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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0148 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung, Aufbruch, S. 86 (auszugsweise)

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Le Havre, Freitag, 16. Februar 1838

Schlagwörter: Berufsleben, Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Alle Briefe, die ich vor meiner Abreise aus Europa zu schreiben hatte, sind abgegangen, einer noch bleibt mir übrig, einer zu dem ich mich mit schwerem Herzen hinsetze, in dem ich dir, mein inniggeliebter Freund, mein Lebewohl, für eine lange Zeit sagen soll. Ich habe viele Abschiedsbriefe erhalten, keiner aber hat mich so ergriffen, wie deine Zeilen vom 31ten Dezember, die mir so lebhaft die Vergangenheit in's Gedächtniß zurükriefen, so frisch die freundlich mit einander verlebten Stunden mahlten, daß ich mich doppelt unglüklich fühlte, so fremd und verlaßen in der weiten Welt allein zu stehen. – Mit dem neu angetrettenen Jahre hat sich ein wichtiger Zeitabschnitt für uns eröffnet, der von dir, mein lieber Alfred, vielleicht noch einen härtern Kampf erfordert, als von mir. Deine wißenschaftliche Ausbildung ruft dich in wenigen Wochen aus dem väterlichen Hause zum ersten Male ferne weg, du hast einen schweren Abschied zu überstehen, du mußt einen liebevollen Vater und eine treubesorgte, zärtliche Mutter an denen du mit so aufrichtiger kindlicher Liebe innig gehangen bist, zurüklaßen um auf dich selbst zurükgewiesen, selbständig zu handeln. Wenn auf einmal, ein durch heilige Verhältniße innig geschlungnes Band, gewaltsam getrennt wird, so erhält das Herz eine tiefe Wunde, die nur durch den heilenden Balsam der Hoffnung vernarben kann. Auch Dir wird das Heimweh' seinen Tribut abverlangen, liefre ihn geduldig, mein inniger Wunsch ist, daß Freunde, die dich begleiten, dir, wenn auch nur schwach die ersetzen, die du schmerzlich entbehrend zurüklaßen mußt. Wenn du, deine herrliche Heimath verlaßend, von deinen Lieben Abschied nimmst, so schenke auch einige Augenblike meinem Andenken, ich werde während jener Zeit auf dem öden Ocean dahinsegeln und meine Gedanken werden dich so oft begleiten und mich zu dir hinwünschen. – Die Nothwendigkeit wirkt mächtig, ich habe die Erfahrung an mir gemacht; zwei Jahre lang muß ich auf den engen Raum eines Schiffes beschränkt mit Menschen zusammenleben, die mir immer fremde bleiben werden, die ohne wißenschaftliche Bildung ihren Beruf allein kennen, und beinahe ebenso gefühllos und wild sind, wie das Meer, das sie trägt, und dabei muß ich nicht nur von meiner Heimath, sondern sogar von meiner Sprache getrennt bleiben, denn keiner kennt die Töne, die mich wenigstens ans verlaßene Vaterland erinnern würden.

