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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0140 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 16

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Berlin, Samstag, 29. Juli 1837

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Zofingerverein (Studentenverbindung)

Briefe

Berlin, Sonnabend den 29sten Juli 1837.

Liebster Freund!

Es ist wahrhaftig, als ob ein böser Dämon unsern Briefwechsel verwinde! Ganze Monate schreiben wir uns nicht, und dann durchkreuzen sich auf einmal unsere Episteln. So ist's auch letzthin der Fall gewesen. Kaum war mein Brief1 vom 20sten Juli mit der Post von hier abgegangen, so erhielt ich deinen Brief2 vom 15ten Juli, der mir sehr viel Freude machte, und der mir beweist, wie sehr du noch meiner gedenkst, wofür ich dir vielmals danke. Wenn du diesen meinen Brief erhalten wirst, so wirst du vielleicht schon von deiner dreiwöchentlichen Reise in unsere Hochländer zurückgekommen seyn, und wie ich hoffe, glücklich und wohlbehalten. Deinen Reiseplan fand ich sehr eingehend und interessant, und ich würde mich dir sehr gerne beigesellt haben, wenn du mir auch noch so viel botanisirt und entomologisirt hättest.3 – Es scheint also, du werdest erst nächsten Frühling nach Berlin kommen4; und ich verstehe dich sehr gut, wenn du mir sagst: «sonst würde unser Haus noch einsamer». Ich habe, wie ich glaube, dir schon gratulirt wegen der Heirath deiner Schwester, und ich hoffe, sie werde sich mit Hn Stocker5 gut befinden.6 Du willst also nächsten Winter die Pandekten bei Bluntschli7 in Zürich hören, und dann hier mehr die Staatswissenschaften betreiben. Stelle dir vor: auch dein Plan ist eigentlich der meinige. Ich werde sobald als möglich das | Rechtsstudium absolviren, um mich spezieller mit den Staatswissenschaften zu beschäftigen. Das Römische Recht betrachte ich aber immer als eine gute solide Grundlage, mag es jetzt noch so trocken und langweilig seyn. Ich werde diesen Winter außer den Pandekten noch Criminalrecht hören und daneben wieder eine Vorlesung aus dem Gebiet der Weltgeschichte, die übrigens immer mein Lieblingsstudium bleiben wird, wie sie es auch von jeher war. Und ich habe auch hier in Berlin einen Professor der Geschichte gefunden, der mich in jeder Hinsicht befriedigt. Dieser ist Professor Ranke8, noch ein junger Mann, klein von Statur, aber voll Feuer auf seinem Lehrstuhl, ein Mann von richtig gesundem Urtheil, der ungeheure Studien in den verschiedenen Bibliotheken Italiens gemacht hat, der gute Freund Hn von Savigny's9. Dieser letztere ist der einzige Professor von Ruf im Recht an der Berliner Universität: der einzige Civilist von Bedeutung. Hingegen ist hier kein ausgezeichneter Criminalist, k. ausgezeichneter Publicist; das deutsche Privatrecht, das kanonische Recht, das Staatsrecht, das Völkerrecht, werden auf andern deutschen Universitäten besser gelehrt. – Betreffend die Staatswissenschaften, so wisse, es gibt auch hier keinen ausgezeichneten Kameralisten. Unter Staatswiss. begreife ich nämlich Nationalökonomie, Finanz- und Polizeiwissenschaft, Statistik, Diplomatie u. s. w. Die hiesigen Herren Professoren, die darüber Vorlesungen halten, wie Dieterici10, Helwing11, von Henning12, selbst Raumer13, werden wenig besucht. Stelle dir nun vor, ich habe schon seit einiger Zeit daran gedacht, für | nächstem Sommersemester Berlin zu verlassen und eine andere Universität zu beziehen, vielleicht Göttingen oder das am Rhein herrlich gelegene Bonn. Uebrigens hab' ich noch kein Wort davon an meinen Vater14 geschrieben: ich weiß nicht einmal, ob er einen solchen Tausch zugeben würde?! So viel ist aber gewiß: mit Ende des nächsten Wintersemesters habe ich den Cyklus der Vorlesungen von Savigny und Ranke beendet; würde ich ferner hier bleiben, so würde ich meine Zeit nur unnütze zubringen. Hinwieder würde ich Berlin ungerne verlassen. Die Studenten haben hier e. sehr angenehmes Leben. Man ist nicht zu Verbrüderungen verpflichtet, jeder kann ganz sich selbst leben. Der Winter ist freilich angenehmer als der Sommer. Im Winter sind viel Gesellschaften, Theater, Bälle; im Sommer ist nichts von allem dem. Da schwitzt man den ganzen Tag in seinem Zimmer wie draußen; die Hitze ist ganz groß; dann der ungeheure Staubwirbel in den Straßen bei dem geringsten Winde! Da bleibt man soviel als möglich zu Hause und geht erst nach 7 Uhr Abends im Thiergarten spazieren. Daher kommt es, daß wir junge Landsleute uns im Sommer seltener sehen, wie denn überhaupt die schweizerischen National- und Gesammtinteressen eben nicht sehr gewurzelt haben unter den hiesigen Schweizern. Berlin ist eine große Residenzstadt und man verliert sich leicht unter der Menge der Einwohner. Man wird hier etwas Kosmopolit, so ergeht es z. Beisp. mir. Wenn ich wieder in mein Vaterland zurückkehre, dann will ich wieder mich den Interessen desselben näher anschließen. Ich finde, es schade gar nichts, wenn | unsere jungen Vaterlandssöhne etwas in's Ausland kommen, gleichviel ob nach Deutschland, Frankreich, Italien, England, etc. Der Kreis ihrer Kenntnisse erweitert sich; man gewinnt mehr Lebenspraxis, man wird mit andern Regierungsformen, andern Sitten und Gebräuchen bekannt, man wird geschmeidiger und lernt schneller sich in die verschiedensten Lagen der Welt schicken, sowie es die Umstände erheischen. – Du wirst mir vielleicht diese meine etwas antinationalen, also mit dem Zofingerverein nicht ganz im Einklang stehenden Gesinnungen übel aufnehmen, aber wenn du einmal auch außer deinem Vaterlande bist, so wirst du vielleicht meine Meinung nicht so ungegründet finden. – Doch genug davon. Schließlich sage ich dir, daß ich meine Reise in den Europäischen Norden nächstens antrete, indem ich Sonntags den 6ten August in der Schnellpost nach Hamburg abgehe, da ich doch noch die Festlichkeiten des 3 August (Geburtstags Sr Maj. des Königs15 ) hier abwarten will.

