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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0135 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 13

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Berlin, Montag, 13. Februar 1837

Schlagwörter: Entomologie, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Berlin, Montag Abends den 13ten Februar 1837.

Liebster Freund!

Da du mir so schnell geantwortet hast, so wäre es Sünde, dich noch länger auf einen Brief meinerseits harren zu lassen. Deinem Briefe1 zufolge befindet sich deine ganze Familie sehr wohl, was mich sehr freut. Den Brief habe ich wohl 3mal nacheinander gelesen, weil er erstens von dir war, dann weil ich daraus sah, daß du immer ein wohlwollender Freund gegen mich bist, und in wahrer Freundschaft gegen mich zu bleiben gesonnen bist. Ach! wenn nur der Augenblick schon da wäre, daß wir bei einander in Berlin hier wären. Da gäb's frohe Stunden, lustige Späße, herrliche Witze! . Denn ich bin immer in heitrer jovialischer Laune, meinem Alter gemäß – mag auch dieß oder jenes Ereigniß oder was es auch sey mich mehr oder weniger betrüben (?!?!). Du schreibst mir, du würdest vor Ostern 1838 nicht wohl hieher kommen. Da würden wir dann leider nur ein Jahr hier zusammen verweilen. Ich gedenke nämlich bis Ostern 1839 allhier zu bleiben – denn in 2½ Jahren, 3 Winter und 2 Sommer, habe ich meinen ganzen juristischen Curs vollendet, und dann geht's wieder nach Haus, um wieder bei den Eltern, Onkeln, Basen, Muhmen und der ganzen Sippschaft der Verwandten «in der Stadt und Republik Bern» zu seyn. Jammerschade, daß du noch ein Jahr auf der Hochschule in Zürich bleibst, sonst wären wir 2 Jahre bei einander. Da aber dieß der Wille deiner Eltern ist, so werden wir, um uns mehr zu sehen, trachten müssen, mit einander zu wohnen bei einer καλή2 Philisterin3. Denn ich werde nicht immer in dem Logis bleiben, wo ich jetzt bin – sonst wird's mir zu monoton. – Ich bin immer sehr zufrieden mit meinen Universitätskursen. – | Ich bekomme sogar Geschmack für das Studium des Rechts, das sonst im Ruf einer etwas trocknen Wissenschaft steht. Daneben werd' ich aber immer Geographie oder Physik oder Chemie etc., besonders aber Geschichte hören. Ich fühle es wohl, wenn ich je zu irgend einem Fach Anlage habe, so ist es für Historie. Ich komme immer auf sie zurück in allen meinen Studien. Es ist ein weit umfassendes Studium. Hat ja doch jedes Fach seine Geschichte, so eine Geschichte der Theologie, Medicin, Jurisprudenz, Philosophie, Philologie, etc.! namentlich betrachte man die Geschichte in ihrer wahren Bedeutung, nämlich die Philosophie der Geschichte, sowie Herder4 die Sache in s. «Ideen etc.»5, die ich gelesen, aufgefaßt hat; da erhebt, da begeistert sie Vernunft und Herz, Sinn und Gemüth. Sie ist diejenige Wiss., welche uns den Menschen von seiner Wiege bis in die höchste Civilisation u. Cultur, in seiner steten Entwicklung und rastlosem Fortschreiten, darzeigt, kurz sie zeigt uns unser eigenes Inneres, sie ist unsere Lehrerin und Bildnerin. – Naturgeschichte und was dazu gehört, ist schon weniger meine Sache, sondern mehr deine, wie ich von jeher bemerkt habe. Da du mich um Notizen betreffend die Vorlesungen hierüber an hiesiger Universität gebeten hast, so wisse, ich habe mich gleich darnach erkundigt, und kann dir mit Folgendem im Allgemeinen dienen: – ausgezeichnet ist für die Botanik Hr Prof. Kunth6, für die Zoologie Hr Prof. Burmeister7, für mikros kopische Betrachtungen über die Struktur der Pflanzen Hr Prof. Meyen8, und für dein Lieblingsfach, die Entomologie (Insektenkunde) Hr Prof. Klug9. Betreffend Hr Prof. Lichtenstein10, so seyen seine Vorlesungen an und für sich gut, aber sein Vortrag schlecht. Näheres kann ich dir über Vorlesungen dieser Art nicht sagen, da ich sie nicht besuche. – Ist denn aber dein Hauptstudium in Berlin Naturgeschichte, oder willst du auch, wie ich glaube, jura treiben? oder wärest du geneigt, Vorlesungen zu hören etwa über die Psalmen oder das Buch Hiob, oder über Diagnostik, Semiotik u. Diätetik? Genug des Spasses! – |

