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Korrespondenz: Alfred Escher – Daniel Ecklin

AES B0145 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#180*

Daniel Ecklin an Alfred Escher, Basel, Freitag, 1. Dezember 1837

Schlagwörter: Freundschaften, Turnen und Sport, Turnfeste, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Basel, den 1 Decembr. 37.

Mein theurer Alfred!

Es wird mir gewiß recht schwer auf deinen lieben, mir ewig unvergeßlichen Brief zu antworten; was ich gerne sagen möchte, muß ich in die Brust zurückdrängen, um männlich denkend &. fühlend vor dir zu erscheinen. Nur den einen Wunsch, die eine tröstende Hoffnung kann ich nicht unterdrücken: im Leben das darstellen, das durch Thatkraft aus drücken zu können, was sich so mächtig im Innern für dich reget. Schon als Knabe schien es mir ein schöner Tod zu sein, für den Freund zu sterben, &. jener Spruch unseres Herren: «Niemand zeigt größere Liebe, als wenn er sein Leben lässet für seine Freunde», machte stets einen tiefen Eindruck auf mich. Wie vieles liegt in dsn Worten! Wie herrlich, göttlich, muß das Gemüth sein, welches solche Liebe auch ausübte. – Diesen &. keinen andern Maaßstab mag ich anerkennen für innige, wahre Liebe, und um so eher, als ich nur dann das Leben würdig zu schätzen erachte, wenn ich einst geschickt sein werde, es jeden Augenblick für das Gute &. Wahre zu opfern. Aber wenn jene Worte nur die Grenze bezeichnen unserer Liebe als That, wie vieles liegt innerhalb derselben, wie vieles zwischen Selbstaufopferung im Streben &. zwischen Liebe als bloßes Gefühl. Und das Vaterland, das alles, was uns theuer ist, umschließt, verdient es etwa weniger Liebe, als der einzelne Freund? es fordert aber nur von wenigen jenes größte Opfer, aber selbst den kleinsten sucht man sich zu entziehen. – Welche Freundschaft!? Welche Vaterlandsliebe!? O, diese heiligen süßen Worte erfahren so unwürdigen, traurigen Mißbrauch. Von wem werden sie gemißbraucht, etwa nur von Ungebildeten. Ich zweifle. Wenn aber Gebildete bloß ihr Inneres zu zergliedern, das Gemüth allein in vielfache Eigenschaften zu spalten wissen, wenn, was sie Liebe nennen, bloß als künstlich entwickeltes und gebildetes Bewußtsein sich ohne Herzensgrundlage in ihnen findet, wenn sie nicht edler handeln und großherziger als Ungebildete, sind sie nicht viel selbstsüchtiger, ver achtungswürdiger als diese, die nicht wissen, warum sie lieben, warum sie fühlen, &. doch der Liebe Werke thun. Wer arbeitet, sei er Laie od. Nicht-Laie, ohne daß irgend eine höhere Idee ihm vorschwebt &. ihn belebt, den halte ich nicht für Freundschaft fähig im edlen Sinne des Wortes, aber alle möchte ich Freunde nennen, &. sind es auch, ob sie auch Sternenweite trennte, welche etwas Höheres kennen, als sich selbst. | Dann scheint mir aber auch, sei die Liebe, die wir in Wort &. That erfahren, us. süßeste Belohnung, &. wir dürfen ohne Vorwurf, mit aller Kraft des Gemüthes uns dem Freunde hingeben, und hinnehmen mit vollen Zügen, was uns Freundesliebe gewährt. – Gebe Gott, daß wir solche Freunde einander seien, möge er unser Streben nach Vollkommenheit, unser Arbeiten für höhere Zwecke so segnen &. adeln, daß unsere glühendste Liebe kein Vorwurf treffe. Die endliche Absicht haben wir beide, mag auch die That an Unvollkommenheit