., Hr. a/Oberrichter Ulrich14 u. Fürsprech Jonas Furrer15 zu doctt. jur., Hr. Nägeli16, ehemal. Regimentsarzt in Breda, Hr. Staub17 v. Thalweil, Hr. Müller18 von Eglisau zu doctt. med. Die Feierlichkeit beschloß jetzt ein Gesang der Studierenden. An der ganzen Sache vermisse ich zwei Sachen ungern 1) eine Rede eines Studierenden 2) Promotionen der philosophischen Facultät, die z. B. bei Alex. Schweizer, Raabe19, Mousson20, Arnold Escher21, so sehr an ihrem Platze gewesen wären. Ich habe über das unbegreifliche Ausbleiben dieser Promotionen nur so viel erfahren können, daß zwei Professoren der philos. Facultät (es läßt sich leicht errathen, welche) gegen alle Ehrenpromotionen bei diesem Anlaße von vorne herein protestirten. – Auf diese Feierlichkt folgte ein Mittagessen, an dem Professoren und Studenten (d. h. Zofinger u. 3 deutsche. Die Academiker hatten inzwischen ein Gelage auf dem Widder. Gottfried Schweizer22 und mir unbegreiflicher Weise Adolf Rahn23, der überhpt. unglücklicher Weise auf dieses Extrem hinaus von seinem Bruder24 verleitet worden sein soll, schlossen sich an die Academiker an) Theil nahmen und das um des traulichen Tones willen, der zwischen Prof. u. Stud. herrschte, einen eigenthümlichen Reiz gehabt haben soll. Auch viele Freunde der Hochschule nahmen daran Theil. Toaste mancherlei Art der Hochschule | dem Hrn. Rector Arnold, den Professoren, den Studenten, der Volksschule, dem aus Basel anwesenden Hrn. Prof. Hagenbach25 wurden gebracht, so schlecht und recht, wie gewöhnlich, und ich höre, daß sich unsere Standeshäupter dabei nicht sonderlich ausgezeichnet. Den Beschluß machte ein guter Witz von Zwicki, der von Prof. & Studenten mit rauschendem Beifall aufgenommen wurde. Er brachte nämlich im Glarner dialect dem Pudel26 ein Lebehoch als dem, der der Wissenschaft Thor und Thüre öffne, den Studenten das Licht der Wissenschaft anzünde & so herrlich die Würde der Hochschule wahre. Abends gingen Prof. u. Stud. wenigstens zum Theile in den Heuel, andere in das Theater, das noch immer von dem Dem. Vial27 so reichlich und ebenso verdient gespendeten Beifall wiederhallt. – – So eben war ein gewisser Hr. Stadtammann Curti28 von Rapperschwyl bei Papa, der Kunde brachte von der gestern in Rothenthurm abgehaltenen Landsgemeinde, auf die man so gespannt war. Der ganze Canton ist also in die Parteien der Horner ( Abyberg29, Schmied30 v. Lachen) und der Klauer ( Nazar Reding31 ) zerfallen.32 Eine große Aufregung war im Lande vor der Landsgemeinde. Auch die geistlichen Waffen mußten die «Stützen der Religion Abyberg & Schmied» schützen. Das Muottathal war wieder von A. Landamman Hediger33, dem rechten Arme von Abyberg, fanatisirt worden. Auf die Landsgemeinde zogen nun durch das Dorf Rothenthurm die Horner & besonders die Muottathaler mit Hörnern, und Stöcken, wie man sie etwa den «wilden Mannen » auf den Wirthshaustavernen in die Hände gibt, bewaffnet. In die Hörner wurde eifrig gestoßen. Die Landsgemeinde war so besucht, wie seit hundert Jahren noch keine. Auf dem Platze theilten sich die Parteien auf zwei Seiten, durch eine breite Gasse getheilt. Holdener34 eröffnete die Versammlg mit einer Anrede. Darauf trat ein gewisser Rathsherr Städlin35 (?) von Steinen auf, bemerkte, es seien Fremde im Ringe und trug darauf an, daß jeder, der von ihnen stimme, mit einer Buße von 400 Frkn. und 200 Frkn. an den Anzeiger bestraft werde, der aber, der beide Hände aufhebe, als ein Meineidiger erklärt werde. Vergebens zeigtenGyr v. Einsiedeln und andere, daß dieß schon in der Verfassung verbothen, ein besonderer Beschluß also nicht nöthig sei. Schmid u. Abyberg unterstützten den Antragsteller und die Horner siegten mit furchtbarem Geschreie. Jetzt trat aber Advocat Eberle36 von Einsiedeln auf & sagte, er sehe auch etwas, das ihm nicht gefalle, nähmlich daß der große Rath die Stimmenzähler gewählt und darin seine Competenz überschritten habe. Die Gewählten gefallen ihm nicht ganz. Er wünscht eine neue Wahl durch die Landsgemeinde. Über diesen Punct war, wie es scheint, in der Verfassung nichts bestimmt worden, sond. alles dem Herkommen überlassen, das freilich für Wahl der Stimenzähler durch den großen Rath sprach. Dieser