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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0146 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Berlin, Mittwoch, 13. Dezember 1837

Schlagwörter: Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Berlin, Mittwochs den 13ten Dez. 1837.

Theurer Freund!

Wie du doch seit geraumer Zeit so schreibselig geworden bist! Ich erhielt richtig (durch den jungen Huber von Murten) deinen Brief vom 26sten Aug., u. (durch den jungen Wägelin aus St Gallen) die vom 29sten Sept. und vom 16ten Oktober – d. h. ich fand sie alle auf meinem Tische bei der Rückkehr meiner Reise. Ich danke dir vielmal für die Freundschaft, die du immer mir zu bezeugen fortfährst, für die verschiedenen Winke, die du mir gibst, z. B. Honegger u. Andere betreffend, u. für die mannigfaltigen Nachrichten überhaupt, die du mir mittheilst. –

Warum ich dir seit undenklichen Zeiten (mein letzter Brief an dich ist vom 29sten Juli) nicht von meinen Nachrichten gegeben habe, wirst du hören, wie folgt: Ich habe dir gewiß von dem Plan meiner Vacanzreise im Herbst gesprochen, in welcher ich nebst mehreren meiner Landsleute den Europäischen Norden besuchen wollte. Obschon unsere Collegien noch e. Zeitlang fortdauerten; so machten wir uns, um Zeit zu gewinnen, bald auf den Weg. Sonntags den 6ten Aug. fuhr ich im Eilwagen nach Hamburg, meinen Mitreisenden 3 Tage voraneilend, um Hamburgs Leben besser und länger genießen zu können, und ich habe es auch genossen! Endlich ging's am 14ten Aug. weiter nach Lübeck. In dessen entferntem Hafen Travemünde schifften wir uns auf dem Dampfboot Friedrich VI ein, das uns Tags darauf trotz des Meeres Sturm u. Wellen, das ich also zum erstenmale in m. Leben sah, glücklich nach Kopenhagen brachte. K. ist e. heitere, wohlgebaute Stadt, wo beinahe Jedermann Deutsch spricht und dessen vielfältige | Merkwürdigkeiten wir besuchten. Leider konnten wir uns nur 2 Tage in dieser Hauptstadt aufhalten; das Norwegische Dampfboot: die Konstitution rief uns an Bord, und fort ging's immer nördlicher u. nördlicher. Nach 2 Tagen gelangten wir endlich glücklich in Christiania an, nachdem die letzte Nacht ziemlich stürmisch gewesen war. Das Kattegat ist e. gefahrvolles Meer. Von Christiania aus machten wir eine 4tägige Tour in den weiteren Umgegenden, wie nach Drammen, Kongsberg, etc. Allein die Zeit drängte. Wir schickten e. Boten voraus, um an den Stationen schneller andere Pferde zu finden, und nun fuhren wir über Feld und Land, Berg u. Thal in den leichten schwed. Karriolen, die bloß 2 Räder haben. Da wir unserer 7 waren, und somit 4 Karriolen brauchten, so glich unserer Zug einer Karawane. Jeder führte selbst; der Bote saß hinten auf. So fuhren wir 3 Tage lang. Das Nachtquartier fanden wir immer richtig bereitet nebst gutem Nachtessen (Dank dafür uns. Vorboten). Endlich langten wir in Wenersborg an, am südl. Ende des gleichnamig. Sees, fuhren Tags darauf nach dem hochberühmten Trollhättan, um s. Wasserfälle u. bes. s. Schleusen zu sehen, und schifften uns hier auf dem Dampfboot: Erich Nordewall ein. Es existirt nämlich seit wenigen Jahren e. Kanal, Göthakanal genannt, welcher ganz Mittel-Schweden durchzieht, d. h. von Gothenburg (am Kattegat) nach Stockholm. Er enthält 72 Schleusen, u. führt d. Wanderer an hübschen Gegenden vorbei. Die Dampfschiffe auf demselben brauchen 5 Tage (dauert so lang wegen der Schleusen) zur ganzen Fahrt, und so langten wir endlich glücklich den 4ten Sept. in Stockholm an. Hier fanden 2 meiner Reisegefährten alte Bekannte, u machten uns mit ihnen bekannt, die uns dann auch