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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0131 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Stuttgart, Dienstag, 26. April 1836

Schlagwörter: Freundschaften, Gymnasien, Privatunterricht, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Stuttgart, Dienstag den 26sten April 1836.

Mein theurer Alfred!

Längst schon hätte ich dir wieder geschrieben, allein ich wollte erst gehörigen Stoff dazu gesammelt wissen. Ich kann dir versichern, daß ich nicht wohl irgend etwas freudiger unternehme, als wenn ich dir schreibe und mich mit dir und deinen nächsten Umgebungen beschäftige. Du weißt es ja sonst zu gut, und je länger ich von dir entfernt bleibe, desto mehr vermiß' ich dich. Nun zur Sache! Vor allem aus danke ich dir herzlich für deinen Brief vom 2ten April, den ich richtig empfangen. Aus dem ganzen Inhalte desselben geht hervor, daß du dich zu einem ächtdeutschenGelehrten heranbildest. Ich hoffe aber dabei, daß du auch Erholungsstunden habest, wie ich jetzt namentlich mehr freie Zeit habe als früher. Ich habe jetzt Einiges aufgegeben, und zwar im Latein, das zu Hause aus zu arbeitende Argument, sowie im Griech. den höchst langweiligen Thucydides. Beibehalten habe ich sonst alles Andere, d. h. 1) im Latein den Horaz (beim Schwab) wo wir jetzt statt den Oden die Satiren übersetzen, die schwerer sind, (in den Satirenstyl muß man sich eigens hineinarbeiten.) – nach Pfingsten werden wir des Juvenal und Persius Satiren beginnen, bekanntlich das allerschwerste im Latein. Doch nur frisch d'ran! ferner des Tacitus Annalen jetzt im 1sten Buche, cap. 37 – geht ziemlich langsam vorwärts; endlich das latein. Extemporan. (in d Stunde selbst): – im Griech. Platon's Phädra, dessen Uebersetzen an und für sich nicht so schwer hält, als das Verstehen u. Begreifen der Aussprüche u Meinung. Es ist wirklich was Einziges, wie jener Mann (Sokrates) einzig unter allen Heiden die Begriffe des späteren Christenthums zum Voraus ahnete. Die Meinungen über den Zustand der Seele nach dem Tode sind wirklich einzig in ihrer Art – Sophokles's Oedipus Coloneus, statt der Ilias, die wir in diesem Winterhalbjahre lasen – und zwar, wöchentl. 2 Stund., das 1ste, 2te (mit Ausnahme des Schiffskatalogs) das 3te, 6te u. 7te Buch: das 6te ist weit das schönste davon, u. vielleicht der ganzen Iliade – namtl. Hektor's Abschied von der Andromache – berühmt sind auch die Verse (vide, wenn dies gefällig ist) 429, 436 u. besders 448 u. 449, welche Scipio Africkanus auf den Ruinen von Karthago in prophetischem Gefühl des einstigen Sturzes Roms aussprach. – Es ist | mir sehr lieb, daß wir nun etwas Anderes lesen, denn in Homer kommt zuletzt doch immer dasselbe wieder vor, und manchmal erscheint er mir etwas kindlich neben jenen groß. Helden die er schildert: lieb ist es mir, daß wir eine Tragödie und zwar gerade Oedip. Colon. d. Soph. haben, weil ich dess.Oedip. Tyrann. in Neuenburg hatte, und Oedip. Colon. ist ja die unmittelbare Folge davon. – Endlich habe ich das griech. Argument beibehalten, um mich in dieser Sprache noch recht zu stärken. Dieß über d. Philologie! Sonst habe ich beibehalten: Allgemeine Geschichte (jetzt bei Muhammed u. d Chalifen), Kirchengeschichte (jetzt unmittelbar