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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0154 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Bonn, Samstag, 5. Mai 1838

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Bonn den 5. Mai 1838.

Mein theurer Freund!

So eben erhalte ich deinen lieben Brief, der mich aus einer bangen Ungewißheit riß, u. beeile mich denselben augenblicklich zu beantworten. Wirklich hatte ich dich schon mehrere Tage hier erwartet u. war auch schon einige Male an den Landungsplatz hinuntergestiegen, um zu sehen, ob das Dampfschiff dich nicht einmal bringe. Ich bin erst seit Mittwoch dem 2. dies hier u. doch kömmt mir die Zeit schon unendlich lange vor ohne dich, weil ich mich so ganz an den Gedanken, mit dir hier zu leben, gewöhnt hatte, daß ich gar nicht begreifen kann, was ich ohne dich hier anstellen u. wie ich es allein aushalten soll. Um so schmerzlicher war mir die Nachricht, daß deine Ankunft sich noch so lange verzögern soll, wenn auch auf der andern Seite die Gewißheit, daß es dir nun allmählich besser geht, mich sehr beruhigt. Als ich zwar dich verließ, konnte ich freilich nicht voraussehen, daß deine Krankheit einen solchen Grad von Stärke erreichen würde, als dies nun leider der Fall gewesen zu seyn scheint. Am besten wird es nun gewiß für dich seyn, wenn du zuerst deine völlige Genesung abwartest, ehe du zur Abreise dich anschickst, um so mehr da das ununterbrochne Schnellreisen, wie du es beabsichtigst, doch sehr anstrengt u. für einen nur zur Hälfte hergestellten Patienten keineswegs ersprießlich wäre. Gerade schon die Malle-poste, die von Zürich nach Karlsruhe ohne Aufenthalt fährt, ist doch gewiß nur für Gesunde eingerichtet, wie auch unsre hiesigen Freunde, die dieselbe benutzten, versichern, besonders auch wegen der Höllensteig, wo es sehr streng gehen soll. Was ich dir nun darüber melden kann, ist blos, daß dieselbe in Karlsruhe Nachmittags um 3 Uhr anlangt; das Dampfschiff fährt von Mannheim auch Nachmittags um 2 ½ Uhr fort, bleibt die Nacht über in Mainz, geht von da Morgens um 5 u. 9 ½ | Uhr fort u. trifft ungefähr um 2 Uhr Nachmittags hier ein. Das Nähere darüber, da es nicht alle Tage gleich ist, kannst du natürlich an Ort u. Stelle besser erfahren. Wann der Eilwagen von Karlsruhe nach Mannheim fortfährt, kann ich dir nicht sagen, da keiner von uns diesen Weg eingeschlagen hat u., da ich diesen Brief heute Abends noch abschicken möchte, auch nicht mehr Zeit hätte, mich darüber auf der Post zu erkundigen, was auch nicht nöthig ist, da du es in Zürich weit leichter erfahren kannst. Jedenfalls werden dir für diese Strecke Wegs etwa 24 Stunden übrig bleiben, während welcher Zeit du viele Gelegenheiten dazu finden wirst; diese Erholung wird dir denn auch recht gut thun. Wegen der Collegien hast du nicht so sehr zu eilen, da die meisten erst den 14. angehen werden u. du also jedenfalls nur eine Woche zu spät kommen wirst. In Walters Kirchenrecht giebt es wenig zu schreiben, da er fast ganz nach seinem Handbuche geht, bei Fichte wahrscheinlich auch nicht sehr viel; also müßtest du einzig für Bethmann's Civilprozeß u. Walters deutsche Rechtsgeschichte ein wenig nachreiten. Diese 4 Collegien nämlich bin ich entschlossen zu hören, da ich voraussehe, daß ich für's Exegetikum keine Zeit mehr hätte u. ohne tüchtige Privatstudien, für welche der Sommer, besonders hier, wo die Hitze unerträglich u. überhaupt auch wenig äußrer Antrieb dazu vorhanden zu seyn scheint, nicht die günstigste Jahreszeit ist, bei einem solchen Colleg wenig herauskömmt. Ich hatte sonst im Sinne, mich darüber bei deiner Ankunft noch mit dir zu besprechen; Collegien konnte ich auch sonst noch nicht belegen, weil ich erst nächsten Montag die Matrikel erhalten werde. Ehe man hier zur Immatrikulation kömmt, muß man eine Menge langweiliger Geschichten durchmachen; ich habe heute einen Revers unterzeichnen müssen, über den du dich gewiß auch wundern wirst. Ein Erlaubnißschein von den Eltern ist sehr nothwendig

