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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0141 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung, Aufbruch, S. 87 (auszugsweise)

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Amsterdam, Samstag, 16. September 1837

Schlagwörter: Berufsleben, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Reisen und Ausflüge

Briefe

Amsterdam den 16ten 7br 1837.

Ich kann nicht anders, als dir, mein theuerster Freund, von hier aus einige Nachrichten zu geben, indem ich deine stete Theilnahme an meinem Schiksale, obgleich ich ferne von dir bin, wohl kenne. Der Abschied von dir that mir sehr wehe; als ich nach Neuchatel ging, hatte ich noch Hoffnung dich in Kurzem wieder zu sehen, ja mit Dir einen schönen Theil unserer Studienjahre durchzuleben. Das Schiksal aber hat es anders gefügt, wir sind voneinander gerißen, eine große Streke liegt zwischen uns & wird von Jahr zu Jahr wachsen, körperlich sind wir getrennt und werdens vielleicht, ja fast gewiß noch Jahre lang bleiben; nicht so geistig, da bin ich täglich bei dir und ich möchte sagen, es giebt Zeiten, daß ich fühle, daß auch du, dich mit mir beschäftigst, an mich denkst, dann bin auch ich bei dir & so ist es ja fast wie damals als wir Arm in Arm zu dir hinausgingen. Die innige Uebereinstimmung zweier Seelen, die in so verschiedenen Hüllen wohnen, ist was erhebendes, ein Vorzug des Menschen der in seiner ganzen Größe nur von denen gefaßt werden kann, die sich dieser Harmonie bewußt sind, und an sie glauben. Eine innere unnennbare Gewalt hält mich an dich gefeßelt, und wenn du noch einen Schwur der heiligsten, unverbrüchlichsten Freundschaft von mir willst, so empfange ihn denn hier aus aufrichtigem Herzen. Keine Macht der Welt wird mich an dir zweifeln machen können & für dich in die Schranken zu tretten zu jeder Zeit wird eine heilige Pflicht für mich sein. – Bis jezt habe ich so wenig für dich thun können, & ich sehe nicht ab, daß es bald der Fall sein könnte, wie viel dagegen hast du schon für mich gethan, wie oft schon hast du mich gegen Angriffe, die mich gerechter oder ungerechter Weise trafen, vertheidigt! Dafür meinen tiefsten Dank.

Ich stehe von nun an so alleine in der Welt! auf wen könnte ich mich denn Verlaßen, zu wem Vertrauen faßen? Du weißt wie wenig ich für neue Freundschaften empfänglich bin und sollte ich denn hier wo ich nur Wochen verweile Zutrauen Männern schenken die ich vielleicht | in meinem Leben nie mehr sehen werde? Also bin ich doppelt auf mich beschränkt & an mich selbst zurükgewiesen. Ich muß mir Alles sein! Hier fühle ich es recht, daß es nicht so leicht ist, das zu vollbringen, wovon ich früher kaum eine Idee hatte – hier, wo täglich & stündlich wildfremde Menschen mir begegnen & ganz unbekannte Töne mein Ohr treffen, muß ich als wißenschaftlich gebildeter Naturforscher auftretten & meine Ansichten & Ideen über vorliegende Fragen vor Männern vertheidigen, die zu den vorzüglichsten Naturforschern Europas gehören. Ich habe ein schweres Pensum das ich aber nach besten Kräften zu vollenden gedenke. – O wie weit & leer fühle ich mich oft, wie sehr könnte eine kurze Mittheilung Gefühle besänftigen, die unbemeistert & frei mächtig auf mich einwirken werden müßen. Welcher Zukunft sehe ich entgegen, die ich mir doch selbst vorbereitet habe! Mein Leben & Wirken habe ich den Wißenschaften gewiedmet & werde alle meine Kräfte für dieselbe aufopfern, geschehe es denn auch auf Unkosten meiner Gefühle, sie werden unterdrükt & der Verstand möge einen schwer erkauften Sieg davontragen.

Auch du, mein theurer Alfred, bist mehr auf dich beschränkt, doch hast du noch Freunde um dich, du bist noch im Familienkreise, wo du väterlichen Rath noch finden kannst, [&?] aber auch in Kurzem wirst du in die Welt heraustretten & selbstständig dastehen müßen. Wenn du meinen Rath hören willst, so wirst du seinen Werth vielleicht später erst erkennen; er ist nämlich: Vertraue auf dich und deinen eignen Werth und schreite diesen im Auge behaltend selbstständig vorwärts. –

Du gehst jezt einigen freundlichen Tagen für dich entgegen, mögen sie auch ganz deinen Wünschen entsprechen, ich werde dich in Gedanken oft begleiten und werde mit regem Intreße deine Beschreibung des Festes lesen, nach den verschiedenen Gesichtspunkten aus denen du dasselbe auffaßest; denn eine blose Herzählung der verschiedenen Arbeiten, die da vorgetragen wurden, wirst du mir nicht geben wollen. Ich möchte gerne den Eindruk kennen, denn die ganze Zusammenkunft auf dich hervorbringen wird. –

Schreibe mir recht bald, ich bitte dich dringend. Addressiere deinen | Brief unter französ. Addresse Mr J.J. Tschudi naturaliste à Leyden poste restante. Die Briefe haben 7 Tage bis hinunter zu gelangen; ich werde, denke ich bis zum 12ten 8br in Leyden bleiben. Morgen gehe ich von hier aus nach Harlem um Cuvier's Originalexemplare des Homo diluvii testis von Oeningen zu studieren. Uebermorgen Mittag werde ich in Leyden sein. Die vielen trefflichen Empfehlungen die ich bei mir habe, haben mir bis jezt überall eine ganz vorzügliche Aufnahme verschafft. Auf meiner Reise habe ich mich in Straßburg, Carlsruh Francfurt a/m., Neuwied, Bonn, Utrecht, und Amsterdam aufgehalten. – In Utrecht zeigte mir Schroeder van der Kolk seine prächtigen Arbeiten & Zeichnungen über Insektenanatomie.

Das Leben in hier behagt mir nicht sonderlich das ewige Getümmel und Geschrei macht mich oft ganz wirre im Kopf & ich bin froh wenn ich wieder von Amsterdam weg bin, an Sammlungen besitzt die Stadt sehr unbedeutendes; Prof. Vrolik einzig hat bedeutende zootomische Schätze. Ebenso ist die Lebensweise für einen Schweizer auffallend & nicht ganz zuträglich im Anfange. Das viele rohe Fleisch & ungesalzene Gemüße bring Indigestionen hervor.

In Utrecht habe ich bei einem Privatmann ganz vorzüglich schöne Insekten aus Java & Borneo gesehen; dieser Mann besitzt naturhist. Gegenstände deren Werth er gar nicht kennt. –

Doch ich muß heute enden wenn der Brief noch abgehen soll. Grüße mir deine Eltern, deren Theilnahme & Mitgefühl an meinem Schiksale mir ewig unvergeßlich sein wird, recht herzlich; vorzüglich sage deiner guten Mutter meine besten Wünsche für ihre körperliche Gesundheit für den nächsten Winter.

Denke bisweilen an mich, lebe wohl, sei innig umarmt von Deinem

J J Tschudi

Auch Hr. Prof. Heer grüße bestens & sage ihm, daß ich übermorgen an De Hahn sein Paquetchen bestellen werde.