nach Karl d. Groß.), Geschichte der Philosophie, jetzt dann bei den Neu-Platonikern. Dieser Kurs ist ziemlich gedrängt, aber vortrefflich. Es sind darin die 4 großen dogmatisch. Systeme des Plato, Aristoteles, Zeno (d. Stoik.) u. Epikur trefflich auseinandergestellt, auch die Systeme des älteren Pythagoras, des späteren Seneca, Epiktet, etc. Ich habe eine große Vorliebe für die Philosophie bekommen, ich beschäftige mich gar viel mit dieser Mutter der Wissenschaften) – ferner Deutsch, wo rin a) Deklamation, wo Jeder das Catheder besteigen muß, um von da herunter zu peroriren b) Aufsätze meistens historische, was mir, wie du begreifst, sehr lieb ist. Auch habe ich immer: gut – rechtgut, endlich Aesthetik und Poetik, das doch weniger trocken und abstrakt ist als das Erstere. Ueberhaupt leben und weben mir die Deutschen viel zu viel in den reinen Theorien und w enn sie dann ihr Wissen praktisch und im Leben anwenden sollten, so wissen sie sich nicht zu helfen. Da sind die Franzosen andere Kerls! Sie sind eher noch zu praktisch! – Leid thut es mir, daß im Sommerhalbjahr keine Trigonometrie Statt findet, die ich sehr gerne habe: warum man sie nicht mehr hat? weiß ich nicht! – Betreffend meine Privatstunden, so treibe ich immer rasend viel Englisch. Ich werde zuletzt ein völliger gentleman. Ich habe nur 3 Stunden wöchentlich, arbeite aber für jede derselben immer 2 Stunden, die Eine für die Grammatik (Syntax), die ich nächstens beendigt haben werde, und die Andere zum Uebersetzen meiner höchst interessant. Englisch. Geschichte (jetzt in der langen Regierung Georg des III begriffen). Endlich setze ich meine Reitstunden immer fort: bei schönem Wetter geht's hinaus, bei schlechtem bleibt man in der Bahn. – Dieß nun meine Stunden. Da ich aber, wie ich gesagt, viel freie Zeit habe, so halte ich auch viele Lektüren, | theils deutsche, theils französische, um wenigstens diese Sprache nicht etwas zu vergeßen, obgleich ich hier mit verschiedenen Personen, namtl. in der Gesellschaft innen, französisch spreche. Im Deutschen habe ich Herder's Ideen zur Philosophie der Gesch. d. Menschheit nebst d. [Posterioren?], im Gzen 5 Bde, beendigt, und nun seine Adreßen begonnen, d. h. einzelne Abhandlungen, politische u. wissenschaftliche, in Bezug auf das 18te Jahrhundert. Es ist e. wahrhaft historisch-philosophischer Schriftsteller! Zur Abwechslung lese ich Wieland'sche Romane, wie jetzt s. Agathon (4 Bde, ziemlich frivole Lektüre! später werd' ich Einiges aus Engel u. Jean Paul lesen, – im Französ. des Delavigne sein théâtre und seine Messéniennes, und Einiges aus [Florian?], wie s. Numa Pompilius. – Du frägst mich nun, welches meine Universitätsplane seyen? Vor allem aus will ich dir sagen, daß ich diesen Herbst unfehlbar und gleich nach Berlin abgehe, und zwar werde ich vorher kaum in die Schweiz zurückkehren, um meine Eltern zu besuchen. Im Gegenth. werde ich die freie Zeit zu Reisen benützen, was sehr interessant ist. Ich freue mich sehr darauf, denn alle meine Berner-, Neuenburger- u. Zürcher Freunde werde ich dort sehen, aber daß ich dich dort wieder haben werde, das geht mir über Alles! Ja, komme nur, und hole mich in Stuttgart ab. Wir werden ein freies Leben zus. führen. Doch gedenke ich dort te[...?] arbeiten. Die Kurse, die