hatte aber | neben manchen andern Unklugheiten auch die begangen, zu Stimmenzählern nichts als Creaturen von Abyberg zu wählen. Die Landsgemeinde stimmte nun ab, ob nun gewählt werden solle oder nicht. Das erste Mehr war zweifelhft. Als man zum 2ten Mehre schreiten wollte, entspann sich zwischen den sich zunächst Stehenden der beiden Parteien ein Gefecht. Bald wurde dieses allgemein, zwang die Obrigkeiten und Vorgesetzten nach Rothenthurn zurück zu kehren und verbreitete sich über das ganze Feld der Landsgemeinde. – So eben war Nägeli wieder bei mir, der auch in Rothenthurm war mit den Turnern oder eher Zofingern, die eine Turnfahrt über den hohen Rhonen nach Rothenthurm gemacht hatten. Er erzählte mir nun das Kampfgewühle, dessen ich, als ich meine Erzählung abgebrochen, noch gedacht hatte, des nähern. Die bewaffneten Horner sollen die Klauer mit ihren armsdicken «Sparen» auf den Kopf und gewöhnlich mit dem ersten Schlage zu Boden gestreckt haben. Dieß war aber nie genug, sondern, die zu Boden geschlagenen wurden dann noch durch Stöße in die Brust und den Unterleib jämmerlich mißhandelt. Einer wurde in den Hals gestochen, ein anderer ins Bein, alles unter dem Zurufe: «Chömed use, ihr gottlose Chaibe, die kei Religion händ.» Die Pfaffen hatten nähmlich an dem Morgen vor der Landsgemeinde noch schrecklich auf den Kanzeln gedonnert. Ziemlich lange dauerte der Kampf. Die Landsgemeinde stob aus einander. Die Klauer, die meistens unbewaffnet waren, flohen auf die Berge gegen Einsiedeln, die ganz schwarz von Menschen gewesen sein sollen. Einzelne Horner verfolgten noch einzelne Schaaren der Klauer. So erinnerte sich noch Nägeli, der mitfloh, ganz nahe bei sich, einen Greis mit Silberhaaren, einen Klauer, von 3 Hornern angegriffen gesehen zu haben. Der eine schlug ihn mit Einem Schlage zu Boden, die andern fielen dann über den wehrlosen ohnmächtigen her und prügelten unbarmherzig auf ihn los. Reding durfte nicht wagen, nach Schwyz zurück zu kehren. Er wurde von den Einsiedlern in ihre Mitte und nach Einsiedeln genommen. Die Hauptfrage des Tages wäre nähml. gewesen, ob er oder Abyberg Landammann sein soll. Cotting37 war auch auf der Landsgemeinde, wagte aber nur, da er allgemein als Anhänger von Reding bekannt ist, bewaffnet in's Muottathal zurück zu kehren. Die Turner flohen gegen die Schindellegi und namentlich soll Zwicky, da er gerade an dem Orte gestanden, wo die Prügelei ausbrach, blind vor Schrecken in alle Gräben gelaufen sein. Sinz u. Ludw. Meier38 waren auf der Höhe des Berges & wollten in ein anderes Thal herabsteigen. In Schindellegi sammelten sie sich wieder. Schrecklich soll die Wuth der wehrlosen Klauer, die nur noch mit einem Steinregen und einigen blinden Schüssen aus einer Pistole sich vor weitern Verfolgungen hatten schützen können, gewesen sein. 4 Landleute von Lachen sollen sich eidlich verpflichtet haben, den Schmied von Lachen, den man wie mir Nägeli nacherzählte, nicht hatte zu Worten kommen lassen, zu erschießen. An eine neue Landsgemeinde ohne Eidgenöss. Vermittelung u. sollte es auch bewaffnete sein, ist wohl nicht zu denken. – Noch muß ich Dir melden, daß unsere Turnrevision auf Antrag des Turnrathes in der letzten Turnversammlung ganz unverändert, so wie auch unser Vorschlag, 2 Male in der Woche zu turnen, mit Stimmenmehrheit trotz der Gegenvorstellungen Hrn. Sulzberger's39 angenommen wurde. Diese Revision findet immer mehr Anhänger und zwar solche, an denen etwas gelegen ist. Auch freute es mich sehr, von Hrn. Heer, der Dich herzlich grüßt, zu hören, daß der Erziehungsrath diese Veränderung des Turnens gerne sehe. So sind unsere Arbeiten doch auch in Beziehg. auf die Knaben hoffentlich durch günstigen S. Pag. 1 | Erfolg gekrönt! Noch muß ich Dir doch anzeigen, daß die Turngesellschaft Wolf, Heß, Oschwald40, Dich u. mich «um unserer Verdienste um das Turnen willen» zu ihren Ehrenmitgliedern einstimmig ernannt hat. Was machen die Züricher? Grüße mir alle, die ich kenne, besonders Wyß, Schweizer41, C. Meier42, Wegelin43, Mülinen, Drummond44. Dich grüßt bestens Nägeli. – Und nun muß ich wohl schließen. Ich sehne mich nach Nachrichten von Dir; denn ich bin Dein treuer Alfred Escher.

