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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0139 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Berlin, Donnerstag, 20. Juli 1837

Schlagwörter: Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Berlin, Donnerstag Abends den 20sten Juli 1837.

Theuerster Freund!

Seit undenklichen Zeiten ist unser Briefwechsel wieder in Stocken gerathen, und leid thut mir dieß und zwar in hohem Grade. Ist deine Freundschaft für mich bereits erkältet? vielleicht dahin? und du magst mir noch so sehr einwenden, du habest keine Zeit um mir zu schreiben, so kann ich dem wohl keinen Glauben beimessen. Es wird wohl irgend einmal bei dir einige Zeit Erholung Statt finden, während welcher du mir nur ein paar Zeilen zu schreiben brauchtest, auf daß ich immer wüßte, wie es dir und deiner werthesten Familie ergehe? Nun, ich will nicht ferner streiten; dieß ist nicht meine Sache, und also nun zum Briefe selbst.

Ich hoffe, du werdest meinen letzten Brief vom 26sten April, welchem du also immer eine Antwort schuldig bist, erhalten haben. Wenn du mir wieder schreibst, so melde mir doch den Zeitpunkt deiner Abreise aus Zürich und dann wann du allhier einzutreffen gedenkest? Wie ich durch eine Stelle in einem der letzten Briefe meines Vaters vernommen, wird sich Georg von Wyß von Genf entfernen und auf nächsten Herbst nach Berlin kommen, welche Nachricht mich um so mehr in Erstaunen setzte, da ich gehört, er werde, um seine Studien in den mathematischen und physikalischen Wissenschaften fortzusetzen, nach Wien oder Paris abgehen. Nun für die Physik, etc. ist hier gut gesorgt. Die Berliner Universität besitzt dafür Männer wie ein Schubart, Mitscherlich, Magnus, etc. | Ferner schrieb mir mein Vater, Fritz v. Wyß hingegen werde erst nächsten Frühling im Jahre des Heils 1838 nach Berlin sich verfügen, und da denke ich, Jakob Escher aus dem Wollenhof und du, werdet deßwegen auch nur im Frühling und nicht schon diesen Herbst kommen, da ihr die Reise hieher zusammen zu machen wünschet – welcher Aufschub mich freilich sehr betrübt. Ich freute mich so sehr, nächsten Winter mit dir zu studiren, und als Erholung die Theater, Bälle und andere allotria zu besuchen, woran es einer großen Stadt wie Berlin nicht mangelt. Der Sommer ist hingegen ziemlich langweilig, Alles, was nicht durch seine Beschäftigungen an Berlin gebunden ist, reist fort, namentlich in die Böhmischen Bäder. Die Hitze ist ziemlich drückend, namentlich für mich, da mein Zimmer gegen den Mittag gerichtet ist, die Theater gehen zwar ihren tagtäglichen Gang fort, allein Sommers gehe ich sehr selten hinein. Den Abend bringe ich gewöhnlich in irgend einem öffentlichen Garten vor der Stadt zu, und trinke meine Flasche sogenannten bairischen Biers ( schlecht genug in Ermanglung des ächten!) beim Klange eines hüpfenden Wienerwalzers à la Strauß. Diesen Sommer habe ich beinahe gar keine Besuche gemacht da, wo ich empfohlen war, schon darum weil viele dieser Herrschaften fort sind. Meine Arbeit- und Lesestunden sind des Morgens von 7–9 Uhr, von 11–12 Uhr und Nachmittags von 4–7 Uhr. Aber ich habe diesen Sommer nicht so viel gearbeitet wie vorigen Winter, schon wegen der Hitze. Der Vorlesungen an der Universität, die ich diesen Sommer besuche, sind's nur zwei: Institutionen bei Hn von Savigny und Neuere Geschichte bei Ranke: beides treff| liche Vorlesungen in jeder Hinsicht: erstere zuweilen etwas trocken. Wir haben das Aktionen- und Sachenrecht beendigt, stehen jetzt im Obligationenrecht und haben noch das Familienrecht und Erbrecht vor uns. Bei Ranke stehen wir jetzt am Ende des 30jährigen Kriegs. Wie aber diese beiden Vorlesungen ganz beendet werden sollen für den 10ten August, wo die Herbstvacanzen anfangen, das weiß der Himmel! Du wirst begreifen, daß ich für das Römische Recht mir eine Ausgabe des corpus juris civilis angeschafft habe, und zwar die neue von Beck in Leipzig, ferner eine Ausgabe des Gaius, des Ulpian u. s. w. – und daß ich die von Savigny in der Vorlesung citirten Stellen fleißig nachschlage und nachlese. – Betreffend meine Freunde und Bekannte, also namentlich meine schweizerischen Landsleute, so sahen wir uns diesen Sommer viel weniger als den vorigen Winter. Jeder ist meistens für sich und geht seiner Wege – und das sollte doch eigentlich nicht seyn. Es waren vorigen Winter mehrere da, wie Hrr von Scherer, Hottinger, Müller u. andere (die alle jetzt fort sind), welche die schweizerischen Gesammt- und Nationalinteressen fest zusammenhielten. Ich sehe den Escher von der Badergaß ziemlich häufig, also namentlich in Savigny's Vorlesungen, und ich finde, er sey ein angenehmer Gesellschafter. Ueber Zürich und dessen Einwohner, sprechen wir fast niemals. – Ich habe also meine Ostervacanzen, 6 Wochen hindurch, ruhig in Berlin zugebracht wegen der immerwährenden regnerischen Witterung. Dem wird aber nicht also seyn für die Herbstvacanzen, die von Anfang August bis Ende Okters, also nicht ganz 3 Monate dauern. Während dieser Zeit werde ich mit Coulon und Bonhôte, zwei jungen Neuchatellern, die hier studiren, folgende Reise machen. Wir gehen von hier nach Hamburg, drauf nach Lübeck, im Dampfschiffe nach Kopenhagen, von da | im Dampfschiff nach Christiania, zurück nach Gothenburg, zu Dampf durch die Seen Wener, Hielmar und Mälar nach Stockholm, wo wir uns etwa 8 Tage aufhalten und von wo wir Ausflüge nach Upsala und in die Bergwerke von Falun und Dannemora machen werden. Vom Stockholm geht's dann, wenn wir noch Zeit haben werden, im Dampfschiff nach Petersburg. Dort werden wir etwa 10 Tage bleiben und von da im Dampfschiff nach der Insel Rügen fahren, von wo über Stralsund und Stettin in das werthe Berlin zurück! Eine große und schöne Reise – nicht wahr?!- Hrr von Scherer hat vor einiger Zeit aus Petersburg hieher geschrieben. Er mag jetzt in Torneä oder sonst wo im hohen Norden Schwedens mit seinem russischen Bedienten einsam herum irren!! – Du kannst nicht glauben, wie sehr ich mich freue, Berlin auf einige Zeit zu verlassen. Ich werde wohl zwischen dem 5ten und 10ten August von hier (nach Hamburg) abgehen. - Doch jetzt genug. Schließlich bitte ich dich, mich bei deinen werthesten Eltern und deiner Schwester zu erinnern, sowie bei Jakob Escher und Fritz Wyß, sage diesem Letzteren, ich danke ihm für seinen freundschaftlichen Brief vom 5ten April, den ich richtig erhalten, – und denke doch zuweilen an deinen dich innigst

liebenden

Friedrich von Mülinen.

NB. Ich wohne immer noch «Unter den Linden» No 41, 3 Treppen hoch.