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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Tschudi

AES B0130 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#507*

In: Jung/Fischer, Escher Briefe, Band 2, Nr. 11

Johann Jakob Tschudi an Alfred Escher, Glarus, Samstag, [9.] April 1836

Schlagwörter: Entomologie, Gymnasien

Briefe

(Glarus)

[Schneeloch?] im Aprill des Jahres, da man zählet 1836 Jahre.1

Wenn ich mich, mein theuerster Alfred, zur Beantwortung deiner Zeilen2 hinsetze, so geschieht es nur aus der nämlichen Ursache, welche dich bewog, mir durch deinen Brief einige vergnügte Stunden zu verschaffen. Ohne deinen höchst sonderbaren Gedankengang nachzuahmen, will ich Dir deine Fragen einfach beantworten, ohne (?!) des Südens dunkles Naß, noch Virginiens braunes Pulver vor mir zu haben um mich auf den Standpunkt dichterischer Begeisterung zu versetzen, von dem, du einem Musensohne, der auf den lachenden Fluren des reizenden Glarus (Glariser Fluren ist auch gar zu wenig erhaben) sinnig & geistvoll und – Krötenfangend umherschweift, so herrliche Gaben mittheiltest. Ich könnte hier einige moralische od. vielmehr moralisierende Philosopheme aus deiner Einleitung ziehen, die jedoch dem Tadel ausgesetzt wären, sie seien erstens unpaßend und 2tens unwichtig, deswegen will ich mich nicht der Gefahr aussetzen, mich in eine Disputation mit einem beißenden Recenzenten, als welchen ich, wenn ich meine Sätze hier hersetzen würde, meinen Oponenten kenne, einlaßen. Ihr guten Götter – laßt mich nicht abschweifen. Die erste Frage ist nun ob ich bedeutende reptiliologische Ausbeute in hier gemacht habe? Das ist nun keineswegs der Fall; nicht einmal einen Froschschenkel habe ich in Glarus gesehen. (im Canton Schwiz (in Lachen) sah ich welche gebakene bei Herrn Landammann Schmid3 & aß auch davon). Die ersten Tage meines hiesigen Aufenthalt regnete es & seit 8 Tagen schneit es so erbärmlich, daß wir beinahe Schuh hoch Schnee haben. Dadurch bin ich auf meine Stuben gebannt & der Verzweifelung nahe. Was soll ich unglüklicher Mann thun? Die wenigen Eidechsen, die ich zur Untersuchung mitgenommen habe, kenne ich nun durch und durch, habe beinahe alle ihre Schuppen gezählt & sie zu hundertmalen von allen Seiten mit bewaffnetem und unbewaffnetem Auge betrachtet und untersucht. Entomologische Schätze stehen mir ebenso wenig zu Gebot, und die geringe Mineraliensammlung, die ich in hier besitze ist seit Jahren schon durchgesehen & iterum4 vorgenohmen. Belletrischtische Sachen mag ich nicht lesen, noch weniger historische und geographische. Ich beschränke mich daher auf mich, und versuche zu denken; ich stelle Hypothesen auf & schmeiße sie wieder zusammen schreibe Bogen voll & reiße sie wieder durch und alles sind nur Versuche über die Bildung des Materialismus. Ich kriege bald Heimweh nach der alten Zürich wo ich der Minerva und ihrer Schwester opfern kann. Hier tretten mir im ersten Falle so viele Hinderniße in Weg, daß ich gar nicht vor dem Altare der hauptensprungenen Tochter des Donnerers knien mag. |

Ich habe mich nun auf auf Psychologie & Physiognomik auch gelegt & suche ein wenig Weltkenntniß zu erlangen; auch habe ich es mir zur Aufgabe gemacht den Nationalcharakter der Glarner zu prüfen & zu studieren; ich steige desnahen oft in Kneipen um das Volk in seiner Unterhaltung ein wenig zu belauschen, ich mische mich, wie es gestern, an der gepriesnen Fahrt5, zu geschehen pflegte unter den Haufen und höhre, ich vergleiche ihre Reden & Urtheile mit ihren Physiognomien & ihrem Gange & finde dadurch etwelches Intresse.

