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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0153 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 19

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 11. April 1838

Schlagwörter: Freundschaften, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 11. April 1838.

Mein theurer Freund!

«Ach wie w(u)ohl ist doch dem Herzen, das von Liebe nichts weiß!» sagt das schöne, volksthümliche Lied, das uns in Zürich so oft in den 2ten Akten unsrer Zofingerabende erfreute u. begeisterte u. das ich auch hier bisweilen von Zwicki u. meiner Schwester1 (der es auch ungemein wohl gefällt) singen u. spielen höre. Ja gewiß! eine tiefe, gewichtige Wahrheit liegt in diesen, auch durch äußre Schönheit des Ausdrucks sich auszeichnenden Versen; dies hatte ich auch in den letzten Tagen wieder zu erfahren Gelegenheit. Denke nur, der verliebte Professor2, dem Du Samstags Deinen lieben Brief3 sammt einem Päckchen an mich auftrugst, fand, entzückt von den Reizen seiner Holden4 u. berauscht von der Seligkeit des Wiedersehens nach einer unendlich langen Trennung von – 6 Wochen, erst gestern Zeit, an die Bestellung desselben zu denken! Hätte er gewußt, wie sehnlich ich auf Deinen Brief harrte u. wie sehr mich derselbe freuen sollte, so hätte dieser Gedanke gewiß auch sein für andre Gefühle wahrscheinlich jetzt sehr unempfängliches Herz gerührt. Ich kann Dir nicht sagen, wie einsam u. verlassen ich mich hier fühle, wo einzig nur der lange entbehrte Umgang mit meinen Eltern5 u. einigen andern theuern Verwandten mich erheitern u. aufrichten kann, wie schmerzlich ich nach diesem an den herrlichsten Genüssen inniger Freundschaft so reichen Winter die Gesellschaft – ich will nicht sagen, eines Freundes, sondern nur eines in Studien u. Neigungen mir nahestehenden, ja selbst eines wahrhaft gebildeten Altersgenossen vermisse. Zum Glücke habe ich in Mollis noch meinen lieben Zwicki, von dem mir der Abschied gewiß sehr schwer fallen wird, u. die Stunden, die ich mit ihm zubringe, sind nebst denen, wo ich der Unterhaltung mit geachteten u. geliebten Männern mich erfreue, u. solchen, wo ich dem Genusse einer herrlichen Natur, die letzten Züge aus diesem immer vollen Freudenbecher mit unendlicher Wonne schlürfend, mich ungestört hingeben kann, die schönsten, die ich hier verlebe. Dennoch kann ich mir selbst nicht verhehlen, daß auch Zwicki mir nicht mehr das ist u. seyn kann, was er mir auf dem Gymnasium war:6 mein Alles, mein zweites Selbst, mein Freund | im schönsten u. umfassendsten Sinne des Wortes. Es ist dies der natürliche Lauf der Dinge, wenn Geister, die früher Hand in Hand einen völlig gleichen Gang gingen u. Alles, was sie in jugendlicher Frische in sich aufnahmen, gleichsam nur als Gemeingut besassen, dann in ihrer ganzen Richtung sich von einander entfernen, um nur am höchsten Ziele, in den Brennpunkten des Lebens wieder zusammenzutreffen. Zwischen diesen u. dem gewöhnlichen, praktischen Leben u. Treiben der Menschen, wie es um uns herum saust u. herum brummt, ist dann die Kluft unendlich groß u. Nichts, das sie ausfüllt; man kann sich also immer noch sehr nahe stehen, aber jenen ihren Kulminationspunkt, wo zwei gleichsam nur Ein Leben leben, kann die Freundschaft nicht mehr erreichen. Und wozu nun alle diese Ergießungen? wirst Du fragen. Ich mußte wohl fast so weit ausholen, um Dir nicht in faden, allgemeinen Ausdrücken, sondern auf eine wirklich zum Herzen sprechende Weise zu sagen, wie sehr ich mich freue, mit Dir, mein Theurer! in ein ähnliches Verhältniß treten zu können, wie dasjenige war, in welchem ich in Schaffhausen mit Zwicki stand, das aber dann durch höhere Ausbildung beider Freunde u. vielleicht ein noch innigeres Zusammenstimmen der Gemüther eine noch größre Bedeutung für uns gewinnen würde. Die Aussichten, daß dieser mein Wunsch sich verwirkliche, scheinen mir sehr schön zu seyn u. den kühnsten Hoffnungen Raum zu geben; denn wenn schon in Zürich unser Verhältniß diesem von mir so ersehnten sehr nahe kam, so muß dies in der Ferne, wo wir, von Allem, was uns sonst lieb u. theuer war, geschieden u. weit unabhängiger von manchen andern, äußern Einwirkungen, ganz nur uns selbst leben werden, weit mehr der Fall seyn. In dieser Hoffnung bestärkte mich denn auch Dein letzter Brief, der so offen u. ungeschminkt zum Herzen sprach. Die Art, wie Du Dein frühres Vorhaben, mich für den Abend, den ich noch in Zürich zubringen werde, zu Dir einzuladen, aufgabest, freute mich unendlich, denn wenn ich Deine Einladung hätte annehmen müssen, so hättest Du mir durch leere Komplimente, die ich ein für allemal aus unserm Umgange verbannt wissen möchte, mir unsäglichen Schmerz bereitet. Zu diesen Kratzfuß-Ceremonien rechne ich aber auch, wenn Du am Schlusse Deines Briefes noch von Gewäsche u. Geschreibsel redest. Das scheint mir eben der Höhenpunkt der Freundschaft zu seyn, wo man ganz ungezwungen u. ungeziert sich mit einander unterhalten darf; der Zweck des Briefwechsels unter Freunden ist überdies, ein Surrogat für mündliche, freie Unterhaltung zu seyn. Von diesem Gesichtspunkte aus mußt Du auch meine Briefe an Dich beurtheilen, in denen ich immer alles unter einander werfe u., was mir eben einfällt, niederschreibe, gleichviel ob es in den Zusammenhang passe oder nicht. Und so will ich denn gleich mit einem entsetzlichen «Juck» auf den Nagel7 überspringen, dessen ich mich erinnerte, als ich am Anfange | dieses Schreibens jene schönen Verse niederschrieb; in ihnen liegt wohl die Deutung seines räthselhaften, traurig düstern Wesens, dessen Erklärung mich seit gestern immer beschäftigte, die ich aber sonst auf gar keinem andern Wege finden konnte. An die Fahrt8 ist er per se9 nicht gekommen, ebensowenig Brändli10, was mir sehr leid that. Es war ein herrliches Fest, wie der vom Vaterlande scheidende Jüngling nur eines sich wünschen konnte als letzte Erinnerung an so manchen, den Schweizersinn belebenden Tag, der ihm das um so theurer, um so unvergeßlicher machte, von dem er jetzt sich trennen soll. Mündlich werde ich Dir, wenn Du es wünschest, das Nähere darüber mittheilen. Was mir fehlte, war einzig noch ein Zofingerfreund, ein Schweizer aus einem andern Kanton, u. wenn Du es nicht seyn konntest, so hätte ich vor allem mir Brändli gewünscht. Doch ich begreife sehr leicht sein Ausbleiben! Er will, daß ich über Stäfa nach Zürich gehe, um ihn dort noch zu sehen; dies ist mir aber aus mehrern Gründen leider unmöglich. Mit Deinem Vorschlage, erst Freitags den 20. abzureisen, bin ich nun auch zufrieden, da ich gerne noch einen Tag länger hier weile. Der Grund, warum ich unsre Abreise etwas früher, als nöthig war, festsetzen wollte, ist theils daß ich darin überhaupt die größte Pein erblicke, wenn man einen schmerzlichen Augenblick viel weiter hinausrückt, als man zuerst sich vorgenommen hatte, theils daß ich etwa eine Woche vor dem Anfange der Collegien in Bonn anzukommen wünsche, um in dieser Zeit noch alle nöthige Vorkehrungen, deren es an einem völlig fremden Orte mancherlei giebt, treffen u. dann um so eher wieder tüchtig arbeiten zu können. Daß Keller für gut findet, daß wir den Civilprozeß hören, freute mich ungemein zu vernehmen; daß wir an diesem, dem Exegetikum u. Kirchenrecht genug juristisches hätten, sehe ich gar wohl ein; müssen wir aber die deutsche Rechtsgeschichte im Winter neben den Pandekten u. dem Kriminalrechte hören, so haben wir noch mehr. Ich denke daher doch, wir werden dieselbe auch noch nehmen, dann aber natürlich nur ein Colleg bei Fichte11 u. zwar Anthropologie u. Psychologie, welches mich auch vorzüglich um dieser Verbindung willen anzieht. Nöthigenfalls können wir auch das Exegetikum fahren lassen, wenn es zuviel zu thun giebt, da es ja publice gelesen wird. – Ich möchte Dich schließlich noch bitten, wenn Du es für nöthig findest, daß wir Erlaubnißscheine von unsern Vätern mitnehmen, mir dies noch zu melden. – Daß ich am Dienstag expreß auf die Redoute12 nach Zürich komme, wird man mir hoffentlich nicht zu muthen. Lebewohl u. sey herzlich gegrüßt

von Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1 Susanna Blumer (1820–1880), Tochter der Anna Katharina Blumer-Heer und des Adam Blumer.

2Gemeint ist vermutlich Oswald Heer.

3Brief nicht ermittelt.

4 Margareth Trümpy (Lebensdaten nicht ermittelt), Tochter des Pfarrers David Trümpy, Verlobte Heers.

5 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer-Zwicky, und Adam Blumer (1785–1859), Kaufmann, Glarner Gemeindepräsident und Appellationsrichter (GL).

6Blumer und Zwicky besuchten zwischen 1834 und 1836 gemeinsam das Gymnasium bzw. das Collegium humanitatis in Schaffhausen und teilten in dieser Zeit auch die Wohnung. Zwicky erinnerte sich später, dass sie beide «den andern gegenüber gewissermassen eine verstärkte Person» ausmachten. Zwicky, Jugenderinnerungen, S. 12. Vgl. Blumer, Erinnerungen, S. 2(d)–4(b); Zwicky, Jugenderinnerungen, S. 10–17.

7 Carl Wilhelm Nägeli (1817–1891), von Kilchberg, Medizinstudent. – Mitglied der Sektionen Zürich (1836–1838) und Genf (1839/40) des Zofingervereins, ordentlicher Professor für Botanik an der Universität Zürich und am Eidg. Polytechnikum (1855–1857) sowie an den Universitäten Freiburg i. Br. (1852–1855) und München (1857–1889). Vgl. Beringer, Zofingerverein II, S. 549; Cramer, Nägeli.

8Gemeint ist die Näfelser Fahrt. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. April 1840.

9Per se (lat.): an sich.

10 Benjamin Brändli (1817–1855), von Wädenswil, Rechtsstudent. – Mitglied der Sektion Zürich des Zofingervereins (1836–1840), Grossrat (1846–1855) und Nationalrat (1851–1854) (ZH). Vgl. Verzeichnis Zof.-Ver. Sekt. ZH, S. 15; Gruner, Bundesversammlung I, S. 56–57.

11 Immanuel Hermann Fichte (1796–1879), ausserordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Bonn.

12Redoute: Maskenball.