erinnern; darum denke ich freudig an dich, darum bist du mein Gedanke, wenn ich aufstehe &. wenn ich mich niederlege, &. ungescheut sprech ich es aus, daß dsr Gedanke mir das Leben verherrlicht: «Denn über alles Glück geht doch der Freund, ders fühlend erst erschafft, der's theilend mehrt.» Nun fällt mir ein, daß du dich in deinem letzten Briefe entschuldigtest, od. viel mehr nicht entschuldigen wolltest, nur von dir geredet zu haben. Mir scheint, daß du schon durch die Voraussetzung der Möglichkeit, daß mir etwas, was von dir komme, nicht gefallen könne, ja schon durch die Entstehung des Gedankens selbst, das Gleiche gethan hast od. Ähnliches, was ich, als ich den Zweifel aufstellte, ob es vielleicht nur Zufall sei, daß wir uns fanden. Für dich konnte es aller dings weniger Zweifel sein als für mich, so wie es nur für mich unbedingte Gewißheit war, daß mir jeder Federzug von dir, wie ich dich kennengelernt habe, theuer sei, &. nichts anderes – von anderer Natur – mich so sehr erfreut hätte. Wenn ich durch irgend etwas bewogen werden könnte, auf dem Gedanken zu beharren, daß jenes Zufall sei, so wäre es der Inhalt deines Briefes selbst; es scheint mir nämlich, daß wir auf ganz verschiedenen, ja entgegen- gesetzten Wegen auf der Lebenshöhe angelangt sind, wo wir uns angetroffen haben. – Dein Jugendleben war ein ganz anderes als das meine. In der stillen Einsamkeit der Natur aufgewachsen, bautest du aus eigener, selbstständiger Kraft &. mit Freiheit deinen Geist, mich warf das Schicksal schon frühe in das Geräusch der Jugendwelt. Wenn auch der Sinn der Jugendgenossen nicht immer der meine war, so wirkte ihr Umgang doch bestimmend auf meine fernere Laufbahn. Kaum dem Kindesalter entrückt, als ich noch keine bewußte | Liebe kannte, knüpfte mich ein gewisser Ehrgeiz an meine Jugendgefährten, deren Anführer &. Beschützer ich wurde. So unbedeutend dieser Umstand an sich ist, so wichtig scheint er durch seinen Einfluß, durch seine Folgen gewesen zu sein; denn ich gewöhnte mich dabei meinen eigenen Weg zu gehen, lernte für andere thätig sein &. nach Höherm streben, zugleich aber trat ich in festere Verbindung mit meinen Gespielen, aus welcher ich mich nicht mehr isoliren konnte noch wollte, da ich keinen andern Zustand kannte, od. zu würdigen vermocht hätte. Ein anderes Moment, das auch schon in früher Zeit seine Wirkung auf mich zu äußern begann, &. mich an meine Jugd genossen band, war der «Vaterländische Sinn», der zuerst durch die Erzählungen des Vaters &. der Brüder geweckt wurde, später dann in den Chroniken, die meine einzige &. liebste Lektüre waren, selbst Nahrung suchte & fand, &. der sich noch später zur höhern bewußten Vaterlandsliebe steigerte. Als ich unter die jungen Turner trat, fand ich hier einen neuen Vereinigungspunkt mit meinen zahlreichen Gefährten, fand durch das Turnen einen Tummelplatz für meine Kräfte, &. an meinem Turnlehrer das künftige Musterbild. Er wandelt nicht mehr unter den Lebenden, aber für mich lebt er ewig fort. Ich wurde bald sein Liebling; er war unser «geliebte Wolf» meiner Knaben Zeit. Selbst bis auf seine Gesundheitsumstände, seine körperliche Entwicklung, &. bis auf die Hindernisse durch dieselbe, &. auf die Ausdauer, mit der er sie besiegte &. der beste Turner wurde, glich er us. Freunde; die nämliche