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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0126 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Bern, Montag, 5. Oktober 1835

Schlagwörter: Gymnasien, Kunst und Kultur, Reisen und Ausflüge, Universitäre Studien

Briefe

Bern, Montag Morgens den 5ten Oktober 1835.

Theuerster Freund!

Wenn ich nun schon seit sehr langem keine Antwort von dir mehr erhalten habe, so bin ich doch nur zu glücklich, noch die Zeit zu finden, dir in diesen meinen letzten Tagen allhier noch zu schreiben. Ich reise nämlich nächsten Donnerstag dem 8ten dieß mit meinem Vater von hier ab da die Kurse den 19ten beginnen, aber der Weg wird uns leider nicht über Zürich, sondern über Basel, ( Freiburg im Br., Karlsruhe,) allwo schon seit vielen Jahren mein Großvater (Vater meiner sel. Mutter ) ist, führen. Ich hoffe, du werdest dieß begreifen können, denn sonst hätte ich gewiß alles mögliche gethan, um über Zürich zu gehen, hauptsächlich um dich wieder zu sehen. Leid hat es mir gethan, daß ich dich dieses ganze Jahr hindurch auch nicht Einen Augenblick gesehen habe. Laß uns aber nicht an günstigern Zeiten zweifeln! – Ich gehe also nach Stuttgardt, um in das dortige Lycäum zu treten, das sehr gut seyn soll. Es kann ja auch nicht anders seyn, wenn ein Osiander, Schwab, Klaiber u. a. gelehrte und gebildete Männer daselbst angestellt sind. Freilich werd' ich einige Mühe im Anfang haben, bis ich wieder im Gleise sein werde. Dazu bin ich schon seit langem, selbst ungeachtet aller so hoch gepriesenen öffentlichen Anstalten in Neuenburg (!?), hiemit also seit Zürich's Verlassung, besonders in der Philologie u. s. w. wenig vorgerückt, aber auch wenig thun können, wenn man ja Lehrer, wie es die oberflächlichen welschen (?) sind, gehabt hat. Dazu hab' ich diesen Sommer mehr mit Reiseausflügen und vielen Lekturen zugebracht. Betreffend ersteren Punkt, so war ich auch letzlich in Hindelbank bei den von Erlach, die eben von Berg zurückgekommen waren, und mir Vieles von Zürich u. s. w., bes. aber von Georg Bürkli (!!!??!!!) erzählten. – Betreffend meine Lekturen, so bezogen sich diese hauptsächlich auf die Meisterwerke der deutschen Litteratur; so hab'ich gelesen: Kleist's sämmtliche Werke, worunter bes. sein Frühling zu merken ist; Herder's Poesien; Wieland's Oberon (ein göttlicher Roman); A. Müllner's dramatische Werke (wov. bes. seine Schuld, König Yngurd,..); Gleim's preußische Kriegslieder; die ächt national gesinnten Gedichte der beiden Stolberg, besonders Friedr. Leop.; | und endlich hab' ich schon von (deines lieben!) Göthe's sämmtlichen Werken (mit den nachgelassenen im Ganz. 55 Bde) 19 Bde gelesen, nämlich alle seine Gedichte, Theaterstücke, Werther's Leiden, Reinecke Fuchs, Hermann u. Dorothea,.... Unter seinen Gedichten gefielen mir hauptsächlich seine Lieder; Balladen (Erlkönig, das Hochzeitlied.); Kunst; sein west-östlicher Divan, wovon die Noten und Abhandlungen sehr interessant sind; – unter seinen Theaterstücken bes. Egmont, Iphig. auf Tauris, Torq. Tasso, vorzüglich aber Faust (nebst der Vollendung in d. nachgel. Bde), dann Clavigo, Stella (!) endlich seine Singspiele: Claudine von Villa Bella, Jery und Bätely, Scherz, List und Rache (!); der Bürgergeneral; – unter seinen Romanen die Ausgewanderten; Novelle, endlich die so berüchtigten Leiden des jungen Werthers, von denen man aber nur zu viel Wesens macht, es sey ja zu unmoralisch u. s. w. Ja, ich wäre auch dieser Meinung, wenn es nicht mit dem Selbstmorde endigen würde, allein auf diese Weise ist ja allen verbotenen Begierden vorgebeugt! Sein Gedicht: Herm. u. Dorothea, ist eine Nachahmung von Voß's Luise, die mir aber zu ihrer Zeit noch besser gefallen, obschon ersteres auch hübsch ist. Wäre sein Reinecke Fuchs von ihm