Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0132 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Stuttgart, Mittwoch, 24. August 1836

Schlagwörter: Feiern und Anlässe, Freundschaften, Gymnasien, Privatunterricht, Reisen und Ausflüge, Turnen und Sport, Universitäre Studien

Briefe

Stuttgart, (Bartholomäi) den 24sten August im Jahre des Heils 1836!!

Mittwoch Nachmittags.

Treuster und bester Freund!

Verzeih mir daß ich nicht bloß Wochen, sondern ganze Monate verfließen lasse, ohne dir wieder Etwas von meinem Leben und Treiben mitzutheilen. – Ich bin also noch immer in Stuttgart, der höchst langweiligen Schwaben Hauptstadt. Diesen ganzen Sommer haben die Curse nicht aufgehört. Man hatte nur von Pfingsten etwas über 14 Tage Vacanz, welche freie Zeit ich zu einem höchst anziehenden Aufenthalte in Augsburg, München und Nürnberg verwandte, indem ich ganz allein immer in ganz Baiern herumreiste. Was ich aber Alles Schönes und Herrliches bes. in München gesehen, davon einst mündlich ein Wort, d. h. in Berlin. - Diesen Sommer war Alles in die Bäder gegangen, nur die armen Gymnasisten mußten zurückbleiben und in der heillosen Hitze arbeiten. – In unserm Gymnasium geht's immer ziemlich gleich. Wir haben Platon's Phädra beendigt, auch die Satiren des Horaz, und einige vom Juvenal, die schwerer sind, und nun fangen wir gar an die Satiren des Persius zu lesen. – In Tacitus (Annalen) rücken wir brav vorwärts. Oedip. Colon. v. Sophokl. ist sehr schön. Auch mach' ich immer griechische Argumenten (keine lateinische mehr) und deutsche Aufsätze (so letzlich einen über die Theorie der schönen Kunst). Mathematik haben wir diesen Sommer nicht mehr gehabt (im Winter nur Trigonometrie). In der allgemeinen Geschichte sind wir im Anfang des 18ten Jahrhunderts und in der Geschichte der Philosophie bei Leibnitz und dem pluralistischen Monismus. Ich hoffe daß wir bis auf Schelling und Hegel kommen werden. Es ist mir eine der liebsten Stunden. So viel v. Gymna | sium. Was meine Privatstunden betrifft, so ist darunter eigtl. nur Englisch begriffen, und diesem ergeb' ich mich mit vielem Eifer. Seit Pfingsten les ich mit meinem Lehrer den Shakspeare. Ich habe den Kaufmann v. Venedig beendigt, u. bin jetzt an seinem Meisterwerk, dem Hamlet. Allerdings ist es sehr schwer, und ich muß eine Menge Wörter aufschlagen. Ich brauche auf 1 Lektion immer 2 Stunden Präparation. Dabei habe ich wöchentlich ein Argument vom Deutschen in's Englische. Die Aussprache ist mir noch nicht recht ge läufig; um es aber recht zu lernen, spreche ich mit meinem Lehrer immer nur englisch. Du siehst, ich beschäftige mich viel damit, u. ich finde großen Genuß dabei. Außerdem reit ich zwar noch immer, aber wegen der Hitze selten. Hingegen hab ich den ganzen Sommer wieder zu fechten und zu voltigiren angefangen. Unter'm Fechten versteh ich das Floret, denn mit dem Rapier ist's keine so große Kunst, und da ich nicht auf eine kleine deutsche Universität, sondern in die größte, Berlin, wo 2200 stud., so hab ich es auch nicht sehr von nöthen, da dort das deutsche Burschenwesen nicht Statt findet. Was meine Cameraden allhier betrifft, so hab ich deren einige, als einen Freund aber nur einen hier das Deutsche lernenden Engländer, Neffen des Herzogs von Wellington, u. (d. jung.Engld., wohl verstden) den ich vielleicht einmal in London besuchen werde. Die Schwaben sind mir viel zu schwäbisch, d. h. zu kurzsichtig, langweilig, einfältig, dumm, etc. – doch nichts ohne Ausnahme! Ich bin diesen Sommer auch ziemlich viel in's Bad gegangen, nämlich in den Neckar bei Kannstadt, wohin man immer (Abends) eine Stunde weit hat, aber es ist auffallend, wie wenig Leute hier schwimmen können. – Von Festlichkeiten ist nicht viel. Ich gehe jedoch alle Donnertage u. Sonntage in e. öffentlichen Lustgarten trinke mein liebes Bier (an das auch ich mich angewöhnt habe) und dann wird von 8-11 Uhr Abends alle 14 Tage am Donnerstage getanzt, wo ich weidlich mich herum tummle. Heut fängt das Theater nach 2 Monaten | Stillstand wieder an, und zwar mit Mozart's Don Juan, was ich noch nie gehört. – Alle meine übrige Zeit bringe ich mit Lektüren zu, französischen sowohl als deutschen. So les ich viel von Herder, Wieland, Klinger, dessen philosophische Romane, 12 Bde, mich sehr interessiren. Wenn ich in Berlin bin, will ich dir dann mein ganzes Lektüren-verzeichnis zeigen. Auch hab' ich vor einiger Zeit W. Meister's Lehr jahre, v. Göthe, e. unübertreffliches Werk, gelesen. Dennoch überfällt mich oft Langeweilen, u. manch mal das den Schweizern so eigenthümliche Heimweh. Oft denk ich dann z. B. an Zürich's liebliche Gestade zurück, und den frohen Stunden, die wir mit einander verlebt. Ich hoffe: einst wird [ἕσσεται δ'ἦμας?] kommen der Tag, wo wir uns widersehen, und die Bande der Freundschaft noch enger schließen werden können. Und will's Gott! ist dieser Tag nahe, ich meine nämlich unser baldiger Aufenthalt in Berlin. Denn wisse, ich gehe ab von hier Anfang Oktobers od Ende Septembers, mache dann noch die Rheinreise; komme v. Köln nach Frankfurt zurück, u. [gehe?] wahrscheinlich von da über Cassel, Braunschweig, Göttingen, Hannover u. Magdeburg nach Berlin, wo ich noch 14 Tage vor dem Anfange der Curse, Mitte Novembers, einzutreffen suchen werde, [um?] mich vorher noch recht in Allem einzurichten u. zu orientiren. Nun frag ich dich, wann gehst du nach Berlin? Denn ich vermuthe, du habest jetzt die 3 Classen des obern Gymnas. in Zür. durchgemacht. Wie wäre es, wenn du mich in Stuttgart abholen würdest, und wir dann zus. eine flotte Reise unternehmen würden?! Denn allein zu reisen ist sehr unangenehm. – Sage mir nun, in deinem nächsten Briefe und d. h. so schnell als möglich welches deine künftigen Plane seyen, wann du nach Berlin gehest. (Auf jeden Fall gehe ich vorher nicht mehr nach der Schweiz zurück, was nicht der Mühe werth wäre). Nun lebe wohl, theuerster Freund, schreib mir bald, ich bitte dich, empfehle mich deinen Eltern, dr Schwester, etc., auch Fritz Wyß, d. Escher im Wollenhofe, und sey versichert, daß ich immer und ewig dein seyn werde.

Dein treuster Freund

E. F. von Mülinen.

NB Du weißt, daß ich das Unglück gehabt, mein kleines Schwesterchen zu verlieren, hingeg. aber d. Glück ein neues Brüderchen, einen Schwager, und e. polnische Gräfin als Tante zu erhalten. Wichtige häusl. Angelegenh. für mich!-