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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0137 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, s.l., Freitag, 28. April 1837

Schlagwörter: Erziehungsrat ZH, Flora und Fauna, Freundschaften, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Turnfeste, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Dein gestriger Brief, mein theurer Freund, freute mich sehr, da er mir einen neuen Beweis deiner Freundschaft gegen mich gab, denn mit Wahrheit und ohne Schonung hast du darin eine Seite meines Characters geschieldert, die du sehr richtig aufgefaßt hast. Daß du mich zur zweiten Classe der Nicht-bekümmerten stellst, und mich dabei unglüklich nennst, daran thust du ganz recht, und um aufrichtig zu sein, muß ich offen gestehen, ich war in diesem Punkte bisher unglüklicher als du glaubtest, denn ob es jemanden gab dem mehr am Urtheile der Welt gelegen war, als mir, besonders am Urtheile einzelner (denn wir verstehen hier unter dem Urtheil der Außenwelt, doch nur das der Gebildeten, und nicht das Geschwätze eines Stallknechts oder einer Küchenmagd) möchte ich bezweifeln und mein Bestreben, durch mein Betragen ihr Urtheil nach meinem Sinne zu modeln, war nur mir in seinem ganzen Umfange bewußt. Ich war daher natürlich in einem steten Kampfe und in einer fortwährenden Spannung, durfte mir nichts vergeben, und mußte oft, um den Genuß zu haben, die mir gewünschte Anerkennung zu finden, gegen meine tief eingewurzelten Gesinnungen ankämpfen; hatte ich das gesuchte Resultat gefunden so war bei ruhiger Ueberlegung Ueberdruß und Unwille immer die Folge, die sich ganz laut aus sprachen, wenn ich ein ungünstiges Urtheil über mich vernahm. Eine zu stark gespannte Saite springt, bei mir ist auch dieß jezt der Fall. Seit einiger Zeit ist eine wesentliche Aenderung in meinem Innern vorgegangen, hervorgerufen theils durch aeußere Einflüße, vorzüglich aber durch einen Umschwung den meine sämtlichen Bestrebungen in wißenschaftlicher Beziehung erlitten haben. – Um wenigstens innere Ruhe zu haben ist es mir durchaus nöthig mich nicht um das Urtheil der Außenwelt zu bekümmern, um jedoch nicht in den nämlichen Fehler wie früher zu fallen, soll einzig ruhiges Ueberlegen meine Handlungen leiten, jezt will ich noch nicht sagen «Verachtung gegen die Beurtheilenden» und ich weiß, später wirst du mich nicht mehr unglüklich nennen. –

Du wünschest etwas von meinem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben in hier zu erfahren. Wenn du, nach deinem ersten Briefe, dir meinen hiesigen Aufenthalt als angenehm vorstellst, so täuschest du dich in hohem Grade, so wie ich mich in jeder Beziehung getäuscht habe, und gegen alle diese Täuschungen nur eine Entschädigung fand, die mir sehr viel aufwiegt. Doch vorerst von meinem häuslichen und gesellschaftlichen Leben.

