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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0144 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung, Aufbruch, S. 101 (auszugsweise), 105 (auszugsweise)

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Leiden, Sonntag, 22. Oktober 1837

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Flora und Fauna, Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Leyden den 22ten 8bre 1837.

Meinen besten Dank für deinen herrlichen Brief, mein geliebter Freund! Er war mir eigentlich Balsam in mancher Stunde schweren Kampfes, in der ich endlich das Leben auch von der Seite aufzu faßen gelernt habe, welches du mit kräftigen Zügen schildertest. Ich bin jezt ruhiger als ich es vor wenigen Wochen war, denn ich habe klar mit mir abgerechnet, und auch die geringste Spur eines unreinen Motiv's, das mich je zu meiner Handlungsweise hätte verleiten können, auf ewig von mir verbannt; ich gehe in den Kampf, er muß durchgekämpft werden, aber ich gehe nicht mit frischem Muthe darein, nein, mit kalter Bitterkeit gegen die Menschheit und gegen mich. Ich weiß es, & zwar vor züglich durch dich weiß ich es, wie das Leben aufgefaßt werden soll, und wenn ich sage ich habe es ge lernt, so gilt es nur davon daß ich erkennen lernte, aus welchen Gesichtspunkt die Menschen das Leben auffaßen sollen; ich kann es nicht wie die andren, solange die erste und größte Frage mir ungelöst bleibt. Lebe ich für die Zeit und für die Ewigkeit, oder nur für die erstere? Der Beantwortung werde ich harren müßen, bis meine kurze Lebenfrist vollendet ist, und da mir nun die Gewißheit ist, daß ich für die Zeit lebe, so werde ich meine letzten Kräfte anstrengen, nicht ephemer im Strudel der selben zu verschwinden. Nicht wahr, daß ist hinter einem trokenen Sophis men der größte Ehrgeiz und eine nichtige Ruhmsucht verstekt? Auch gut, wenn du so denkst, ich hätte im Anfange beinahe dasselbe gethan, oder es doch gesagt, wenn mir ein andrer die nämliche Ansicht geäußert hätte. –

Glaube mir das Zoffingerfest hat eine weit größere Veränderung in dir hervor gebracht, als du selber glaubst; o halte jene Gesinnungen fest, die dir mit feurigen Buchstaben in die Seele gegraben zu sein scheinen, gewiß wirst du mit ihnen glüklich, vielleicht glüklicher als ich mit den Meinigen; meine frühere Abneigung gegen jenen Verein als gesellschaftliches Ganze nicht als Vereinigung der Individuen, hat meine volle Achtung gewonnen, seit ich deine Urtheile über denselben kenne; durch deine Aufnahme ist er, ich meine es in ernstem & hohem Sinne, nur geadelt worden.

Wenn ich deine Briefe durchlese, so scheint es mir unbegreiflich, daß wir denn wirklich mit unsren schroff gegenüberstehenden Ansichten Freunde bleiben können; so sehr du die meinigen miß billigen mußt, so sehr schätze & achte ich die deinigen, und dennoch wäre es mir unmöglich dieselben zu theilen; nimm du aber auf die meinigen weiter keine Rüksicht, wenn sie den deinigen etwa zu nahe tretten würden, gegen dich meine ich es ja aufrichtig und treu und trette, mit dir mich unterhaltend, sogleich von der Bühne zurük. |