Dein dich innig liebender

Friedr. von Mülinen.

Kommentareinträge

1 Vgl. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 20. Juli 1837.

2Brief nicht ermittelt.

3Escher unternahm im Juli und August 1837 gemeinsam mit Jakob Escher, Carl Rudolf Sinz und Albert Kölliker eine rund dreiwöchige Reise ins Wallis. Unter anderem wanderten sie dabei vom Saastal nach Zermatt, indem sie sechs Pässe auf Ausläufern des Monte Rosa überquerten. Vgl. Escher, Autobiographie Jakob Escher, S. 261–307; Escher, Jakob Escher-Bodmer, S. 17–24.

4Escher ging im Frühjahr 1838 an die Universität Bonn und von dort im Herbst 1838 nach Berlin. Chronologie Alfred Eschers, 23. Mai – 1. September 1838.

5 Kaspar Stockar (1812–1882), Besitzer des Kupferhammers (Werk, in dem Kupfer durch den Hammer oder Walzen bearbeitet wird) am Hegibach in Hirslanden.

6 Clementine Escher und Kaspar Stockar heirateten am 30. August 1837. Vgl. Keller-Escher, Escher vom Glas, Genealogie.

7 Johann Caspar Bluntschli (1808–1881), Grossrat (ZH), ordentlicher Professor für römisches, deutsches und schweizerisches Recht an der Universität Zürich.

8 Leopold Ranke (1795–1886), ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Berlin.

9 Friedrich Carl von Savigny (1779–1861), ordentlicher Professor für römisches Recht an der Universität Berlin, Mitglied des preussischen Staatsrats.

10 Wilhelm Dieterici (1790–1859), ordentlicher Professor für Staatswissenschaften an der Universität Berlin.

11 Ernst Helwing (1803–1875), ausserordentlicher Professor für Geschichte und Staatswissenschaften an der Universität Berlin.

12 Leopold von Henning (1791–1866), ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Berlin.

13 Friedrich von Raumer (1781–1873), ordentlicher Professor für Geschichte und Staatswissenschaften an der Universität Berlin.

14 Gottfried von Mülinen (1790–1840), ehemaliger bernischer Oberamtmann in Nidau (1822–1831) und Major im eidg. Generalstab (1824–1832).

15 Friedrich Wilhelm III. (1770–1840), König von Preussen.