Ich wohne ½tel Stunde von Neuchâtel in der Höhe an der Straße nach La Chaux de Fonds . Vor dem Hause habe ich einen Garten, vor dem Garten Weinberge, vor den Weinbergen einen Hügel (crète) der mit Bäumen bepflanzt ist, und als zum Hause gehörig einen sehr angenehmen Aufenthalt darbiethet. Die Aussicht auf den See, in die Bernerober land-alpen etc. intressiert mich wenig. Mein Hausherr ist Mr Nicolet , Lithograph, der vor wenigen Monaten von Paris nach Neuchatel gekommen ist, und die schönen Abbildungen für die schweiz. Mémoiren geliefert hat. Seine Frau ist jung und artig. Außer diesen ist noch der erste Lithograph von Nicolet da, das macht die ganze Haushaltung aus. Alles Franzosen, keiner spricht oder versteht ein Wort deutsch, was mir sehr an genehm ist, da ich mich immer bestreben muß ein möglichst gutes Französisch zu sprechen. | Meine Hausordnung ist folgende. Morgen um 6 Uhr stehe ich auf und treibe bis ½ 8 od. 8 englisch oder spanisch, besonders stark letzteres, da ich in Kurzem vielleicht deßen bedarf. Bis 9 Uhr beschäftige ich mich mit Ichthyologie oder Herpetologie , um 9 Uhr gehe ich in die Stadt zu Agassiz und bleibe bis ½ 12 Uhr da. Um diese Zeit wird bei uns gefrühstükt, dann ein wenig Luft geschöpft, was bis ein Uhr geht. Den Nachmittag beschäftige ich mich mit vergleich ender Anatomie, um ½ 6 ißt man zu Mittag (pariser Manier) recht gut, wobei ziemlich viel getrunken wird. Von 7 Uhr beschäftige ich mich bis 9 oder 10 mit verschiedenen Arbeiten, wiederhole z. B. die Physiologie, treibe vorzüglich aber Geognosie. Dieses Studium spricht mich außerordentlich an, nicht aber, als Studium der Steine und Gebirgsmaßen, sondern als Mittel zur Erkenntniß des innern Zusammenhangs der gesammten Naturwißenschaften. Das ist mein alltägliches Leben Sonn- und Werktags und wird nur hin und wieder durch eine Excursion oder des Abend's durch einen kurzen Spatzierritt unterbrochen. Gesellschaft habe ich keine, mit den Studierenden Neuchâtelern will ich keine nähere Bekanntschaft machen, der einzige, der mich zuweilen besucht ist Cressly ein Mediciner, der aber statt fortzustudieren, sich nur mit Geognosie beschäftigt hat. Er ist wie ich glaube aus dem Cant. Solothurn und auch wegen Agass . im letzten Herbste hieher gekommen. Außer Steinen ist ihm nichts auf der Welt vorhanden, und ich glaube durchs Zerschlagen einer fossilen Muschel vor seinen Augen könnte man ihn zu gichterschen Convulsionen bringen. In 3 Wochen will er wegreisen um eine Carte über den solothurischen Jura zu vollenden. Die einzige Entschädigung auf die ich früher hindeutete ist Dr Schimper, der dir wahr scheinlich dem Namen nach nicht unbekannt ist. Er hält sich bei Agassiz auf, und vorzüglich ihm gelten meine Besuche des Morgens, da er uns leider bald verlaßen wird. Schimper ist der tiefste und umfaßendste Geist den ich kenne, und nicht nur Botaniker, sondern auch Geognost und Zoologe; vorzüglich aber ersteres. Er wird in der Botanik eine neue Bahn brechen, wenn einmal die Botaniker so weit gekommen sind ihn zu verstehen; da sie es aber noch nicht so weit gebracht haben, sondern sich immer noch an Aufzählung und Beschreibung neuer Species erfreuen, und in der mihi oder nobis hinter den oft mit saurem Schweiße falsch construirten Namen die größte Ehre setzen, so findet Schimper nicht für gut hervorzutretten mit einer Arbeit, die seit Jahren schon vollendet eine musterhafte Klarheit in die schwierigsten Theile der Botanik bringen wird. Du weißt welche Abneigung ich immer gegen die Pflanzenkunde hatte; unter Schimper's Leitung habe ich ihr aber das größte Intreße abgewonnen und wünschte nur längere Zeit unter seiner Leitung mich damit abgeben zu können. Ich muß dich nur bitten über diesen Punkt auf Hr. Prof. Heer, den ich übrigens schätze und achte, nicht zu viel zu bauen. Hr. Heer hat alle Kenntniße in der Botanik, die gewiß sehr bedeutend sind, aus einer Schule, die schnurstraks Schimper's Lehre wiederspricht. Ich fühle mich hier durchaus nicht berechtigt ein competentes Urtheil über die eine eine oder andere zu fällen, will dich aber auf die Zukunft, die vorurtheilsfreiere Richterin sein wird aufmerksam machen. Uebrigens war Hr. Heers Aufenthalt in Bex wie ich von Agassiz vernohmen habe, auch nicht geeignet ihn auf freund schaftlichen Fuß mit Schimper zu setzen. Gaudet hat hier in der naturforschenden Gesellschaft schon mehrmals nicht auf die ehrenvollste Weise den Kürzern ziehen müßen. | Mit der nämlichen Klarheit und Umsicht arbeitet er auch in der Zoologie, in der ihm aber die speciellern Kenntniße abgehen. Mein Bestreben ist es daher jezt, nach den Grundsätzen nach denen er die Botanik behandelte, mich mit der Zoologie zu beschäftigen . In diesem Sinne ist aber noch äußerst wenig gearbeitet und überall stoße ich auf Unklarheiten und die oberflächlichsten Angaben. Bisher hatte ich außer rein empirischen Werken, in anderm Sinne eine Behandlung der Zoologie nur von Oken vernohmen. Die gefährlichen und lokenden Lehren, die er als größte Wahrheit vom Katheder hersagt, haben mich im Anfang mächtig ergriffen und du errinnerst dich vielleicht noch der Aeußerungen, die ich mehrmals gegen dich that; ich war blinder Anhänger des Okenianismus, und aufrichtig gestanden, ich prüfte jene Lehren nicht ge nug und schenkte Oken das völligste, hingebendste Vertrauen. Hier wo ich hinreichend Muße habe noch einmal meine frühere, wißenschaftliche Laufbahn zu durchgehen, unterwarf ich alle jene Grundsätze noch einmal der schärfsten Critik, unterhielt mich mit Agass. und Schimper darüber, wir sprachen mit einander über die Prinzipien von Oken's philosophie Tagelang und am Ende war ich genöthigt trotz des hartnäkigsten Wiederstandes zu weichen und das für Unredlichkeit und Nichtig zu erklären auf das ich mit vollem Vertrauen mich gestützt hatte. Solch herbe Lehren schmerzen und nützen aber, indem sie außerordentlich vorsichtig machen. Ich will durchaus nicht sagen, daß ich Schimper jezt vertraue oder seine Grundsätze im Ganzen gut heißen möchte, weit entfernt, im Gegentheil stoße ich auf eine Menge Punkte, die vielleicht nach Jahrelanger Prüfung erst mir klarwerden können. Das kann ich aber sagen, daß ich die Art und Weise wie die Naturwißenschaften, auf Universitäten gelehrt wird verachte und deshalb auch keine Universität mehr besuchen werde. Deshalb auch zweifle ich an unserm Zusammenleben in Berlin. Höchst wahrscheinlich werde ich in einigen Monaten nach England um von da vielleicht noch in diesem Jahre für längere Zeit Europa zu verlaßen, denn das Leben hier, obschon es mir vielleicht nicht bald an einem andern Orte in Europa so meinen Bedürfnißen entsprechen könnte, ekelt mich an, und um die Naturwißenschaften von dem Standpunkte kennen zu lernen, von dem ich es wünsche, ist mir die üppige Natur Au straliens ebenso hinreichend, als Berlin oder Paris, wenigsten's habe ich von keiner Seite da mich über Chicanen zu beklagen.