Es wird Dich vielleicht intressieren, etwas über meinen hiesigen Aufenthalt zu wißen. Von Amsterdam aus ging ich nach Harlem um dort das Museum Teylerianum zu sehen & begab mich dann hieher mit hinreichenden Empfehlungsbriefen versehen. Hier nur die Nebenbemerkung, wenn du einmal auf deinen Reisen nach Holland kommen wirst, so nimm doch so viele Empfehlungsschreiben mit, als du erhalten kannst, denn ohne diese würdest das Land flüchtig durchreisen, wenn du dich auch noch solange darin aufhieltest, denn die Holländer sind gegen unbekannte Fremde äußerst verschloßen und kalt, während sie einen recommendierten Fremdling auf's zuvorkommendste aufnehmen. Das Museum war natürlich mein Hauptaugenmerk, und ich glaube nachdem ich nun volle fünf Wochen täglich daselbst 6–8 Stunden arbeitete, dasselbe so ziemlich zu kennen. In einem äußerst zwekmäßigen, wiewohl jezt schon zu kleinen Gebäude befindet sich das königl. nieder ländische Museum; der Direktor davon ist Temmink , der sich desselben jedoch nicht sehr viel anzu nehmen scheint, denn so lange ich hier bin ist er erst zweimal da gewesen; directe unter ihm stehen die beiden Conservateurs, nämlich Dr Schlegel für die Vertebraten und Dehahn für die Inverte braten; die Oeconomie des Institut's besorgt Mr Susann , Administrateur der durch mehrere intressante biographische Schriften über niederländische Gelehrte bekannt ist. Das übrige Personal besteht aus 3 Ausstopfern, einem Gehülfen für Schlegel und zweien für DeHahn und aus zweien Gallerieauf sehern. Schon am zweiten Tage nach meiner Ankunft übergab mir Dr Schlegel die Schlüßel zu den Schränken auf der Gallerie, nebst der unumschränkten Erlaubniß nach Wunsch alle Materialien, die das Museum für meine Arbeit mir darbiethen könne, zu benutzen, eine Liberalitaet die ich auch von Ferne nicht erwarten durfte, wenn ich die einseitige, kleinigliche Pedanterie bedachte, mit der in kleinern Museen oft den Fremden kaum die Erlaubniß gestattet wird durch die Fenster scheiben der Kasten zu schauen; so ging es mir in Frankfurt, wo ich bei Rüppel unterthänigst um Erlaubniß bitten mußte, mir einen Schrank öffnen zu laßen, um einige Amphibien anzu sehen; und die ich erst nach langem Achselzuken & Wiederreden erhielt. – Hier in Leyden hingegen öffnete ich in Schlegels zimmer über siebenzig Pokale von Batrachiern, die mit Gläsern & Blasen wohl verschloßen waren & untersuchte die Thiere nach Muße ganz genau. Nicht minder liberal war Dehahn, überhaupt wurde ich hier mit einer Zuvorkommenheit & Auszeichnung behandelt, die mich ganz in Erstaunen setzte. – Täglich arbeitete ich von morgens 9 Uhr bis nachmittags um 3 Uhr & nach dem Eßen von 4–6 Uhr im Museum und zwar ununterbrochen an meiner Arbeit über die Batrachier nebenbei versäumte ich jedoch nicht, so viel wie möglich mich auch mit andern Zweigen vorzüglich mit den Mollusken vertraut zu machen welches Studium mir bei der ungeheuren Menge von Gegenstände, die zur Vergleichung dort vorhanden sind äußerst intressant wurde. – Wenn man die aneinandergereihten Säle durchgeht, so schwer wird man beinahe von Schwindel ergriffen, durch den Effect, den die tausende aneinander | gereihten Geschöpfe hervorbringen. Es wird von der Regierung außerordentlich viel für dieses Institut gethan und mit wenigen Ausnahmen opfern auch die Reisenden alle ihre Kräfte um die [Sammlung?] zu vermehren. Müller, der vor einigen Monaten zurükgekehrt ist, hat während zehn Jahren, die er [in Ostindien ?] war dem Museum über sechzigtausend Thiere eingesandt; und das ist nur einer, Hr. von Siebold war 7 Jahre in Japan und hat eine unglaubliche Menge von Gegenständen zurükgebracht. – Die botanischen Sammlungen kenne ich nicht, ich habe sie zwar gesehen, (versteht sich, aber nur Paketweise nicht einzeln); kann aber doch kein Urtheil darüber fällen. Blume beaufsichtigt dasselbe; Korthals war reisender Botaniker in Ostindien & ist mit Müller zurükgekommen; er hat eine Menge der intressantesten Notizen über geographische Verbreitung der Pflanzen, letzhin in einem Vortrage, einer wißenschaftlichen Versammlung, der ich beiwohnte, mitgetheilt. –

Hr. Dehahn kannte Hr. Heers Abhandlung schon, auch besaß er sie selbst, läßt ihm aber dennoch als Andenken vom Verfaßer selbst, bestens dafür danken & er hat mir einen Brief für ihn gegeben den ich beilege, er hat nun mehrere Tage warten müßen bis ich Zeit hatte, mich mit dir ein wenig zu unterhalten; es wird jedoch der Sache keinen bedeutenden Eintrag thun. – Kennt Hr Heer Dehahn's Recherches sur les Metamorphoses des Coleopteres? – Die verfloßenen beiden Wochen kam Dehahn täglich Abends um 6 Uhr zu mir auf mein Zimmer, oder ich ging zu ihm, wir machten gewöhnlich einen Gang in's Freie und besprachen uns hernach über naturhist. Gegenstände. Er ist ein sehr gründlicher & eifriger, aber nicht vielseitig gebildeter Naturforscher, und daneben ein äußerst artiger, gefälliger Mann, ein rechter Holländer mit allen Licht- & Schattenseiten dieser Nation. Ehe ich Dehahn genauer kannte, mit dem mich ein Zufall näher über die trokenen Formeln der Höflichkeit hinaus bekannt machte, war meine einzige Erhohlung des Abends nach Sonnenuntergang einen einsamen Spatziergang zum Landgute von Cartesius zu machen, welches äußerst viel anziehendes für mich hatte & stundenlang weilte ich im kleinen Wäldchen, wo er seinen Lieblingsaufenthalt hatte. Ich arbeitete so angestrengt und anhaltend, wochenlang bis Nachts um zwei oder drei Uhr, daß ich mich jezt angegriffen fühle und gerne wieder durch eine Reise von einigen Tagen, mir Erholung gewähre. Montag den 23ten gehe ich nach dem Haag , und will im Vorbeigehen die Königin auf dem Paradeboot sehen; sie wird wahrscheinlich Dienstags in Delft begraben. Am 24ten werde ich nach Rotterdam kommen und am 25ten mit dem Dampfschiff «der Rotterdam» nach Havre hinüber; ist das Meer ruhig so werden wir schon am 26ten dort eintreffen, vielleicht aber auch erst einige Tage später. – Wenn du diese Zeilen erhälst bin ich vielleicht schon in Paris, von dort aus schreibe ich dir sogleich meine Addresse wenn auch nur mit wenigen [...en?] . – Meine herzlichsten Grüße deinen Eltern, Hrn Heer & Arnold Escher. Lebe wohl; sei innig umarmt von Deinem

J J Tschudi

Leyden den 22ten 8ber .|

Dehahn hat ein ungeheures Format für seinen Brief genommen, daß ich ihn kaum einmachen kann–