öfters zu Tische baten und uns Stockholms Merkwürdigkeiten zeigten, unter denen ich nur das Naturalien- u. Antikenkabinet anführe. Die Stadt ist alt, hat winkl. Straßen, aber auch | viele freie Plätze, die mit Statuen eines Gustav Wasa, Gust. Adolph, Gust. III und Karl XIII geziert sind. Leider ist die Riddarholmskirche mit allen ihren Fahnen und andern Trophäen ao 1835 niedergebrannt. Ausgezeichnet schön stellt sich das königliche Schloß dar. Die Lage der Stadt, namentlich die Meer-Hafenseite, ist einzig in ihrer Art. Wir verweilten eine Woche in Stockholm u. begannen nun e. 12tägige Tour nach Upsala, wo wir die Kirche, die Bibliothek, etc., Dannemora, wo wir die wundervollen Eisengruben, Gefle, Fahlun, dessen Kupferbergwerke, Mora, den Mittelpunkt der Nordisch. Schweiz, nämlich Dalekarliens, Elfdahl, wo wir das Porphyrwerk, dann zurück über Säter und Hedemora nach Sala, wo wir die Silbergruben besuchten. Von Westeräs brachte uns e. Dampfschiff auf dem Mälar glücklich nach Stockholm. Hier verweilten wir noch einige Tage zusammen, bis wir uns trennten. Während die 4 anderen z. Th. auf derselben Route nach Berlin zurückgingen, steuerten unser 3: (die 2 aus Neuchatel u. ich) auf Petersburg zu. In Abo bestiegen wir e. anderes Dampfschiff, das uns über Helsingfors glücklich nach der nordischen Kaiserstadt brachte, die wir den 8ten Okt. Sonntag früh betraten. Welch' eine Masse von Palästen, Colonnaden, Bildsäulen; welche e. Menge von brillanten Equipagen; welch Leben u. Treiben; welch' orientalisches Aussehen! Wir wurden hier mit mehreren Schweizerfamilien bekannt, namtl. mit dem alten Pastor von Muralt aus Zürich. Er verschaffte uns den Zutritt zu den Hauptmerkwürdigkeiten Peterburgs, worunter ich bes. d. Findelhaus und das Marienhospital rechne. Einen Tag verwandten wir auch zu e. Ausflug nach Zarskoje-Selo, wo Dannecker's Christus sich befindet. Aber mit dem Allen gefiel's mir doch nicht in Petersburg. D. Abwesenheit des | Kaisers, die vielen Soldaten (60000 Mann Garden!), die vielen Orden, die man auf der Straße antrifft, die hohen Preise in Allem ärgerten mich, und ich war froh, am 20sten Okt. mit dem Eilwagen nach Riga abzufahren. Von hier fuhren wir bis an die preuss. Gränze Tag und Nacht in offenen Bauernwagen, da es hier noch k. Diligences gibt; von Tilsit nach Königsberg, wo wir uns 2 Tage aufhielten, ging's in Extrapost, und von hier in der Schnellpost nach Berlin, wo wir am 31sten Okt. anlangten. Diese Rückreise war also sehr eilig . Doch die Vorsehung hatte es anders mit mir gemeint. In Petersburg hatte ich mir e. Erkältung zugezogen; die strenge Rückreise vermehrte das Uebel, und wie ich hier den Arzt holen ließ, hieß es: schnell zu Bette; ich hätte e. Katarrhalfieber. Dank dem Arzt, er hat mich gerettet, und jetzt, nach 6 Wochen, bin ich schon wieder diese Tage ausgegangen. Dieß ist also der Grund, warum ich dir nicht früher schreiben konnte. Leider hab' ich also für 6 Wochen meine Collegia versäumt, habe aber schon viel abgeschriebene und werde bald Alles aufgeholt haben. Ich höre| diesen Winter: Kriminalrecht bei Prof. Klenze, Pandekten bei Savigny und neueste Geschichte bei Ranke. – Ich bitte dich, mich nicht bei deinen Eltern, deiner Schwester, sowie bei J. Escher und meinen Vettern Wyß zu vergessen; ich erwarte euch alle zu Ostern und von dir Alfred bald einen lieben Brief. Dein dich innig liebender

Friedrich von Mülinen.|

Du kannst meinetwegen den Brief dem Fritz Wyß vorlesen. Die Vorlesungen im Sommer fangen erst am 1sten Mai an.|

Ich wünsche dir viel Glück und Heil und Segen zum neuen Jahr, ie.: zum Jahr 1838.