Deine Examenrelation hatte bedeutende Anzüglichkeiten für mich & ich gratuliere dir von Herzen zum 4t Platz in der 4t Collocation! Froh bin ich, daß ich nicht mehr mithalten mußte, denn mehr oder weniger Unannehmlichkeiten sind immerhin bei solchen examinibus publicis6. Wenn ich dir ausdrüken könnte, wie viel Spaß mir das zu Tage geförderte Erz deiner gesprungen poetischen Ader verursachte, so würde ich es thun, da aber meine Feder dazu zu schlecht ist, so versichre ich dich, daß ich täglich einige mal mir subridens7 wiederhole tum paserum omnipotens pater intravitque dixitque8 und mit Vergnügen hinzusetze Jacob du must nicht schwazen. Wenn der père des passeraux9 deinen Vers kennte er würde ihn gewiß unter vielem Husten zu seinem plaisir recitieren. Ja sogar Virgil10 & Horaz11 würden nieder steigen, die Siegespalme von ihren ehrwürdigen Häuptern herunternehmen & des goldgelokten Jünglings Schläfen damit umwinden & ihn herauf in den Olymp unter die Schaaren der ehrwürdigen Meister nehmen. Der blinde Homer12, würde dich begrüßen, und Fingals Sänger13 an der Hand seines Knaben geleitet, würde dich empfangen und zu den alten deutschen Barden führen, die den Ganymed mit kräftiger & biderer Rechten willkommen heißen würden. Ich sehe schon wie an der reich besetzten Tafel du mit den Elysischen Ambrosia ißest, jetzt naht sich eine reizende Hebe & bietet dir an den Trank der uns Sterblichen nicht mehr vergönnt ist. Du empfängst ihn mit dankendem Blike, benezest die Rosenlippen und verschmolzen sind vor deinem Blike die ehrwürdigen Väter & Barden. Du siehst nur dich & indem du von neuem in die Saiten fällst um den Heldengesang passerum patris14 fortzusetzen – so – Auch die Natur hat ihre Rechte, und da es die Zeit verlangt, will ich ihre Forderungen bei einem Glas guten, alten Veltliner stillen um jene schönen Träume zu vollenden. |

Spät setze ich mich noch einmal hin um diese Epistel zu beenden. Samstags (den [16?]t) verreisen 2 Glarner um das Gymnasium in Zürich zu frequentieren. Der erstere ist ein Streiff15, ein sehr fähiger Kopf, der gewiß einen ehrenvollen Platz in der ersten Classe einnehmen würde; er zieht es aber vor in die 4t des untern Gymnasium's einzutretten. Der 2t ist ein Freuler16, ein Seitenstük zu jenem Symbolum, das Moses den Israeliten in der Wüste aufrichtete;17 er will in die erste Classe des obern Gymnasii & würde einen schlechten Platz in der 4t des untern erhalten.

Ueber deine Versuche mit den Kerfen18 wollen wir uns mündlich unterhalten; ich sehe in der That, mit gespannter Erwartung fernern Resultaten und Beobachtungen entgegen.

Prof. Rettig's19 Tod kam gewiß fast allen Theologen erwünscht, denn mit einem kranken Docenten verhält es sich wie mit einem ungesunden Gaul, das Fuhrwerk bleibt zum Nachtheil der Kärner20 (Studenten) stehen. Rettig war seiner Kenntniße wegen achtungswerth, eine andre Seite seines bürgerlichen od. vielmehr häuslichen Leben's macht ihn hingegen weniger ehrwürdig. Herr Hottinger21 zeigte mir Rettigs Tod auf eine rührende Weise an, indem er immer «Rettich» schrieb.

