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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0134 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Berlin, Dienstag, 17. Januar 1837

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Berlin, Dienstags (Anton) vide Calender den 17ten Januar im Jahre des Heils 1837.

Mein Theuerster!

Du wirst vielleicht kaum deinen Augen trauen, wenn du einen Brief von meiner Hand erhältst. Allerdings lange und nur zu lange war unsre Correspondenz unterbrochen. Erst die Reise hieher, dann mein neues Leben und Treiben auf der Universität, und was noch den Aufenthalt einer großen Stadt mit sich bringt, dieß Alles lenkte mein Gedächtniß etwas von dir ab, als plötzlich die Kunde von der Verlobung deiner Schwester mich aus meiner Vergessenheit aufschreckte. Es ist also meine Pflicht, ehe ich dir von mir erzähle, meine Glückwünsche für jenes frohe Ereigniß deiner ganzen Familie unterthänigst darzu bringen. Es hat mir eine große Freude gemacht. Den künftigen Hrn Gemal, Hn Stocker, habe ich zwar nicht die Ehre zu kennen. Wie ich gehört, war er auch früher in Berlin.

Um auf meine Wenigkeit zu kommen, so kann ich dir sagen, daß ich mich hier sehr wohl und glücklich befinde, und ich wünsche nur, daß du bald einmal hieher kommen mögest, um mein Glück zu vervollkommnen. – Ich habe also Stuttgart den 24sten September im Jahre des Heils 1836 in gutem Wohlseyn verlassen (du siehst, ich bin jetzt guter Laune); von Heidelberg aus machte ich die Reise mit 2 andern Bernern. Unsere Route ging durch Frankfurt (nämlich Frankf. am Mayn, wohlverstanden), Weimar, Leipzig u. Dresden nach Berlin. An den meisten bedeutenderen Orten hielten wir uns einen oder paar Tage auf, um die Merkwürdigkeiten zu besehen, so in Dresden eine volle Woche. Endlich langten wir Mittwoch Abends den 13 Oktober mit der Schnellpost ermüdet, aber doch glücklich hier an. Die ersten Tage vergingen mit Aufsuchen eines logis, Immatriculation, Besuchen aller Art, so auch bei den Professoren. Betreffend meine Wohnung, so wohne ich ganz nah an der Universität, nämlich in der schönsten | Straße Berlin's – Unter den Linden No 41, 3 Treppen hoch. Ich habe zwar bloß 1 Zimmer, aber es ist groß, hoch, hübsch austapezirt, und, was das Beßte, mit einer trefflichen Aussicht. (Meine Philisterin ist eine ehr würdige Matrone, eine Geheim Räthin Frank.) Die meisten meiner Schweizer-Freunde und Bekannten wohnen unter den Linden oder doch in der Nähe. Zürcher sind hier folgende, die ich sehe: der lange Hottinger, der in allen möglichen Gesellschaften glänzt, Pestalutz (dessen Eltern oben an der Kirchgasse wohnen, wie ich glaube) und Heinrich Escher, der älteste Sohn des Hn Alt-ober-amtmanns Escher von Wädenschweil. Ausser ihnen und den Bernern einige Genfer, Neuchateller, und andere. Von St Gallen ist hier: Maxim. Scherer von Scherburg auf Castell, ein recht guter Freund, und der sich viel dem Andenken deiner Eltern empfiehlt, auch gratulirt zur Verlobung, sowie C. L. Wurstemberger aus Bern, der sich dem Andenken Hn Stockers empfiehlt. Wir 3 sprechen öfters unter einander von Zürich u. s. w. Leider werden beide diesen Frühling Berlin verlassen. Es ist überhaupt ein sehr gutes Einver ständniß unter den Schweizern, allhier da weiß man von keiner Eifersucht zwischen Bern und Zürich, etc. Man ist immer guter Dinge und sieht sich viel. Es sind immer über 20 Schweizer der verschiedenen Cantone, die ich näher kenne. Es sind 2 verschiedene cafés des Samstags Nachmittags um 3 Uhr, der Zürcherische und der Bernerische, denen sich die aus and. Canton anschließen. Nur die von Neuchatel als einer Preußischen Provinz sind davon ausgeschlossen. Wir speisen auch der Mehrzahl nach an demselben Orte. – Nun ein Wort von der Universität und meinen Studien. Es herrscht hier kein Universitätsleben wie in Süddeutschland, und Gottlob! Jeder ist still für sich, es sey denn im Kreise seiner Freunde, man arbeitet mehr, man verwahrt die Gesundheit vor dem vielen Biertrinken, und Duelle werden durchaus nicht geduldet. Die meisten sind noch gut angekleidet, und tragen Hut und Halsbinde, wie z. B. meine Wenigkeit. Es sind immer bei 2000 Studenten im Ganzen. Da wimmelt's und krabbelt's in den Gängen des großen