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Korrespondenz: Alfred Escher – Egbert Friedrich von Mülinen

AES B0125 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#360*

Egbert Friedrich von Mülinen an Alfred Escher, Bern, Sonntag, 9. August 1835

Schlagwörter: Freundschaften, Reisen und Ausflüge

Briefe

Bern, Sonntags den 9ten August 1835.

Theuerster Freund!

Endlich hatte ich wieder Nachrichten von dir erhalten, auf die ich lange gewartet. Allein jetzt will auch ich nicht säumen, dir von den meinigen zu geben. Ich habe also Neuenburg für immer verlassen, und bin nun seit Ende Juni's bis Mitte Oktobers in Bern; zwar hab' ich während 3 voller r Monate keine Lektionen, aber ich gebe mich desto mehr der Lektur und den Privat-studien hin. Freilich wirst du meinen, ich treibe nicht viel, allein da irrest du dich sehr. Ich bin so ziemlich immer beschäftigt; aber deßhalb nehme ich gerne die Gelegenheit, zuweilen auch etwas frische Luft zu genießen, um mich zu erheitern. Dazu dienen besonders Reiseausflüge. So bin ich denn auch nicht gar lange von einer Schweizerreise zurückgekehrt, die mir viele Freude verursachte. Zuerst machte ich die Reise allein. Ich ging nach Thun, von da nach Interlachen, d'rauf nach Brienz, und von da über den Brünig nach Lungern, nach Sachseln, Sarnen, Stanz, Stanzstad und endlich nach Luzern, wo ich nun – der Verabredung gemäß – meine Reisegefährten antraf. Von da ging's über Art auf den Rigi, hinunter nach Wäggis und von da im Schiffe nach Flüelen und Altorf, zurück nach Brunnen, Schwyz, und von da in's Muotta-thal, und über den Bragel und das Klönthal nach Glaris. Von da über die Landschaft March nach Rapperswyl, und nun in's Toggenburg nach Wildhaus; von da in's Rheinthal hinab bis nach Altstätten, den Stoß hinauf nach Gais, von wo aus wir einen Ausflug über Appenzell und das Weißbad nach dem Wildkirchlein und der Ebenalp | machten. Von Gais über den Gäbris nach Trogen drauf nach Speicher, Vögelisegg, und über den Freudenberg nach St Gallen. Von da machten wir einen Ausflug über die Kräzern-brücke nach Herisau und dem Heinrichsbade. Von St Gallen ging's längs des Bodensees nach Konstanz, von wo wir ebenfalls einen Ausflug nach der Insel Meinau machten. Von Konstanz ging's nun im Dampfschiff den Rhein hinunter nach Schaffhausen, wo wir den Rheinsturz besahen, und von da geraden Wegs in der Post durch das badische Klettgau, Zurzach und Brugg über Aarau nach Bern zurück. – Dieß ist nun in flüchtigen Zeilen meine Schweizerreise. Es versteht sich aber, daß wir nie ermangelten, die Merkwürdigkeiten aller der Oerter, die wir durchwanderten, zu besehen. Dieß zu schreiben, hätte nur Zeit und Raum genommen; die Merkwürdigkeiten jener Oerter wirst Du sonst schon wissen, und übrigens, wenn du nähere Auskunft über meine Reise haben wolltest, so kannst du's durch G. v. Wyß vernehmen, dem ich letzlich meine Reise sehr ausführlich beschrieb. Ich hoffe aber, du werdest hingegen wohl dir die Mühe nehmen, deine, wenn auch schon etwas botanische – Reise, mir zu beschreiben! – So viel davon! –

Nun komm' ich auf einen Punkt, an dem dir vielleicht mehr daran gelegen ist, ich meine: einen kleinen Aufenthalt bei dir in Zürich zu machen. Ach, theurer Alfred!, du bist nur zu gut für mich, und wirklich ich schäme mich fast, dir nicht ähnliche Beweise meiner Freundschaft zu dir erzeigen zu können. So hätte es mich freilich gefreut, wenn du etwa nach Bern gekommen wärest. Allein es scheint du könnest diesen Plan eben sowenig in Ausführung bringen, als ich den Deinen. Leid thut es mir, die so gütige Ein| ladung deiner werthen Eltern ausschlagen zu müssen, allein du solltest doch schon wissen, daß meine Eltern es sehr ungerne sähen, wenn ich nach Zürich ginge und warum? wegen der – Familie Wyß! So könnte ich denn kaum nach Zürich kommen; daß dieß mich schmerzt, wirst du wohl begreifen können. Allein wen? ich nun dabei am meisten vermisse, das bist du, und es sey nicht etwas auch Schmeichelei gesagt! – Daher möchte ich – es sey noch einmal gesagt – sehr gerne, du kämest hieher. Allein, wie's scheint, kannst's es nicht, und so mußt du in Zürich und ich in Bern bleiben. Das ist jetzt freilich ziemlich widerwärtig, und das Widerwärtigste wäre denn, daß wir uns auf den Reisen nicht antrafen, weil wir uns nicht antreffen konnten. Dessen ungeachtet hoff' ich doch «auf Wiedersehen», denn nicht vergebens steht auf allen Papieren und Blättern dieß herrliche Wort! – Wenn aber dieß [Widersehen] erfolgen wird, das weiß ich nicht! – Auf jeden Fall, theurer Alfred, indem ich [...?] schließe, bitt ich dich sehr, meinen herzlichsten Dank und meine innigste Verbindlichkeit deinen Eltern für Ihre gütige Einladung abzustatten; immerhin aber laß mich alle deine Umgebungen meinerseits vielmals grüßen, und vergiss nicht

Deinen treusten Freund

E. F. v. Mülinen