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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0127 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Stuttgart, Dienstag, 5. Januar 1836

Schlagwörter: Freundschaften, Gymnasien, Kunst und Kultur, Universitäre Studien

Briefe

Stuttgart, Dienstag den 5 ten Januar 1836.

Prosit zum Neujahr.

Theurer Freund!

Ich begreife um Gotteswillen nicht, warum du mir seit undenklichen Zeiten nicht mehr geschrieben. Ich hoffe, du wer dest mich doch nicht vergessen: ich wenigstens deiner nicht, besonders vermiss ich dich seit ich so allein u. verlassen bin in Stuttgardt, in der Kost bei ein. Professor, Hn Klaiber. Ich kann dir nun nicht Alles betreffend meine häuslichen Einrichtungen hersagen, sowie auch nicht Alles, was ich treibe. Ich hab nicht die Zeit dazu, und es wird mir langweilig, immer dasselbe so verschiedenen meiner Bekannten u. Freunde schreiben zu müssen. Daher wenn du es etwa wis sen wolltest, so frage nur darum meinen Vetter Fritz Wyß, dem ich schon 2 Briefe geschrieben u. der mir auch eine Antwort schuldig ist. Ich sage dir nur, daß ich betreffend m. Studien im hiesigen oberen Gymnasium die 10te Klasse, d. h. die welche unmittelbar vor dem Universitätsantritt steht, besuche, u. auch mit ihr für einige Fächer [sehr?] zufrieden bin. Es versteht sich, daß man da noch immer aufgerufen wird, so auch ich, da ich nicht bloß Auskultant [bin.?] Prof. Schwab, der bek. Dichter, ist mir der liebste. Was meine Erholungen, Freuden betrifft, so bin ich in verschiedene Häuser eingeführt, z. B. bei d. Prinzessin Hohenlohe v. Kirchberg, beim Graf. v. Beroldingen, Minist. der auswärtig. Angelegenheit, wo ich sehr oft hingehe (es ist auch eine sehr hübsche junge Anverwandtin seiner Frau bei ihm), u. beim Ge neral Grafen v. Palm. Außerdem besuch'ich fleißig das Theater, das ganz vorzüglich ist. Ich geh immer 1 od. 2 mal in der Woche dahin. Sonntag u. Mittwoch ist Oper, Montag Trauer- od. Schausp. u. Freitag Lust- od. Schauspiel, also 4 mal der Woche Theater! Was ich schon dort gesehen, u. über die hiesig. Schauspieler etc. vide im Briefe an Vetter Fritz! – Ich werde nun etwa bis im Herbst hier bleiben, dann geh ich so, gut vorbereitet, auf die Universität nach Ber lin, ohne einmal vorher in die Schweiz zu gehen, wenigstens glaub' ich es nicht. Freilich kann's lange dauern bis ich dich so wieder sehe, aber du kommst ja nach Berlin, oder nicht?? – Wenn ich nur mehr Nachricht v. d. Schweiz bekäme. A propos. Es sollen ja Hr v. Muralt, Hr Herzog u. d. Hr Gonzenbach wegen der Zoll-geschichten für einige Zeit hieher kommen!??! Jetzt, lebe wohl, grüße mir vielmals deine Eltern, deine Schwester, auch Hr Schwytzer, ferner die Escher im Wollenhofe, Vetter Fritz, u. s. w., u. schreibe bald deinem treusten Freunde

E. F. v. Mülinen.

NB Die Adresse an mich ist: Hr Fr v. Mül., bei Hr Prof. Klaiber an der Kasernenstraße