Vaterlandsliebe, die nämliche Selbstaufopferung, die nämliche Kraft des ganzen Wesens, die nämliche sittliche und intellektuelle Größe bewunderte ich an ihm. Ich war stolz auf das Vertrauen, das er mir vor andern seiner Schüler in hohem Maße schenkte, &. er stand oft als guter Genius zu meiner Seite. So war mein Leben ein nichts weniger als einsames; meine kameradschaftlichen Verhältnisse waren immer sehr ausgedehnte, aber wenn auch der Kreis der Bekannten sich oft änderte, &. die mannigfachsten und mächtigsten Einflüsse auf mich einwirkten, der Grundton meines Ichs blieb stets derselbe; aus allen Verwicklungen meines Lebens riß ich mich allemal wieder los, aus allen Zerstreuungen vermochte ich mich wieder zu sammeln. Die letzte Periode begann mit dem Eintritt in den Turn- & Zofinger-Verein; | da schloß sich mir das alte Leben ab und ein neues auf; das erste Jugend gewand legte ich ab; &. zog ein neues an; denn jetzt trat ich in eine andere Welt, wohin mir nur sehr wenige der zahlreichen, frühern Genossen folgten. – Das Turnfest in Bern brachte mich zum ersten Male mit andern Schweizer jünglingen zusammen. O, das war ein entscheidender Moment. Die Wirklichkeit überbot hier alle meine Erwartungen; erst von dieser Zeit an bin ich eigentlich Schweizer geworden, & habe mein Vaterland lieben gelernt, wie ich glaube, daß es geliebt werden soll. Schüchtern trat ich in den mir noch fremden Kreis der nachherigen Freunde; die freundschaftliche Behandlung, die mir von Allen zu Theil wurde, rührte mich; es war mir alles neu & großartig; ich staunte an, bewunderte &. liebte nur das Ganze; ich schien mir unbedeutend dagegen zu sein, &. dachte nicht von Ferne daran, daß man mich in meiner Zurückgezogenheit bemerken könne. Und diese Denkungsart ist mir bis zur jetzigen Stunde treu geblieben, sofern der Einzelne nur durch das Ganze stark ist, &. nur solange eine Bedeutung sich zumessen darf, als er für das Ganze &. für den Zweck desselben zu handeln berufen ist. Als ich dich zum ersten Mal in Zürich sah, begrüßte ich dich aus freier Regung des Herzens als Schweizer &. Turner, &. wußte nicht, wer du warst, noch was du mir werden konntest. Wie konnte mir in Sinn kommen, daß etwas an mir auffallen werde, was mir Allen zuzukommen schien? Deine Erscheinung am ersten Abende ist mir ganz frisch aus der Erinnerung wieder hervorgetaucht, ich fühlte mich, das weiß ich, hingezogen zu dir, aber ich wagte es nicht auszusprechen, was ich fühlte, wohl mir, daß ich's jetzt darf &. kann. – In diesem Augenblicke schlägt es -1-2-Uhr nach Mitternacht (den 2t Decemb) – O, was gäbe ich nicht, wenn ich nur diese wenigen nächtlichen Stunden in stiller, trauter Einsamkeit mit dir selbst hätte verleben können! Diesem Wunsche hänge ich so oft &. so gerne nach, &. dann sehe ich mit sehnsuchtsvollem Blick nach den Sternen hin, &. denke, wie jetzt mein Geist in deiner Nähe weilt, so ist, wenn dein Auge im nämlichen Augenblick den gleichen Stern ansieht, auch Auge an Auge genaht, &. ich befriedige mich mit dem Gedanken. Leb wohl mein Heißgeliebter; jetzt schläfst du sanft &. glücklich, &. ich wache, denke an dich, &. schlafe nun auch selbst bald mit dem Gedanken an dich ein. Leb' nochmals wohl. Herzinnigen Kuß dir von

D. Ecklin

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