Wenn ich oft am Meeresstrande stehe & die jagenden Wolken über & die brausende Wellen zu meinen Füßen sehe und draußen am Horizont ein Schiff vom Winde gepeitscht die Ferne zu gewinnen sucht, dann wird's mir oft so weit ums Herz, als wollte es zerspringen & ich möchte die ganze Welt umfaßen, & dann plötzlich wieder so enge, daß ich weinen könnte, & mein theurer Freund, stehst du einst auf der Insel Rügen, oder wo es sei, und blikst ins tobende Meer & denkst dann | an deine Lieben zurük & es ergreift dich eine nahmenlose Sehnsucht nach Etwas, das vielleicht schon oft dein Herz stürmisch bewegt hat, dann wirst du mich verstehen, dann wird dir der Sinn dieses Ausdrukes meiner Gefühle klar sein. Doch laß mich einen Augenblik hier abbrechen & zu einem andern Gegenstande übergehen. Unsre Abreise mußte theils wegen der Saumseligkeit einiger Schweizerfabrikanten theils wegen der an haltend strengen Witterung vom 20ten Jan. bis zum 24ten Febr. heraus geschoben werden; ich bin schon seit dem 16ten Jan. hier, ich glaube dich nicht versichern zu müßen, daß dieser Aufenthalt im Havre nicht gerade zu den genußreichsten gezählt werden kann, wichtig war er mich jedoch darum, weil ich er mir Gelegenheit darboth genaue Bekanntschaft mit dem Schiffskapitäin & den Officieren zu machen, sodaß ich vor meiner Abreise weiß, woran ich mit diesen Leuten bin. Alle sind liebenswürdige Männer, nämlich so zuvor kommend als Seeleute sein können, die letztern sind junge Männer von 25–29 Jahren und ich stehe mit ihnen so gut, daß ich mich in dieser Beziehung noch glüklich schätzen kann, da sie mir von großer Wichtigkeit sein werden. Mit dem Capitaine habe ich wegen des Platzes immer noch zu kämpfen & zu ringen, er will mir denselben bis nach Chili auf alle mögliche Weise schmälern, von Perou an habe ich fast das ganze Zwischendek zu meiner Disposition & kann mich dann durchaus nicht mehr beklagen. Bis Lima haben wir den franz. Consul für Perú an Bord, mit seiner Familie, Bonne & Secretaire, wir werden daher sehr genirt sein, und ich bin genöthigt mein Zimmer mit dem Schiffsarzte zu theilen; ich werde nicht als Paßagier sondern als Mitglied vom état major betrachtet, was mir in einigen Beziehungen sehr lieb ist, besonders wegen des Verhältnißes gegen das Schiffsvolk, um mir eine Charge zu ertheilen, so hat mich der Capitaine zum Chef der Artilerie ernannt, wir haben nur 12 Stüke an Bord, die weiter keine große Mühe geben und mein ganzes Geschäft ist nur, bei Festlichkeiten od. wenn wir uns zufällig einmal vertheidigen sollten, das Commando zu führen. – Wir werden directe ums Cap Horn gehen & da leider im Anfang des Winters ankommen und wahrscheinlich mit den Gletschern zu kämpfen haben; und von da nach Valparaiso , was von Havre aus eine langweilige Ueberfahrt von 3½ Monaten, (ohne Anzulanden!) sein wird; die Madame Consul mit ihren beiden Töchtern wird hoffentlich diese Fahrt verkürzen und uns für den gedrängten Platz entschädigen. Von Valparaiso aus wirst du einen Brief von mir erhalten; der dir vielleicht schon im Lauf des künftigen Septembers zukommen wird, ich sehe nicht ein, daß ich Nachrichten von dir erhalten könnte, anders in Valparaiso wenn du mir im Anfang des künftigen Jahres 1 8 3 9 schreiben würdest. Von Valp. gehen wir nach Lima um den Consul an Boden zu setzen, von da gehen wir wieder nach Chili um auf die Insel Chiloë , Hafen San Carlos , zu gelangen, wo wir vielleicht an 3 Wochen bleiben werden. Von Chiloë gehts nach den Sandwichsinseln & dann nach Guatemala hinüber von da nach Mexico & Californien , hinauf nach Norden nach der Charlotteninsel & dann hinüber nach den Alèuten & Kamtschatka in den Hafen von Sankt Peter & Paul , die Rükreise ist nicht bestimmt, der Edmond soll in Chili od. Perú als Kampfschiff verkauft werden, wenn ein bedeutender Preis daraus gelöst wird, wenn also | das Gouvernement geneigt ist, das Schiff zu kaufen, was wir bei unsrer Ankunft sehen werden, so gehen wir wieder von Kamtschatka nach Chili od. Perú , im entgegengesetzten Falle bleibt der Rükweg dem Capitaine über laßen. Wird das Schiff verkauft, so werde ich entweder mich nach Valparaiso begeben & zu Lande durch Amerika nach Buenos Ayres , von wo es immer Gelegenheit giebt nach einem franz. Hafen zu gehen, in diesem Falle würde ich meine Sammlung unter Capt. Chaudières Aufsicht nach Havre senden-, Od. ich würde nach San Carlos auf Chiloë gehen, die Insel ausbeuten, indem ich einen baleinier des Hauses Grenus, die alle auf San Carlos den ersten relâche haben, erwartete, was 9–12 Monate dauern könnte. Mit diesem gienge ich an die Küste von Japan an den Wallfischfang & würde dann über Neuholland & Cap der guten Hoffnung zurükkehreren, bei welcher Reise ich dann schwerlich vor dem Jahr 1842 zurükkehrte. Am liebsten würde ich wieder auf dem Schiffe nach Europa kommen mit dem ich es verlaße. Die vorzüglichsten Häfen, die wir besuchen werden sind: San Carlos , Conception & dann zu Lande nach den Bergwerken von Coquimbo , Valparaiso , Arequipa , Arica , Callao & Lima , Payto , Pataplan, Teguantepec , Montherey , San Charlotte , Peter & Paul , Owyheeo und außerdem noch viele andere, die von Zeit & Umständen abhängen, in jedem dieser größern werden wir 14 à 21 Tage lang bleiben, in einge zweimal hinkommen. Auf meinen Excursionen werde ich immer sehr bedeutende Hülfe haben; es sind 6 junge pilotins an Bord, worunter 2 Genfer, alle brennen vor Eifer mir ans Land zu folgen & der Capitaine hat mir versprochen, ihnen so oft es der Dienst zulaße die Erlaubniß mich zu begleiten zu geben, du kannst leicht begreifen, daß ich mit 18–20 jährigen Burschen, die mir durchaus folgen müßen, wenn ich jedesmal 3–4 habe, eine ungeheure Menge Gegen stände zusammen sammeln kann; außerdem habe ich noch so oft ich es wünsche 1–2 Matrosen zu meiner Disposition. An baarem Gelde habe ich noch 6000 fr, der Capitaine hat sich anheischig gemacht mir überall Geld des Landes in dem wir uns befinden, zu geben, ich kann mich ganz auf ihn verlaßen denn er ist ein Mann von einem sehr graden Character.

