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Korrespondenz: Alfred Escher – Oswald Heer

AES B0128 | ZBZ Nachl. O. Heer 184.2

Oswald Heer an Alfred Escher, St. Gallen, Montag, 28. März 1836

Schlagwörter: Berufsleben, Entomologie, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Religion

Briefe

Mein lieber, theurer Alfred!

Herzlichen Dank für deine lieben beiden Briefe, die ich heute erhalten habe; sie haben mich ungemein gefreut, da ich durch sie mich wieder für einige Zeit mit Dir unterhalten konnte; und so manches von Zürich, das mir von Tag zu Tag lieber wird, erfuhr. Da du nun gar nichts davon schreibst, wie es Herrn Escher gehe, kann ich mit ziemlicher Sicherheit daraus schließen, daß er sich gänzlich wieder erholt habe, was ebenfalls ein Grund meiner fröhlichen Stimmung ist. Mein Aufenthalt in St. Gallen ist mir in jeder Beziehung sehr angenehm, was Du sehr leicht begreifen wirst, wenn du bedenkst, daß hier der Geburts Ort meiner V. D. M. ist, auf welchen ich mir, wie du weißt, sehr zu Gute thue. Die Schöpfer dieser V. D. M. haben mich, trotz meiner Abtrünnigkeit, sehr zuvorkommend aufgenommen, und an ihrer Seite mache ich gar manchen fröhlichen Spatziergang in die Vergangenheit hinein. Doch nicht nur der V. D. M. sondern auch der Entomologe findet hier reichliche Nahrung, ich habe nun die ganze brasilianische Sammlung durchgangen und dadurch ein ziemlich intreßantes Bild von der Maße der Kaeferwelt Brasiliens bekommen, auch nebenbei manche schöne neue Formen gefunden. Obschon ich trotz unserem Dr. Rälleli umherschnobere, habe ich leider keine Insekten von St. Domingo aufspüren können, dagegen versprachen die ausgebreiteten Verbindungen die Herr Meyer, welcher der naturforschenden Gesellschaft die [ Brasiliani ?] geschenkt hat, im neuen Continente, in Nordamerica, Brasilien, Chilé &sw. besitzt, so wie sein großer Eifer, für die Zukunft noch reiche Schätze. Auch für und vom Catalog der helvet. Kaefer, habe ich hier einige schönen Eroberungen gemacht, es sind hier einige kleinere Samm lungen, die mir wenigstens eine Idee von der Kaeferfauna der hiesigen Umge bung verschaffen. Dadurch daß ich diese Sammlungen bestimme, die eine greuliche Nomen clatur haben, gewinne ich ihre Besitzer, die nun, wenn sie Wort halten, fleißig aufs neue den Insekten nachjagen wollen. Wenn du aber aus diesem schließest, daß ich mich | hier für ganz der Kaeferey ergeben und darüber meine armselige körperliche Maschine vernachläßige, teuschest du dich sehr. Ich besuche sehr fleißig die hiesigen Gesellschaften, Cercle, litterarische Gesellschaft, Frohsinn & wie sie alle heißen mögen, werde zu großen Mahlzeiten eingeladen &sw, so daß du dich nicht wun dern darfst, wenn ich schon als ein fetter, dicker Herre wieder in Zürich einrücke. Morgen werde ich bei Herrn Meyer zu Mittg eßen, der mir schon Vieles von seinen so höchst intreßanten Reisen erzählt hat. Er bereiste die brasilian. Urwälder, hielt sich längere Zeit in Chile auf, überstieg die Anden &sw. und erzählt seine Reiseabentheuer auf sehr anschaul Weise. Sehr gefreut hat mich zu hören, daß Pöppig von allen Reisenden Chile am treusten geschildert habe, da Herr Escher großes Intreße an diesen Reisen genommen hat, wird dieß ihn gewiß auch intreßiren.

Da ich hier mehr zu thun fand, als ich anfangs vermuthete, werde ich noch ein paar Tage hier bleiben, dann aber directe nach Schaffhausen verreisen; wo ich etwa in 5–6 Tagen einzutreffen hoffe. Könntest du mir auf diese Zeit 2 mit Kupfertafeln versehene Exemplare dahin schicken (poste restante) so würde es mich freuen. Daß diese Tafeln noch nicht in Zürich angelangt, weiß ich mir auch nicht zu erklären, werde aber von hier aus Hr. Schleich schreiben.

Fast hätte ich vergeßen Dir zu sagen, daß der Schauspieler Böhm, der vor einem Jahre so sehr unsere Bewunderung erregt hat, hier für den besten Schauspieler gilt. Ich hatte große Mühe dem Theater zu entrinnen. Nächsten April wird [Erlau?] wieder hierher | kommen, doch wolle er nicht nach Zürich gehen, da man ihn dort nicht gehörig fetirt habe.

Eben werde ich zum Nachteßen abgerufen daher ich dich nur noch bitten kann, deine lieben Eltern, wie Fräulein Schwester aufs herzlichste zu begrüßen und versichert zu sein, daß immer fort & fort Ihrer wie Deiner mit Liebe gedenkt

Dein

O. Heer. V. D. M.

St. Gallen den 28sten Mart. 1836.

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