Doch zu Betrachtung einiger Punkte deines Briefes. Ich danke dir bestens für deine Mittheil ungen über Fräulein von Pommer, bedaure aber nur, daß du deshalb ½ 1 Seiten Papier verschrieben hast; nicht deine Mittheilungen, sondern Reflexionen im Eilwagen von Zürich nach Bern haben mich so gleichgültig gegen dieses Zieräffchen gemacht, daß mich deine Nachrichten über sie kaum des Lesens wegen noch ansprachen. Ich bewundre hierbei nur deinen schon früher durch verschiedene Aeußerungen über diesen Gegenstand mir kund gegebenen Scharfblik und deine wahren Reflexionen am Ende des Capitels; mich hingegen bemitleide ich, daß ich mich gegen sie so sehr blos gegeben habe, daß sie ihren Sieg ohne Schwierigkeit hat bemerken können.

Von dem Turnfest habe ich noch keine Beschreibung erhalten, es intressiert mich auch nicht wie hoch der von Bern gesprungen sei, oder wie viel Umschwünge der andre von Basel gemacht hat; sondern du allein bist mir dabei wichtig, denn ich ahne etwas, was gerne einem Freunde mitgetheilt wird; breite dich daher ein wenig weiter über diesen Gegenstand aus | Der arme Erziehungsrath von Zürich!! mehr ist nicht nöthig zu sagen.

Wie sehr es mich freuen würde, wenn du nach Neuchatel kämest, weißt du, eine Schweizerreise werde ich nicht machen; es ist dies die 3te, die ich ausschlagen muß, um keinem Unrecht zu thun. Hr. Heer kann von seiner fauna einschiken, was er will oder fertig hat, der Druk kann im gegenwärtigen Augenblike nicht vorgenommen werden, soll aber auch nicht lange verzögert werden. Der erste Band wird in wenigen Tagen versandt. Die Sau-fauna vom Schinz nimmt gegen 30 Bogen ein. Die Reptilien, sind auf die niederträchtigste Art aufgeführt; das ganze umzuarbeiten habe ich mich nicht berechtigt gefühlt, auf Agassiz Bitte aber einige Randgloßen mit meiner Schiffer beigefügt. Die Tafeln sind sehr lithographiert, einige miserabel coloriert, so daß ich auf neues Coloriert derselben drang. Agassiz will wegen des Bezahlens der Originalzeichnungen um der künftigen Gesellschaft einen Vorschlag machen; das Comité kann darüber nicht urtheilen.

Doch genug für heute. Künftigen Sontag erhälst den Brief, da wünschte ich mit dir für ein Stündchen am Seeufer hin und herzugehen, Mittheilungen könnten wir uns machen. – Wie befindet sich deine Mamma? Ist sie immer unwohl?

Grüße mir deine Eltern herzlich, ebenso Hr. Heer und Kölliker. Sei innig gegrüßt
und umarmt von deinem

J J Tschudj

Au Sablon den 28ten Apr. 1837.

Frage doch einmal Kölliker, ob er mich ganz vergeßen habe.