Um auf etwas anderes zu kommen, so wisse, ich befinde mich außerdem immer sehr gut in Berlin. Der Schweizer, Freunde u Bekannten aller Art, ermangelt's nicht, doch werden dieses Frühjahr wieder viele abgehen, so auch die Zürcher; dagegen solle also von Zürchern kommen: erst der ältere (Junker!!) Escher11 an der Badergaß, später H. Meyer12, endlich du mit Jakob Escher u. Fr. Wyß . Ey! Das wird herrlich seyn! – An Vergnügungen fehlt's hier nicht. Erstens 3 verschiedene Theater, so daß oft am Abend an 3 Orten zugleich gespielt wird, dann Concerte die Menge, endlich Bälle und Gesellschaften aller Art. Ich besuche alles dieß, doch mit Mäßigung, d. h. nicht zu oft. Letzthin war auch im Opernhaus ein gewaltiger Maskenball, wo ich mich tüchtig herumtrieb. Du siehst, ich genieße etwas die Welt, und das schadet nichts. Wenn man den ganzen Tag studirt, geschrieben und gelesen, ist man wohl zufrieden, Abends irgend einen Jux zu haben. Dafür sticht dann eine große Stadt wie Berlin ziemlich schroff ab gegen unser kleinstädtisches Wesen und Treiben in der Schweiz. – Ich muß dir offenherzig gestehen, es gefällt mir das Leben in Berlin besser als bisher irgendwo. Die Vorlesungen an der Universität sind trefflich, ich wohne im schönsten Quartier der Stadt – «Unter den Linden» – an Freunden mangelt's nicht – und der Freuden gibt's nur zu viele. Freilich ist bei allem dem das Leben allhier horribel theuer. Da fliegen einem die preußischen Thaler (26 Btz.) – Papiergeld meistens – wie Nichts aus der Tasche, und da muß man denn oft zum lieben Banquier gehen und in die Casse greifen lassen. Logis, Nahrung, Vorlesungen, Privatstunden – Theater, etc. alles ist weit, weit theurer als bei uns. Doch daran brauchst du z. B. dich wenig zu kehren! – Auf jeden Fall ist der Aufenthalt Berlin's im Winter viel angenehmer als im Sommer, da es von der Natur etwas stiefmütterlich behandelt ist. Da werden denn an Ostern und im Herbst Reisen unternommen, um etwas andere Luft zu schöpfen, was ich sehr gern habe. |

A propos. Du schreibst mir von einem Brief13, den du mir nach Stuttgart addressirt habest. Der ist wahrscheinlich verloren gegangen. Hn Klaiber14 dafür zu schreiben, wäre unnütz. Ich hatte ihm bald nach meiner Ankunft allhier geschrieben, und gesagt wo ich wohne. Er weiß also meine Adresse, und wäre ihm dein Brief für mich zugekommen, so hätte er ihn wohl hieher adressirt. So unhöflich und schuftmäßig wär er nicht, daß er ihn behalten hätte. Da bitte ich dich, du mögest mir den Inhalt desselben kurz angeben in deinem nächsten Briefe. – Jetzt lebe wohl, theuerster Freund, empfehle mich dem Andenken deiner Eltern, Verwandtschaft und Nachbarschaft, und glaube, es sey der deine auf ewig

Friedrich von Mülinen

Grüsse mir auch den J. Escher u. d. übrigen.

A propos. Ist Hr Schwytzer noch immer bei euch?

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2καλή (gr. ): schönen.

3Philister (studentisch): jemand, der kein Student ist; Bürger, Spiessbürger, Hauswirt.

4 Johann Gottfried Herder (1744–1803), deutscher Theologe, Philosoph, Dichter, Kunst- und Literaturtheoretiker.

5 Vgl. Herder, Ideen.

6 Karl Sigismund Kunth (1788–1850), ordentlicher Professor für Botanik an der Universität Berlin.

7 Hermann Burmeister (1807–1892), Privatdozent für Zoologie an der Universität Berlin.

8 Franz Julius Ferdinand Meyen (1804–1840), ausserordentlicher Professor für Botanik an der Universität Berlin.

9 Johann Christoph Friedrich Klug (1775–1856), ausserordentlicher Professor für Entomologie und Direktor der entomologischen Sammlung an der Universität Berlin.

10 Martin Lichtenstein (1780–1857), ordentlicher Professor der Zoologie und Direktor des zoologischen Museums an der Universität Berlin.

11Vermutlich Hans Conrad von Escher (1814–1867), von Zürich, Rechtsstudent.

12 Heinrich Meyer (1817–1896), von Zürich, Philosophie- und Rechtsstudent.

13Brief nicht ermittelt.

14Person nicht ermittelt. – Professor Klaiber war Mülinens Hauswirt während seines Gymnasiumsbesuchs in Stuttgart 1836. Vgl. Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, 5. Januar 1836.