Meine Reise dauerte, wie du schon bemerkt haben wirst, länger, als ich zuerst berechnet hatte; sie war in jeder Beziehung schön u. genußreich u. wird mir lange noch in angenehmer Erinnerung bleiben. Als ich von Zürich fortging, wünschte ich nichts sehnlicher, als schon in Bonn zu seyn, da mir ohne dich der ganze Weg prosaisch u. langweilig vorkam. Glücklicher Weise traf ich nun aber schon in Baden unsern braven Schneebeli u. Küenzler an, welche ich beide, vorzüglich erstern, erst jetzt recht lieb gewann u. in denen ich bis nach Heidelberg eine höchst angenehme Reisegesellschaft fand. Von da reiste ich bis hierher mit den Theologen, | die mir im Ganzen (Wolf natürlich ausgenommen) etwas weniger zusagten, mit denen ich mich nun aber auch recht wohl befreundet habe; Hofmeister ist ein wackrer, verständiger, keineswegs philisteriöser Bursche, der mir recht wohl gefällt. Doch über alles dieses werden wir noch Zeit genug haben, uns mündlich zu unterhalten. Jetzt wird es dich mehr intressieren zu erfahren, daß ich für uns beide zwei schöne, geräumige Zimmer auf dem Lande mit einer herrlichen Aussicht auf den Rhein u. das Siebengebirge zusammen für 12 preuß. Thaler monatlich gemiethet habe. Ich wußte, welchen Werth du darauf legtest, auf dem Lande zu wohnen; darum stand ich nicht an, dies Logis zu nehmen (das beste, das ich noch vorfand – in Poppelsdorf war alles besetzt), wenn wir auch vielleicht manche Bequemlichkeit, die wir in der Stadt hätten, vermissen werden. Die Entfernung indessen ist nicht mehr als 10 Minuten vom Universitätsgebäude, zu welchem man durch einen artigen Spaziergang ohne Berührung der staubigen u. heißen Landstraße gelangen kann: Wenn du also gleich hier absteigen willst, so frage nur nach Herrn Krüger (Krüger) des Pedellen Sohn, an der Koblenzer Straße; auf den Tag deiner Ankunft soll alles zu deinem Empfange bereit seyn. Deine Kiste ist schon seit geraumer Zeit hier eingetroffen. Daß wir im gleichen Zimmer mit einander arbeiten u. schlafen müssen, wird dir hoffentlich gleich seyn; 3 angenehme Zimmer neben einander habe ich nirgends getroffen, auch machen's die meisten Studenten so, die zusammen wohnen. – Wir sind nun eine ordentliche Anzahl Schweizer hier u. diese Zeit über, wo man noch nichts thut, immer bei einander. Pestalozzi von Zürich u. Käser von Aarau, beide Theologen, sind von Göttingen hierher gekommen; außerdem waren schon zwei Basler u. Wildbolz von Bern hier. Hofmeister, Usteri u. Haller wohnen ganz nahe bei uns; ebenso nahe befindet sich ein Turnplatz, dem Wolf schon besondre Aufmerksamkeit gewiedmet hat. Endlich ist auch ein artiges Kaffeehaus, ganz am Rheine gelegen, wo wir wahrscheinlich speisen werden, fast grade gegenüber. Die Studenten scheinen mir im Ganzen nicht gerade burschikos-flott, wie in Heidelberg, sondern mehr patent u. vornehm zu leben, da Bonn die nobelste Universität seyn soll u. es wirklich auch von Baronen u dgl. wimmelt, jedenfalls aber auch nicht sehr fleißig zu seyn. Von Professoren habe ich noch Niemanden gesehen. – Indem ich dir nochmals für deine mir so erwünschten Berichte herzlich danke u. dir baldige Besserung wünsche u. mit Sehnsucht deiner Ankunft entgegenharre, grüßt dich herzlich

dein

Blumer.