Du siehst, meine Reise hat ungeheuren Reiz für mich, da ich immer in den Träumen eines solchen Unter nehmens schwelgte, ich gehe ihr mit festem Muthe entgegen und werde gewiß ebenso ihre Reitze zu genießen, als ihre Gefahren zu bestehen wißen.

Ach, mein theurer Freund, es beschleicht mich oft ein trüber Gedanke, den ich aber immer wieder wegscheuche es ist mir, wenn du nun nach Berlin gehst und in neue Kreise deiner Altersgenoßen trittst & neue Freundschaftsbündniße schließest, du werdest mich vergeßen, meine lange Abwesenheit werde mich dir zum Fremden machen. Ich weiß dieser Gedanke ist unwürdig unsrer Freundschaft & kommt nur in jenen finstren Stunden, in welchen man mit der ganzen Welt rechten möchte, zürne mir deshalb nicht; ein Blik auf deinen Haarring klagt mich immer selbst an.

Ich weiß nicht, warum ich heute so bewegt bin, glaube mir es ist doch nicht soleicht mit 19 Jahren hinaus zu gehen, um für den Ruhm seines ganzen Lebens zu kämpfen. |

Wenn ich einst wieder zurükkehre, wo wirst du dann sein? wie viele Jahre werden vergehen bis das Schiksal will, daß wir uns treffen? sollte ich nicht mehr nach Europa kommen, wie leicht ist unsrer zerbrechlichen Existenz ein Ziel gesetzt! so errinnere dich zuweilen freundlich meiner. Ich habe von Paris meiner Mutter mein Portrait geschikt, das einer meiner Bekanten leicht entworfen hat, wolltest du, wenn wir uns nie wieder sehen sollten, dir einst meine Züge ins Gedächtniß zurükrufen, so kannst du dich nur an sie wenden. Für mich ist ein Portrait ein Heiligthum, was gäbe ich nicht drum, wenn ich das deinige hätte! Agassiz hängt in meiner Kajüte sein Anblik ist mir immer ein Genuß.

Empfehle mich bestens dem Andenken Deiner mir so theuer gewordenen Eltern, in der Ferne wirst du fühlen, wie wohlthuend eine Theilnahme ist, wie die ihrige an meinem Schiksale immer war, ich weiß ihnen dafür meinen herzlichsten Dank & wünsche ihnen so sehr die Beruhigung, daß du, wo du auch seiest einer ebenso aufrichtigen Freundschaft in Familienkreisen genießen mögest.

Herr Heer & Arnold Escher grüße mir bestens, ebenso Blumer.

Nun muß ich enden, sowehe es mir thut von dir Abschied zu nehmen, es ist mir als lege sich eine Ewigkeit zwischen dich & mich, wenn ich diese Zeilen absende. Lebe denn recht herzlich wohl, mein theurer, theurer Freund, empfange meinen innigsten Bruderkuß.

Auf ewig Dein

J J Tschudj

Havre den 16ten Febr. 1838