Empfange noch die herzlichsten Grüße von meinen Eltern. Sie, wie mich, hat die Nachricht Deiner glücklichen Ankunft in Berlin von Herzen gefreut. –45 |

Hast Du Heinrich Meier46 in Leipzig gesehen? Was treiben Honegger47 und Finst| erwald48? Schreibe mir doch von Martin49. – 50

Kommentareinträge

1Vermutlich Hans Konrad Rahn-Escher (1802–1881), Arzt in Zürich.

2 Carl Wilhelm Nägeli (1817–1891), von Kilchberg, Medizinstudent. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 11. April 1838, Fussnote 7.

3Gemeint sind vermutlich Johannes Wolf, Johann Jakob Hess, Johann Caspar Georg Usteri und Diethelm Salomon Hofmeister.

4 Alois Schneebeli (um 1815–1888), von Baden, Medizinstudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1836–1839; Quästor des CA 1837), Bezirksarzt und Bad-Armenarzt in Baden. Vgl. Matrikel UZH online, Schnebeli Alois; Beringer, Zofingerverein II, S. 555.

5 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 5. Mai 1842; Blumer, Erinnerungen, S. 5(d).

6 Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 5. Mai 1838.

7 Vgl. Alfred Escher an Sektion Lausanne des Zofingervereins, 21. März 1838; Der Zofingerverein: Alfred Escher als Präsident der Sektion Zürich und als Centralpräsident (1837–1842), Eschers Eintritt in den Zofingerverein.

8 Johannes Wolf (1813–1839), von Zürich, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1830–1837, Präsident 1835/36). Vgl. Scherrer, Johannes Wolf; Beringer, Zofingerverein II, S. 561.

9 Johann Jakob Hess (1813–1876), von Zürich, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1830–1837, Präsident 1836/37; Mitglied des CA 1832/33), Pfarrer in Herrliberg (1842–1855) und Diakon am Grossmünster in Zürich (1855–1871). Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 541; Matrikel UZH online, Hess Johann Jakob.

10 Johann Caspar Georg Usteri (1813–1892), von Zürich, Theologiestudent.

11 Herodot (um 484–425 v. Chr.), griechischer Geschichtsschreiber.

12 Philipp Friedrich Arnold (1803–1890), Rektor und ordentlicher Professor für Anatomie an der Universität Zürich.

13 Salomon Vögelin (1774–1849), Kirchenrat (ZH); Vater von Anton Salomon Vögelin.

14 Johann Kaspar Ulrich (1796–1883), Grossrat (ZH), Leiter der Buchdruckerei und Verlagsanstalt Berichthaus in Zürich.

15 Jonas Furrer (1805–1861), Grossrat (ZH), Fürsprecher.

16 J. Heinrich Nägeli (Lebensdaten nicht ermittelt), Arzt in Breda.

17 Johann Jakob Staub (1787–1851), Arzt in Thalwil.

18 Christian Konrad Müller (geb. 1785), Bezirksarzt in Eglisau.

19 Josef Ludwig Raabe (1801–1859), Privatdozent für Mathematik an der Universität und Mathematiklehrer am Gymnasium Zürich.

20 Albert Mousson (1805–1890), ausserordentlicher Professor für Physik an der Universität, Mathematik- und Physiklehrer an der Industrieschule und Physiklehrer am Gymnasium Zürich.

21 Arnold Escher von der Linth (1807–1872), Privatdozent für Mineralogie und Geologie an der Universität Zürich.

22 Kaspar Gottfried Schweizer (1816–1873), von Zürich, Student der philosophischen Fakultät.

23 Matthias Adolf Rahn (1816–1876), von Zürich, Theologiestudent.

24 Hermann Ulrich Rahn (1815–1878), von Zürich, Rechtsstudent.

25 Karl Rudolf Hagenbach (1801–1874), ordentlicher Professor für Kirchengeschichte an der Universität Basel.

26Pudel (Studentensprache): Pedell, Universitätsdiener, Hausmeister.