ich dort hören werde, sind namtl. die juristischen, u. [auch?] die philosophischen, ferner die g[...?] lichen, auch vielleicht (allgemeine) Anatomie, was ja sehr interessant ist, u. Physik. Betreffend die philosophischen, so [s/h...?] ich vielleicht einen Terenz, od. Plautus, od. Aristophanes, od. Euripides, od. Seneka, kurz die Dicht. der Bühne. – Ich hoffe aber auch etwas die Welt zu genieß., u. dafür einige Empfehlungen zu bekommen. – Ich meinerseits bin hier nicht mehr so sehr in der Welt. Mit Ende Winters sind auch dessen Freuden vorbei. Es gibt keine Bälle bei Berold. mehr, wo mich die allzu große Etiquette, die vielen Orden, [Sporen?], etc. abschreckten u. es so steif zuging. Auch das Theater besuche ich nicht mehr so viel, wenn es auch bis in den Juni dauert. Denn wer wollte an einem schönen Sommerabend sich in einen dunklen, v. vielfach. Kerzen blendenden Saal begeben?! – Betreffend die Politik, so lese ich freilich jeden Tag die Zeitung meines Profeßors (d. deutschen Courier, in Stuttg. erscheinend), allein da ist nur von ewigen Eisenbahn-projekten in Deutschland die Rede, und blutwenig von unserer geliebten Helvetia! Hingegen habe ich höchst erfreuliche Nachrichten von Haus aus. Du wirst gewiß schon erfahren haben, daß meine (ältere) Schwester sich vor einiger Zeit mit e. Herrn v. Büren verheirathet hat, den | ich jedoch gar nicht kenne. Er hat ein Gut Denans genannt im Waadtland am Genfersee, und ich werde dereinst gewiß seine Weinberge fleißig besuchen!! Ferner wisse, daß ich ein neues Brüderlein bekommen habe von meiner Stiefmutter, was mich ungemein freut. Er soll Albert heißen, wie ich glaube – od vielleicht auch Leopold. – Um die Verbindg. zwisch. Hrrn. May u. Nanny Escher hatte ich schon längst gewußt u. zwar dch meinen Vetter Robert v. Erlach, mit dem ich im Briefwechsel stehe. – Aber beinahe hätte ich vergeßen, dir etwas sehr Wichtiges mitzutheilen. Daß ich nämlich in meiner Woche Ostervacanz eine Reise nach Heidelberg, von da nach Straßburg u. von dort hieher zurück, gemacht habe. Leider war's Regenwetter, so daß ich immer im Eilwagen mich von einem Ort zum andern verfügen mußte, so genoß ich nicht der schönen Natur, dagegen guter Bekannten in Heidelberg u. Straßburg, d. h. an beiden Orten alten Berner-genossen, die mich gratis traktirten! Jedoch sah ich an beid. Orten die Merkwürdik., in Heidelberg die herrlichen Schloßruinen, von wo man bis in die Vogesen hineinblickt, u. wo auch das große Heidelberger Faß v. 33 Fuß Länge u. 24 Fuß Durchmesser, auch einige Hörsäle der Universität: – in Straßburg den gotisch. Münster, dessen Thurmspitze ich beinahe ganz erstieg, das Grabmal des Marschalls v. [Sachs.?], die Bibliothek, das Naturalienkabinet (reich an Muscheln u. Mineralien), das Innere des Theaters, etc. – Jetzt lebe wohl, mein theurer Alfred, grüße mir vielmals deine Eltern, deine Schwester, den Hn Schwytzer, wenn er noch bei euch ist?, die Eschers im Wollenhofe, auch F. v. [W.?], und vertraue u. schreibe bald deinem dich innig liebenden Freunde,

E. F. v. Mülinen.

N. B. Der Brief ist mit dem Petschaft versiegelt, das du mir geschenkt. Du siehst, es ist mir auch in die Ferne gefolgt, als theures Pfand deinr. Freundschaft.

An wem hängt dein Herz? an N. Escher, Gespielin der N. etwa?