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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B0150 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#119*

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 27. März 1838

Schlagwörter: Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Glarus den 27. März 1838.

Mein treuer Freund u. im [Fibli?] geliebter Bruder Alfred, zubenamset der Aescher!

Es macht mir heimlich viel Verdruß u. großes Härizileid, daß der Bonner Katalog auf den heutigen Tag noch nicht in meinen Händen sich befindlich ist. Empfange, schöner Jüngling! meinen herzelichsten Dank für die gefällige Mittheilung der Wolfischen Sendzeilen, welche durch den gewaltig durchnäßt u. bis an die Ellebogen frierend donnstags allhier eingetroffnen Geistlichen mir zugekommen sind. Was ich daraus von Fichte's Kollegien ersah, gereichte mir zu großem Vergnügen; aber ich möchte halt noch ein wenig mehr wissen. Mein Glaube an Bonn ist allerdings schon oft wankend geworden u. ich will auch keineswegs bestreiten, daß wir in Berlin ein recht profitables Semester zubringen könnten; indessen kann ich mich nun doch nicht mehr entschließen, dahin zu gehen, wenn nicht der Katalog morgen oder übermorgen kommt u. mir sagt, daß Hollweg u. Walter nicht lesen, was ich erwarte. Ich glaube auch, daß man dieser meiner exceptio judicati, wenn es eine solche ist, keine replicatio der Lächerlichkeit entgegensetzen kann; denn ich habe meinen Entschluß reichlich überdacht, ehe ich ihn faßte, u. wußte damals schon ein wenig mehr von Bonn, als jener Excipient von Berlin, als das unwiderrufliche Urtheil über ihn ausgesprochen wurde. Ich gestehe auch ganz offen, daß die Fortsetzung unsers vertrauten Verhältnisses, wahrscheinlich in einem noch häufigern Umgange, als in Zürich der Fall seyn könnte, nicht nur höchst angenehm, sondern vielleicht für uns beide, gewiß wenigstens für mich sehr nützlich seyn muß, | besonders in Hinsicht auf die rein humane Bildung, welche, wie ich mich immer mehr überzeuge, durchaus nicht hinter der wissenschaftlichen zurückgesetzt werden darf, am allerwenigsten in unsern Jahren. Fasse ich also besonders diesen letztern Punkt ins Auge, so scheint mir der Genuß einer schönen Natur, der vertrautesten Freundschaft u. einer aus Residenzstädten zu sehr verbannten persönlichen Freiheit, zudem der Unterricht eines geistreichen, selbstdenkenden Philosophen u. der Umgang mit einem achtungswerthen, ältern Freunde, der, wie wenige, geeignet ist, das Vaterland auch in der Ferne in lebensfrischer Erinnerung u. unsre zofingerischen Ideale, die ich noch lange, lange nicht werde vergessen können, in regem Bewußtseyn zu erhalten, für ein Semester wenigstens selbst Savigny u. Ranke zu ersetzen. Für mich hat endlich noch das Kirchenrecht bei Walter ein spezielles Interesse, u. besser schickt es sich gewiß in unsern Studienplan, wenn wir Deutsche Rechtsgeschichte diesen Sommer hören können, besonders bei mir, weil meine Studienzeit nun auf noch 2 Jahre beschränkt ist. – Dieses alles haben wir zwar mündlich schon besprochen, aber es thut mir doch wohl, mit dir wieder einmal darüber zu schwatzen, weil ich hier weniger Veranlassung habe, darüber nachzudenken. Der Grund, warum ich dir eigentlich schreibe, ist dieser: Mein Paß ist gestern von Bern zurückgekommen, aber nicht legalisiert vom französ. Gesandten, weil die hiesige Kanzlei dies für überflüssig erklärte u. ich daher nicht darauf bestand. Indessen scheint mir die Sache doch noch nicht ganz sicher zu seyn, u. ich habe seither auch gehört, wenn wir von Kehl aus nach Straßburg kämen, würde man mich schwerlich passieren lassen, wohl aber wenn wir von Basel durch's Elsaß nach Straßburg reisen würden, weil es dann mehr eine bloße Durchreise durch's französ. Gebiet wäre u. der Paß dann noch von Basel aus nach Straßburg visiert werden könnte. Diese Angabe scheint mir ziemlich richtig zu seyn; wahrscheinlich kannst du dich aber darüber besser, als ich, in Gewißheit setzen. Wäre jenes der Fall, so möchte ich dich fragen, ob dir an Freiburg u. dem badischen Ufer bis Kehl | etwas gelegen sey; bei mir ist dies nicht der Fall, sondern ich würde im Gegentheil das Elsaß vorziehen, besonders wenn wir dabei Mühlhausen berühren könnten. Sollte es unumgänglich nothwendig seyn, daß der Paß vom franz. Gesandten visiert werde, so wäre wohl, da sich unsre Abreise wohl nun bis nach Ostern verschieben wird, noch Zeit genug, um ihn noch einmal nach Bern zu schicken; nur möchte ich dich dann bitten, mir dies so bald als möglich anzuzeigen. Ebenso hoffe ich dann noch, wenn du mir nach Empfang des Katalogs schreiben wirst, über die Versendung der Kisten u. über die Wechsel von dir noch das Nöthige zu vernehmen. Es thut mir leid, daß ich dir mit diesen Geschäften soviele Mühe mache; hättest du dich nicht so bereitwillig anerboten, mir darüber Aufschluß zu ertheilen, so würde ich solchen anderswo in Zürich gesucht haben, hier ist es mir nicht möglich. – Und nun bin ich nach einem spaßhaften Anfang in einen entsetzlichen Ernst verfallen, so daß ich mir selbst beinahe ebenso rührend feierlich vorkomme, wie der Nagel, wenn er eine begeisterte Dreirappenrede hält. Grüße u. küße mir den lieben Kerl, wenn du ihn siehst; wie sollte ich seiner nicht täglich u. stündlich mich erinnern? Denn es sind nicht blos seine persönlichen guten Eigenschaften, welche diese magische Kraft über mein Gedächtniß üben! Doch ich will lieber ab-, sonst könnte mir das Herz entzweibrechen!!!!

Lebwohl!

Ewig dein

Blumer.

P. S. Wenn das Aeußre meines Briefes nicht allen Erfordernissen eines guten Tons u. schönen Ceremoniells entspricht, so bitt' ich dich zu bedenken, daß wir Gott sey Dank! auf den heutigen Tag (glarner. Kanzlei styl) wenigstens keine Diplomaten sind. Würde ich irgend einer zürcherischen Celebrität, vielleicht gar dem Herrn u. Meister aller Staatsmänner, geschrieben haben, so hätte ich wohl auch ein hochzeitlicher Kleid angezogen.