27 Antoinette Vial (geb. 1804), bayerische Opernsängerin (Mezzosopran).

28 Carl Curti (1792–1864), Stadtammann von Rapperswil.

29 Theodor Ab Yberg (1795–1869), Grossrat, Kantonsrat und Mitglied der Regierungskommission (SZ).

30 Franz Joachim Schmid (1781–1839), Grossratspräsident, Regierungsrat und Kantonsgerichtspräsident (SZ).

31 Nazar Reding (1806–1865), Grossrat und Kantonsrichter (SZ).

32Ausgangspunkt des sogenannten Hörner- und Klauenstreits war die Forderung der Kleinviehbesitzer (Klauenmänner), die Berechnung der Oberallmeindnutzung auf eine neue Grundlage zu stellen, damit die Grossviehbesitzer (Hornmänner) nicht mehr bevorzugt würden. Die Hornmänner, die auf die Unterstützung der konservativen Regierung zählen konnten, verweigerten dies. Auf die Seite der Klauenmänner schlug sich die liberal gesinnte Opposition. Aus dem Nutzungsstreit wurde damit ein Kampf um die politische Vorherrschaft im Kanton. Nach der Massenschlägerei an der sogenannten Prügellandsgemeinde vom 6. Mai 1838 ordnete die Tagsatzung eine weitere Landsgemeinde unter eidg. Aufsicht an. Diese fand am 22. Juli 1838 statt und endete mit dem Sieg der Hornmänner, womit sich die konservativen Kräfte für die nächsten Jahre die Macht im Kanton gesichert hatten. Vgl. Fetscherin, Repertorium, S. 665–684; Castell, Schwyz, S. 84–86; Meyerhans, Schwyz, S. 67–72; Horat, Streit, S. 76–80; HLS online, Hörner- und Klauenstreit.

33 Johann Alois Hediger (1774–1851), Siebner (Viertelsvorsteher) des Muotathaler Viertels; ehemaliger Bezirkslandammann (1836).

34 Fridolin Holdener (1803–1849), Kantonsrat und Landammann (SZ).

35Person nicht ermittelt.

36 Josef Anton Eberle (1808–1891), Kantonsrat (SZ), Rechtsanwalt.

37 Martin Kothing (1815–1875), von Schwyz, Jurist. – Studium der Rechtswissenschaft in Zürich und Heidelberg (1835–1838), Privatlehrer der Söhne Redings in den 1840er Jahren, bedeutendster Verwaltungsjurist und Rechtshistoriker des Kantons Schwyz im 19. Jahrhundert. Vgl. HLS online, Kothing Martin.

38 Ludwig Meyer (1819–1869), von Weiningen, Theologiestudent. – Mitglied der Sektionen Aarau (1836/37, Präsident 1836/37) und Zürich (1837–1841, Präsident 1838) des Zofingervereins, Lehrer für Mathematik an der Industrieschule Zürich (1842–1866). Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 547; Hunziker, Mittelschulen, S. 325.

39Person nicht ermittelt.

40 Johann Ulrich Oschwald (1814–1886), von Schaffhausen und Zürich, Theologiestudent.

41 Heinrich Schweizer-Sidler (1815–1894), von Zürich, Theologiestudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1832–1838, Präsident 1837/38), Lehrer für Deutsch, Latein und Geschichte am Gymnasium Zürich (1843–1871) sowie Privatdozent (1841–1849), ausserordentlicher (1849–1864) und ordentlicher Professor (1864–1894) für Sprachvergleichung und Sanskrit an der Universität Zürich. Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 556; Hunziker, Mittelschulen, S. 315; Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 980.

42 Caspar Othmar Meier (geb. 1815), von Zürich, Rechtsstudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1833–1837). Vgl. Verzeichnis Zof.-Ver. Sekt. ZH, S. 11.

43 Vermutlich Anton Theodor Wegelin (gest. 1838), von St. Gallen, Mediziner.

44 Henry Pilkington Drummond (Lebensdaten nicht ermittelt), von Norwich (UK), Medizinstudent.

45Ergänzung am Rand der ersten Seite.

46 Heinrich Meyer (1817–1896), von Zürich, Philosophie- und Rechtsstudent.

47 Caspar Honegger (1816–1880), von Dürnten, Rechtsstudent.

48 Johann Rudolf Finsterwald (geb. 1819?), von Stilli, Rechtsstudent.

49 Martin Escher (1819–1844), Kaufmann; Bruder Jakob Eschers.

50Ergänzung am Rand der zweiten und dritten Seite.

Kontexte