Universitätsgebäudes in den Zwischenstunden, daß man sich nur mit Mühe durchdrängen kann. Die Universität ist zwar neu (gestiftet anno 1810), hat aber von jeher ausgez. Professoren gehabt; in der Theologie Neander und Marheineke, in der Jurisprudenz v. Savigny, in der Medicin Beck , Gräfe, Rust, in der Philosophie Steffens u. einige Hegelianer, in der Philologie Böeckh u. Zumpt, in der Geschichte Wilken, Raumer u. bes. Ranke, in der Geographie Ritter, etc. Fichte, Wolf, Hegel, Schleiermacher, Hufeland sind alle nicht mehr. – Was meine Vorlesungen | betrifft, so habe ich deren folgende vier: Morgens von 8–9 Uhr Römische Rechtsgeschichte bei Professor Rudorff, von 10–11 Uhr Juristische Encyclopädie bei Professor Klenze, von 12–1 Uhr Geschichte des Mittelalters bei Prof. Ranke, und Abends von 5–6 Uhr Allgemeine Erdkunde bei Ritter. Du siehst also, daß ich zwar 2 juristische Vorlesungen anhöre, aber deßwegen das Studium der Geschichte, was immer mein Lieblingsgeschäft bleiben wird, wie der Geographie nicht vernachlässigen. Rudorff und Klenze sind wohl die ausgezeichnetesten Schüler Savigny's. Ranke, noch ein ganz junger Mann, noch nicht verheirathet, ist der Stifter einer neuen historischen Schule. Er wirft seine Ideen mehr hin als daß er einen ordentlichen Vortrag hätte. Endlich Ritter, der Gründer einer neuen Wissenschaft, der vergleichenden Erdkunde, ist mir zu ausführlich und weitschweifig, und als ein schon ältlicher Mann ist sein Vor trag etwas einschläfernd. Allein der Stoff, das, was er sagt, ist höchst anziehend. – Ich werde nächsten Sommer die Institution bei Savigny, den Winter darauf die Pandecten bei demselben hören, und erst dann das Ger manische Recht, das deutsche Privatrecht, Staatsrecht, Strafrecht, Erbrecht, Civilproceß, etc. etc. So werde ich im Ganzen genommen 2 ½ Jahre allhier zubringen, worauf ich dann der Heimath zu wandern werde. – Du mußt aber nicht glauben, daß ich den ganzen Tag studire und arbeite (überdieß ist das Studium der Jurisprudenz im Anfang noch ziem lich leicht, erst mit den Pandecten geht's los), ich habe auch meine Zeit zu meinen Lektüren, zu m. Besuchen, und Abends gehe ich so wöchentlich einmal in's Theater, deren hier im Ganzen nebst dem französ. 4 sind, 3 königliche u. 1 an deres. Die Oper, mein Liebstes, ist leider schlecht bestellt, umso besser das Schauspiel u. bes. das Ballet, das der König viel zu sehr begünstigt, und wofür man unsinnig verschwendet, als ob ein paar Tänzerinnen das Erste auf Erden wären! Von Gesellschaften besuche ich namtl. und bes. nur die des diplomatischen Corps, das vom Hofe ganz getrennt ist. Die meisten dieser Gesandten empfangen einen gewissen Abend der Woche, und wer einmal eingeführt ist, der kann hingehen oder nicht, das ist sehr bequem. Im letzteren Fall braucht man sich nicht zu entschuldigen. Nur wenige Schweizer kommen dahin, unter ihnen Scherer, was mir sehr lieb ist. – Somit hätte ich dir denn in einem kurzen Ueberblick gemeldet, was ich zu sagen hatte. Und es bleibt mir nur noch der Wunsch übrig, du mögest doch sobald als möglich (ich hoffe noch dieses Jahr) hieher | kommen, und da werden wir ein lustiges und angenehmes Leben mit einander führen! Sage mir doch in deinem nächsten Briefe, der hoffentlich bald erfolgen wird – denn schreibselig bist du eben nicht – welche Zürcher noch außer dir dieses Jahr oder das folgende nach Berlin kommen werden. Fritz Wyß, der am Neujahr von Bern aus mir ge schrieben, hat mir gesagt, er werde auch hieher kommen, und wer denn sonst noch? etwa Jacques Escher aus dem Wollenhof, oder ein Schultheß (ich meine nicht den Thörli), oder ein Orell oder ein Meyer? u. wie sie alle heißen.

Jetzt, mein lieber Freund, sehe ich mich genöthigt, zu schließen aus Mangel an Raum auf dem Papier, sowie an eigentlichem Stoff. Wenn ich dir auch selten schreibe, so denke ich um so mehr an dich, und vollends wenn wir dann hier bei sammen seyn werden. Ich hoffe aber, du werdest mir – ich sag'es noch einmal – bald schreiben, und mir in deinem Briefe von deinem Treiben und Thun, von der jetzigen Gesellschaft in Zürich etc. Theater etc. etc. schreiben, sowie mich dem Andenken deiner Eltern, deiner Schwester, etc. bestens empfehlen.

Dein treuster Freund

Friedrich von Mülinen.