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Korrespondenz: Alfred Escher – Carl Rudolf Sinz

AES B0143 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#456*

Carl Rudolf Sinz an Alfred Escher, Konstanz, Samstag, 14. Oktober 1837

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Reisen und Ausflüge, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Constanz den 14ten Oct. 1837.

Beynahe mochtest du mich zu Eis erstarrt glauben, wenn du nicht wüßtest, mitten im Eise der Pulsschlag meines Herzens sich verdoppelt & mein Blut von innerm Feuer ergriffen nur um so heftiger dahinwallt. Fünf Tage lag dein lieber Brief brach aus Schuld eines veränderten Reiseplans, der mich die ganze Woche am Fuße der Burgen des Hegau's verweilen ließ. – In so kurzer Zeit traf & verließ ich wieder so viele verschiede ne Elemente, ich gar nicht weiß, wo ich in der Welt lebe & mich sehr sehne oder vielmehr recht herzlich freue, wieder ein vertrautes Wort äussern zu können. Dein Brief ist mir zu fruchtbar, als ich mich nicht gerade an ihn anklammern sollte & freuten wir uns in der Unterredung unseres einen Sinnes & Willens wie sollten einige Stunden Entfernung uns daran hindern. –

– Verwundern wirst du dich, wenn ich mit deiner Einleitung nicht einverstanden bin, ja wenn ich gerade zu nicht nur in meinem sondern noch vielmehr in deinem Namen förmlich dagegen protestire; – denn wahrlich, nicht bin ich so durch & durch blos Feuer nicht steigt die Flamme in mir so hoch empor, ich sie nicht zu zügeln vermöchte & befände ich mich wie gesagt mitten im Eise so würde ich sie vorerst nicht zur Schmelzung desselben sondern zur Erhaltung meines eigenen Herzblutes verwenden & bliebe mir auch so viel übrig als zur Schmelzung hinreicht, so hätte ich eben nur wieder das stille, kalte Wasser während ich immer so viel Wärme zu verschwenden hätte um es in den frei sich erhebenden, allgewaltigen Dampf zu verwandeln. An das Eis lasse ich mich daher nicht, wenn ich nicht mit Gewalt hingetrieben werde, ich hasse es, ich fliehe es. Daher Alfred laß deine Vergleichung, sie paßt nicht für mich, aber noch | viel weniger für dich; oder glaubst du etwa, ich hätte mich so schnell zu dir gefunden, wenn ich nicht in dir, wie in keinem Zürcher den feuersprühenden Funken erblikt hätte, der allein das edelste was der Mensch besizt, das Gemüth wekt, der allein zu Thaten führt, welche die schönsten Blätter der Geschichte erfüllen. Wie ich nun dein Juste millieu, du durch Ironie in Schutz zu nehmen scheinst, verstehen soll, weiß ich nicht. Jedenfalls aber: weg mit jenem Bastarde guter & schlechter Prinzipien, der sich gerne unter diesem Namen so schelten läßt. Immerhin habe ich es lieber mit einem Elemente zu thun, das schlechte Grundsätze, als mit einem das gar keine oder aber die wieder sprechendsten in sich trägt. Jenes kann ich wenigstens fassen, dieses aber, das aalglatte, schlüpfrige glitscht mir aus, wo immer ich es angreifen mag. Wie ein solches Element, den Namen des gerechten sich beylegen darf, begreife ich nicht, es müßte denn den Grundsatz, «sich auf jede Weise aus der Patsche zu ziehen, wenn es nur geht», für den gerechten halten. – Solltest du was ich nicht glaube, es so verstanden haben, dan bitte ich dich, lass auch dieses fahren & du wirst dich deiner Niederlage fürderhin nur freuen können. –

Den Einfluß, den die Tage in Zofingen auf mich hatten, wird das kommende Jahr enthüllen. Vor der Hand nur so viel. Ich fand in Zofingen, was ich im Zofingerve reine nach seiner Idee suchte, aber in unserer Sektion nie finden konnte & immer mit Wehmuth vermissen mußte. – Ich begann, geleitet durch die Vorfälle im Vaterlande, nach & nach an unsrer Nationalität zu verzweifeln; aber Zofingens Tage haben in mir den heiligen Glauben an sie wieder aufge richtet. Die Gefühle, die mich vor 3 Jahren, bey meinem | Scheiden von St. Gallen bewegten, begann ich für liebliche Träume zu halten; oh, damals waren sie so frisch, so thatkräftig & es bedurfte nur eines elektrischen Schlages um sie wieder frisch entzündet in's Leben zu rufen. Dank daher, inniger, nie erlöschender Dank denen, die damals mich so edel, so schön geleitet in unser sturmbewegtes Alter; Dank aber auch den Tagen, die durch elektromagnetischen Strom neuen Brennstoff gegossen in die siedende Flamme. – Einen andern Tag kann ich indessen auch nicht uner wähnt lassen, den Tag in Wyl. Das Fest war eines der schönsten, welches die St. Galler je feierten; nicht nur weil d. Anordnung vortrefflich war, sondern weil wie nie der nationale Geist den kan tonalen überwog. Denn höre, es handelte sich um nichts geringeres als die Sektionen des Vereines aufzuheben & als Zofingersektionen zu konstituiren & wirklich beschloß man angeregt durch mehrere zofingerische-aktive Mitglieder den Anschluß insofern die Hindernisse in St. Gallen & in Luzern wo der Verein sich noch bisan hin aufrecht erhielt, beseitigt werden könte. Besonders freute mich, wie der Hauptstifter des Vereins, Pfarrer Schlumpf in Gossau, der den Jahresfesten meist beywohnt, ein Mann, dessen Haare sich bleichen, der als Priester eine Zierde des Kantons genannt zu werden verdient & der seine Schöpfung, unsern kantonalen Verein stets mit inniger Liebe umfing, dem neuerstandenen, der Puppe entflohenen Schmetterlinge, wie er die Umwandlung der St. Gallersektionen in die d. Zofingersektionen nannte mit einer Thräne im Auge, in einem begeisterten Toaste . huldigte .

Die Zeit drängt, morgen verreise ich nach St. Gallen um wahrscheinlich die nächste Woche dort zuzubringen & mit Anfang der andern Woche werde ich wieder in Zürich eintreffen. Den Gruß deiner lieben Eltern erwiedere ich herzlich, wie auch mein Onkel die Empfehlung an deinen Vater freundschaftlichst erwiedert.

Du siehst ich bin im Sturme begriffen.

Auf baldiges Wiedersehen
Dein

Carl Sinz.