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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0152 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 2. April 1838

Schlagwörter: Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse), Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Glarus den 2. April 1838.

Theurer Escher!

Herzlich danke ich dir für die gefällige u. schnelle Uebersendung des Bonner Katalogs, den ich dir anmit, nachdem ich das Nöthige ausgezogen, zurückschicke, da wahrscheinlich nur dies Exemp lar in Zürich existiert u. Ihr dasselbe daher bald wieder zu erhalten wünscht. Du hattest wahrscheinlich nicht Zeit, mir einige Zeilen beizu fügen über den subjektiven Eindruck, den diese Erscheinung auf dich machte; indessen nehme ich dein Stillschweigen auch als einen Beweis deiner Zufriedenheit mit den daraus ersehnen Neuigkeiten an. Ich will dir nicht verhehlen, daß bei mir das Lesen des Catalogs wieder bedeutende Zweifel erregte; besonders schmerzlich vermißte ich darin Bethmann-Hollwegs Vorlesungen über Gajus, auf welche ich großen Werth gelegt hatte, da er doch eigentlich der einzige ausgezeichnete Jurist in Bonn ist u. dieses Colleg äußerst intressant, auch unserm jetzi gen Standpunkte sehr angemessen gewesen wäre. Ebenso hätte mich Fichte auch mehr gefreut, wenn er, wie Wolf schrieb, die neuere statt der ältern Geschichte der Philosophie gelesen hätte. So dachte ich denn wirklich daran, Bonn «hocken zu lassen», u. mich für eine andre Universität zu entscheiden. Indessen konnte ich mich doch bei reif licher Ueberlegung aus bekannten Gründen weder für Berlin noch für Heidelberg (wo mich Mittermaiers Kriminalrecht, Thibauts Code Napoléon u. Rau's Nationalökon. einigermaßen angezogen hätten) entschließen, u. fand immerhin, es passe für unsern ganzen Studienplan (die Berliner dachten gewiß fast alle nur an's nächste Semester) am besten, wenn wir für diesen Sommer nach Bonn gehen, besonders wegen der Philosophie u. der deutschen Rechtsgeschichte. Nun fand ich dann auch wirklich Fichte's Anthropologie u. Psychologie für uns intressanter, als wenn er Logik u. Religions | philosophie gelesen hätte; zudem dachte ich, Bethmann-Hollwegs Exegetikum, welches wir nach den Vorstudien des letzten Winters wohl werden benutzen können, u. worin er gewiß ausgezeichnet ist, könnte uns seinen Gajus einigermaßen ersetzen. Schade bleibt es immer, daß wir das ausgezeichnetste Kolleg, das in Bonn in unserm Fache gelesen wird, seinen Civilprozeß, noch nicht hören können, um so mehr da er in Berlin von Hafter erbärmlich gegeben werden soll. Bluntschli hat mir's bestimmt abgerathen u. ich glaube allerdings, es ist besser, wenn man ihn zuletzt hört; indessen könntest du darüber, wie über das Exegetikum, doch noch Keller befragen. Daneben mögen auch Schlegels Vorlesungen über deutsche Litteratur, publice, die sich dann gewissermaßen als Erholungsstunden betrachten ließen, intressant seyn. Ich bin daher nun nach wie vor fest entschlossen nach Bonn zu gehen u. denke, du werdest es auch seyn; indessen wird es mich freuen, über diese Punkte noch deine Meinung zu vernehmen. Würden Hollwegs Institutionen nicht mit dem Kirchenrechte collidieren, so hätte ich wohl auch Lust sie zu hören; so ist es mir auch gleich. Als gemeinschaftliches Privatstudium möchte ich dir dann aber vorerst nochmalige Repetition der Bluntschli'schen Institutionen vorschlagen, nachher nähmen wir Kellers Litis Contestatio vor u. dann noch einige der wichtigsten Monographien aus den Pandekten. Gegenwärtig habe ich das Röm. Recht des gänzlichen hinter den Ofen geschmissen u. erhole mich in humanern Studien; ich repetiere Sauppe, treibe ein wenig mittlere Geschichte u. lese Heerders Ideen. – Außerordentlich freute ich mich aus deinem letzten Briefe zu vernehmen, daß auch einige Berner, besonders daß Haller nach Bonn kömmt, welcher mir ein gar lieber Mann u. gewissermaßen ein pendant zu Wolf ist. Nur Schade, daß die Leute etwas verschieden sind; sonst könnten wir Schweizer diesen Sommer in Bonn ein köstliches Leben führen. Indessen wird es gewiß auch so recht gut gehen. Ebenso freute es mich, daß unsre Anträge in Bern einigen Anklang finden; es wird hoffentlich noch die Zeit kommen, wo auch in Zürich die Eisrinde der Zweifel u. Bedenklichkeiten schwinden wird, wenn die meisten u. bedeutendsten andern Sektionen uns unterstützen. Grüße mir nochmals die Berliner: Schweizer, Wyß, Schaggi, auch den lieben Käpi, von dem ich leider nicht Abschied nehmen konnte, ferner Sinz, Meier u. A.

Dich umarmt dein treuer

J J Blumer.