selbst, und eben nicht nur nach einem älteren Gedicht bearbeitet, so würde ich mich erkühnen zu sagen, es sey nach meiner Meinung das was von ihm mich bisher am meisten interessirt hat. Schade daß der Fuchs zuletzt doch noch triumphirt, was er jedoch keineswegs verdient! – Du wirst vielleicht und wahrscheinlich nicht in Allem meiner Meinung seyn. Es wird dir vielleicht aufallen, warum ich auch nicht vom Götz von Berlichingen gesprochen? ich muß gestehen, dieses Drama ist viel zu umfassend, es sind zu viele Begebenheiten, kurz: mehr als Ein Drama. Dagegen herrscht von Anfang bis zu Ende der ächt ritterliche Sinn des damaligen Zeitalters. – Wenn ich nun einstweilen nichts mehr von Göthe lesen werde, so heißt es doch nur: «aufgeschoben ist nicht aufgehoben!»: denn ich hoffe, auch in Stuttgardt mich noch mehr mit diesem dem Patriarch der deutschen Nationalliteratur, wenigstens dem ersten der deutschen Dichter, beschäftigen zu können. So viel von Göthe! und so viel von den deutschen Lektüren. Was die französischen betrifft, so hab ich mit meiner Mutter und Schwester die einzig schönen Tragödien des Voltaire, u. s. w. gelesen, wenigstens die hauptsächlichsten. Jetzt genug von den Lektüren, ich begreife, es kann dir jetzt die Langeweile ankommen, und ich habe noch von anderen | Gegenständen zu reden, die uns eigentlich näher angehen. Mein Vetter Georg v. Wyß soll nächstens nach Genf, leider werd'ich ihn nicht mehr antreffen; ich hoffe aber nur, es möge ihm doch nichts Unangenehmes, Widriges erfahren, im Worte gef., er ist etwas zu hitzig! – Vetter Fritz wird also immer mit dir in derselben Klasse seyn; was macht, was treibt er denn auch? Signor Kölliker ist ein Bruder Liederlikus, wo der mir ja schreiben wollte, und nicht gethan hat (frag'ihn auch, ob er denn die Liste der schweizerisch., meist zürcherischen Broschüren vergessen habe oder nicht?). G. Bürkli ist immer der Alte, der Gleiche, unbeständig und flatterhaft, oder nicht? Sein Bruder Leo dagegen noch immer ein gutes Kind? Was macht seine grandezza Exzellenz Hans von Orell, geigt er brav, oder krazt er mit dem Bogen, daß Einem alle Sinne vergehen? – Kurz, ich sehe mich genöthigt, zu schließen, jedoch will ich dir noch Einiges von Stuttgardt sagen. Dort bin ich bei Hn Prof. Hölder (so die Adresse): (dieser Profess. der französ. Litteratur ist eigentlich ein alter Präceptor meines Vaters). Ich habe Rekommandationsbriefe an die Hn v. Beroldingen und [v. Seckingen?], bei dem ersteren soll häufig Ball seyn, worauf ich mich sehr freue. Daß ich [dann?] auch das Theater (das in Stuttg. soll eins der besten in ganz Deutschland seyn!) [w...?] bei den Vorstellungen der besten deutschen Schauspiele – besuchen werde, versteht sich von selbst, wenn wenigstens meine Studien es gestatten werden. Ich werde mich bestreben, gleich gute Freundschaften zu schließen, was ein Haupterforderniß für junge Leute im Auslande ist. Berner hat's dort zwei, ob andere Schweizer (Zürcher?), weiß ich nicht! – Auf jeden Fall werde ich in Stuttgardt nur 1 Jahr bleiben, denn ich soll mich ja dort eigentlich nur zu den Universität'skursen vorbereiten, zu welchem Behuf ich dann nach Berlin gehen werde. Möglich wäre es dann, daß im Fall ich eh' ich dahin ginge, in die Schweiz nach Bern zurückkäme, ich über Zürich dorthin gehen könnte. Wärest du dann noch dort? ich hoff'es, das wäre doch herrlich! Denn mich belangt es, dich doch wieder einmal zu sehen, glaub' mir nur, ich sinne immer viel an dich und deine Umgebungen, noch letzlich sah' ich mit Vergnügen meine zürcherischen Stammbuchblättchen, u. s. w. Jetzt lebewohl, mein Theuerster, grüße mir deine Eltern, deine Jgfr. Schwester, Hn Schweizer, die Wyß, die Escher im Wollenhofe, u. A., und schreibe bald (nach Stuttgardt) deinem treusten Freunde

E. F. v. Mülinen.