Wird vielleicht Hitzig22 od. Oken23 Magnifizenz?! oder gar Herr von Pommer24 ?!25 ich bin wenigstens völlig zufrieden, daß ich des Handgelübtes in diese...l.. Hände überhoben bin.

Die letzte Woche Aprilis wird mich wieder zu Dir führen, unterdessen bitte ich dich mich Deinen Eltern bestens zu empfehlen, so wie auch Jac. Escher einen freundlichen Gruß von mir auszurichten; ich bin und bleibe unveränderlich

Dein

Tschudi.

NB. ich bin seit einigen Tagen Einsiedler, auf köstliche Weise. –

Der Himmel hat nun auch einen fatalen Strich durch die Irchelreise gezogen; ich muß auch dabei sein, sonst wünsche ich euch – (beinahe) schlecht Wetter.

Kommentareinträge

1Datierung gemäss Poststempel.

2Brief nicht ermittelt.

3 Franz Joachim Schmid (1781–1839), Grossrat, Regierungsrat und Kantonsrichter (SZ). – Schmid war 1832/33 Landammann des «Kantons Schwyz äusseres Land». Heinrich Schweizer an Alfred Escher, 14. / 23. August, 4. September 1838, Fussnote 6.

4Iterum (lat.): wiederum.

5Gemeint ist die Näfelser Fahrt. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 10. April 1840.

6Examen publicum (lat.): das öffentliche Examen.

7Subridens (lat.): lächelnd.

8Tum passerum omnipotens pater intravitque dixitque (lat.): dann trat der allmächtige Vater der Spatzen ein und sagte.

9Person nicht ermittelt.

10 Publius Vergilius Maro (Vergil) (70–19 v. Chr.), römischer Dichter.

11 Quintus Horatius Flaccus (65–8 v. Chr.), römischer Dichter.

12 Homer (ca. 9./8. Jh. v. Chr.), griechischer Dichter.

13Gemeint ist Ossian, gälischer (schottischer) Dichter des 3. Jahrhunderts; Ossians Historizität und die Authentizität der ihm zugeschriebenen Dichtungen waren schon kurz nach ihrem Erscheinen umstritten und gelten als zweifelhaft.

14Passerum patris (lat.): des Vaters der Spatzen.

15 Friedrich Streiff (geb. 1821), von Glarus.

16Person nicht ermittelt.

17Gemeint ist das Goldene Kalb. Vgl. Exodus 32.

18Kerf: Insekt, Kerbtier.

19 Heinrich Christian Michael Rettig (1795–1836), verstorbener Rektor und ordentlicher Professor für Neues Testament, Kirchengeschichte und Dogmatik an der Universität Zürich. – Rettig war am 24. März 1836 gestorben. Vgl. ADB XXVIII, S. 273.

20Kärner bzw. Kärrner: Karrenführer.

21 Johann Jakob Hottinger (1783–1860), ausserordentlicher Professor für schweizerische Geschichte an der Universität Zürich. – Tschudi hatte 1834/35 bei Hottinger gewohnt. Vgl. Schazmann, Tschudi, S. 15–17.

22 Ferdinand Hitzig (1807–1875), ordentlicher Professor für Altes Testament an der Universität Zürich.

23 Lorenz Oken (1779–1851), ordentlicher Professor für Naturgeschichte, Naturphilosophie und Physiologie des Menschen an der Universität Zürich.

24 Christoph Friedrich von Pommer (1787–1841), ordentlicher Professor für Physiologie, Pathologie, Therapie und Gerichtsmedizin an der Universität Zürich.

25Nachfolger Rettigs als Rektor der Universität Zürich wurde Karl Ludwig von Löw (1803–1868), ordentlicher Professor für deutsches Recht. Vgl. Gagliardi/Nabholz/Strohl, Universität Zürich, S. 954.